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Full text of "Das Matthäus-Evangelium"

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RUDOLF STEINER G E S A MT AU S G A B E 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 



DAS MATTHAUS-EVANGELIUM 



Ein Zyklus von zwolf Vortragen, 
gehalten in Bern 
vom l.bis 12. September 1910 



1988 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung 

Die Herausgabe besorgten Paul Jenny "f und Paul G.Bellmann 



1. Auflage, Berlin 1918 (Zyklus XV) 

2. Auflage, Dornach 1930 

3. Auflage, Dornach 1949 

4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1959 
5., neu durchgesehene Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1971 

6. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1978 

7. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1988 



Bibliographie-Nr. 123 
Jupkersiegel auf dem Einband von Rudolf Steiner 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner- Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1971 Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Switzerland by Meier + Cie AG Schaffhausen 

ISBN 3-7274-1230-5 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft 
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und veroffent- 
lichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche 
Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder der 
Theosophischen, sparer Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst 
wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht 
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «mundliche, nicht zum Druck 
bestimmte Mitteilungen* gedacht waren. Nachdem aber zunehmend un- 
vollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei- 
tet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser 
Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung 
der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir 
die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigie- 
ren konnte, mull gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vor- 
behalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden 
miissen, daft in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler- 
haftes findet* 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als 
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen 
Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein 
Lebensgang* (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlufi 
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermafien auch 
fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz- 
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer- 
kreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren 
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be- 
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt- 
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text- 
unterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Erster Vortrag, Bern, 1. September 1910 11 

Die nachatlantischen Volkerstrdmungen. Iraniertum und Turanier- 
tum. Die Zarathustra-Incttvidualitat. 

Zweiter Vortrag, 2. September 1910 32 

Die Geheimnisse des Raumes und der Zeit. Die Hermes- und die 
Moses- Weisheit, Turaniertum und Hebraertum. 

Dritter Vortrag, 3. September 1910 53 



Die Wechselwirkung zwischen Thot- Hermes und Moses als Spiege- 
lung eines kosmischen Vorgangs. Das Geheimnis des hebraischen 
Volkes. Menschliches Denken - ein Abglanz des gottlichen 
Schauens. Das Hineingehen der Krafte der alten Hellsichtigkeit in 
die innere Organisation des Menschen. Das Zahlengesetz der Ver- 
erbung in der Generationenreihe. 

Vierter Vortrag, 4. September 1910 73 

Die althebraische Gotteserkenntnis. Abraham und Melchisedek. 
Das Werden des hebraischen Volkes als Abbild des kosmischen 
Werdens. Vorbereitende Haupt- und Nebenstromungen fur das 
Chris tus-Ereignis. Jeshu ben Pandira. 

Funfter Vortrag, 5. September 1910 91 

Jeshu ben Pandira und die Essaereinweihung. Siebenzahl und 
Zwolfzahl. Die Spiegelung der kosmischen Verhaltnisse in der 
Menschheitsentwickelung. Das Geheimnis des Blutes in der 
Generationenreihe und die Geheimnisse des kosmischen Raumes. 

Sechster Vortrag, 6. September 1910 108 

Die Generationenfolge der Vererbungslinie des Jesus im Lukas- 
Evangelium und diejenige des Jesus im Matthaus-Evangelium. Die 
Stufenfolge beim Hinunterdringen des Gottlich-Geistigen in eine 
menschliche Indrvidualitat und seinem Hinausdringen in den Kos- 
mos. Die gottlich-geistige Wesenheit des Menschen und der 
irdische Adam. Das im Blute der Generationen rinnende iiber- 
personliche Gedachtnis. Das Nasiraertum und die Essaerkolonien. 
Die Schiiler des Jeshu ben Pandira. Mathai und Nezer. Die beiden 
Jesusknaben. 



Siebenter Vortrag, 7. September 1910 126 

Das Gesetz der Vervollkommnungsstufen menschlicher Fahig- 
keiten. Der achtgliedrige Pfad. Das Wesen der Einweihung in 
den vorchristlichen Mysterien. Das Hinuntersteigen in den physi- 
schen Leib und das Sich-Ausbreiten in den Kosmos. Die Gefahr 
der Blendung oder der Trugbilder. Die zwolf Gehilfen des Initia- 
tors. Das Christus-Ereignis wird zum Ausgangspunkt der Freiheit. 
Christus, die Erfullung und das Vorbild der neuen Initiation. 

Achter Vortrag, 8. September 1910 143 

Die Essaereinweihung. Die drei Stufen der Initiation. Das Heraus- 
fiihren der Mysteriengeheimnisse in die auBere Welt durch das 
historische Christus-Ereignis. Die drei Stufen der Versuchung 
Christi. Malchuth und die Reiche der Himmel. Das Wesen des Ich 
im Reiche. 

Neunter Vortrag, 9. September 1910 163 

Das Christus-Ereignis als historische Tatsache. Die Initiation des 
Ich. DieEvangelien sind Mysterienbucher. Es ist das Qmstus-Leben 
ein Darleben der Einweihung auf dem groBen Plan der Welt- 
geschichte. Heilungen. Die Seligpreisungen der Bergpredigt. 

Zehnter Vortrag, 10. September 1910 184 

Die allmahliche Ausstattung der Krafte des menschlichen Ich mit 
dem Mysterien wis sen. Das Hinaufleiten der Jiinger in hohere 
Welten. Die Speisung der Viertausend und der Fiinftausend. Die 
Verklarungsszene. Das einmalige Erscheinen des Christus in einem 
physischen Leibe. Das Wiedererscheinen des Christus im Atheri- 
schen. Die Seligpreisungen. Die Heilungen. Das Himmelsbrot. Das 
neue Essaertum. Falsche Messiasse. 

Elfter Vortrag, 11. September 1910 205 

Das Einstromen belehrender und belebender Krafte aus dem Kos- 
mos durch die Christus-Wesenheit. Ihr Hiniibetstrahlen auf die 
Jiinger und deren Wachstum. Das Petrus-Bekenntnis. Der Men- 
schensohn und der Sohn des lebendigen Gottes. Das Ordnende in 
Menschengemeinden auf Grund ethisch-moralisch-geistiger Ver- 
haltnisse. Das Hinausfuhren der Jiinger in den Makrokosmos 
durch den Christus. Das real-lebendige Einstromen der Krafte des 
Sonnenworts, die friiher als Lehren einflossen, durch das Myste- 
rium von Golgatha. Das Hinaufwachsen in die Reiche der Himmel. 



Zwolfter Vortrag, 12. September 1910 227 

Das Hinaufentwickeln des Menschen der Gotteshohe entgegen 
und das Heruntersteigen gottlich-geistiger Wesenheiten in mensch- 
Uche Seelen und Leiber. Die Christus-Wesenheit und die beiden 
Jesusknaben. Die vier Gesichtspunkte der Evangelisten bei der 
Schilderung der Christus-Tatsache, entsprechend vier Arten der 
Einweihung. Die Jordantaufe und der Lebens- und Todesgang 
Christi als zwei Etappen der Einweihung. Die Auferstehung zeigt 
uns Christus als den das Erdendasein durchwebenden und durch- 
wirkenden Geist. Die Sonnenaura in der Erdenaura. Menschen- 
GottergroJSe. Das Menschliche im Matthaus-Evangelium. 



Hinweise 259 

Namenregister 264 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 265 

Obersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 267 



ERSTER VORTRAG 
Bern, 1. September 1910 



Es ist jetzt das dtkte Mai, daB mir hier in der Schweiz die Moglichkeit 
geboten ist, von einer gewissen Seite her das groBte Ereignis der Erd- 
und Menschheitsgeschichte zu besprechen. Das erste Mai war es, als 
in Basel gesprochen werden durfte iiber dieses Ereignis von jener Seite 
her, zu der das Johannes-Evangelium die Veranlassung bietet; das 
zweite Mai, als jene Charakteristik dieses Ereignisses gegeben werden 
durfte, zu welcher das Lukas-Evangelium die Unterlage bietet ; und die- 
ses Mai, als zum dritten Mai, soil der Irnpuls zu dieser Schilderung aus- 
gehen vom Matthaus-Evangelium. Es ist von mir des oftern angedeu- 
tet worden, daB gerade darin etwas Bedeutungsvolles liegt, daB uns 
dieses Ereignis in vier, scheinbar in einer gewissen Weise sich unter- 
scheidenden Urkunden auf bewahrt ist. Was gewissermaBen der heuti- 
gen auBeren materialistischen Gesinnung Veranlassung gibt, mit einer 
negativen, zersetzenden Kritik einzugreifen, das ist gerade das, was 
uns nach unserer anthroposophischen t)berzeugung als bedeutungs- 
voll erscheint. Niemand sollte sich vermessen, irgendein Wesen oder 
eine Tatsache zu charakterisieren, wenn er sie nur von einer Seite an- 
sieht. Jener Vergleich wurde von mir ofter gebraucht : Wenn man ei- 
nenBaum von einer Seite aus photographiert, so darf niemand behaup- 
ten, daB er in dieser Photographie eine wirkliche Wiedergabe dessen 
hat, was der Baum in seinem Anblick nach auBen darbietet; wenn man 
dagegen den Baum von vier Seiten photographieren wurde, und wenn 
man auch vier verschiedene Bilder bekame, die sich untereinander we- 
nig gleichen konnten, so wurde man aus dem Zusammenschauen die- 
ser vier Bilder auch eine geschlossene Ansicht von dem Baum erhalten 
konnen. Wenn das in solch auBerlicher Weise schon der Fall ist fur ein 
jegliches Ding, wie sollte man nicht vermuten konnen, daB ein Ereig- 
nis, welches die groBte Fulle des Geschehens, die groBte Fiille des We- 
sentlichen alles Daseins fur uns Menschen in sich schlieBt, gar nicht 
umfaBt werden konnte, wenn man es nur von einer Seite aus schildert? 
Daher sind es nicht Widerspruche, welche uns in den vier Evangelien 



zutage treten. Es ist hier vielmehr die Tatsache zugrunde Hegend, daB 
die Schilderer sich bewuBt waren, daB ein jeglicher von ihnen dieses 
gewaltige Ereignis nur von einer Seite aus zu schildern vermag, und 
daB es der Menschheit gelingen kann, durch das Zusammenschauen 
dieser verschiedenen Schilderungen nach und nach ein Gesamtbild zu 
gewinnen. Und so wollen auch wir geduldig sein und versuchen, uns 
dieser groBten Tatsache des Erdenwerdens nach und nach dadurch zu 
nahern, daB wir uns anlehnen an diese vier Schilderungen und selbst 
das, was wir wissen konnen, entwickeln mit Anlehnung an diese Do- 
kumente, die wir als das Neue Testament bezeichnen. 

Aus einigem, was friiher gesagt worden ist, konnen Sie schon ermes- 
sen, wie etwa die vier verschiedenen Ausgangspunkte oder Gesichts- 
punkte der Evangelien sich darstellen lassen. Vorerst aber, bevor ich 
auch nur eine auBerliche Charakteristik dieser vier Gesichtspunkte 
gebe, mochte ich darauf aufmerksam machen, daB ich im Beginne die- 
ses Vortragszyklus nicht das tun will, womit man heute die Darstellung 
der oder eines der Evangelien beginnt. Man beginnt gewohnlich da- 
mit, daB man ihre geschichtliche Entstehung darstellt. Es wird sich uns 
das am besten ergeben, wenn wir am Schlusse unseres Zyklus erst sa- 
gen werden, was iiber die Geschichte der Entstehung des Matthaus- 
Evangeliums zum Beispiel zu sagen ist. Denn es ist doch nur naturlich 
und konnte an dem Beispiel anderer Wissenschaften gezeigt werden, 
daB man die Geschichte irgendeiner Sache erst dann verstehen kann, 
wenn man die Sache selber begriffen hat. Niemand wird zum Beispiel 
mit Nutzen an eine Geschichte der Arithmetik herangehen konnen, 
der nichts weiB von Arithmetik. Oberall sonst wird die geschichtliche 
Darstellung ans Ende gelegt, und wo das nicht getan wird, da wider- 
spricht die Einteilung den natiirlichen Bedurfnissen des menschlichen 
Erkennens. Und so werden wir auch diesen Bedurfnissen des mensch- 
lichen Erkennens entgegenkommen und versuchen, den Gehalt des 
Evangeliums, das wir besprechen wollen, zu priifen und dann auf eine 
Darstellung des geschichtlichen Werdens gerade bei diesem Evange- 
lium etwas eingehen. 

Wenn man von auBen die Evangelien auf sich wirken laBt, kann 
man schon einen gewissen Unterschied fiihlen in der Art, wie diese 



Evangelien darstellen, wie sie sprechen. Wenn Sie au£ sich wirken las- 
sen, was in meinen Vortragen iiber das Johannes-Evangelium und 
iiber das Lukas-Evangelium gesagt worden ist, dann werden Sie ge- 
rade in bezug auf diese zwei Evangelien die entsprechende Empfindung 
noch genauer haben. Wenn man skh einlaBt auf das Johannes-Evange- 
lium, dann muB man sagen, daB einen iiberall, wo man versucht in die 
gewaltigen Mitteilungen einzudringen, eine Empfindung von geisti- 
ger GroBe iiberkommt, zu der man ahnend hinauf blickt, und daB man 
im Johannes-Evangelium finden kann, wie es uns das Hochste verrat, 
wozu menschliche Weisheit hinauf blicken kann, das Hochste, was 
menschlichem Erkennen nach und nach zuganglich werden kann. Der 
Mensch steht da gleichsam unten und blickt hinauf zu einem Gipfel 
des Weltendaseins und sagt sich : So klein du auch sein magst alsMensch, 
das Johannes-Evangelium laBt dich ahnen, daB in deine Seele etwas 
hineintaucht, mit dem du verwandt bist und das dich iiberkommt wie 
mit einem Gefiihl des Unendlichen. So ist es vorzugsweise die mit dem 
Menschen verwandte geistige GroBe der Weltenwesen, welche in un- 
sere Seele hineintaucht, wenn wir vom Johannes-Evangelium sprechen. 

Erinnern wir uns nun einmal an das Gefiihl, das uns iiberkommen 
konnte bei der Darstellung des Lukas-Evangeliums. Alles, was diese 
Darstellung des Lukas-Evangeliums damals durchdringen muBte, war 
anders. Ist es beim Johannes-Evangelium vorzugsweise die geistige 
GroBe, zu der wir ahnend hinauf blicken, die wie ein Zauberhauch un- 
sere Seele durchdringt, wenn wir uns den Mitteilungen dieses Evan- 
geliums hingeben, so ist es beim Lukas-Evangelium die Innigkeit, das 
Seelenhafte selber, das uns entgegentritt, man mochte sagen, die In- 
tensity alles dessen, was Liebeskrafte der Welt vermogen, was Opfer- 
krafte in der Welt zuwege bringen, wenn wir ihrer teilhaftig sein kon- 
nen. Schildert uns das Johannes-Evangelium die Wesenheit des Chri- 
stus Jesus in ihrer geistigen GroBe, so zeigt uns das Lukas-Evange- 
lium diese Wesenheit in ihrer unermeBlichen Opferfahigkeit, und es 
laBt uns ahnen, was durch solches Liebesopfer, das wie eine Kraft 
gleich anderen Kraften die Welt durchpulst und durchwebt, in der Ge- 
samtevolution der Welt und der Menschheit geschehen ist. So ist es 
vorzugsweise das Element des Gefiihls, in dem wir weben und leben, 



wenn wir das Lukas-Evangelium auf uns wirken lassen, und so ist es das 
Element der Erkenntnis, das uns etwas sagt iiber die letzten Griinde 
und letzten Ziele dieser Erkenntnis, was uns aus dem Johannes- 
Evangelium entgegentritt. Das Johannes-Evangelium spricht mehr 
zu unserer Erkenntnis, das Lukas-Evangelium mehr zu unserem Her- 
zen. Das kann man fiihlen an den einzelnen Evangelien selbst; es war 
aber auch unser Bestreben, das, was wir als geisteswissenschaftHche 
Darstellungen an diese beidenUrkunden ankniipften, von dieserGrund- 
stimmung gleichsam durchwehen zu lassen. Wer nur Worte horen 
wollte beim Zyklus iiber das Johannes-Evangelium oder iiber das Lu- 
kas-Evangelium, der hat wahrhaftig nicht alles gehort. Die Art und 
Weise des Sprechens war bei den Vortragszyklen eine grundverschie- 
dene. Ganz anders wird wiederum alles sein miissen, wenn wir an das 
Matthaus-Evangelium herantreten. 

Beim Lukas-Evangelium war es so, daB wir alles, was wirMenschen- 
liebe nennen, wie es einmal in der Menschheitsentwickelung da war, 
hineinflieBen sahen in die Wesenheit, welche als der Christus Jesus im 
Beginne unserer neutestamentlichen Zeitrechnung lebte. Wenn man 
das Matthaus-Evangelium nur auBerlich auf sich wirken laBt, dann 
muB man sagen, daB es zunachst eine Urkunde ist, welche eigentlich 
vielseitiger ist als die beiden anderen, ja sogar in einer gewissen Bezie- 
hung vielseitiger als alle drei anderen Evangelien. 

Und wenn wir einmal das Markus-Evangelium darstellen werden, 
dann werden wir sehen, daB auch dieses in einer gewissen Weise ein- 
seitig ist. Zeigt uns das Johannes-Evangelium die WeisheitsgroBe des 
Christus Jesus, zeigt das Lukas-Evangelium die Liebesmacht, so wird 
uns bei einer Schilderung des Markus-Evangeliums entgegentreten, 
was vor alien Dingen als Kraft, als SchafTensmachte, man mochte sa- 
gen, als Herrlichkeit der Welt durch alle Weltenraume hindurchgeht. 
Aber es ist beim Markus-Evangelium etwas Oberwaltigendes in dem 
Ausleben der Intensitat der Weltenkraft. Es ist, wie wenn die Welten- 
kraft von alien Seiten des Raumes rauschend an uns herankame, wenn 
wir das Markus-Evangelium wirklich uns zum Verstandnis bringen! 

So ist es etwas, das sich uns innig warm in die Seele drangt, was uns 
beim Lukas-Evangelium entgegentritt, etwas, das uns HofFnung fur 



die Seele gibt, was uns beim Johannes-Evangelium iiberkommt; und 
es ist etwas wie Schauer vor der Gewalt und Herrlichkeit det Welten- 
krafte, denen gegeniiber wir fast zusammensinken konnten, wenn wir 
das Markus-Evangelium auf uns wirken lassen. 

Anders das Matthaus-Evangelium. Alle die drei Elemente, das hoff- 
nungsvolle, aussichtsreiche Erkenntniselement, das warme Gefuhls- 
und Liebeselement und auch die majestatische WeltengroBe, sie alle 
sind, mochte man sagen, in dem Matthaus-Evangelium darinnen. Aber 
sie sind in einer gewissen Weise so abgeschwacht darinnen, daB sie in 
ihrer Abschwachung uns menschlich viel verwandter erscheinen als in 
den drei anderen Evangelien. Vor der Erkenntnis-, vor der Liebes- 
und der HerrlichkeitsgroBe mochten wir bei den drei anderen Evange- 
lien, wenn wir sie auf uns wirken lassen, so recht zusammensinken. 
Das alles ist im Matthaus-Evangelium darinnen, nur ist es so darinnen, 
daB wir uns ihm gegeniiber aufrecht zu erhalten vermogen. Es ist uns 
alles menschlich verwandter, so daB wir uns nicht darunter, sondern 
in gewissem Sinne daneben stellen konnen. Wir werden vom Matthaus- 
Evangelium nirgends zerschmettert, obwohl es auch von dem etwas 
bringt, was in den drei anderen Evangelien zerschmetternd wirken 
kann. Daher ist das Matthaus-Evangelium die allgemein-menschlichste 
dieser vier Urkunden. Es schildert uns den Christus Jesus am mei- 
sten als Menschen, so daB er uns, wenn wir ihn als Matthaus-Christus 
Jesus auf uns wirken lassen, in alien seinen Gliedern, in alien seinen 
Taten menschlich nahe steht. Es ist das Matthaus-Evangelium in ge- 
wisser Beziehung etwas wie ein Kommentar fur die drei iibrigen Evan- 
gelien. Was uns in den drei anderen zuweilen zu groB ist, als daB wir es 
iiberschauen konnten, es wird uns im kleineren MaBstabe durch das 
Matthaus-Evangelium klar. Und wenn wir dieses begreifen, wird uns 
ein bedeutungsvolles Licht auf die drei anderen Evangelien fallen kon- 
nen. Das ist uns aus Einzelheiten leicht verstandlich. 

Nehmen wir das, was jetzt gesagt werden soil, zunachst einmal rein 
stilistisch. Damit uns im Lukas-Evangelium geschildert werden kann, 
wie der hochste Grad von Liebes- und Opferfahigkeit von diesem We- 
sen, das wir den Christus Jesus nennen, ausflieBt in die Menschheit 
und in die Welt, dazu wird zu Hilfe genommen eine Menschheitsstro- 



mung, die herunterkommt aus den uraltesten Zeiten des Erdenwer- 
dens. Und Lukas selber schildert uns diese Stromung bis hinauf zum 
Menschheitsanfang. - Damit uns gezeigt werden kann, wo der Mensch 
mit seiner Erkenntnis und seiner Weisheit einsetzen kann und einen 
Anfang nimmt nach dem Ziel, zu dem diese Erkenntnis hinkommen 
kann, dazu wird uns im Johannes-Evangelium gleich im Anfange dar- 
gestellt, wie die Schilderung des Christus Jesus sich anlehnt an den 
schopferischen Logos selber. Das Geistigste, was wir mit unserer Er- 
kenntnis erreichen konnen, wird gieich in den ersten Satzen des Jo- 
hannes-Evangeliums angeschlagen. Wir werden gleich. hingefiihrt zu 
einem Hochsten des Erkenntnisstrebens, zu einem Hochsten, das in 
der menschlichen Brust vergegenwartigt werden kann. - Anders ist es 
im Matthaus-Evangeiium. Das beginnt damit, daB es uns zeigt die Ver- 
erbungsverhaltnisse des Menschen Jesus von Nazareth in ihrer Her- 
kunft, sozusagen von einem historischen Moment aus. Es zeigt uns 
die Vererbungsverhaltnisse innerhalb eines einzelnen Volkes : wie ge- 
wissermaBen alle die Eigenschaften, die wir in dem Jesus von Naza- 
reth vereinigt finden, sich summiert haben durch die Vererbung seit 
Abraham herunter, wie gleichsam ein Volk, durch dreimal vierzehn 
Generationen hindurch, das Beste, was es gehabt hat, in das Blut 
hineinflieBen lieB, um in einer vollkommenen Weise in einer mensch- 
lichen Individualist hochste menschliche Krafte darzustellen. - In 
die Unendlichkeit des Logos fiihrt uns das Johannes-Evangelium. In 
das UnermeBliche der Menschheitsevolution bis zum Anfang hinauf 
steigt das Lukas-Evangelium. Ein uberschaubares Volk, herunterver- 
erbend seine Eigenschaften vom Stammvater Abraham durch dreimal 
vierzehn Generationen, das zeigt uns das Matthaus-Evangeiium, so 
zeigt es uns den Menschen Jesus von Nazareth. 

Es kann hier nur angedeutet werden, daB es fur den, welcher das 
Markus-Evangelium wirklich verstehen will, notwendig ist, daB er in 
einer gewissen Beziehung die kosmologischen Krafte kennt, die unser 
ganzes Weltenwerden durchstromen. Denn so, wie der Christus Jesus 
im Markus-Evangelium dargestellt wird, wird uns gezeigt, wie in ei- 
ner menschlichen Wirksamkeit ein Auszug, eine Essenz aus dem Kos- 
mos gegeben ist, eine Essenz von dem, was sonst in dem UnermeBli- 



chen der Weltenweiten als Weltenkrafte lebt. Es wird uns gezeigt, wie 
die Taten des Christus Jesus gleichsam Extrakte sind von kosmischen 
Wirksamkeiten. Wie der Menschengott Christus Jesus, so wie er auf 
der Erde stent, gleichsam als ein Extrakt der Sonnenwirksamkeit mit 
all ihren UnermeBlichkeiten vor uns stent, das will uns das Markus- 
Evangelium schildern. Also wie die Sternenwirksamkeit durch Men- 
schenkraft wirkt, das schildert Markus. 

Das Matthaus-Evangelium kniipft in einer gewissen Weise auch an 
Sternenwirksamkeit an. Es fuhrt uns deshalb, gleich da, wo es uns die 
Geburt des Jesus von Nazareth schildert, zu einem Punkt, von dem 
aus wir das groBeWeltenereignis so ansehen sollen, daB kosmischeTat- 
sachen in einem gewissen Zusammenhang mit dem Menschheitswer- 
den stehen, indem es den Stern zeigt, der die drei Magier hinfiihrt zur 
Geburtsstatte des Jesus. Aber es schildert uns nicht eine kosmische 
Wirkung, wie es das Markus-Evangelium tut; es fordert nicht von uns, 
daB wir unseren Blick erheben zu dieser kosmischen Wirkung : es zeigt 
uns drei Menschen, drei Magier und die Wirkung, welche das Kos- 
mische auf diese drei Menschen ausiibt. Und wir konnen uns zu den drei 
Menschen wenden, um zu verspuren, was sie fuhlen. Also zum Men- 
schen werden wir selbst dann gewiesen, wenn wir uns zum Kosmi- 
schen aufschwingen sollen. Der Reflex des Kosmischen im Menschen- 
herzen wird gezeigt. Der Blick wird nicht hinausgetragen in unermeB- 
liche Weiten, sondern die Wirkung des Kosmischen im menschlichen 
Herzen wird uns gezeigt. 

Ich bitte noch einmal, diese Andeutungen nur stilistisch aufzufassen. 
Denn so ist der Grundcharakter der Evangelien, daB sie von verschie- 
denen Seiten schildern. Die Art und Weise, wie sie schildern, ist durch- 
aus charakteristisch fur das, was sie uns sagen wollen uber das groBte 
Ereignis der Menschheits- und Erdenevolution. 

Das ist auch zunachst das Allerbedeutsamste im Eingange des Mat- 
thaus-Evangeliums, daB wir hingewiesen werden auf die nachsteBluts- 
verwandtschaft des Jesus von Nazareth. Es wird uns darin gleichsam 
die Frage beantwortet: Wie war die physische Personlichkeit dieses 
Jesus von Nazareth beschaffen? Wie summierten sich alle Eigenschaf- 
ten eines Volkes seit dem Stammvater Abraham in dieser einen Per- 



sonlichkeit, damit in ihr jene Wesenheit sich ofFenbaren konnte, welche 
wir die Christus -Wesenheit nennen? Diese Frage wird uns beant- 
wortet. Es wird uns gesagt: Damit die Christus- Wesenheit sich in ei- 
nem physischen Leibe inkarnieren konnte, dazu muBte dieser physi- 
sche Leib Eigenschaften haben, wie er sie nur haben konnte, wenn alle 
Eigenschaften des Blutes jenes Volkes, das von Abraham abstammte, 
summiert in einem Extrakt dargestellt wurden in der einen Personlich- 
keit: Jesus von Nazareth. Es soil daher gezeigt werden: Dieses Blut in 
Jesus von Nazareth fiihrt wirklich zuriick generationenweise bis zum 
Stammvater des hebraischen Volkes. Daher ist die Wesenheit dieses 
Volkes, das, was dieses Volk besonders fur die Weltgeschichte, fur die 
Menschheits- und Erdenentwickelung ist, insbesondere in der physi- 
schen Personlichkeit des Jesus von Nazareth zusammengedrangt. Was 
muB man also zunachst kennen, wenn man die Absicht des Schilderers 
des Matthaus-Evangeliums treffen will in bezug auf diese Einleitung? 
Man muB das Wesen des hebraischen Volkes kennen! Man muB sich 
die Frage beantworten konnen: Welches konnte der Anteil sein, den 
das hebraische Volk gerade durch seine Eigentumlichkeit der Mensch- 
heit zu geben hatte? 

Unsere auBere Geschichte, die auBeren materialistischen Geschichts- 
schilderungen nehmen wenig auf das Riicksicht, was hiermit angefiihrt 
wird. In der auBeren Geschichte schildert man die auBeren Tatsachen. 
Und da steht eigentlich so ziemlich ein Volk neben dem anderen, weil 
man ganz abstrakt schildert. Dabei tritt diejenige Tatsache, welche eine 
fundamentale Tatsache ist fur den, der die Menschheitsentwickelung 
verstehen will, ganz zuriick: jene Tatsache namlich, daB kein Volk in 
der Menschheitsentwickelung dieselbe Aufgabe hat wie ein anderes, 
sondern daB ein jedes Volk seine besondere Mission und seine beson- 
deren Aufgaben hat. Ein jedes Volk hat zu dem Gesamtschatz, welcher 
der Erde durch die Menschheitsentwickelung geliefert werden soil, 
einen Teil beizutragen. Und jeder dieser Teile ist ein anderer, ein ganz 
bestimmter. Ein jedes Volk hat seine bestimmte Mission. Nun aber ist 
bis in die Details der physischen Verhaltnisse hinein ein jedes Volk so 
beschaffen, daB es diesen Anteil, den es der gesamten Menschheit zu 
bringen hat, auch richtig bringen kann. Mit anderen Worten, die Lei- 



ber der Menschen, die zu einem Volke gehoren, zeigen uns eine solche 
Ausgestaltung sowohl des physischen Leibes wie auch des Atherleibes 
und des astralischen Leibes und eine solche Zusanimenfugung dieser 
Leiber, daC sie das rechte Werkzeug werden konnen, damit jener An- 
teil zustande komme, den ein jedes Volk fur die gesamte Menschheit 
zu leisten hat. - Welchen Anteil hatte nun insbesondere das hebraische 
Volk zu leisten, und wie bildete sich dann die Essenz dieses Anteiles 
des hebraischen Volkes zu dem Leibe des Jesus von Nazareth? 

Wenn man die Mission des hebraischen Volkes verstehen will, muB 
man schon etwas tiefer hineinschauen in die Gesamtentwickelung der 
Menschheit. Es wird notwendig sein, einiges von dem, was Sie skiz- 
zenhaft in meiner «Geheimwissenschaft im UmriB» und in Vor- 
tragen angedeutet finden konnen, hier etwas genauer zu charakte- 
risieren. Wir verstehen wohl am besten den Anteil des hebraischen 
Volkes an der Gesamtentwickelung der Menschheit, wenn wir wenig- 
stens mit einigen kurzen charakteristischen Strichen den Ausgangs- 
punkt nehmen von jener groBen Katastrophe in der Menschheitsent- 
wickelung, welche wir die adantische Katastrophe nennen. 

Als die atlantische Katastrophe nach und nach iiber die Erdenver- 
haltnisse hereinbrach, zogen die Menschen, welche damals auf dem 
alten atlantischen Kontinente wohnten, von dem Westen nach dem 
Osten. Im wesentlichen waren bei diesem Zuge zwei Stromungen vor- 
handen : eine Stromung, welche sich mehr im Norden bewegte, und 
eine andere, die mehr einen siidlichen Weg nahm. Daher haben wir 
eine groBe Menschheitsstromung von atlantischer Bevolkerung, 
welche durch Europa hindurch bis nach Asien hiniiberging ; und wenn 
man das Gebiet um den Kaspisee herum in Betracht zieht, hat man un- 
gefahr die Art, wie sich dieser Volkerzug der atlantischen Bevolkerung 
allmahlich ausbreitete. Ein anderer Strom ging dagegen durch das heu- 
tige Afrika hindurch. Und in Asien driiben entstand dann eine Art von 
Zusammenstromen dieser beiden Zlige, wie wenn sich gleichsam zwei 
Strome treffen und einen Wirbel bilden. 

Was uns nun vorzugsweise interessieren soil, das ist, wie die An- 
schauungsweise, die ganze Seelenform dieser Volker oder wenigstens 
ihrer Hauptmassen war, welche da von der alten Atlantis nach dem 



Osten hiniibergeworfen wurden. Es war tatsachlich so, daB in der er- 
sten nachatlantischen Zeit die ganze Seelenverfassung eine andere war, 
als sie spater geworden ist, und namentlich als sie heute ist. Es war bei 
all diesen Volkermassen noch eine mehr hellseherische Wahrnehmung 
der Umgebung vorhanden. Die Menschen konnten damals Geistiges 
gewissermaBen noch sehen, und auch das, was heute physisch gesehen 
wird, wurde auf eine mehr geistige Art gesehen. Also eine mehr hell- 
seherische Lebens- und Seelenform war damals vorhanden. Besonders 
wichtig ist es aber, daB dieses Hellsehen der urspriinglichen nachatlan- 
tischen Bevolkerung wieder in einer gewissen Beziehung anders war 
als zum Beispiel das Hellsehen der atlantischen Bevolkerung selbst in 
der eigentlichen Blutezeit der atlantischen Entwickelung. In der Bliite- 
zeit der atlantischen Entwickelung war das in einem hohen Grade vor- 
handene hellseherische Vermogen der Menschen so, daB sie hinein- 
schauten auf reine Art in eine geistige Welt, und daB die Offenbarun- 
gen der geistigen Welt in der Menschenseele Impulse zum Guten be- 
wirkten. Und man konnte sogar sagen : Wer mehr fahig war, in die gei- 
stige Welt hineinzuschauen, der bekam in dieser Blutezeit adantischer 
Entwickelung einen groBeren Impuls des Guten; und wer weniger se- 
hen konnte, bekam einen weniger hohen Impuls des Guten. 

Die Veranderungen, die dann auf der Erde vor sich gingen, waren 
allerdings so geartet, daB schongegen das letzteDrittel der atlantischen 
Zeit, besonders aber in der nachatlantischen Zeit, gerade die guten Sei- 
ten des alten Hellsehens immer mehr und mehr dahingeschwunden 
waren. Nur diejenigen, welche in den Einweihungsstatten eine beson- 
dere Schulung durchmachten, hatten die guten Seiten des adantischen 
Hellsehens bewahrt. Was dagegen auf naturliche Art von dem adanti- 
schen Hellsehen geblieben war, nahm im Laufe der Zeit immer mehr 
einen solchen Charakter an, daB man sagen kann : Was die Menschen 
da sahen, fiihrte sehr leicht zum Schauen gerade der schlimmen, der 
verfuhrerischen und versuchenden Machte des Daseins. Der hellsehe- 
rische Menschenblick war nach und nach kaum mehr stark genug, die 
guten Krafte zu schauen. Dagegen war es der Menschheit geblieben, 
Schlimmes zu schauen, dasjenige, was Versuchung, Verfuhrung fur 
die Menschen sein konnte. Und iiber bestimmte Gebiete der nach- 



atlantischen Bevolkerung war erne gar nicht gute Form des Hellsehens 
verbreitet, ein Hellsehen, das eigentlich selbst schon eine Art von Ver- 
sucher war. 

Mit diesem Niedergehen der alten hellseherischen Kraft war nun 
verbunden einAufbluhen, eine allmahlicheEntwickelung jener Sinnes- 
wahrnehmung, die wir als die normale fur die heutige Menschheit er- 
kennen. Die Dinge, welche die Menschen in der ersten nachatlantischen 
Zeit mit ihren Augen sahen und die der Mensch heute mit seinen ge- 
wohnlichen Augen sieht, waren damals gar nicht verfuhrerisch, weil 
die versuchenden Seelenkrafte dafiir noch nicht vorhanden waren. 
Durch ein AuBeres, wodurch heute der Mensch so sehr zum GenuB- 
ling werden kann, und wenn ein solcher Anblick auch fur den heutigen 
Menschen der verfiihrerischste ware, fiihlte sich der nachatlantische 
Mensch nicht besonders verfuhrt. Dagegen stachelte es ihn, wenn er 
Erbstiicke des alten Hellsehens entwickelte. Die gute Seite der geisti- 
gen Welt sah er kaum mehr, aber das Luziferische und das Ahrimani- 
sche wirkte da mit starker Gewalt auf ihn, so daB er die Krafte'und 
Machte sah, die Versucher und Tauscher sein konnten. Die luziferi- 
schen und ahrimanischen Krafte nahm also der Mensch wahr mit sei- 
nen alten, vererbten Kraften des Hellsehens. Worauf es nun ankam, das 
war, daB die Fiihrer und Lenker der Menschheitsevolution, die ihre 
Weisheit zur Fiihrung der Menschheit aus den Mysterien erhielten, 
Anstalten trafen, daB die Menschen trotz dieses Tatbestandes dennoch 
immer mehr und mehr zum Guten und 2ur Klarheit kamen. 

Nun waren die Menschen, welche nach der atlantischen Katastro- 
phe sich nach dem Osten hiniiber ausgebreitet hatten, von sehr ver- 
schiedenen Entwickelungsstufen. Man kann sagen, je weiter man nach 
dem Osten hinuberkam, desto moralischer und geistig hoher war die 
Entwickelungsstufe der Menschen. In gewissem Sinne wirkte das, was 
sich als auBeres Wahrnehmen wie eine neue Welt heranbildete, mit 
immer groBerer Klarheit; es wirkte immer mehr so, daB es die GroBe 
und Herrlichkeit der auBeren Sinneswelt auf die Menschen wirken 
lieB. Das war der Fall, je weiter man nach dem Osten hinuberkam. 
Starke Anlagen nach dieser Seite hin hatten namentlich jene Menschen, 
welche zum Beispiel in den Gegenden nordlich vom heutigen Indien 



wohnten, bis zum Kaspischen Meer hin, bis zum Oxus und Jaxartes. 
In diesemmittlerenGebiete Asiens wax einVolkergemenge angesiedelt, 
das wirklich das Material hergeben konnte zu mancherlei Volksstro- 
mungen, die sich dann nach verschiedenen Seiten hin ausbreiteten, 
auch zu jenem Volke, das wir in bezug auf seine spirituelle Weltauffas- 
sung oft charakterisiert haben, zu dem altindischen Volke. 

Inmitten Asiens, bei diesem Volkergemenge, war bald nach der at- 
lantischen Katastrophe, zum Teil schon wahrend dieser Zeit, der Sinn 
fur die auBere Wirklichkeit schon sehr stark entwickelt. Dabei war 
aber bei den Menschen, die auf diesem Gebiet inkarniert waren, noch 
eine lebendige Erinnerung, eine Art Erinnerungserkenntnis an das 
vorhanden, was sie in der atlantischen Welt erlebt hatten. Am starksten 
war dies bei jener Volksmasse der Fall, welche dann nach Indien her- 
unterzog. Sie hatte zwar ein groBes Verstandnis fur die Herrlichkeit 
der auBeren Welt, sie war am weitesten fortgeschritten im Beobachten 
der auBeren Sinneswahrnehmungen, aber gleichzeitig war bei ihr am 
starksten entwickelt die Erinnerung an die alten spirituellen Wahr- 
nehmungen der atlantischen Zeit. Daher entwickelte sich bei diesem 
Volk ein starker Drang nach der geistigen Welt hinauf, an die man sich 
erinnerte, und eine Leichtigkeit, wieder hineinzublicken in die spiri- 
tuelle Welt - daneben aber ein Gefuhl, daB das, was die auBeren Sinne 
darboten, Maja oder Illusion sei. Daher entsprang auch bei diesem 
Volke der Impuls, nicht besonders auf die auBere Sinneswelt zu 
schauen, sondern alles zu tun, damit die Seele - jetzt durch kiinstliche 
Entwickelung, durch Joga - sich hinauferheben konne zu dem, was 
wahrend der alten atlantischen Zeit der Mensch unmittelbar aus der 
spirituellen Welt haben konnte. 

Weniger stark war diese Eigenart, die AuBenwelt zu unterschatzen 
und als Maja oder Illusion anzuschauen und dafur nur jene Impulse zu 
entwickeln, welche zum Spirituellen hindrangen, bei dem im Norden 
von Indien gebliebenen Volksteil ausgebildet. Das war aber ein Volks- 
gemenge, das in der tragischsten Situation war. In der ganzen Art der 
Begabung des alten indischen Volkes lag es, daB der Mensch mit einer 
gewissen Leichtigkeit eine bestimmte Jogaentwickelung durchma- 
chen konnte, durch die er wieder hinaufgelangte in die Regionen, in 



welchen er in der atlantischen Zeit gelebt hatte. Leicht war es fur ihn, 
was er als Illusion ansehen muBte, zu uberwinden. Er uberwand es in 
der Erkenntnis. Es war fur ihn ein Hochstes die Erkenntnis: Diese 
Sinnenwelt ist eine Illusion, ist Maja; aber wenn du deine Seele ent- 
wickelst, wenn du dir Miihe gibst, dann gelangst du zu der Welt, die 
hinter der Sinneswelt liegt I Also durch einen inneren Vorgang iiber- 
wand der Inder, was er als Maja oder Illusion ansah, und was er auch 
uberwinden wollte. 

Anders war es bei den nordlichen Volkern, welche in der Geschichte 
dann die Arier im engeren Sinne genannt werden : bei den Persern, Me- 
dern, Bakterern und so weiter. Da war auch stark der Sinn entwickelt 
fur auBere Anschauung, fur den aufieren Intellekt. Aber es war der 
innere Drang, der Impuls, dasselbe durch innere Entwickelung, durch 
eine Art von Joga erreichen zu wollen, was der atlantische Mensch auf 
naturgemaBe Weise hatte, nicht besonders stark vorhanden. Es war 
die lebendige Erinnerung bei den nordlichen Volkern nicht so vor- 
handen, daB sie sie umsetzten in ein Streben, die Illusion der auBeren 
Welt in der Erkenntnis zu uberwinden. Die Seelenverfassung der In- 
der war nicht bei diesen nordlichen Volkern vorhanden. Bei ihnen war 
eine Seelenverfassung vorhanden, in der ein jeder bei dem iranischen, 
persischen oder medischen Volke so etwas fuhlte, was, wenn wir es 
mit unseren heutigen Worten aussprechen wollten, sich in folgender 
Weise ausnehmen wiirde: Wenn wir als Menschen einstmals in der 
spirituellen Welt darinnen waren und Geistiges, Seelisches erlebt und 
gesehen haben, und jetzt in die physische Welt hinausversetzt sind 
und vor einer Welt stehen, die wir mit unseren Augen sehen, mit dem 
Intellekt begreifen, welcher an das Gehirn gebunden ist, dann liegt der 
Grund dazu nicht bloB im Menschen, und man kann das, was da zu 
uberwinden ist, nicht bloB im Inneren des Menschen uberwinden, es 
ist nichts Besonderes dadurch getan! - Es hatte der Iranier gesagt: 
Es muB nicht nur mit dem Menschen eine Veranderung vorgegangen 
sein, es muB sich die Natur und alles, was auf der Erde ist, verandert 
haben, wenn der Mensch heruntergestiegen ist. Daher kann es nicht 
geniigen, daB wir Menschen dasjenige, was um uns herum ist, lassen 
wie es ist, und einfach sagen: Es ist alles Illusion, Maja, und wir selber 



steigen hinauf in die geistige Welt! Dann andern wir zwar uns, aber 
nicht das, was sich in der ganzen umKegenden Welt geandert hat. - Da- 
her sagte er nicht: DrauBen breitet sich die Maja aus, ich selbst werde 
diese Maja uberschreiten, in mir selbst die Uberwindung der Maja 
und damit die spirituelle Welt erreichen ! - Nein, er sagte : Der Mensch 
gehort mit der iibrigen umliegenden Welt zusammen, er ist nur ein 
Glied davon. Wenn also das, was gottlich im Menschen ist, und was 
aus gottlich-geistigen Hohen heruntergestiegen ist, umgewandelt wer- 
den soli, so darf nicht bloB das zuriickverwandelt werden, was im 
Menschen ist, sondern es muB auch dasjenige zuriickverwandelt wer- 
den, was in unserer Umgebung ist. - Das gab diesen Volkern beson- 
ders den Impuls, tatkraftig einzugreifen in die Umgestaltung und Um- 
schaffung der Welt. 

Wahrend man in Indien sagte: Die Welt ist heruntergestiegen; was 
sie jetzt bietet, ist Maja -, sagte man nordlich davon: GewiB, die Welt 
ist heruntergeschritten; aber wir miissen sie so verandern, daB wieder 
ein Geistiges aus ihr wird! - Sinnen, Erkenntnis-Sinnen war der 
Grundcharakter des indischen Volkes. Mit der Welt wurde dieses Volk 
dadurch fertig, daB es die Sinneswahrnehmung Illusion oder Maja 
nannte. Tatkraft, auBere Energie, Wille zum Umarbeiten dessen, was 
in der auBeren Natur ist, das war der Grundcharakter des iranischen 
Volkes und der iibrigen nordlichen Volker. Sie sagten : Was um uns 
herum ist, das ist aus Gottlichem heruntergestiegen; aber der Mensch 
ist dazu berufen, es zum Gottlichen wieder zuruckzufuhren ! - Was im 
Grunde genommen schon im Volkscharakter lag bei den Iraniern, das 
wurde auf ein Hochstes gehoben und mit der groBten Energie durch- 
setzt bei den geistigen Fiihrem, die aus den Mysterien hervorgingen. 

Vollstandig verstehen, auch auBerlich, kann man das, was ostwarts 
und siidwarts vom Kaspisee sich abspielte, nur dann, wenn man es ver- 
gleicht mit dem, was mehr nordlich davon vorging, also in Gegenden, 
die an das heutige Sibirien, an das heutige RuBland angrenzen, sogar 
bis nach Europa hinein sich erstrecken. Da waren Menschen, welche 
sich in hohem Grade das alte Hellsehen bewahrt hatten, und bei denen 
sich in gewisser Beziehung die Waage hielten die Moglichkeit des alten 
geistigen Wahrnehmens und die des sinnlichen Anschauens, des neuen 



Verstandesdenkens. Bei ihnen war in weitesten Kreisen noch ein Hin- 
einschauen in die geistige Welt vorhanden. Wenn man den Charakter 
dieses Hineinschauens in die geistige Welt, das allerdings schon auf 
eine niedere Stufe heruntergestiegen war und bei diesen Volkerschaf- 
ten im wesentlichen - wie wir heute sagen wiirden - ein rdederes astra- 
lisches Hellsehen war, in Betracht zieht, so ergibt sich fur die Gesamt- 
entwickelung der Menschheit eine bestimmte Folge daraus. Wer mit 
dieser Art von Hellsehen begabt ist, wird ein ganz bestimmter Mensch. 
Der Mensch erhalt da eine gewisse Charakteranlage. Das zeigt sich be- 
sonders bei diesen Volkermassen, die im Volkscharakter dieses niedere 
Hellsehen hatten. Ein solcher Mensch hat im wesentlichen den Drang, 
von der Naturumgebung zu fordern, was er zu seinem Lebensunter- 
halt braucht, und moglichst wenig zu tun, um es der Natur zu entrei- 
Ben. SchlieBlich weiB er ja, so wahr wie der heutige Sinnenmensch 
weiB, daB es Pflanzen, Tiere und so weiter gibt, daB es gottlich-geistige 
Wesenheiten gibt, die in alledem darinnenstecken; denn er sieht sie. Er 
weiB auch, daB sie die machtigen Wesen sind, die hinter den physischen 
Wesenheiten stehen. Aber er kennt sie auch so genau, daB er von ihnen 
fordert, sie sollen ihm ohne viel Arbeit das Dasein fristen, in das sie 
ihn hineingestellt haben. Man konnte vieles anfiihren, was auBerlicher 
Ausdruck ist fur die Stimmung und Gesinnung dieser astralisch hell- 
sehenden Menschen. Nur eines soli jetzt dafiir angefiihrt werden. 

In dieser Zeit, die jetzt fur uns zu betrachten wichtig ist, waren alle 
diese Volkerschaften, die mit einem in der Dekadenz begriffenen Hell- 
sehen begabt waren, Nomadenvolker, die, ohne seBhaft zu sein, ohne 
feste Wohnsitze zu griinden, als Hirten herumstreiften, keinen Fleck 
besonders lieb hatten, auch das, was die Erde ihnen bot, nicht beson- 
ders pflegten, und auch gern bereit waren zu zerstoren, was um sie her- 
um war, wenn sie etwas brauchten zu ihrem Lebensunterhalt. Aber 
etwas zu leisten, um das Kulturniveau zu erhohen, um die Erde umzu- 
gestalten, dazu waren diese Volker nicht aufgelegt. 

So entstand der groBe, der wichtige Gegensatz, der vielleicht zu 
dem Allerwichtigsten der nachatlantischen Entwickelung gehort: der 
Gegensatz zwischen diesen mehr nordlichen Volkern und den irani- 
schen Volkern. Bei den Iraniern entwickelte sich die Sehnsucht, einzu- 



greifen in das Geschehen rings um sie herum, seBhaft zu werden, was 
man als Mensch und als Menschheit hat, durch Arbeit sich zu erringen, 
das heiBt also wirklich durch die menschlichen Geisteskrafte die Natur 
umzugestalten. Das war gerade in diesemWinkel der groBte Drang der 
Menschen. Und unmittelbar daran stieB nach Norden jenes Volk, das 
hineinschaute in die geistige Welt, das sozusagen auf «du und du» 
war mit den geistigen Wesenheiten, das aber nicht gern arbeitete, das 
nicht seBhaft war und gar kein Interesse daran hatte, die Kulturarbeit 
in der physischen Welt vorwarts zu bringen. 

Das ist der groBte Gegensatz vielleicht, der sich auBerlich in der 
Geschichte der nachadantischen Zeiten gebildet hat, und der rein eine 
Folge ist der verschiedenen Arten der Seelenentwickelung. Es ist der 
Gegensatz, den man in der auBeren Geschichte auch kennt: der groBe 
Gegensatz zwischen Iran und Turan. Aber man kennt nicht die Ur- 
sachen. Hier haben wir jetzt die Griinde. 

Im Norden, nach Sibirien hinein: Turan, jenes Volkergemenge, das 
in hohem Grade mit den Erbstiicken eines niederen astralischen Hell- 
sehens begabt war, das infolge dieses Lebens in der geistigen Welt 
keine Neigung und keinen Sinn hatte, eine auBere Kultur zu begriin- 
den, sondern - weil diese Menschen mehr passiver Art waren und sogar 
zu ihren Priestern vielfach niedere Magier und Zauberer hatten - sich 
namentlich da, wo es auf das Geistige ankam, mit niederer Zauberei, ja 
zum Teil sogar mit schwarzer Magie beschaftigte. Im Suden davon: 
Iran, jene Gegenden, in denen friihzeitig der Drang entstand, mit den 
primitivsten Mitteln dasjenige, was in der Sinneswelt uns gegeben ist, 
durch menschliche Geisteskraft umzugestalten, so daB auf diese Weise 
auBere Kulturen entstehen konnen. 

Das ist der groBe Gegensatz zwischen Iran und Turan. In einer 
schonen Weise wkd mythisch, legendenhaft angedeutet, wie der nach 
dieser Kulturseite vorgeschrittenste Teil der Menschen von Norden 
herunterzog bis in die Gegend, die wir als die iranische angesprochen 
haben. Und wenn uns in der Legende von Dschemshid, jenem Konige, 
der seine Volker von Norden heruntergefiihrt hat nach Iran, erzahlt 
wird: er bekam von jenem Gotte, der nach und nach anerkannt wer- 
den wird, den er Ahura Mazdao nannte, einen goldenen Dolch, mit 



dem er seine Mission auf der Erde erfullen sollte - dann miissen wir 
uns klar sein, daB mit dem goldenen Dolch des Konigs Dschemshid, 
der seine Volker herausentwickelte aus der tragen Masse der Turanier, 
dasjenige gegeben war, was das an die auBeren Menschenkrafte ge- 
bundene Weisheitsstreben ist, jenes Weisheitsstreben, welches die vor- 
her in Dekadenz gekommenen Kiafte wieder heraufentwickelt und sie 
durchdringt und durchwebt mit dem, was der Mensch auf dem phy- 
sischen Plan an Geisteskraft erringen kann. Dieser goldene Dolch hat 
als Pflug die Erde umgegraben, hat aus der Erde Ackerland gemacht, 
hat die ersten primitivsten Erfindungen der Menschheit gebracht. Er 
hat fortgewirkt und wirkt bis heute in alledem, auf das dieMenschen als 
ihreKulturerrungenschaften stolz sind.Das ist etwasBedeutsames, daB 
der Konig Dschemshid, der herunterzog aus Turan in die iranischen 
Gebiete, von Ahura Mazdao diesen goldenen Dolch erhielt, der den 
Menschen die Kraft gibt, sich die auBere sinnliche Welt zu erarbeiten. 

Dieselbe Wesenheit, von der dieser goldene Dolch stammt, ist auch 
der groBe Inspirator jenes Fiihrers der iranischen Bevolkerung, den 
wir als Zarathustra oder Zoroaster, Zerdutsch kennen. Und Zarathu- 
stra war es, der in uralten Zeiten - bald nach der atlantischen Katastro- 
phe - mit den Giitern, die er aus den heiligen Mysterien heraustragen 
konnte, jenes Volk durchdrang, das den Drang hatte, die auBere Kul- 
tur mit menschlicher Geisteskraft zu durchweben.Dazu sollte Zarathu- 
stra diesen Volkern, die nicht mehr die alte atlantischeFahigkeit hatten, 
hineinzuschauen in die geistige Welt, neue Aussichten und neue Hoff- 
nungen auf die geistige Welt geben. So eroffhete Zarathustra jenen Weg, 
den wir ofter besprochen haben, auf dem die Volker einsehen sollten, 
daB in dem auBeren Sonnenlichtleib nur gegeben ist der auBere Leib 
eines hohen geistigen Wesens, welches er, im Gegensatz zu der kleinen 
menschlichen Aura, die « GroBe Aura», Ahura Mazdao nannte. Er 
wollte damit andeuten, daB dieses zwar jetzt noch weit entfernte We- 
sen einstmals heruntersteigen wiirde auf die Erde, um innerhalb der 
Menschheitsgeschichte sich substantial mit der Erde zu vereinigen und 
im Menschheitswerden weiter zu wirken. Damit wurde fiir diese Men- 
schen von Zarathustra auf dieselbe Wesenheit hingewiesen, die spater 
in der Geschichte als der Christus lebte. 



Damit hatte Zarathustra oder Zoroaster etwas GroBes, etwas Ge- 
waltiges vollbracht. Er hatte der neuen nachatlantischen Menschheit, 
der entgotterten Menschheit, wieder den Aufstieg gebracht zu einem 
Geistigen und die Hoffnung, daB die Menschen mit den Kraften, die 
heruntergestiegen waren auf den physischen Plan, dennoch zum Gei- 
stigen kommen konnen. Der alte Inder erreichte das alte Geistige wie- 
der in einer gewissen Weise durch die Jogaschulung. Ein neuer Weg 
aber sollte den Menschen eroffhet werden durch das, was Zarathustra 
brachte. 

Zarathustra hatte nun einen bedeutsamen Beschiitzer. - Ich mochte 
ausdriicklich betonen, daB ich von Zarathustra als von einem Wesen 
spreche, welches schon die Griechen in die Zeit funftausend Jahre vor 
dem Trojanischen Krieg versetzten, das also nichts zu tun hat mit dem, 
was die auBere Geschichte als Zarathustra bezeichnet, und auch nichts 
mit dem, was in der Zeit des Darius als Zarathustra erwahnt wird. - 
Der Zarathustra dieser alten Zeiten hatte einen Beschiitzer, welcher 
mit dem spater ublich gewordenen Namen Guschtasb bezeichnet wer- 
den kann. Wir haben also in Zarathustra eine machtige priesterhafte 
Natur, welche auf den groBen Sonnengeist, auf Ahura Mazdao, hin- 
weist, auf jene Wesenheit, welche der Fiihrer sein soli fur die Men- 
schen aus dem auBeren Physischen zuriick zum Geistigen. Und in 
Guschtasb haben wir die konigliche Natur dessen, der geneigt war, 
alles zu tun auf dem auBeren Gebiete, was die groBen Inspirationen 
Zarathustras in der Welt verbreiten konnte. Daher konnte es nicht 
ausbleiben, daB diese Inspirationen und diese Intentionen, welche in 
dem alten Iran durch Zarathustra, durch Guschtasb sich geltend mach- 
ten, zusammenstieBen mit dem, was unmittelbar nordlich dieses Ge- 
bietes war. Und es entwickelte sich durch diesen ZusammenstoB tat- 
sachlich einer der groBten Kriege, die es in der Welt gegeben hat, von 
dem die auBere Geschichte nicht viel berichtet, weil er in uralte Zeiten 
fallt, Es war ein gewaltiger ZusammenstoB zwischen Iran und Turan. 
Und es entwickelte sich aus diesem Kriege, der nicht Jahrzehnte, der 
Jahrhunderte dauerte, eine gewisse Stimmung, die lange Zeit im Inne- 
ren Asiens andauerte, eine Stimmung, die etwa in folgender Weise in 
Worte gefaBt werden muB. 



Der Iranier, der Zarathustra-Mensch, sagte sich etwa folgendes: 
tfberall, wo wir hinschauen, gibt es eine Welt, die zwar herabgestiegen 
ist aus dem Gottlich-Geistigen, die sich aber jetzt darstellt wie ein Ab- 
fall von der fruheren Hohe. Wir mussen voraussetzen, daB alles, was 
um uns herum ist als die Welt der Tiere, Pflanzen und Mineralien, frii- 
her hoher war, und daB alles dies in Dekadenz gekommen ist. Der 
Mensch aber hat die Hoffnung, es wieder hinaufzufuhren. - Nehmen 
wir zum Beispiel ein Tier. Reden wir so, daB wir das, was in dem Ge- 
fiihl eines Iraniers lebte, iibersetzen in unsere Sprache, und reden wir 
so, wie etwa ein Lehrer in der Schule zu seinen Schulern reden wiirde, 
wenn er eine ahnliche Gesinnung charakterisieren wollte. Dann konn- 
ten wir sagen : Sieh dir an, was du um dich herum hast. Das war fruher 
geistiger; jetzt ist es heruntergestiegen, ist in Dekadenz gekommen. 
Nehmen wir einmal den Wolf. Das Tier, das im Wolf ist, das du als 
sinnliches Wesen siehst, ist heruntergestiegen, ist in Dekadenz ge- 
kommen. Es zeigte vor alien Dingen fruher seine schlechten Eigen- 
schaften nicht. Du aber, wenn in dir selbst gute Eigenschaften keimen, 
wenn du deine guten Eigenschaften und geistigen Krafte zusammen 
nimmst, du kannst das Tier zahmen. Du kannst ihm einverweben deine 
eigenen Eigenschaften. Dann kannst du aus dem Wolf einen zahmen 
Hund bilden, der dir dient! Da hast du in Wolf und Hund zwei Wesen, 
die gleichsam zwei Weltenstromungen charakterisieren. - Die Men- 
schen, die ihre geistigen Krafte verwendeten, um die Umwelt zu bear- 
beiten, sie waren imstande, die Tiere zu zahmen, auf eine hohere Stufe 
zu bringen, wahrend die anderen, welche ihre Krafte nicht dazu ver- 
wendeten, die Tiere so lieBen, wie sie waren, so daB sie immer tiefer 
und tiefer sinken muBten. Das sind zwei verschiedene Krafte. Die eine 
tritt in der Stimmung hervor: Wenn ich die Natur so lasse, wie sie ist, 
dann sinkt sie immer tiefer und tiefer herunter, dann wird alles wild. 
Die andere : Aber ich kann meine geistigen Augen auf eine gute Macht 
richten, deren Bekenner ich bin, dann hilft sie mir, dann kann ich das, 
was hinunter sinken will, mit ihrer Hilfe wieder hinauffuhren. Diese 
Macht, zu der ich hinauf blicken kann, sie kann mir die Hoffhung zu 
einer Weiterentwickelung geben ! - Diese Macht identifizierte sich fur 
den Iranier mit Ahura Mazdao, und er sagte sich: Alles, was der 



Mensch tun kann, um die Krafte der Natur zu veredeln, um sie hinauf- 
zuheben, das kann geschehen, wenn der Mensch sich verbindet mit 
Ahura Mazdao, mit der Kraft des Ormuzd. Ormuzd ist eine aufwarts- 
gehende Strdmung. Wenn der Mensch aber die Natur so laBt, wie sie 
ist, dann kann man sehen, wie alles in die Wildheit hineintreibt. Das 
kommt von Ahriman ! - Und nun entwickelte sich folgende Stimmung 
im iranischen Gebiete : Im Norden von uns gehen viele Menschen her- 
um. Sie sind im Dienste von Ahriman. Das sind die Ahrimanleute, die 
nur in der Welt herumstreifen und nur nehmen, was ihnen die Natur 
bietet, die nicht Hand anlegen wollen, um die Natur zu vergeistigen. 
Wir aber wollen uns verbiinden dem Ormuzd, dem Ahura Mazdao! 

So fuhlte man in der Welt die Zweiheit, die da auftrat. So fuhlten die 
iranischen Menschen, die Zarathustra-Menschen, und was sie so fuhl- 
ten, das brachten sie auch in den Gesetzen zum Ausdruck. Sie wollten 
ihr Leben so einrichten, daB in der auBeren Gesetzgebung der Drang 
nach aufwarts zum Ausdruck kommen sollte. Das war die auBere Folge 
des Zarathustrismus. So mussen wir den Gegensatz von Iran und Tu- 
ran ansprechen. Und jenen Krieg, von dem die okkulte Geschichte so 
vieles und so Genaues berichtet, den Krieg zwischen Ardschasb und 
Guschtasb, wovon der eine der Konig derTuranier war und der andere 
der Beschiitzer des Zarathustra, diesen Krieg als Gegensatz zwi- 
schen Nord und Slid mussen wir als Stimmung sich fortsetzen sehen 
auf die beiden Gebiete Iran und Turan. Wenn wir das begreifen, wer- 
den wir flieBen sehen eine gewisse Seelenstromung von Zarathustra 
aus auf die ganze Menschheit, auf die er gewirkt hat. 

So muBte zunachst charakterisiert werden, wie das ganze Milieu, die 
ganze Umgebung war, in welche Zarathustra hineingestellt war. Denn 
wir wissen ja, daB diejenige Individualist, die in das Blut, das von 
Abraham durch dreimal vierzehn Generationen hinunterfloB, sich hin- 
eininkarnierte und die im Matthaus-Evangelium als Jesus von Naza- 
reth auftritt, die Zarathustra-Individualitat war. Sie muBten wir zu- 
nachst dort aufsuchen, wo sie uns zuerst in der nachatlantischen Zeit 
entgegentritt. Und jetzt entsteht fur uns die Frage: Wieso war gerade 
das Blut, das von Abraham in Vorderasien durch die Generationen 
hinunterrann, dasjenige, welches am besten geeignet sein konnte fur 



eine spatere Leiblichkeit des Zarathustra? Denn eine der nachfolgen- 
den Inkarnationen des Zarathustra ist der Jesus von Nazareth. 

Damit diese zweite Frage aufgeworfen werden kann, war es notwen- 
dig, zuerst die Frage nach dem Zentrum aufzuwerfen und zu beant- 
worten, nach jenem Zentrum, das sich in diesem Blute zum Ausdruck 
bringt. Wir haben in der Zarathustra-Individualitat dieses Zentrum, 
welches sich in dieses Blut des hebraischen Volkes hmeininkarniert. 
Wir werden nun morgen zu besprechen haben, warum es gerade dieses 
Blut, dieses Volkstum sein muBte, aus dem Zarathustra seine auBere 
Leiblichkeit nahm. 



ZWEITER VORTRAG 



Bern, 2. September 1910 

Es wkd notwendig sein, daB in den Anfangsvortragen dieses Zyklus 
einiges von dem wieder vorkommt, was schon bei der Beleuchtung 
des Lukas-Evangeliums gesagt worden ist. Gewisse Tatsachen im Le- 
ben des Christus Jesus sind ja nur zu verstehen, wenn man diese beiden 
Evangelien ein wenig miteinander vergleicht. 

Was in erster Linie von Bedeutung ist zum inneren Verstandnis des 
Matthaus-Evangeliums, das ist, daB jene Individualitat, von der uns 
dieses Evangelium zunachst erzahlt, in bezug auf ihre Leiblichkeit her- 
stammt von Abraham und durch die Vererbung durch dreimal vier- 
zehn Generationen hindurch sozusagen einen Extrakt des gesamten 
Volkstumes der Abrahamiten, der Hebraer, in sich tragt und daB diese 
Individualitat fur den Geisteswissenschafter dieselbe ist, welche wir 
als die des Zoroaster oder Zarathustra ansprechen. Wir haben gestern 
gleichsam die auBerliche Umgebung dargestellt, in welche jener Zoro- 
aster oder Zarathustra hineinwirkte. Es wird notwendig sein, auch 
noch einiges von den Weltanschauungen und Ideen zu erwahnen, wel- 
che die Kreise Zarathustras beherrschten. Man muB namlich sagen, 
daB auf jenem Gebiete, innerhalb des sen in uralten Zeiten Zoroaster 
oder Zarathustra gewirkt hat, eine Weltanschauung auf bliihte, die in 
ihren groBen Ziigen tief Bedeutsames enthalt. Man braucht nur einige 
Satze auszusprechen von dem, was ja immerhin als die Lehre des alte- 
sten Zarathustra angesehen werden darf , um auf tiefe Grundlagen der 
ganzen nachatlantischen Weltanschauung hinzuweisen. 

Auch schon auBerlich in der Geschichte wkd uns gesagt, daB jene 
Lehre, innerhalb welcher auch Zarathustra wirkte, ausgehe von zwei 
Prinzipien, welche wir bezeichnen als das Prinzip des Ormuzd, des gu- 
ten, lichtvollen Wesens, und als das Prinzip des Ahriman, des finsteren, 
des bosen Wesens. Aber es wird zu gleicher Zeit auch schon in der 
auBeren Darstellung dieses religiosen Systems betont, daB diese beiden 
Prinzipien - Ormuzd oder Ahura Mazdao und Ahriman - doch wieder 
zuruckgehen auf ein gemeinschaftliches Prinzip : Zeruane Akarene. 



Was ist dieses einheitliche, gleichsam Urprinzip, aus dem die bei- 
den anderen, sich in der Welt bekampfenden Prinzipien herstammen? 
Man ubersetzt Zeruane Akarene gewohnlich mit den Worten «die un- 
erschaifene Zeit». Man kann also sagen: Es fiihrt die Zarathustra- 
Lehre zuletzt zuriick auf das Urprinzip, in dem wir zu sehen haben die 
ruhige, im Weltenlaufe dahinflieBende Zeit. Dabei liegt es allerdings 
schon in jener Wortbedeutung, daB man nicht wiederum fragen kann 
nach dem Ursprunge dieser Zeit, dieses Zeitenumlaufes. - Es ist wich- 
tig, daB man sich insbesondere einmal diese Idee deutlich zumBewuBt- 
sein bringt: daB man von irgend etwas im Weltenzusammenhange 
sprechen kann, ohne innerlich berechtigt zu sein, zum Beispiel nach 
den Ursachen eines solchen ersten Prinzips wieder zu fragen. Das 
auBerliche abstrakte Denken der Menschen wird es sich ja kaum jemals 
nehmen lassen, wenn auf irgendeine Ursache hingewiesen wird, immer 
wieder und wieder zu fragen nach der Ursache dieser Ursache, und so 
gleichsam dieBegriffe in alleEwigkeit nach riickwarts herumzudrehen. 
Man muBte sich einmal, wenn man wirklich feststehen wollte auf dem 
Boden der Geisteswissenschaft, durch grundliche Meditation klarma- 
chen, daB die Frage nach dem Ursprung, nach der Ursache, irgendwo 
haltmachen muB, irgendwo auf horen muB, und daB, wenn man von 
einem gewissen Punkte aus weiter nach den Ursachen fragt, man ein 
bloBes Spiel des Denkens treibt. 

Ich habe in meiner « Geheimwissenschaft im UmriB» auf diese er- 
kenntnistheoretische Tatsache hingewiesen. Ich habe gesagt: Man 
konnte wohl fragen, wenn man auf einer StraBe Furchen sieht, woher 
die Furchen kommen. Man kann antworten: Von den Radern eines 
Wagens. Man kann weiter fragen, wo sich die Rader an demWagen be- 
finden? Man kann fragen, warum die Furchen von dem Wagen ge- 
zogen worden sind? und kann als Antwort erhalten: Weil er liber die 
StraBe gefahren ist. Man kann weiter fragen: Warum er uber die StraBe 
gefahren ist? und mag als Antwort bekommen: Weil er einen Men- 
schen liber die StraBe fahren sollte. - Man kommt aber bei diesem Fra- 
gen zuletzt zu den Entschliissen, welche jenen Menschen dazu gefuhrt 
haben, den Wagen zu benutzen. Und wenn man dann nicht dabei still- 
steht, daB der Mensch diese Absicht gehabt hat, wenn man weiter fragt 



nach den Ursachen dieser Absicht, dann verfehlt man das eigentlich 
Inhaltvolle und bleibt in einem Fragespiel stecken. 

So ist es auch bei den groBen Weltanschauungsfragen. Irgendwo 
muB haltgemacht werden. Haltgemacht werden muB nach dem, was 
den Lehren des Zarathusttismus zugrunde liegt, bei der Zeit, die im 
ruhigen Laufe dahinflieBt. Nun teilt der Zarathusttismus die Zeit seibst 
wieder in zwei Prinzipien, oder besser gesagt, er laBt aus ihr zwei Prin- 
zipien hervorgehen: ein gutes, ein Lichtprinzip, das ich Ihnen gestern 
ziemlich konkret charakterisieren konnte als das Ormuzdprinzip, und 
ein boses, ein Finsternisprinzip, das Ahrimanprinzip. Es liegt dieser 
urpersischen Auffassung wirklich ein ungeheuer tief Bedeutungsvolles 
zugrunde, namlich das, daB alles Bose, alles Uble in der Welt, alles, was 
in seinem physischen Bilde als das Dunkle, als das Finstere bezeichnet 
werden muB, nicht ursprunglich ein Boses, ein Finsteres, ein Ubles ist. 
Gerade darauf machte ich aufmerksam, daB das urpersische Denken 
zum Beispiel den Wolf, der in einer gewissen Weise etwas Wildes, et- 
was Schlimmes darstellt, etwas, woran das Ahrimanprinzip arbeitet, so 
ansieht, daB er sich herunterentwickelt hat, als er sich seibst uberlassen 
blieb und das Ahrimanprinzip in ihm wirksam sein konnte, daB also in 
diesem Sinne der Wolf ursprunglich heruntergeglitten ist von einem 
Wesen, dem wir das Gute nicht absprechen diirfen. Das liegt nach ur- 
persischer, nach urarischer Auffassung allem Werden zugrunde : daB 
Schlimmes, Ubles, Boses dadurch entsteht, daB etwas, was in einem 
friiheren Zeitpunkt in seiner damaligen Gestalt ein Gutes war, diese 
Gestalt in einen spateren Zeitraum hkiein bewahrt hat, daB dieses also, 
statt sich zu andern, statt fortzuschreiten, die Gestalt sich bewahrt hat, 
welche einem friiheren Zeitpunkt angemessen war. Alles Schlimme, 
alles Finstere und Bose leitet die urpersische Anschauung einfach da- 
von ab, daB die Gestalt eines Wesens, welche in einem friiheren Zeit- 
punkt eine gute war, in eine spatere Zeit hinein so geblieben ist, anstatt 
sich entsprechend zu verandern. Und aus dem ZusammenstoB einer 
solchen, aus einem friiheren Zeitraum hereingetragenen Wesensform 
in eine spatere Zeit mit demjenigen, was fortgeschritten ist, daraus ent- 
steht der Kampf des Guten mit dem Bosen. So ist der Streit zwischen 
Gut und Bose nach urpersischer Auffassung kein anderer als der Streit 



zwischen dem, was seine richtige Gestalt in der Gegenwart hat, und 
dem, was seine alte Gestalt in die Gegenwart hineintragt. Es ist also 
das Bose nicht ein absolutes Boses, sondern nur ein versetztes Gutes, 
etwas, das gut war in einer fruheren Zeit. So erscheint das Bose, wel- 
ches sich in die Gegenwart hineinstellt, als ein Geschehnis, das eine 
friihere Zeit hereinbewahrt in die Gegenwart. Da, wo das Fruhere und 
das Spatere noch nicht miteinander in Kampf treten, flieBt noch die un- 
geschiedene, nicht in ihre einzelnen Momente real auseinandergetre- 
tene Zeit dahin. 

Das ist eine tief bedeutsame Anschauung, die wir hier auf demGrund 
der ersten nachatlantischen Volkstiimer im Zarathustrismus finden. 
Und diese Anschauung, die wir eigentlich auch als das Grundprinzip 
des Zarathustrismus ansehen konnen, schlieCt in sich, wenn sie in der 
richtigen Art betrachtet wird, gerade dasjenige, was wir gestern von 
einer ge wis sen Seite her charakterisieren konnten, und was wir so 
stark hervortreten sehen gerade bei jenen Volkern, welche sich an- 
lehnten an die Lehren des Zarathustra. Wir sehen iiberall bei diesen 
Volkerschaften Einsicht in die Notwendigkeit, daB diese zwei, gleich- 
sam aus dem gleichformigen Strom der Zeit herausgewachsenen Mo- 
mente sich einander gegeniibertreten in der Zeit selbst und erst im 
Laufe der Zeit iiberwunden werden. Wir sehen die Notwendigkeit, 
daB das Junge entstehe und daB das Alte erhalten bleibe, und daB im 
Ausglekh des Alten mit dem Jungen das Weltenziel, insbesondere das 
Erdenziel nach und nach erreicht werde. So, wie wir sie jetzt charak- 
terisiert haben, liegt aber diese Anschauungsweise auch zugrunde aller 
Hoherentwickeiung, wie sie auftrat innerhalb dessen, was aus dem 
Zarathustrismus herstammt. Nachdem der Zarathustrismus in den ge- 
stern charakterisierten Zeiten sich seinen Ursitz in jenen Gegenden hat 
anweisenlassen, wirkte er iiberall, wo er auftrat. Und wir werden gleich 
sehen, wie unermeBlich stark er auf alle Folgezeit wirkte. Er wirkte in 
der Weise, daB er den Gegensatz des Alten und des Jungen hinein- 
traufeln lieB in alles, was er wirkte. Und er wirkte tief. 

Zarathustra konnte so tief auf alle Folgezeit wirken, weil er in der 
Zeit, wo er aufgestiegen war zu der hochsten der Initiationen, die zu 
seiner Zeit zu erreichen war, zwei Schiiler sich herangezogen hatte. 



Ich habe sie schon erwahnt. Den einen lehrte er alles, was sich bezieht 
auf die Geheimnisse des Raumes, der sich urn uns herum sinnlich aus- 
breitet, also alles, was die Geheimnisse des Gleichzeitigen sind; dann 
lehrte er den anderen Schuler alles, was die Geheimnisse der dahin- 
flieBendenZeit sind, die Geheimnisse der Evolution, derEntwickelung. 
Auch darauf habe ich schon hingewiesen, daB in einem bestimmten 
Zeitpunkt einer solchen Schulerschaft, wie sie bestand bei diesen bei- 
den groBen Schiilern gegeniiber dem Zarathustra, etwas ganz Beson- 
deres eintritt : daB der Lehrer hinopfern kann etwas von seiner eigenen 
Wesenheit fur seine Schuler. Und Zarathustra, wie er war in seiner Za- 
rathustra-Zeit, hat aus seiner eigenen Wesenheit fiir seine beiden Schu- 
ler hingeopfert seinen eigenen Astraileib und seinen eigenen Atherleib. 
Die Individualitat des Zarathustra, seine innerste Wesenheit, blieb ja 
in sich geschlossen erhalten zu immer wiederkehrenden Inkarnationen. 
Aber, was gleichsam das astralische Kleid war des Zarathustra, der astra- 
lische Leib, in dem er als Zarathustra in uralten Zeiten der nachatlan- 
tischen Entwickelung gelebt hat, dieses astralische Kleid war so voll- 
kommen, so durchdrungen von der ganzen Wesenheit des Zarathu- 
stra, daB es nicht zerstob wie andere astralische Kleider der Menschen, 
sondern in sich geschlossen blieb. Im Weltenwerden konnen solche 
durch die Tiefe der Individualitat, die sie getragen hat, in sich zusam- 
mengeschlossene menschliche Hullen erhalten bleiben. Und der astra- 
lische Leib des Zarathustra blieb erhalten. Und der eine der Schuler, 
der von Zarathustra erhalten hatte die Raumeslehre und die Geheim- 
nisse alles dessen, was gleichzeitig unseren Sinnesraum durchdringt, 
dieser Schuler wurde wiedergeboren in jener Personlichkeit, welche in 
der Geschichte genannt wird Thoth oder Hermes der Agypter. Dieser 
wiederinkarnierte Schuler des Zarathustra, der dazu ausersehen war - 
so lehrt die okkulte Forschung -, jener agyptische Hermes oder Thoth 
zu werden, er sollte nicht nur in sich alles befestigen, was er in einer 
fruheren Inkarnation von Zarathustra iiberkommen hatte, sondern er 
sollte es noch dadurch zur Festigkeit bringen, daB ihm in jener Art, 
wie es durch die heiligen Mysterien moglich ist, einverleibt wurde, ein- 
gegossen, einfiltriert wurde der erhalten gebliebene astralische Leib des 
Zarathustra selber. So wurde die Individualitat dieses Zarathustra- 



Schulers wiedergeboren als der Inaugurator der agyptischen Kultur, 
und einverleibt wurde diesem Hetmes oder Thoth der astralische Leib 
des Zarathustra selbst. Wir haben also direkt ein Glied der Zarathustra- 
Wesenheit in dem agyptischen Hermes. Und mit diesem Glied und mit 
dem, was er sich mitgebracht hatte von seiner Schulerschaft des Zara- 
thustra, wirkte Hermes alles, was wir an GroBem und Bedeutungsvol- 
lem in der agyptischen Kultur haben. 

Damit so etwas geschehen konnte, was durch diesen Missionar, durch 
diesen Sendboten Zarathustras geschah, muBte natiirlich ein Volkstum 
in entsprechender Weise vorhanden sein. Nur bei diesen Volkerschaf- 
ten, wo Menschen waren, die auf dem mehr sudlichen Wege aus den at- 
lantischen Gegenden heriibergezogen waren und sich im Osten Afrikas 
niedergelassen hatten und die sich vieles von ihrer atlantischen Art des 
Hellsehens bewahrt hatten, nur dort konnte fruchtbaren Boden finden, 
was Hermes, der Schuler Zarathustras, einpflanzen konnte. Da stieB 
zusammen das Wesen der Seele in der agyptischen Bevolkerung mit 
dem, was Hermes geben konnte, und dadurch bildete sich die agyp- 
tische Kultur aus. 

Das war nun eine ganz besondere Art von Kultur. Denken Sie nur 
einmal an alles, was als die Geheimnisse des gleichzeitig im Raume Be- 
stehenden dem Hermes als ein teures Gut von seinem Lehrer Zarathu- 
stra iibergeben worden war. Dadurch hatte Hermes in seiner Wesen- 
heit gerade das Alierwichtigste, was Zarathustra beherrschte. Wir ha- 
ben ofter darauf hingewiesen, daB es zum Charakteristischsten der Za- 
rathustra-Lehre gehorte, daB Zarathustra seine Leute hinwies nach 
dem Sonnenleib, nach dem auBeren Licht und dem auBerenphysischen 
Lichtkorper der Sonne und ihnen zeigte, wie dieser Sonnenkorper nur 
die auBere Hiille einer hohen geistigen Wesenheit ist. Also, was durch 
die Raume als Wesenheit zugrunde liegt der ganzen Natur, was gleich- 
zeitig ist, aber durch die Zeit immer f ortschreitet von Epoche zu Epoche 
und sich in einer bestimmten Epoche immer neu zeigt, dies hatte Zara- 
thustra in bezug auf seine Geheimnisse dem Hermes anvertraut. Was 
von der Sonne ausgeht und sich von der Sonne weiterentwickelt, das 
beherrschte Hermes. Das konnte er legen in die Seelen derer, die her- 
ubergekommen waren aus der atlantischen Bevolkerung, weil diese 



Seelen wie durch natiirliche Gaben selbst einst hlneingesehen hatten in 
die Sonnengeheimnisse und sich in derErinnerung etwas davonbewahrt 
hatten. Es war ja alles in fortschreitender Linie inEntwickelung. Sowohl 
die Seelen derer,welche die Hermes- Weisheit empfangen sollten, haben 
sich in fortschreitender Art entwickelt, wie auch Hermes selber. 

Anders war es bei dem zweiten Schiiler des Zarathustra. Er hatte 
diejenigen Geheimnisse empfangen, welche sich auf den Zeitlauf be- 
ziehen, und er muBte daher mitempfangen, was wie die Stauung des 
Alten und des Jungen, wie etwas Gegensatzliches, polarisch Wirken- 
des in der Evolution darinnen steht. Aber auch fur diesen Schiiler hatte 
Zarathustra einen Teil seiner eigenen Wesenheit hingeopfert, so daB 
auch dieser zweite Schiiler bei der Wiedergeburt empfangen konnte 
das Opfer des Zarathustra. Wahrend also die Individualitat des Zara- 
thustra erhalten blieb, wurden die Hiillen von ihm getrennt; sie blie- 
ben aber, weil sie von einer so machtigen Individualitat zusammenge- 
halten waren, intakt und zerstoben nicht. Dieser zweite Schiiler, wel- 
cher die Zeitenweisheit - im Gegensatz zur Raumesweisheit - erhalten 
hatte, empfing zu einer bestimmten Zeit seiner Wiederverkorperung 
den Atherleib des Zarathustra, welchen Zarathustra ebenso hingeop- 
fert hatte wie seinen astralischen Leib. Kein anderer ist dieser wieder- 
geborene Zarathustra- Schiiler als Moses. Moses erhalt einverleibt in 
ganz friiher Kindheit den erhalten gebliebenen Atherleib des Zarathu- 
stra. In einer geheimnisvollen Weise ist in den religiosen Urkunden, 
die wirklich auf Okkultismus gebaut sind, alles enthalten, was uns auf 
solche Geheimnisse, wie sie uns die okkulteForschung lehrt, hinweisen 
kann. Wenn Moses der wiederinkarnierte Schiiler des Zarathustra war 
und einverleibt erhalten sollte den erhalten gebliebenen Atherleib des 
Zarathustra, dann muBte mit ihm etwas ganz Besonderes geschehen. 
Bevor er die entsprechenden Eindriicke aus der Umgebung wie ein 
anderer Mensch erhalten sollte, bevor in seine Individualitat herabstei- 
gen konnten die Eindriicke der Aufienwelt, muBte in seine Wesenheit 
hineinfiltriert werden, was er als ein Wunder-Erbstiick von Zarathustra 
erhalten sollte. Das wird erzahlt in jener Symbolik : daB er in ein Kast- 
chen gelegt und in den FluB versenkt worden ist, was sich wie eine 
merkwurdige Initiation ausnimmt. Eine Initiation besteht ja darin, daB 



ein Mensch abgeschlossen bleibt fur eine bestimmte Zeit von der Au- 
Benwelt, und wahrend dessen dasjenige, was er erhalten soil, in sich 
hineinfiltriert erhalt. Damals also, als Moses so abgeschlossen war, 
konnte ihm in einem bestimmten Moment der auf bewahrte Atherleib 
des Zarathustra einverleibt werden. Da konnte in ihm aufbluhen jene 
wunderbare Zeitenweisheit, die ihm einst Zarathustra fruher vermittelt 
hatte, mit der er jetzt begabt wurde, und die er herausbringen konnte, 
indem er in Bildern, die wieder fur sein Volk geeignet waren, dar- 
stellte die Weisheit der Zeit hintereinander. Daher konnen uns bei Mo- 
ses die groBen Bilder der Genesis entgegentreten als auBere Imagina- 
tionen der Zeitenweisheit, die von Zarathustra herstammte. Sie wa- 
ren das wiedergeborene Wissen, die wiedergeborene Weisheit, die er 
von Zarathustra empfangen hatte. Das war nun in seinem Inneren da- 
durch befestigt, daB er die Atherhulle des Zarathustra selber empfan- 
gen hatte. 

Aber nicht nur das eine ist bei einem solchen, fur die Entwickelung 
der Menschhek so bedeutungsvollen Vorgang notwendig, daB ein 
Initiierter als Inaugurator da ist fur eine Kulturbewegung, sondern 
das andere ist auch notwendig, daB dasjenige, was eine solche groBe 
Individualist als Kulturkeim zu versenken hat, in den entsprechenden, 
das heiBt passenden Volkskeim hineinversenkt werden kann. Und 
wenn wir den Volkskeim, den Volksgrund betrachten wollen, in wel- 
chen Moses hineinversenken konnte, was ihm von Zarathustra iiber- 
tragen worden war, da ist es gut, daB wir uns mit einer gewissen Ei- 
genart der Moses-Weisheit selbst befassen. 

Moses war also in einer fniheren Inkarnation Schiller Zarathustras. 
Er hat damals die Zeitenweisheit erhalten und jenes Geheimnis, wel- 
ches wir dadurch angedeutet haben, daB in alien Zeiten ein Friiheres 
mit einem Spateren zusammenstdBt und dadurch eine Gegensatzlich- 
keit entsteht. Sollte sich Moses mit dieser Weisheit hineinstellen in die 
Menschheitsentwickelung, dann muBte er selbst sich mit der anders- 
gearteten Weisheit, als es die Hermes-Weisheit war, wie ein Gegensatz 
hineinstellen in die Entwickelung. Das geschah. Wir konnen sagen: 
Hermes hat von Zarathustra die direkte Weisheit empfangen, sozusa- 
gen die Sonnenweisheit, das heiBt das Wissen von dem, was geheim- 



nisvoll wesenhaft lebt in der auBeren physischen Hiille des Lichtes und 
des Sonnenleibes, dasjenige also, was einen direkten Weg geht. Anders 
Moses. Moses hatte diejenige Weisheit erhalten, die der Mensch mehr 
in dem dichteren Atherleib bewahrt, nicht in dem astralischen Leib. 
Er hatte diejenige Weisheit erhalten, die nicht nur hinaufschaut zur 
Sonne und fragt, was alles flieBt von dem Sonnenwesen aus, sondern 
die auch das begreift, was sich dem Sonnenlicht, der Sonnenglut ent- 
gegenstellt; was in sich verarbeitet, obwohl es sich nicht da von ver- 
schlechtern laBt, dasjenige, was erdenhaft, was dicht geworden ist, 
was sich aus der Erde heraushebt als das Altgewordene, als das Ver- 
festigte : Erdenweisheit also, die in der Sonnenweisheit zwar lebt, die 
aber doch Erdenweisheit ist. Die Geheimnisse vom Erdenwerden, von 
der Art und Weise, wie sich der Mensch auf der Erde entwickelt und 
die Erdensubstantialitat evolviert hat, als sich die Sonne von der Erde 
getrennt hat, das hatte Moses erhalten. Das macht es aber gerade aus, 
wenn wir jetzt die Sache nicht auBerlich, sondern innerlich betrach- 
ten, warum uns in den Hermes-Lehren etwas wie der krasse Gegensatz 
zu der Moses- Weisheit entgegentritt. 

Es gibt nun allerdings gewisse Anschauungen in der Gegenwart, die 
bei der Betrachtung solcher Dinge nach dem Prinzip vorgehen : In der 
Nacht sind alle Kiihe graul Die sehen dann uberall nur das gleiche und 
sind sehr entzuckt, wenn sie zum Beispiel im Hermestum das gleiche 
wie im Mosestum finden : hier einmal eine Dreiheit, da eine Dreiheit, 
dort eine Vierheit und hier eine Vierheit. Damit ist aber nicht viel ge- 
tan. Denn das ware ungefahr ebenso, wie wenn jemand einen anderen 
zum Botaniker erziehen wollte und ihn nicht die Unterschiede lehrte, 
wodurch sich zum Beispiel die Rose von der Nelke unterscheidet, son- 
dern nur auf dasjenige hinweisen wiirde, was bei beiden gleich ist. Da- 
mit kommen wir nicht durch. Wir miissen wissen, wodurch sich die 
Wesenheiten unterscheiden und auch die Weisheiten. Und so miissen 
wir auch wissen, daB die Moses-Weisheit eine ganz andere war als die 
Hermes-Weisheit. Beide gingen zwar von Zarathustra aus; aber wie 
gerade sich auch die Einheit trennt und in verschiedener Weise mani- 
festiert, so gab auch Zarathustra zweien seiner Schuler so verschieden- 
artige Offenbarungen. 



Wenn wir die Hermes- Weisheit auf uns wirken las sen, finden wir 
alles, was uns die Welt lichtvoll macht, was uns zeigt, wie der Welten- 
ursprung ist und wie das Licht hineinwirkt. Aber wir finden in der 
Hermes-Weisheit nicht die BegrifFe, die uns zugleich zeigen, wie in al- 
lem Werden ein Fruheres in ein Spateres hineinwirkt, wie dadurch die 
Vergangenheit mit der Gegenwart in Streit kommt und wie Finsternis 
sich dem Licht entgegenstellt. Erdenweisheit, die uns begreiflich 
macht, wie sich die Erde nach der Trennung von der Sonne entwickelt 
hat mit dem Menschen, das ist im Grunde genommcn in der Hermes- 
Weisheit gar nicht enthalten. Das aber sollte insbesondere die Mission 
der Moses- Weisheit sein : die Erde nach ihrer Trennung von der Sonne 
in ihrem Werden dem Menschen begreiflich zu machen. Erdenweis- 
heit ist das, was Moses zu bringen hatte, Sonnenweisheit, was Hermes 
zu bringen hatte. In Moses also, indem er sich erinnert an alles, was er 
von Zarathustra erhalten hat, leuchtet auf das Erdenwerden, die Er- 
denevolution des Menschen. Er geht gleichsam vom Irdischen aus. 
Aber dieses Irdische ist ja von der Sonne getrennt, es enthalt in einer 
gewissen Weise abschattiert das Sonnenhafte. Das Irdische kommt ihm 
entgegen und begegnet sich mit dem Sonnenhaften. Daher muBte sich 
die Erdenweisheit des Moses mit der Sonnenweisheit des Hermes in 
der Tat auch im konkreten Dasein begegnen. Diese beiden Richtungen 
muBten aufeinanderstoBen. Das wird uns in seiner Tatsachlichkeit 
ganz wunderbar in dem ZusammenstoB des Moses und seiner Initiation 
mit der Hermes-Weisheit auch auBerlich dargestellt. In dem Geboren- 
werden in Agypten, in dem Hingezogensein seines Volkes nach Agyp- 
ten, in dem ZusammenstoBen des Moses-Volkes mit dem agyptischen 
Hermes-Volk liegt der auBerliche Abglanz des ZusammenstoBes von 
Sonnenweisheit mit Erdenweisheit, wie sie beide von Zarathustra her- 
stammen, wie sie sich aber beide in ganz verschiedenen Evolutions- 
stromen iiber die Erde ergieBen, wie sie zusammenwirken miissen 
und zusammenfallen. 

Nun driickt sich eine gewisse Weisheit, die im Zusammenhang steht 
mit den Methoden der Mysterien, immer in einer ganz besonderen Art 
aus iiber die tiefsten Geheimnisse des menschlichen und auch des son- 
stigen Geschehens. Ich habe schon in Munchen bei den Vortragen 



iiber die «Geheimnisse der biblischen Schopfungsgeschichte » darauf 
hingewiesen, wie es gegeniiber diesen groBen Wahrheiten, welche 
nicht nur den Menschen in seinen tiefsten Geheimnissen, sondern auch 
die Weltentatsachen iiberhaupt umfassen, wie es in bezug auf diese 
Geheimnisse auBerordentlich schwierig ist, in irgendeiner gangbaren, 
auBeren Sprache solche Dinge auszudriicken. Unsere Worte sind wirk- 
lich fur uns oft Fesseln, denn sie haben ihren pragnanten Sinn, der 
ihnen seit langen Zeiten zubereitet ist. Und wenn wir mit den groBen 
Weistiimern, die sich uns in unserer Seele enthiillen, an die Sprache 
herantreten und in Worte gieBen wollen, was sich uns innerlich ent- 
hiillt, dann entsteht ein Kampf gegen dieses so schwache Instrument 
der Sprache, das wirklich in gewisser Beziehung ungeheuer unzulang- 
lich ist. 

Die groBte Trivialitat, welche wohl im Laufe des 19. Jahrhunderts 
und der neueren Kultur iiberhaupt gesagt worden ist, die aber unzah- 
lige Male wiederholt wurde im Zeitalter des Loschpapiers, das ist die : 
daB eine jede wirkliche Wahrheit in einfacher Weise sich ausdriicken 
lassen miisse, und daB die Sprache mit ihren Ausdrucksformen ge- 
radezu ein MaBstab dafxir ware, ob jemand irgendeine Wahrheit besaBe 
oder nicht. Aber dieser Satz ist nur ein Ausdruck dafiir, daB diejenigen, 
die ihn aussprechen, nicht im Besitze der eigentlichen Wahrheit sind, 
sondern nur im Besitze derjenigen Wahrheiten, die ihnen durch die 
Sprache im Laufe der Jahrhunderte ubermittelt sind, und die sie nur 
ein wenig anders gestalten. Fiir solche Leute reicht die Sprache dann 
aus, und sie fiihlen nicht den Kampf, den man manchmal mit der 
Sprache fiihren muB. Dieser Kampf tritt uns aber da, wo etwas GroBes 
und Gewaltiges zu sagen ist, nur allzu stark vor die Seele. 

Ich habe schon in Miinchen darauf hingewiesen, wie in dem Rosen- 
kreuzermysterium «Die Pforte der Einweihung» das Ende der ersten 
Szene im «Meditationszimmer» einen harten Kampf mit der Sprache 
abgegeben hat. Was darin von dem Hierophanten zum Schuler gesagt 
werden sollte, das ist etwas, was nur zum allergeringsten MaBe in das 
schwache Instrument der Sprache hineingegossen werden konnte. 

Nun wurden aber in den heiligen Mysterien gerade die tiefsten Ge- 
heimnisse zum Ausdruck gebracht. Daher empfand man in den Myste- 



rien zu alien Zeiten, ein wie schwaches Instrument die Sprache 1st, und 
wie ungeeignet sie ist, Bilder herzugeben fiir das, was man eigentKch 
sagen will. Daher der Drang aller Zeiten in den Mysterien nach Aus- 
drucksmitteln fiir dasjenige, was die Seele innerlich erlebte. Und als 
die schwachsten erwiesen sich jene Ausdrucksmittel, welche derMensch 
fiir den auBeren Gebrauch, fiir den auBeren Umgang jahrhundertelang 
bewahrt. Dagegen erwiesen sich als geeignet die Bilder, die sich erga- 
ben, wenn man den Blick hinausrichtete in die Raumesweiten : die Ster- 
nenbilder, das Aufgehen eines bestimmten Sternes in einem gewissen 
Zeitpunkt, die Bedeckung eines Sternes durch einen anderen in einem 
bestimmten Zeitpunkt. Kurz, die Bilder, die sich auf diese Weise er- 
gaben, konnte man gut brauchen, um das auszudriicken, was in einer 
bestimmten Weise sich in der Menschenseele vollzieht. Ich will das 
kurz charakterisieren. 

Nehmen wir an, in einem bestimmten Zeitpunkt sollte ein groBes 
Ereignis dadurch geschehen, daB eine Menschenseele in diesem Zeit- 
punkt reif wurde, etwas GroBes zu erleben und dies den Volkern zu 
iiberbringen, oder man wollte ausdriicken, daB das betreffende Volk 
selbst oder ein ganzer Teil der Menschheit einen besonderen Reife- 
zustand erlangt hatte und in der Evolution zu einer bestimmten Stufe 
hinaufgestiegen war, und zeigen, wie sich hineinstellte in dieses Volk 
eine Individualitat, vielleicht von einer ganz anderen Seite her. Da nel 
also zusammen der Hohepunkt der Entwickelung dieser Individuali- 
tat mit dem Hohepunkt der Entwickelung der Volksseele, und dieses 
Zusammenfallen wollte man ausdriicken in seiner Einzigartigkeit. 
Alles, was man in solchem Falle mit der Sprache sagen konnte, wirkte 
nicht groBartig genug, um die Bedeutung eines solchen Ereignisses in 
unser Gefiihl hineinzugieBen. Daher driickte man es in dieser Weise 
aus : Das Zusammenfallen der hochsten Starke einer einzelnen Indivi- 
dualitat mit der hochsten Starke einer einzelnen Volksseele ist so, wie 
wenn die Sonne steht im Sternbild des Lowen und uns von dort ihr 
Licht zustrahlt. Da wurde das Bild des Lowen genommen, um in ei- 
nem bildhaften Ausdruck darzustellen, was angedeutet werden sollte 
in seiner Starke in der Menschheitsevolution. Was sich so auBerlich 
darbot im Weltenraum, das wurde zum Ausdrucksmittel fiir dasjenige, 



was in der Menschheit vor sich geht. Von dorther riihrten die Aus- 
dnicke, die gebraucht wurden in der Menschheitsgeschichte und die 
hergenommen sind von dem Lauf der Gestirne. Das waren Ausdrucks- 
mittel fur die geistigen Tatsachen in der Menschheit. 

Wenn von so etwas gesprochen wird, daB zum Beispiel die Sonne 
im Zeichen des Lowen steht, und daB durch ein Himmelsereignis, wie 
das Sich-Decken der Sonne mit einem bestimmten Sterhbild, symbo- 
lisch ausgedriickt wird ein Ereignis in der Menschheitsentwickelung, 
dann kann es wohl sein, daB die Triviallinge so etwas umkehren und 
meinen, daB alle auf die Menschheitsgeschichte sich beziehenden Er- 
eignis se fruiter mythisch gehullt worden waren in Vorgange, die von 
den Sternen hergenommen sind, wahrend man in Wahrheit dasjenige, 
was in der Menschheit vor sich ging, dadurch ausdriickte, daB man die 
Bilder hernahm von der Konstellation der Gestirne. In Wahrheit ist 
das Richtige immer umgekehrt von dem, was die Triviallinge lieben. 

Dieser Zusammenhang mit dem Kosmos ist etwas, was uns mit ei- 
ner gewissen Ehrfurcht erfullen sollte gegeniiber allem, was uns gesagt 
wird iiber die groBen Ereignisse der Menschheitsevolution, und was 
ausgedriickt wird in den Bildern, die hergenommen sind von dem 
kosmischenDasein. Aber es besteht doch ein geheimer Zusammenhang 
zwischen dem ganzen kosmischen Dasein und demjenigen, was sich 
im Menschendasein vollzieht. Es ist das, was auf der Erde sich voll- 
zieht, ein Spiegelbild dessen, was im Kosmos geschieht. 

So ist auch das Entgegenschreiten der Sonnenweisheit des Hermes 
und der Erdenweisheit des Moses, wie es in Agypten zum Ausdruck 
kommt, in gewisser Beziehung ein Abbild, ein Spiegelbild von Wir- 
kungsweisen im Kosmos drauBen. Denken Sie sich gewisse Wirkun- 
gen von der Sonne ausstrahlend zur Erde und andere Wirkungen von 
der Erde zuruckstrahlend in den Weltenraum, so wird es nicht einerlei 
sein, wo sich diese beiden Wirkungen im Raum begegnen; sondern je 
nachdem sie sich naher oder ferner begegnen, wird auch die Wirkung 
des ZusammentrefFens der ausgesendeten und zuriickgesendeten Strah- 
len eine verschiedene sein. Nun stellte man das ZusammenstoBen der 
Hermes-Weisheit mit der Moses-Weisheit im alten Agypten in den 
Mysterien in der Weise dar, daB es sich vergleichen lieB mit etwas, was 



im Grunde genommen im Kosmos auch schon dagewesen ist nach un- 
serer geisteswissenschaftlichenKosmologie. Wir wissen, daBurspriing- 
Hch eine Trennung von Sonne und Erde stattgefunden hat, daB dann 
die Erde noch eine Zeitlang mit dem Monde verbunden war, und daB 
dann ein Teil von der Erde sich hinausbewegte in den Raum und sie 
als unser heutiger Mond wieder verlassen hat. Da hat also die Erde 
einen Teil von sich als Mond wieder zuriickgeschickt in den Welten- 
raum, der Sonne zu. Wie ein solches «Herausstrahlen» der Erde ge- 
gen die Sonne zu, war auch der eigentiimliche Vorgang, als sich dieEr- 
denweisheit des Moses im Agyptertum begegnete mit der Sonnen- 
weisheit des Hermes. 

Es war die Moses- Weisheit in ihrem weiteren Verlaufe etwas, von 
dem man sagen kann, sie entwickelte sich als die Wissenschaft der 
Erde und des Menschen - eben als Erdenweisheit - nach der Trennung 
von der Sonnenweisheit weiter, aber in der Weise, daB sie der Sonne 
entgegenwuchs und aufnahm, was von der Sonne als direkte Weisheit 
kam und mit dem sie sich jetzt durchdrang. Aber nur bis zu einem ge- 
wissen Grade sollte sie sich mit der direkten Sonnenweisheit durch- 
dringen; dann sollte sie allein weiterschreiten und sich selbstandig ent- 
wickeln. Daher bleibt die Moses-Weisheit nur so lange in Agypten, 
bis sie genugsam aufnehmen konnte, was sie brauchte; dann erfolgte 
der «Auszug der Moseskinder aus Agypten », damit dasjenige, was als 
Sonnenweisheit von der Erdenweisheit aufgenommen worden ist, ver- 
daut und jetzt selbstandig weitergebracht wird. 

Wir haben also innerhalb der Moses-Weisheit zwei Glieder zu un- 
terscheiden: ein Glied, wo sich die Moses-Weisheit im SchoBe der 
Hermes- Weisheit entwickelt, gleichsam von alien Seiten von ihr um- 
geben ist und immerfort die Hermes- Weisheit aufnimmt; dann trennt 
sie sich von ihr und entwickelt sich abgesondert von ihr nach dem Aus- 
zug aus Agypten, entwickelt in ihrem eigenen SchoB die Hermes- 
Weisheit weiter und erreicht bei dieser Weiterentwickelung drei Etap- 
pen. Wohin soil sich die Moses-Weisheit entwickeln? Was ist ihre Auf- 
gabe? - Ihre Aufgabe soli sein, daB sie den Weg wieder zuruckfindet 
zur Sonne. Sie ist Erdenweisheit geworden. Moses wird geboren mit 
dem, was ihm Zarathustra gegeben hat als Erdenweiser. Er soil den 



Weg wieder zuriickflnden. Und er sucht ihn zuriick auf seinen ver- 
schiedenen Etappen, indem er sich impragniert in der ersten Etappe 
mit der Hermes-Weisheit; dann entwickelt er sich weiter. Was er auf 
diesem Wege durchmacht, laBt sich wieder am besten darstellen in Bil- 
dern kosmischer Vorgange. Wenn das, was auf der Erde geschieht, 
wieder zuriickstrahlt in den Raum, dann begegnet es auf dem Wege 
zur Sonne zuerst dem Merkur. Wir wissen ja, daB dasjenige, was in der 
gewohnlichen Astronomie Venus ist, nach der okkulten Terminologie 
Merkur genannt wird, und ebenso ist das, was gewohnlich Merkur 
genannt wird, im okkulten Sinne Venus. Man trim: also, wenn man 
von der Erde ausgeht der Sonne zu, zunachst das Merkurartige, dann 
auf dem weiteren Wege das Venusartige und dann das Sonnenhafte. 
Daher sollte Moses in inneren Seelenvorgangen das von Zarathustra 
Ererbte so entwickeln, daB es beim Riickzug wieder das Sonnenhafte 
finden konnte. Es muBte sich also bis zu einem bestimmten Grade her- 
anentwickeln. Was er als Weisheit gepflanzt hat in die weltliche Kultur, 
das muBte sich so entwickeln, wie es seinem Volke gegeben war. Da- 
her war sein Weg so, daB er dasjenige, was Hermes direkt brachte, wie 
in Radienstrahlen von der Sonne, auf dem Riickweg neu entwickelte, 
umgekehrt, nachdem er zunachst etwas von der Hermes- Weisheit auf- 
genommen hatte. 

Nun wird uns gesagt, daB Hermes, der spater Merkur, Thoth, ge- 
nannt wurde, seinem Volke Kunst und Wissenschaft gebracht hat, 
auBeres Weltwissen, auBere weltliche Kunst, in der Art, wie es sein 
Volk brauchen konnte. In anderer Art, gleichsam entgegengesetzt, 
sollte bis zu diesem Hermes-Merkur-Standpunkt Moses selber weiter- 
dringen, die Hermes-Weisheit riicklaufig selber ausbilden. Das ist dar- 
gestellt in dem Fortgang des hebraischen Volkes bis zu dem Punkte 
des Zeitalters und der Regierung des David, der uns entgegentritt als 
der konigliche Psalmensanger, als gottlicher Prophet, der als Gottes- 
mann wirkte wie als Schwerttrager und auch als Trager des Musik- 
instrumentes. David, der Hermes, der Merkurius des hebraischen Vol- 
kes, so wird er uns geschildert. So weit hat es jetzt jener Strom des 
hebraischen Volkstumes gebracht, daB er ein selbstandiges Hermes- 
tum oder Merkurtum hervorbrachte. Die aufgenommene Hermes- 



Weisheit war also im davidischen Zeitalter bis in die Region des Mer- 
kur gelangt. 

Weiterschreiten sollte die Weisheit des Moses auf der riicklaufigen 
Bahn bis zu dem Punkte, wo die Venusregion ist, wenn man so sagen 
darf. Die Venusregion kam fur den Hebraismus in jener Zeit, als 
die Moses-Weisheit, das heiBt das, was durch Jahrhunderte als diese 
Moses-Weisheit heruntergestromt war, sich verbinden muBte mit ei- 
nem ganz anderen Element, mit einer Weisheitsrichtung, die gleich- 
sam von der anderen Seite hergestrahlt war. So wie das, was von der 
Erde zuriickstrahlt in den Raum, auf dem Weg zur Sonne in einem 
Punkt die Venus triift, so traf die Moses-Weisheit zusammen mit dem, 
was auf der anderen Seite von Asien herubergestrahlt war, in der ba- 
bylonischen Gefangenschaft. Was sich wie in abgeschwachter Form 
kundgab in den Mysterien Babylons und Chaldaas, mit dem traf die 
Weisheit des hebraischen Volkes in ihrer besonderen Entwickelung 
zusammen in der babylonischen Gefangenschaft. Wie wenn ein Wan- 
derer, der ausgegangen ware von der Erde und gewuBt hatte, was auf 
der Erde ist, die Region des Merkur durchdrungen hatte und gekom- 
men ware in die Region der Venus, um auf der Venus das auf sie fal- 
lende Sonnenlicht zu empfangen, so empfing die Moses-Weisheit das- 
jenige, was direkt ausgegangen war aus den Heiligtumern des Zara- 
thustrismus und sich in abgeschwachter Gestalt fortgepflanzt hatte in 
den Mysterien und Weistumern der Chaldaer und Babylonier. Das 
empfing die Moses-Weisheit jetzt wahrend der babylonischen Gefan- 
genschaft. Da verband sich die Moses-Weisheit mit dem, was bis in 
die Gebiete des Euphrat und Tigris hinubergedrungen war. 

Da geschah abermals ein anderes. In der Tat war Moses zusammen- 
getrofFen mit dem, was einst von der Sonne ausgegangen war. Moses, 
nicht er selbst, aber das, was er seinem Volke mit seiner Weisheit hin- 
terlassen hatte, floB zusammen in den Statten, welche die Weisheit der 
Hebraer betreten muBte wahrend der babylonischen Gefangenschaft, 
es floJB zusammen direkt mit dem Sonnenhaften dieser Weisheit. Denn 
dort lehrte wahrend dieser Zeit in den Mysterienstatten am Euphrat 
und Tigris, mit denen damals die hebraischen Weisen bekannt wurden, 
der wiederinkarnierte Zarathustra. Ungefahr zur Zeit der babyloni- 



schen Gefangenschaft war Zarathustra selber inkarniert, und dort 
lehrte er, der einen Teil seiner Weisheit abgegeben hatte, um einen Teil 
davon wiederzubekommen. Er selber inkamierte sich ja immer wieder, 
und wurde so, in seiner Inkarnation als Zarathas oder Nazarathos, der 
Lehrer der in die babylonische Gefangenschaft hinabgefuhrten Juden, 
die mit den Heiligtiimern dieser Gegenden bekannt wurden. 

So kam die Moses-Weisheit in ihrem FortflieBen, in ihrem Fortstro- 
men zusammen mit dem, was Zarathustra selbst hat werden konnen, 
nachdem er von den weiter abgelegenen Mysterienstatten hingezogen 
war in die Statten Vorderasiens. Denn dort wurde er der Lehrer der 
initiierten Schuler Chaldaas, sowohl einzelner eingeweihter Lehrer als 
auch der Lehrer derjenigen, die jetzt empfingen die Befruchtung ihrer 
Moses-Weisheit mit jenem Strome, der ihnen dadurch entgegenkom- 
men konnte, daB sie das, was Zarathustra einst ihrem Ahnherrn, dem 
Moses, gelehrt hatte, jetzt wiederempfangen konnten von Zarathustra 
selbst in seiner Inkarnation als Zarathas oder Nazarathos. Diese 
Schicksale hatte die Moses-Weisheit durchgemacht. Sie hatte in der 
Tat ihren Ursprung bei Zarathustra; sie war versetzt worden in ein 
fremdes Gebiet. Es war, wie wenn ein Sonnenwesen mit verbundenen 
Augen herabgetragen wurde auf die Erde und nun im Ruckmarsch 
alles wieder suchen muBte, was es verloren hatte. 

So war Moses der Schuler Zarathustras. Er fand sich in seinem Da- 
sein in der agyptischen Kultur so, daB alles, was ihm Zarathustra einst 
gegeben hatte, aufgeleuchtet war in seinem Inneren. Aber es war so, 
wie wenn er nicht gewuBt hatte, woher es ihm, abgesondert auf dem 
Erdeninselfelde aufleuchtete. Und entgegen ging er demjenigen, was 
einstmals Sonne war. Entgegen ging er innerhalb Agyptens der Her- 
mes-Weisheit, die auf direkte Weise brachte, was Zarathustra- Weis- 
heit war, nicht auf dem reflektierten Wege wie Moses. Und nachdem 
er geniigend davon aufgenommen hatte, entwickelte sich der Strom 
der Moses-Weisheit in direkter Weise weiter. Und indem er im davidi- 
schen Zeitalter ein direktes Hermestum, eine eigene Wissenschaft und 
Kunst begriindete, ging er der Sonne entgegen, von der er ausge- 
gangen war in einer Gestalt, in der er sich zuerst verhiillt zeigen 
muBte. 



In den altbabylonischen Lehrstatten, wo er auch der Lehrer des Py- 
thagoras war, da konnte Zarathustra nur so lehren, wie es iiberhaupt 
moglich ist zu lehren in einem bestimmten Korper, da man angewie- 
sen ist auf die Werkzeuge dieses betreffenden Korpers. Sollte Zarathu- 
stra die voile Sonnenhaftigkeit, die er einstmals zum Ausdruck ge- 
brachthatte und iibertragen hatte an Hermes und Moses, in einer neuen 
Gestalt zum Ausdrucke bringen, welche dem Fortschritte der Zeit an- 
gemessen war, dann muBte er eine korperliche Hiille haben, die ein 
wiirdiges Instrument war, die dem fortgeschrittenen Zeitalter ange- 
messen war. Nur in einer Gestalt, die bedingt war durch einen Korper, 
wie er im alten Babylon hervorgebracht war, konnte Zarathustra alles 
dasjenige wieder hervorbringen, was er iibertragen konnte auf Pytha- 
goras, auf die hebraischen Gelehrten und auf die chaldaischen und 
babylonischen Weisen, die damals im 6. vorchristlichen Jahrhundert 
imstande waren, ihn zu horen. Es war mit dem, was Zarathustra 
lehren konnte, wirklich so, wie wenn das Sonnenlicht erst aufgefangen 
wurde von der Venus und nicht direkt auf die Erde kommen konnte; 
es war, wie wenn die Zarathustra-Weisheit nicht in ureigener Gestalt, 
sondern erst in abgeschwachter Gestalt sich zeigen konnte. Denn damit 
die Zarathustra-Weisheit in ureigener Gestalt wirksam sein konnte, da- 
zu muBte sich Zarathustra erst umgeben mit einem geeigneten Korper. 
Dieser geeignete Korper konnte nur zustande kommen auf eine ganz 
eigene Weise, die man etwa in folgender Art charakterisieren konnte. 

Wir haben gestem gesagt, daB es drei verschiedene Volksseelen- 
arten in Asien gab : die indische im Siiden, die iranische und die nord- 
asiatisch-turanische. Wir haben darauf hingewiesen, daB diese drei 
Seelenarten dadurch entstanden sind, daB der nordliche Strom der at- 
lantischen Bevolkerung nach Asien sich hiniiberbewegt hat und dort 
ausgestrahlt ist. Ein anderer Strom ging aber durch Afrika hindurch 
und sandte seine letzten Auslaufer bis in das turanische Element hin- 
iiber. Und wo der nordliche Strom, der von der Atlantis nach Asien 
zog, und die andere Stromung, die sich von der Atlantis durch Afrika 
ausbreitete, zusammenstieBen, da entstand eine eigentumliche Mi- 
schung, da bildete sich ein Volkstum heraus, aus dem das spatere 
Hebraertum entstanden ist. Mit diesem Volkstum geschah etwas ganz 



Besonderes. Alles das, wovon wir gesagt haben, daB es wie ein astra- 
lisch-atherisches Hellsehen in der Dekadenz zunickgeblieben war bei 
gewissen Volkerschaften und in dieser Gestalt ein Schlimmes gewor- 
den war, indem es als auBerliches Hellsehen wie in einer letzten Phase 
auftrat, das alles schlug sich innerhalb derjenigen Leute, die zum he- 
braischen Volke wurden, nach innen. Es nahm eine ganz andere Rich- 
tung an. Statt daB es in auBerer Wirkung als die Reste des alten adan- 
tischen Hellsehens sich in einem niederen astralischen Hellsehen zeigte, 
trat es bei diesem Volke so auf, daB es im Inneren des Leibes organisie- 
rend wirkte. Was auBerlich etwas Dekadentes war, was deshalb, weil 
es konservativ geblieben war, ein dekadentes Element des Hellsehens, 
etwas mit ahrimanischem Element Durchzogenes geworden war, das 
war in richtiger Weise fortgeschritten, indem es eine im Inneren des 
Menschen wirksame Kraft geworden war, die im Inneren des Men- 
schen organisierte. Es lebte sich beim hebraischen Volke nicht aus in 
einem zuriickgebliebenen Hellsehertum, sondern es organisierte die 
Leiblichkeit um und machte sie dadurch in bewuBter Weise vollkom- 
mener. Alles, was im Turaniertum dekadent war, das wirkte fort- 
scharTend und umgestaltend beim hebraischen Volke. 

Deshalb diirfen wir sagen : In der Leiblichkeit des hebraischen Vol- 
kes, die sich durch die Vererbung in der Blutsverwandtschaft fortge- 
pflanzt hatte von Generation zu Generation, wirkte alles, was als au- 
Bere Anschauung seine Zeit erfiillt hatte, was nicht mehr auBere An- 
schauung sein sollte, was auf einen anderen Schauplatz treten sollte, 
um in seinem rechten Element zu sein. Was den Atlantiern die Kraft 
gegeben hatte, geistig hineinzuschauen in den Raum und in geistige 
Gebiete, was verwildert war bei den Turaniern als hellseherischer Rest, 
das alles wirkte bei diesem kleinen hebraischen Volke so, daB es nach 
innen schlug. Alles, was beim Atlantiertum gottlich-geistig war, wirkte 
beim hebraischen Volke im Inneren, bildete Organe, wirkte leibge- 
staltend und konnte daher auf blitzen innerhalb des Blutes des hebra- 
ischen Volkes als das gottliche BewuBtsein im Inneren. Es war beim 
hebraischen Volke so, wie wenn alles, was der Atlantier gesehen hat, 
wenn er den hellseherischen Blick in alle Richtungen des Raumes 
schickte, wie wenn das aufgetreten ware, ganz nach innen geschlagen, 



im Innersten als OrganbewuBtsein des hebraischen Volkes, als das 
Jahve- oder Jehova-BewuBtsein, als das GottesbewuBtsein im Inneren. 
Mit seinem Blute vereinigt fand dieses Volk den Gott, der ausgebreitet 
war im Raum, fand sich durchdrungen, impragniert mit dem Gott, 
der im Raum ausgebreitet war, und es wuBte, daB dieser Gott in sei- 
nem Inneren, in der Pulsation seines Blutes lebt. 

Indem wir also auf der einen Seite Iraniertum und Turaniertum ent- 
gegengestellt sehen, wie wir es gestern charakterisiert haben, und in- 
dem wir nun Turaniertum und Hebraertum einander gegeniiberstellen, 
sehen wir dasjenige, was bei den Turaniern dekadent ist, in seinem 
Fortschritt und in seinem Elemente, wie es spater sein muBte, im Blut 
des hebraischen Volkes pulsieren. So, daB es innerlich gefuhlt wird, 
lebt alles das auf, was der Atlantier gesehen hat. Und in einem einzi- 
gen Worte schlieBt es sich zusammen, in dem Worte Jahve oder Je- 
hova. Wie in einem einzigen Punkt, wie in ein einziges Zentrum des 
GottesbewuBtseins zusammengedrangt, lebt durch die Generationen 
Abrahams, Isaaks, Jakobs und so weiter heruntergehend, im Blute der 
Generationen, unsichtbar, aber innerlich gefuhlt, der Gott, der hinter 
alien Wesen sich gezeigt hat fur das atlantische Hellsehen, der jetzt der 
Gott im Blute Abrahams, Isaaks und Jakobs war und diese Generatio- 
nen fiihrte von Schicksal zu Schicksal. Es war auf diese Weise das 
AuBere innerlich geworden; es wurde erlebt, nicht mehr geschaut, und 
es wurde nicht mehr mit einzelnen verschiedenen Namen bezeichnet, 
sondern mit einem Einzelnamen, mit dem: «Ich bin der Ich-bin!» Es 
hatte eine ganz andere Gestalt angenommen. Wahrend es der Mensch 
in der atlantischen Zeit uberall fand, wo er nicht war - drauBen in der 
Welt fand es der Mensch jetzt da, wo er sein Zentrum hatte, in sei- 
nem Ich, und fuhlte es in dem Blute, das durch die Generationen rinnt. 
Es ist der groBe Gott der Welt jetzt geworden jener Gott des hebra- 
ischen Volkes, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der im Blute 
durch die Generationen rinnt. 

So wird jenes Volkstum begrundet, das wir in seiner eigentum- 
lichen inneren Mission fur die Menschheitsevolution morgen betrach- 
ten werden. Wir haben heute nur andeuten konnen den allerersten 
Punkt der Blutsbeschaffenheit dieses Volkes, wo zusammengedrangt 



ist im Inneren alles, was einst der Mensch in der atlantischen Zeit von 
auBen hat auf skh eindringen lassen. Wir werden sehen, welche Ge- 
heimnisse sich in dem vollziehen, was damit nur angeschlagen ist, und 
wir werden die eigentumliche Natur jenes Volkes kennenlernen, aus 
welchem Zarathustra seinen Korper nehmen konnte zu dem Wesen, 
das wir als den Jesus von Nazareth bezeichnen. 



DRITTER VORTRAG 



Bern, 3. September 1910 



Bevor wir heute zu unserem Thema ubergehen, mochte ich eine kleine 
Erganzung geben zu dem gestern Gesagten. Ich machte darauf auf- 
merksam, wie in den Vorgangen der Menschheitsentwickelung, na- 
mentlich in den groBen bedeutungsvollen Vorgangen unseres Daseins, 
etwas zu sehen ist, was sich charakteristisch ausdriicken laBt durch eine 
Sprache, die hergenommen ist von den Vorgangen im Kosmos. Ich er- 
wahnte, wie unmoglich es ist, klar, deutlich und auch eingehend das- 
jenige, was in bezug auf die groBen Geheimnisse zu sagen ist, in ge- 
wohnliche Worte zu kleiden. 

Wenn wir jenen bedeutungsvollen Vorgang charakterisieren wollen, 
den wir nennen konnen die Wechselwirkung zwischen den zwei gro- 
Ben Schulern des Zarathustra, zwischen Hermes oder Thoth und Mo- 
ses, so konnen wir dies am besten dadurch tun, daB wir ihn darstellen 
als die Wiederholung eines groBen kosmischen Vorganges, wobei wir 
diesen letzteren allerdings so auffassen miissen, daB er uns im Sinne der 
okkulten Weisheit, im Sinne der Geheimwissenschaft erscheint. Blik- 
ken wir, um diesen kosmischen Vorgang zunachst vor uns zu haben, 
wiederholentlich zuriick auf jene Zeit, da sich unsere Erde von ihrer 
Sonne getrennt hat, wo beide also sozusagen mit einem selbstandigen 
Zentrum ein eigenes Leben im Kosmos weiterfuhrten. Wir konnen 
uns diesen Vorgang so vorstellen, daB wir uns die gesamte Substantia- 
lity der Erde und der Sonne in urferner Vergangenheit als ein Ganzes 
denken, gleichsam als einen groBen Weltenleib, und daB sich diese bei- 
den in urferner Vergangenheit trennten. Allerdings muB dabei immer 
im Auge behalten werden, daB wir dabei andere kosmische Vorgange 
unberiicksichtigt lassen, die der Trennung von Sonne und Erde paral- 
lel gingen, als die Abspaltung der anderen Planeten unseres Sonnen- 
systems. Fur unsere Zwecke konnen wir die Zeitverhaltnisse dieser 
anderen Trennungen zunachst unberiicksichtigt lassen und konnen 
sagen : Es fand also einmal eine Trennung in der Weise statt, daB die 
Sonne das eine Zentrum bildete und die Erde das andere. 



Wenn wir nun diesen Zeitpunkt der Erden-Sonnentrennung ins 
Auge fassen, miissen wir zunachst auch beriickskhtigen, daB wk hier- 
bei auf Zeiten zuriickblicken, in denen dasjenige, was jetzt als «Erde» 
bezeichnet ist, noch die Substantialitat unseres heutigen Mondes in 
sich, in ihrem eigenen SchoBe hatte, so daB da gleichsam Erde + Mond 
und Sonne einander gegeniiberstehen. Alles, was vor dieser Trennung 
an geistigen, physischen Kraften vorhanden war, spaltete sich in der 
Weise, daB gleichsam das grobere Element, die groberen, dichteren 
Wirksamkeiten mit der Erde gingen, wahrend die feineren, hoheren, 
geistig-atherischen Wirksamkeiten mit der Sonne gingen. Nun miissen 
wir uns vorstellen, daB eine langere Zeit hindurch Erde und Sonne 
voneinander getrennt ihre Lebensentwickelung durchmachten, daB 
zunachst alles, was von der Sonne ausging zur Erde hin, ganz anderer 
Natur war als etwa jene Wirkungen, welche heute von der Sonne auf 
die Erde herunter sich tatig erweisen. Da haben wir zuerst eine Art 
Erdendasein, ein Erdenleben, das sich sozusagen erweist als ein inne- 
res, verschlossenes Erdenleben, welches wenig annimmt von dem Son- 
nenleben, von dem, was da geistig und in seinem Ausdruck physisch 
von der Sonne auf die Erde herunterstrahlt. 

In dieser ersten Zeit der Sonnen-Erdentrennung war es ja so, daB 
die Erde gewissermaBen einer Vertrocknung, einer Verdorrung, einer 
Mumifizierung entgegenging. Und wenn es so geblieben ware, daB die 
Erde den Mond in ihrem SchoB behalten hatte, so ware das Leben, das 
heute auf der Erde besteht, niemals moglich geworden. Wahrend die 
Erde noch den Mond in sich hatte, konnte das Sonnenleben sich nicht 
in vollem MaBe wirksam erweisen; das konnte es erst spater, nachdem 
die Erde dasjenige, was heute Mond ist, von sich abgesondert hatte, 
und gerade so die geistigen Wesenheiten, die mit dem Mond verbun- 
den sind, aus sich heraussonderte, wie auch die Substantialitat des 
Mondes von der Erde abgesondert worden ist. 

Nun ist aber mit dieser Trennung des Mondes von der Erde noch 
etwas anderes verbunden. Wir miissen uns ja klar sein, daB alles, was 
wir heute das Leben auf unserer Erde nennen, sich langsam und all- 
mahlich entwickelt hat. Und wir geben in der Geisteswissenschaft auch 
die aufeinanderfolgenden Zustande an, wie sie sich herangebildet und 



entfaltet haben, welche das Erdenleben moglich machten. Da haben 
wir zuerst das alte Saturndasein, dann das alte Sonnendasein, das alte 
Mondendasein und zuletzt erst unser Erdendasein. Also demjenigen, 
was wir als Sonnentrennung oder auch als vorhergehendes Zusammen- 
sein der Erde mit der Sonne bezeichnen, dem gingen andere Entwicke- 
lungsprozesse voran von ganz anderer Natur, namlich das Saturn-, 
Sonnen-, Mondendasein, aus dem sich dann erst unser Erdendasein 
entwickelte. Und als die Erde in der jetzigen Gestalt beginnt, da ist sie 
noch verbunden mit der Substanz aller Planeten, die zu unserem Son- 
nensystem gehoren und die sich erst sparer herausdifferenzieren. Diese 
Herausdifferenzierung ist ein Ergebnis von Kraften, die wahrend des 
Saturn-, Sonnen- und Mondendaseins gewirkt haben. 

Nun wissen wir, daB wahrend des Saturndaseins nicht eine solche 
Konfiguration der Materie, des Stoffes vorhanden war, wie es heute 
der Fall ist. Feste Korper, fliissige oder wasserige Korper, sogar gas- 
formige, dampfformige oder luftformige Korper waren auf dem alten 
Saturn noch nicht vorhanden. Er war lediglich in seinem ganzen Ge- 
fiige etwas, was nur in Warme vorhanden war. Eine bloBe Warme- 
diflferenzierung, eine bloBe Warmestruktur war auf diesem alten Sa- 
turn vorhanden. Wir konnen daher sagen: Der alte Saturn hatte nur 
einen Warmeleib, und alles, was sich auf ihm entwickelte, entwickelte 
sich in dem Element der Warme. Ich brauche hier nicht zu wiederho- 
len, daB derjenige, der so etwas sagt, ganz genau weiB, wie unmoglich 
es fur die heutige Physik ist, sich einen solchen bloB aus Warme be- 
stehenden Leib zu denken, wie ja uberhaupt « Warme » fur die heutige 
Physik nur ein Zustand, aber nicht etwas Substantielles ist. Aber es 
geht uns hier nicht die heutige Physik etwas an, sondern allein das, was 
die Wahrheit 1st. 

Nun geht die Entwickelung vorwarts von dem Warmeleib des Sa- 
turn zu dem spateren alten Sonnenzustand. Da verdichtet sich gewis- 
sermaBen, wie es in der «Geheimwissenschaft im UmriB» dargestellt 
ist, der Warmeleib des Saturn. EinTeil der Warme bleibt naturlich vor- 
handen; aber es verdichtet sich der Warmeleib zum Teil zum gasigen, 
luftformigen Zustand der Sonne. Aber damit ist nicht nur eine Ver- 
dichtung verkniipft, sondern auch eine Verdiinnung; es findet dabei 



auch statt eine Hinaufentwickelung zum Licht. Wir konnen daher 
sagen : Wenn wir himiberschreiten von dem Warmezustand des alten 
Saturn zum Sonnenzustand, so kommen wir da zu einem Welten- 
korper, der in sich hat Luft, Warme und Licht. 

Und wenn wir dann von der Sonne weiterschreiten zu dem alten 
Mondenzustand, der unserem Erdenzustand vorangegangen ist, so 
finden wir, daB wiederum eine Verdichtung eintritt; wir finden jetzt 
nicht nur einen gasigen oder luftformigen Zustand, sondern daneben 
auch einen wasserigen Zustand. Aber nach der anderen Seite, gleich- 
sam nach der Vergeistigung, nach der Atherisierung hin, ist auch eine 
Veranderung eingetreten. Wir sehen, daB nicht nur Licht vorhanden 
ist wahrend des Mondenzustandes, sondern auch dasjenige, was man 
Klangather nennt, der identisch ist mit dem heutigen chemischen Ather. 
Was hier als Klangather bezeichnet wird, ist nicht dasselbe, was wir 
physisch als Klang oder Ton bezeichnen. Dieses letztere ist nur ein 
Abglanz dessen, was das hellseherische Vermogen als die Harmonie 
der Spharen, als atherischen Ton empfindet, der durch die Welt webt 
und lebt. Wir sprechen daher von etwas viel Geistigerem, von etwas 
viel Atherischerem, wenn wir von diesem Ather und diesem Klange 
selbst sprechen. 

Dann kommen wir von dem alten Mondendasein zu dem Erdenzu- 
stand. Da findet die Verdichtung zum Festen statt. Solche festen Kor- 
per, wie sie auf der Erde sind, gab es auf dem alten Mond nicht. Das ist 
erst ein Zustand, der sich auf der Erde gebildet hat. So haben wir jetzt 
auf der Erde Warme, Gasformiges oder Luftformiges, Wasseriges oder 
Fliissiges und feste Korper, und auf der anderen Seite haben wir Licht- 
ather, Klangather und dann Lebensather. Das ist dasjenige, wozu es die 
Entwickelung auf der Erde gebracht hat. Wir haben auf der Erde also 
sieben Zustande elementarischer Natur, wie wir auf dem alten Saturn 
nur einen einzigen, einen mittleren, den Warmezustand haben. Daher 
haben wir uns unsere Erde, als sie sich im Beginne ihres jetzigen Da- 
seins aus dem kosmischen Dunkel heraushebt, wo sie noch mit der 
Sonne und auch mit den anderen Planeten vereinigt war, vorzustelien 
als in diesen sieben elementarischen Zustanden webend und lebend. 
Mit der Sonnentrennung aber geschieht etwas sehr Merkwiirdiges. 



Fur das heutige auBere Leben, wie es sich darstellt unter den Wir- 
kungsweisen, die von der Sonne zur Erde hereinstrahlen, finder sich 
zwar Warme und Licht, aber unter diese Wirkungsweisen, die der 
wahrnehmbaren Sinneswelt angehoren und in das ganze Gebiet der 
sinnlichen Wahrnehmungen fallen, gehoren nicht die AuBerungen, die 
Offenbarungen des Klangathers und des Lebensathers. Aus diesem 
Grunde ist es auch, daB dasjenige, was wir die Wirkungen des Klang- 
athers nennen, sich nur in den chemischen Zusammensetzungen und 
Zersetzungen, also in den gegenseitigen Verhaltnissen des materiellen 
Daseins auBert. Und was wir die Wirkung des Lebensathers nennen, 
so wie er von der Sonne hereinstrahlt, kann nicht direkt wahrgenom- 
men werden vom Menschen in ahnlicher Weise, wie das Licht dem 
Menschen unmittelbar wahrnehmbar wird, indem er mit der sinnli- 
chen Wahrnehmung Helligkeit und Dunkelheit unterscheidet. Es 
wird das Leben wahrgenommen in seinen Wirkungen in den lebenden 
Wesenheiten, nicht aber wird der einstrahlende Lebensather direkt 
wahrgenommen. Daher ist auch die Wissenschaft gedrangt zu sagen, 
das Leben als solches sei ihr ein Ratsel. - So flnden wir, daB die zwei 
obersten Arten der atherischen Offenbarungen, Lebensather und Klang- 
ather, ob sie zwar von der Sonne ausgehen und zu dem Feinsten geho- 
ren, was von der Sonne ausgeht, doch nicht fur das Erdenwerden un- 
mittelbar offenbar werden. Da haben wir etwas, was, obwolil es von 
der Sonne herniederstrahlt, dem gewohnlichen Wahrnehmen verbor- 
gen ist. Fur alles, was im Klangather und Lebensather lebt, wird auf 
der Erde, auch fur die heutigen Verhaltnisse, sozusagen etwas mensch- 
liches Inneres wahrnehmbar. Nicht die unmittelbaren Wirkungen des 
Lebens und der Spharenharmonie werden auf der Erde wahrnehmbar, 
wohl aber wird wahrnehmbar das, was in der ganzen Konstitution des 
Menschen wirkt. 

Nun werde ich Ihnen das am leichtesten dadurch charakterisieren 
konnen, daB ich Sie noch einmal verweise auf die Entwickelung, wel- 
che der Mensch auf der Erde genommen hat. Wir wissen, daB in alten 
Zeiten bis in die atlantische Zeit hinein der Mensch begabt war mit 
einem unmittelbaren Hellsehen, durch das er mit seinem Wahrneh- 
mungsvermogen nicht nur eine Sinnenwelt schaute wie heute, sondern 



durch das er die geistigenHintergriinde des sinnlichenDaseins schauen 
konnte. Wodurch konnte er das ? Das war dadurch moglich, daB fiir 
die Menschen in jener alten Zeit ein Zwischenzustand vorhanden 
war, ein Zustand zwischen dem, was wir als unser heutiges Wachbe- 
wuBtsein vom Aufwachen bis zum Einschlafen haben, und demjeni- 
gen, was wir den Schlafzustand nennen. Im Wachzustande nirnmt der 
Mensch die physisch-sinnlichen Dinge wahr ; im Schlafzustande nimmt 
er - oder die Mehrzahl der Menschen - zunachst heute gar nichts wahr, 
da lebt er nur. Wiirden Sie freilich hellseherisch dieses Leben des Men- 
schen wahrend des Schlafzustandes untersuchen, so wiirden Sie sonder- 
bare Entdeckungen machen, sonderbar aber nur fiir den Menschen, 
der die Welt auBerlich betrachtet. 

Wahrend des Schlafzustandes ist der astralische Leib und das Ich des 
Menschen, das wissen wir, auBerhalb seines physischen Leibes und 
Atherleibes. Nun habe ich wiederholt darauf aufmerksam gemacht, 
daB man sich nicht vorstellen soil, daB der astralische Leib und das Ich, 
die in der Nacht auBerhalb des physischen und Atherleibes sind, etwa 
nur wie eine Nebelwolke, wie man gewohnlich sagt, ganz in der Nahe 
des physischen Leibes schweben. Was man als eine solche Nebelwolke 
zum Beispiel in dem Zustand eines niederen astralischen Hellsehens 
ansehen kann, und was wir den astralischen Leib nennen, das ist nur 
der grobste Anfang dessen, was der Mensch wahrend des Schlafzustan- 
des darstellt. Und wenn man diese Wolke in der Nahe des physischen 
und Atherleibes als das einzige ansehen wollte, wiirde man damit nur 
beweisen, daB man von den niedersten Formen des astralischen Hell- 
sehens ausgeht. Was der Mensch in Wirklichkeit wahrend des Schlafes 
ist, das ist weit ausgedehnt. In der Tat beginnen die Innenkrafte im 
astralischen Leibe und im Ich im Augenblicke des Einschlafens sich 
auszudehnen iiber das ganzeSonnensystem, sie werden einTeil des gan- 
zen Sonnensystems. Von iiberall her saugt der Mensch in seinen astra- 
lischen Leib und in sein Ich die Krafte zur Starkung dieses Lebens ein, 
wenn er im Schlafzustande ist, um sich dann beim Aufwachen wieder 
zusammenzuziehen in die engeren Grenzen seiner Haut und in diese 
das hineinzufiigen, was er in der Nacht herausgesogen hat aus dem 
Gesamtumfange des Sonnensystems. Deshalb nannten auch die mittel- 



alterlichen Okkultisten diesen geistigen Leib des Menschen den «astra- 
lischen» Leib, weil er verbunden ist mit den Sternenwelten und aus ih- 
nen seine Krafte saugt. So konnen wir sagen : Der Mensch ist tatsach- 
lich wahrend des Nachtschlafens ausgedehnt iiber das ganze Sonnen- 
system. 

Was durchdringt nun wahrend des Schlafes unseren astralischen 
Leib ? Wenn wir auBerhalb unseres physischenLeibes sind in derNacht, 
dann ist unser astralischer Leib durcblebt und durchwebt von den 
Spharenharmonien, von dem, was sonst sich nur im Ather, im Klang- 
ather verbreiten kann. Wie etwa au£ einer Metallplatte, die mit einem 
gewissen Staub bestreut worden ist, die Schwingungen, die die Luft 
durchpulsen, wenn man die Platte mit einem Violinbogen streicht, 
auch innerhalb dieses Staubes fortpulsieren und die bekannten Chlad- 
nischen Klangfiguren erzeugen, so durchzittern und durchpulsen den 
Menschen wahrend der Nacht die Spharenharmonien und bringen 
wieder in Ordnung, was der Mensch wahrend des Tages mit den au- 
Beren Sinneswahrnehmungen in Unordnung gebracht hat. Und was 
den Lebensather durchwebt und durchlebt, das durchpulst uns auch 
wahrend des Schlafzustandes, nur hat der Mensch keine Wahrneh- 
mung fur dieses innerliche Leben seiner Hiillen, wenn er vom physi- 
schen und Atherleibe getrennt ist. Im normalen Zustande besitzt der 
Mensch nur ein Wahrnehmen, wenn er wieder untertaucht in den 
physischen Leib und Atherleib und die auBeren Organe des Atherlei- 
bes zum Denken und die auBeren Organe des physischen Leibes zum 
sinnlichen Wahrnehmen benutzt. 

Aber in den alten Zeiten gab es eben Zwischenzustande zwischen Wa- 
chen und Schlafen, die heute nur auf abnorme Weise herbeigefiihrt 
werden konnen und im gewohnlichen Leben wegen der damit verbun- 
denen Gefahr auch gar nicht herbeigefiihrt werden sollen. In den at- 
lantischen Zeiten aber waren diese Wahrnehmungsfahigkeiten nor- 
malerweise entwickelt, es waren Zwischenzustande zwischen Wachen 
und Schlafen. Dadurch konnte sich der Mensch in dasjenige hinein- 
versetzen, was lebte und webte in der Spharenharmonie und in dem 
Lebensather. Mit anderen Worten: Der Mensch konnte in den alten 
Zeiten - wenn auch in den Erdenwirkungen die Spharenharmonie und 



das Leben sich nur in den auBeren Lebewesen zeigen - durch das alte 
Hellsehen wahrnehmen, was ihm die Sonne zustrahlte als Spharenhar- 
monie und als das den Raum durchpulsende Leben. 

Diese Moglichkeit horte nach und nach auf. Es schloB sich das Tor 
gegeniiber diesen Wahrnehmungen, als der Mensch die alte Hellsich- 
tigkeit verlor. Und damit trat dann allmahlich etwas anderes ein : die 
innere Kraft des Wissens, die innere Kraft des Erkennens. Erst da- 
durch lernte der Mensch innerlich nachsinnen, innerlich nachdenken. 
Alles, was wir heute im wachen Leben unser Nachdenken iiber die 
Dinge der physischen Welt nennen und soweiter, also unser eigentliches 
Innenleben, das entwickelte sich erst mit dem Schwinden der alten Hell- 
sichtigkeit. Ein solches Innenleben, wie es der Mensch heute hat, das in 
den Gefuhlen, Empfindungen, Gedanken und Vorstellungen verlauft 
und das im Grunde das Schopferische unserer Kultur ausmacht, hatte 
der Mensch in den ersten atlantischen Zeiten noch nicht. Er lebte in 
den Zwischenzustanden zwischen Wachen und Schlafen ausgegossen 
in eine geistige Welt, und die Sinnenwelt nahm er wie in einem Nebel 
wahr, jedenfalls war sie dem Verstandnis, den inneren Spiegelbildern 
des auBeren Lebens voUstandig entruckt. - Das auBere Leben steigt 
also auf, wahrend das alte Hellsehen allmahlich verschwindet. 

So konnen wir sagen: Es entwickelte sich in unserem Inneren etwas, 
was ein schwacher Abglanz dessen ist, was wir die Spharenharmonie 
nennen und die Wirkung des Lebensathers. Aber in demselben MaBe, 
wie sich der Mensch innerlich erfiillt fiihlte mit Empfindungen, mit 
Wahrnehmungen, die ihm die auBere Welt wiederholten und die sein 
heutiges Innenleben ausbildeten, in demselben MaBe schwand fur ihn 
die Spharenmusik. Und in demselben MaBe, wie sich der Mensch 
fiihlte als einelch-Wesenheit, schwand fur ihn hin dieWahrnehmung des 
die Welt durchpulsenden gottlichen Lebensathers. Der Mensch muBte 
sich den jetzigen Zustand dadurch erkaufen, daB er gewisse Seiten des 
auBeren Lebens verlor. So fiihlte der Mensch als Erdenwesen in sich 
abgeschlossen das Leben, das er als direkt von der Sonne ausstrahlend 
nicht mehr wahrnehmen konnte; und nur einen schwachen Abglanz 
hat er von dem gewaltigen kosmischen Leben, von Spharenklang und 
Lebensather, heute in seinem Innenleben. 



Auch fur das menschliche Erkennen entwickelte sich wie eine Wie- 
derholung das, was sich fur die Erde selbst entwickelt hat. Die Erde 
ware, als sie sich von der Sonne abgetrennt hatte, in sich verschlossen 
worden, ware verhartet worden, wenn sie weiter verbunden geblieben 
ware mit all den Substantialitaten, mit denen sie sich von der Sonne ge- 
trennt hatte. Die Sonne konnte mit ihren Wirkungen zunachst nicht 
in das Erdenwerden eingreifen, und das dauerte so lange, bis die Tren- 
nung des Mondes von der Erde eintrat. Deshalb haben wir in dem, 
was die Erde als Mond aus sich herauswarf, eine AbstoBung all der- 
jenigen Substantialitaten zu erblicken, welche es der Erde unmoglich 
machten, die direkten Sonnenwirkungen zu empfangen. Und indem 
sie den Mond aus sich heraussetzte, offhete sie dadurch ihr Sein und 
ihr Wesen erst so recht den Einfliissen, den Wirkungen der von ihr ge- 
trennten Sonne, kam gleichsam der Sonne entgegen. Entgegen jener 
Richtung, in der sich die Erde selbst von der Sonne getrennt hatte, 
schickte sie einen Teil ihres eigenen Wesens, den Mond, der dann die 
Wirkung des Sonnenwesens der Erde reflektiert wiedergab, wie er 
auBerlich das Licht wiedergibt. In der Abspaltung des Mondes von der 
Erde liegt also etwas hochst Bedeutungsvolles vor: das Sich-OfFnen 
der Erde gegeniiber den Sonnenwirkungen. 

Was so kosmisch geschah, das muBte auch eintreten ~ sich wieder- 
holend - fiir das Menschenleben. Die Erde hatte sich langst geoffhet 
dem Sonnenwirken, da war erst der richtige Zeitpunkt gekommen, 
wo sich der Mensch abschlieBen muBte den unmittelbaren Sonnen- 
wirkungen. Die unmittelbaren Sonnenwirkungen waren fur die atlan- 
tischen Menschen noch vorhanden in ihrem Hellsehen; da empflngen 
die Atlantier das, was von der Sonne hereinstrahlte. Und wie fur die 
Erde eine Zeit eintrat, wo sie anfing sich zu verharten, so trat fur den 
Menschen eine Zeit ein, wo er sich zuriickzog, ein Innenleben entwik- 
kelte und sich nicht der Sonnenwirkung mehr offhen konnte. Und die- 
ser ProzeB der Heranbildung eines Innenlebens, wo sich der Mensch 
nicht der Sonne offhen konnte und nur in sich selber das entwickeln 
konnte, was ein schwacher Abglanz war der Wirkungen des Lebens- 
athers, des Klangathers, der Spharenharmonie, diese Zeit dauerte lange 
bis in die nachatlantische Zeit hinein. 



So gab es also in den ersten Zeiten der atlantischen Entwickelung 
ein unmittelbares Wahrnehmen der Sonnenwirkungen. Dann ver- 
schlossen sich die Menschen diesen Wirkungen. Und als dieselben 
nicht mehr in den Menschen hereindringen konnten, wahrend das 
menschliche Innenleben dafiir immer mehr und mehr aufbluhte, da 
waren es nur die heiligen Mysterien, welche ihre Bekenner so zur Ent- 
wickelung der geistigen Krafte brachten, daB der Mensch sozusagen 
entgegen den normalen Erdverhaltnissen, durch das, was man mit 
Joga bezeichnen kann, die Sonnenwirkungen unmittelbar wahrneh- 
men konnte. Daher entwkkelten sich in der zweiten Halfte der adan- 
tischen Zeit die mit Recht Orakel genannten Statten innerhalb des 
adantischen Landes, wo innerhalb einer Menschheit, die normaler- 
weise nicht mehr die direkten Wirkungen des Klangathers und des 
Lebensathers wahrnehmen konnte, solche Schuler und Bekenner der 
heiligen Weisheit ausgebildet wurden, die dadurch, daB sie das bloBe 
sinnliche Wahrnehmen zunachst unterdriickten, die Offenbarungen 
des Klangathers und des Lebensathers wahrnehmen konnten. Und 
diese Moglichkeit blieb erhalten fur die wirklichen Statten der Ge- 
heimwissenschaft in der nachatiantischen Zeit. Es ist ja so stark ge- 
blieben, daB selbst die auBere Wissenschaft, ob sie es zwar nicht ver- 
steht, noch eine Uberlieferung aus der Schule des Pythagoras bewahrt 
hat, die dahin geht, daB man die Spharenharmonien horen kann. Nur 
verwandelt die auBere Wissenschaft so etwas wie die Spharenharmonie 
gleich in ein Abstraktum - was sie aber nicht war - und denkt nur 
nicht das, was sie ist. Denn in Wirklichkeit verstand man in den Pytha- 
goreerschulen unter der Fahigkeit der Wahrnehmung der Spharen- 
harmonie das reale Sich-wieder-OrTnen der menschlichen Wesenheit 
dem Klangather, der Spharenharmonie, und dem realen gottlichen 
Lebensather. 

Nun war gerade derjenige, der am gewaltigsten, am groBartigsten 
darauf hinwies, daB hinter der Wirksamkeit der Sonne, wie sie auf die 
Erde hereinstrahlt mit ihrem Licht und ihrer Warme, noch etwas 
anderes ist, etwas, das Klangeswirksamkeit, ja Lebenswirksamkeit ist, 
die sich im menschlichen Innenleben eben nur in einem schwachen 
Abglanz geltend machen, Zarathustra oder Zoroaster. Und wenn wir 



seine Lehre in eine Sprache iibersetzen wollen, die von unseren heuti- 
gen Worten genommen ist, so konnen wir sagen, er hat seine Schuler 
folgendes gelehrt: Wenn ihr hinaufschaut zur Sonne, so nehmt ihr die 
wohltatige Warme wahr und das wohltatige Licht, das der Erde zu- 
strahlt; wenn ihr aber hohere Organe entwickelt, wenn ihr geistiges 
Wahrnehmen entwickelt, so konnt ihr das Sonnenwesen wahrnehmen, 
das hinter dem physischen Sonnenleben ist; und dann nehmt ihr wahr 
Klangeswirkungen und in den Klangeswirkungen Lebenssinn! - Was 
so als Geistiges hinter den physischen Sonnenwirkungen als Nachstes 
wahrzunehmen war, das bezeichnete Zarathustra fur seine Schuler als 
Ormuzd, als Ahura Mazdao, als die GroBe Aura der Sonne. Wir wer- 
den es daher begreif lich finden, daB man in der Ubersetzung das Wort 
Ahura Mazdao auch die «groBe Weisheit» nennen kann, im Gegen- 
satz zu dem, was der Mensch heute in sich als die kleine Weisheit ent- 
wickelt. Die groBe Weisheit ist die, welche er wahrnimmt, wenn er die 
Geistigkeit der Sonne, die groBe Sonnenaura wahrnimmt. 

So konnte ein Dichter, auf alte Zeiten der Menschheitsentwickelung 
blickend, hinweisen auf dasjenige, was fur den Geistesforscher eine 
Wahrheit ist, und sagen : 

«Die Sonne tont nach alter Weise 
In Bruderspharen Wettgesang, 
Und ihre vorgeschriebne Reise 
Vollendet sie mit Donnergang.» 

Asthetlinge werden das natiirlich fur etwas Gesuchtes halten. Sie 
haben es so gern, wenn man sagt, es sei dichterische Freiheit, wenn 
Goethe die Sonne tonen laBt. Sie ahnen nicht, was ein Dichter im Sinne 
Goethes ist, der nur Realitaten schildert, wenn er sagt: «Die Sonne 
tont nach alter Weise », das heiBt nach der Weise, wie sie die alte 
Menschheit gekannt hat. Denn so tont sie auch heute noch fur den, der 
eingeweiht ist. 

Darauf hatte Zarathustra seine Schuler hingewiesen. Er hatte natiir- 
lich unter seinen Schiilern besonders die zwei auf diese gewaltige Tat- 
sache hingewiesen, die wir als seine intimsten Schuler bezeichnen konn- 
ten, die dann in ihren Wiederverkorperungen als Hermes und Moses 



erschienen sind. Aber auf zwei ganz verschiedene Arten hat er sie 
hingewiesen auf das, was hinter dem lichthaften Sonnenleib ist. Er 
hat den Hermes so darauf hingewiesen, daB dieser in dem verblieb, 
was unmittelbar von der Sonne herkommt, Und er hat den Moses so 
inspiriert, daB er wie in einer Erinnerung behielt, was das Geheimnis 
der Sonnenweisheit ist. 

Wenn wir nun im Sinne der «Geheimwissenschaft» uns vorstellen 
die Erde nach der Trennung von der Sonne, das Hinausgehen der 
Mondenkrafte von der Erde, und dieses alles nach dem Sich-Offhen der 
Erde gegen die Sonne, so haben wir in Venus und Merkur dasjenige, 
was mitten drinnen steht zwischen Erde und Sonne. Und wenn wir 
nun den ganzen Zwischenraum zwischen Sonne und Erde einteilen in 
drei Mittelglieder, so konnen wir sagen: Die Erde hat sich von der 
Sonne herausgetrennt; sie selber hat der Sonne entgegengeschickt 
den Mond. Es haben sich dann abgespalten von der Sonne und sind 
der Erde entgegengekommen Venus und Merkur, So daB wir also in 
Venus und Merkur etwas zu sehen haben, was von der Sonne heran- 
kommt an die Erde und in dem Mond etwas, was der Sonne entgegen- 
geht. 

Wie sich die kosmischen Verhaltnisse gestalten, so gestaiten sich, 
wie in einer Spiegelung, auch die Verhaltnisse in der Menschheitsent- 
wickelung. Wenn wir die Offenbarungen des Zarathustra als Sonnen- 
weisheit annehmen, die er auf der einen Seite dem Hermes, auf der ande- 
ren dem Moses vermittelte, so war dasjenige, was in Hermes lebte, 
weil er ja den astralischen Leib des Zarathustra in sich hatte, das von 
Zarathustra Ausstrahlende der Sonnenweisheit; und was in Moses 
lebte, war sozusagen abgeschlossen wie ein abgeschlossener Weisheits- 
planet, der sich erst entgegenentwickeln muBte dem, was direkt von 
der Sonne ausstrahlte. Wie also die Erdenwirksamkeit durch das Ab- 
geben des Mondes sich offnete der Sonnenwirksamkeit, so orTnete sich 
die Moses- Weisheit der direkt von Zarathustra ausstrahlenden Weis- 
heit, der Sonnenweisheit. Und diese beiden, die Erdenweisheit des 
Moses und die Sonnenweisheit des Zarathustra in Hermes, trafen zu- 
sammen in Agypten, wo das Mosestum mit dem Hermestum zusam- 
mentrifft. So daB wir dasjenige, was Moses aus sich selbst herausent- 



wickelte, was er, wie aus der Entf ernung von Zarathustra aufnehmend, 
in sich selber erweckte, ausstrahlte und seinem Volke xiberKeferte, 
analog aufzufassen haben dem Ausschleudern der Mondensubstan- 
tialitat von der Erde. 

Was Moses so als Weisheit fur sein Volk ausstrahlte, das konnen wir 
auch nennen nach dem Namen, der die Moses-Weisheit zusammenfaBt, 
die Jahve- oder Jehovaweisheit. Denn wenn wir den Namen Jahve 
oder Jehova in richtiger Weise verstehen, ist er wie ein Resume der ge- 
samten Moses-Weisheit. Wenn wir aber das so auffassen, wird uns 
auch verstandlich, warum die alten Traditionen Jahve oder Jehova 
eine Mondgottheit nennen. Diese Tatsache werden Sie in vielen Mit- 
teilungen finden, aber den Grund dafur konnen Sie erst einsehen, wenn 
Sie diese tiefen Zusammenhange auf sich wirken lassen. Wie die Erde 
das, was sie als Mond in sich enthielt, heraussetzte und der Sonne ent- 
gegenschickte, so muBte auch die Erdenweisheit des Moses dem Her- 
mes entgegengehen, der ja die unmittelbare Weisheit des Zarathustra 
besaB in dem von Zarathustra hingeopferten Astralleibe, und dann sich 
selber entwickeln. Wir haben schon charakterisiert, wie nach dieser Be- 
gegnung mit Hermes das Mosestum sich entwickelte bis in das davi- 
dische Zeitalter, und wie ein anderes, ein neues Hermestum oder Mer- 
kurtum erscheint in David, dem koniglichen Krieger und gottlichen 
Sanger des hebraischen Volkes. Und wir haben gesehen, wie das Moses- 
tum naher kommt dem Sonnenelement, als es sich neuerdings beriihrt 
wahrend der babylonischenGefangenschaft mit der ausstrahlendenSon- 
nenweisheit, weil Zarathustra unter dem Namen Zarathas oder Nazara- 
thos selber derLehrer der hebraischen Eingeweihten wahrend der baby- 
lonischen Gefangenschaft war. So sehen wir in der Moses-Weisheit 
etwas, was den ganzen kosmischen Gang der Erdentrennung von der 
Sonne und das, was mit der Erde hinterher geschehen ist, wiederholt. 

Solche Zusammenhange erschienen als etwas, was die alten Weisen 
des hebraischen Volkes und alle die, welche sie fuhlten, mit tiefster 
Ehrfurcht erfullte. Sie fuhlten etwas wie unmittelbare Offenbarungen, 
die ihnen aus den Weltenraumen und dem Weltensein selber entgegen- 
strahlten. Und eine solche Personlichkeit wie die des Moses erschien 
ihnen wie ein Sendbote der kosmischen Machte selber. Sie fuhlten es. 



Und so etwas mussen wir nachfiihlen, wenn wir wirklich die alten 
Zeiten verstehen wollen, sonst bleibt alles Verstehen nur eine leere 
Abstraktion. 

Nun handelt es sich datum, daB dasjenige, was so von Zarathustra 
ausgestrahlt ist und sich durch Hermes und Moses auf die Nachwelt 
ergossen hat, sich in einer entsprechenden Weise auch so fortentwik- 
keln konnte, daB es auf hoherer Stufe wiedererscheinen konnte in einer 
anderen Form, in einer hoheren Ausbildungsform. Dazu war not- 
wendig, daB Zarathustra selber, die Individualist, die vorher nur hin- 
geopfert hatte den astralischen Leib und den Atherleib, in einem phy- 
sischen Leibe auf der Erde erscheinen konnte, um auch diesen hinzu- 
opfern. Das ist ein Stufengang, ein schoner Stufengang. Erst lebte in 
uralten Zeiten Zarathustra auf seine Art und gab den Impuls der nach- 
atlantischen Entwickelung in der urpersischen, in der iranischen Kul- 
tur. Dann gab er seinen astralischen Leib ab, um eine nachste Kultur 
in Szene zu setzen durch Hermes, und er gab seinen Atherleib ab an 
Moses. So hatte er zwei seiner Hiillen hingeopfert. Nun muBte er auch 
noch Gelegenheit erhalten, seinen physischen Leib hinzuopfern. Denn 
das erforderte das groBe Geheimnis der Entwickelung der Mensch- 
heit, daB von einem Wesen die drei Leiber hingeopfert werden konn- 
ten. Fiir Hermes hatte Zarathustra hingeopfert seinen astralischen Leib, 
fur Moses seinen Atherleib. Das dritte, was ihm noch bevorstand, 
war die Hinopferung des physischen Leibes. Dazu bedurfte es beson- 
derer Veranstaltungen, dazu muBte der physische Leib des Zarathustra 
erst in besonderer Weise zubereitet sein. Und wir haben gestern schon 
darauf hingedeutet, wie durch das eigentumliche Leben beim hebra- 
ischen Volke durch Generationen hindurch jener physische Leib zu- 
bereitet wurde, der dann von Zarathustra hingeopfert werden konnte 
als sein drittes groBes Opfer. Dazu war notwendig, daB in dem hebra- 
ischen Volke alles, was sonst direkte auBere geistige Wahrnehmung, 
was astralisches Schauen war, was bei den turanischen Volkern in 
Dekadenz gekommen war, innerliche Wirksamkeit wurde. 

Das ist das Geheimnis des hebraischen Volkes. Wahrend bei den tu- 
ranischen Volkern die Krafte, welche Erbstiicke aus alter Zeit waren, 
der Zubereitung auBerer Hellseherorgane dienten, strahlten sie beim 



hebraischen Volke nach innen und organisierten die innere Leiblich- 
keit, so daB das hebraische Volk auser sehen war, im Inner en zu fiihlen 
und zu empfinden, was sonst geschaut worden war wahrend der adan- 
tischen Zeit, ausgebreitet uber den Sinnesraum hinter den einzelnen 
sinnlichen Dingen. Jahve oder Jehova, wie inn bewuBt ausspricht das 
hebraische Volk, ist der in einem Punkt zusammengefaBte «GroBe 
Geist», der hinter alien Dingen und Wesenheiten dem uralten Hell- 
sehen erschien. Auch das wird uns angedeutet, daB der Stammvater 
dieses althebraischen Volkes in einer ganz besonderen Art und Weise, 
eben als Stammvater, diese innere Organisation erhalten hat. 

Ich bemerke an dieser Stelle etwas, was ich auch schon ofter bemerkt 
habe : daB Sagen und Legenden, die in bildhafter Weise von den Tat- 
sachen erzahlen, die sich in alten Zeiten zugetragen haben, wahrer und 
zutrefTender sind als die heutige anthropologische Forschung, die aus 
den heutigen Ausgrabungen und einzelnen Denkmalsfetzen ein Bild 
des Weltenwerdens zusammensetzt. Die alten Legenden werden in den 
meisten Fallen bewahrheitet von dem, was wir die geisteswissen- 
schaftliche Forschung nennen. Ich sage «in den meisten » und nicht 
«in alien », weil ich es nicht untersucht habe, obwohl es sehr wahr- 
scheinlich iiberall da, wo es wirkliche alte Legenden sind, der Fall ist. 
So fiihrt uns auch das hebraische Volk, wenn wir seinem Ursprung 
nachgehen, nicht auf das zuriick, was heute eine anthropologische 
Forschung vermutet, sondern es fiihrt uns wirklich zuriick auf einen 
Stammvater, von dem uns die Bibel erzahlt. Das ist eine wirkliche Ge- 
stalt, dieser Abraham oder Abram, und es ist durchaus wahr, was die 
talmudische Legende von diesem Stammvater erzahlt. 

In dieser Legende wird uns der Vater des Abraham geschildert als 
ein Feldherr jener sagenhaften, aber wiederum wirklichen Person- 
lichkeit, die in der Bibel als «Nimrod» bezeichnet wird. Und auf 
Grund eines Traumerlebnisses wird der Sohn seines Feldherrn dem 
Nimrod angekundigt von denen, die die Zeichen der Zeit verstehen, 
als eine Wesenheit, die viele Konige und Herrscher entthronen werde. 
Nimrod fiirchtet sich davor und befiehlt, daB der Sohn seines Feld- 
herrn getotet werde. Das erzahlt die Legende; das bestatigt uns die 
okkulte Forschung. Der Vater des Abraham ergreift eine Ausflucht 



und zeigt ein fremdes Kind dem Nimrod vor. Das eigene Kind aber, 
Abraham, wird in einer Hohle auferzogen. Und die Tatsache, daB wirk- 
lich Abraham der erste ist, der durch jene Krafte, die sonst fur die au- 
Beren hellseherischen Fahigkeiten Verwendung fanden, jetzt im Inne- 
ren jene organisatorische Kraft entwickelt, die zum inneren Gottes- 
bewuBtsein fiihren soil, diese Umkehrung der ganzen Kraftsumme 
wird angedeutet in der Legende dadurch, daB das Kind wahrend der 
drei Jahre, wo es in der Hohle auferzogen wird, Milch saugt durch 
Gottes Gnade aus seinem eigenen Finger der rechten Hand. Das 
Durch-sich-selber-Genahrtwerden, das Hineingehen der Krafte, welche 
friiher die alte Hellsichtigkeit bewirkt haben, in die innere Organi- 
sation des Menschen, das wird uns in dem Stammvater des hebra- 
ischen Volkes, in Abraham, in wunderbarer Weise charakterisiert. 
Solche Legenden wirken, wenn man ihren eigentlichen Grund erfahrt, 
mit einer solchen Kraft auf uns, daB wir uns sagen: Wir begreifen es, 
daB die alten Mitteiler dasjenige, was hinter den Legenden steht, nicht 
anders sagen konnten als in Bildern. Aber diese Bilder waren geeignet, 
wenn auch nicht das BewuBtsein, so doch die Gefuhle fur die groBen 
Tatsachen hervorzurufen. Und das geniigte fur die alten Zeiten. 

So ist Abraham derjenige, der zuerst den inneren Abglanz der gott- 
lichen Weisheit, des gottlichen Schauens, in so recht menschlicher 
Weise als menschliches Denken iiber das Gottliche entwickelt. Abram 
oder Abraham, wie er spater genannt wurde, hatte tatsachlich, was die 
okkulte Forschung immer zu betonen hat, eine andere physische Orga- 
nisation als alles, was sonst an Menschen um ihn herum lebte. Die 
Menschen ringsherum waren damals in ihrer Organisation nicht so, 
daB sie inneres Denken durch ein besonderes Werkzeug hatten aus- 
bilden konnen. Sie konnten Denken ausbilden, wenn sie leibfrei wur- 
den, wenn sie sozusagen in ihrem Atherleib Krafte entwickelten; wenn 
sie aber im physischen Leibe darinnen steckten, hatten sie noch nicht 
ausgebildet das Werkzeug des Denkens. Abraham ist in der Tat der 
erste, der in vorziiglicher Weise das physische Werkzeug des Denkens 
ausgebildet hatte. Daher wird er nicht mit Unrecht - auch das ist 
natiirlich wieder mit dem notigen granum salis zu verstehen - als der Er- 
finder der Arithmetik bezeichnet, der in vorziiglicher Weise auf das 



Instrument des physischen Leibes angewiesenen Gedankenwissen- 
schaft. Arithmetik ist etwas, was in seiner Form, wegen seiner inneren 
GewiBheit, nahe herantritt an das, was hellseherisch gewuBt werden 
kann. Aber es ist die Arithmetik angewiesen auf ein leibliches Organ. 

So haben wir hier einen tiefinneren Zusammenhang zwischen dem, 
was auBere Krafte bisher zum Hellsehen benutzten, und dem, was jetzt 
ein inneres Organ benutzt zum Denken. Das ist darin angedeutet, daB 
man Abraham als den Erfinder der Arithmetik kennzefchnet. Wir haben 
daher in Abraham diejenige Personlichkeit zu sehen, welche zuerst 
eingepflanzt erhalten hat das physische Organ des Denkens, jenes 
Organ, durch das der Mensch mit seinem physischen Denken sich er- 
heben konnte zu dem Gedanken an einen Gott. Fruher konnte der 
Mensch von Gott und gottlichem Dasein nur etwas wissen durch hell- 
seherische Beobachtung. Alles, was aus alter Zeit stammte an Wissen 
iiber Gott und gottliches Dasein, das entstammte hellseherischer Beob- 
achtung. Mit dem Gedanken sich zu erheben zum Gottlichen, dazu 
brauchte es eines physischen Werkzeuges; das ist dem Abraham zu- 
erst eingepflanzt gewesen. Und da es sich hier um ein physisches Organ 
handelt, so war auch das ganze Verhaltnis zur objektiven Welt und 
zur subjektiven Wesenheit des Menschen dieses Gottesgedankens, der 
durch ein physisches Werkzeug erfaBt wurde, ein anderes als fruher. 

Fruher hatte man in den Geheimschulen in der gottlichen Weisheit 
den Gottesgedanken erfaBt, und man konnte ihn uberliefern an den- 
jenigen, der dies auch konnte, wenn er dahin gebracht wurde, daB er 
Wahrnehmungen haben konnte im Atherleib, frei von den Organen 
des physischen Leibes. Soil aber das, was physisches Werkzeug ist, auf 
einen anderen iibergehen, so gibt es nur ein Mittel: die Vererbung in 
der physischen Organisation. Was also fur Abraham das Wichtigste, 
das Wesentlichste war, das physische Organ, das muBte, sollte es sich 
auf der Erde erhalten, in physischer Vererbung von Generation zu 
Generation fortgepflanzt werden, weil es eben ein physisches Organ 
war. So begreifen wir es, daB die Vererbung im Volke, sozusagen das 
Herunterrinnen dieser physischen Veranlagung durch das Blut der 
Generationen, ein so Wichtiges ist im hebraischen Volk. 

Was aber bei Abraham zuerst physische Veranlagung war, namlich 



AusmeiBelung, Auskristallisierung eines physischen Organs fur das 
Erfassen des Gottlichen, das muBte sich erst einleben. Indem es sich 
vererbte von Generation zu Generation, drang es immer tiefer in die 
menschliche Wesenheit ein und erfaBte dieselbe immer tiefer, je tiefer 
es sich vererbte. Wir konnen daher sagen: Was Abraham empfangen 
hatte zur Mission des hebraischenVolkes, das muBte sich vervollkomm- 
nen, das muBte, indem es von Mensch zu Mensch durch die Vererbung 
uberging, in der Fortentwickelung vollkommener werden. Es konnte 
aber das, was ein physisches Organ war, nur durch die Vererbung 
immer vollkommener werden. 

Sollte nun diejenige Wesenheit, die wir als die Individuality des 
Zarathustra zunachst kennengelernt haben, einen moglichst vollkom- 
menen physischen Leib haben, das heiBt einen physischen Leib, der 
auch diejenigen Organe hatte, die ein Werkzeug sein konnten zum Er- 
fassen des Gottesgedankens im physischen Menschenleibe, dann muBte 
auf die hochste Hohe gebracht werden, was als physisches Werk- 
zeug dem Abraham eingepflanzt worden war. Es muBte innerlich sich 
befestigen, muBte sich vererben und so sich entwickeln, daB daraus ein 
richtiger Leib fur den Zarathustra werden konnte mit all den Eigen- 
schaften, die Zarathustra brauchte in seinem physischen Leibe. Wenn 
aber der physische Leib eines Menschen in dieser Weise vollkommen 
werden soil, wenn er so brauchbar werden soli, wie er fur Zarathustra 
brauchbar sein sollte, dann durfte nicht bloB der physische Leib des 
Menschen vollkommener werden. Es ist naturlich unmoglich, daB fur 
sich allein, herausgerissen aus dem gesamten Menschen, nur der phy- 
sische Leib des Menschen vollkommen werde. Es muBten alle drei 
Hiillen nach und nach sich vervollkommnen durch physische Ver- 
erbung. Was also dem physischen Menschen, dem atherischen und dem 
astralischen Menschen auf dem Wege durch die physische Vererbung 
gegeben werden kann, das muBte ihm gegeben werden in den aufein- 
anderfolgenden Generationen. 

Nun besteht ein gewisses Gesetz innerhalb der Entwickelung. Die- 
ses Gesetz kennen wir fur die Entwickelung des einzelnen Menschen 
und haben es auch schon ofter charakterisiert. Wir haben gezeigt, wie 
beim Menschen ein besonderes Stuck seiner Entwickelung die Zeit 



ausmacht von der Geburt bis zum sechsten, siebenten Jahre : In diese 
Zeit fallt hinein die Entwickelung des physischen Leibes. Die Entwik- 
kelung des Atherleibes fallt in die Zeit vom sechsten, siebenten Jahre 
bis zum vierzehnten, funfzehnten. Von da ab bis zum einundzwanzig- 
sten, zweiundzwanzigsten Jahre haben wir dann die Entwickelung des 
astralischen Leibes. Das ist sozusagen die GesetzmaBigkeit, die durch 
die Siebenzahl bezeichnet wird, fur die Entwickelung des einzelnen 
Menschen. Eine ahnliche GesetzmaBigkeit besteht fur die Entwicke- 
lung der Menschheit der auBeren Hiillen durch die Generationen hin- 
durch, und wir werden auf die tieferen Gesetze dieses Vorganges noch 
hinzuweisen haben. Wahrend der einzelne Mensch im Verlaufe von je 
sieben Jahren eine Entwickelungsstufe durchmacht, bis zum siebenten 
Jahre seinen physischen Leib entwickelt, der wahrend dieser Zeit im- 
mer vollkommener und vollkommener wird, so wird das ganze Ge- 
fiige des physischen Leibes, wie es sich durch die Generationen hin- 
durch vervollkommnen kann, durch sieben Generationen hindurch zu 
einer gewissen Vollkommenheit gebracht. Aber die Vererbung ge- 
schieht nicht so, daB sie von einem Menschen auf den nachsten Nach- 
kommen iibergeht, nicht direkt von der einen auf die nachste Genera- 
tion. Es konnen die Eigenschaften, auf die es ankommt, nicht unmit- 
telbar vom Vater auf den Sohn, von der Mutter auf die Tochter iiber- 
gehen, sondern nur vom Vater auf den Enkel, also auf die zweite Gene- 
ration, dann auf die vierte Generation und so weiter. Also es kann sich 
die Vererbung nicht unmittelbar ausleben. Wir muBten es bei den Gene- 
rationen zu tun haben mit einer Vererbung in der Siebenzahl; aber da 
die Vererbung immer ein Glied iiberspringt, haben wir es in Wirklich- 
keit zu tun mit einer Vierzehnzahl. 

Was in Abraham veranlagt war als physische Leiblichkeit, das konnte 
auf seiner Hohe angelangt sein nach vierzehn Generationen. Sollten 
aber auch der Atherleib und der astralische Leib davon ergriffen wer- 
den, so muBte jene Entwickelung, die fur den einzelnen Menschen wei- 
tergeht vom siebenten bis zum vierzehnten Jahre, durch weitere sieben 
beziehungsweise vierzehn Generationen hindurchgehen. Und was fur 
den Menschen eine Entwickelung durch die nachsten sieben Jahre - 
vom vierzehnten ab - ist, das muBte wieder durch vierzehn Generatio- 



nen hindur chgehen. Das heiBt also : Was bei dem Stammvater Abraham 
veranlagt war als physische Organisation, das muBte sich ausleben durch 
dreimal sieben beziehungsweise dreimal vierzehn Generationen; dann 
war es so, daB es ergriffen hatte den physischen Leib, den Atherleib und 
den astralischen Leib. Durch dreimal vierzehn Generationen, das heiBt 
durch zweiundvierzig Generationen, ist es einem Menschen durch die 
Vererbung in der Generationenreihe moglich, daB er dasjenige voll- 
kommen im physischen Leibe, Atherleibe und astralischen Leibe aus- 
gebildet erhalt, was Abraham in der ersten Anlage erhalten hat. 

Gehen wir also von Abraham durch dreimal vierzehn Generationen 
hinunter, so haben wir einen Menschenleib, der in sich ganz durch- 
drungen, impragniert ist mit dem, was in der ersten Anlage bei Abra- 
ham vorhanden war. Dies erst konnte der Leib sein, den Zarathustra 
fur seine Verkorperung brauchen konnte. Das erzahlt uns auch der 
Schreiber des Matthaus-Evangeliums. Und in der Generationentafel, 
die er gibt, deutet er noch ausdrucklich darauf hin, daB er vierzehn 
Glieder aufzahlt von Abraham bis auf David, vierzehn von David bis 
zur babylonischen Gefangenschaft, und vierzehn von der babyloni- 
schen Gefangenschaft bis auf Christus. Durch diese dreimal vierzehn 
Glieder - wobei immer eines iibersprungen ist - ist in gewisser Weise 
ganz zur Ausbildung gelangt, was bei Abraham fur die Mission des 
hebraischen Volkes veranlagt war. Da ist es ganz in die Gliedrigkeit 
des Menschen eingepragt. Da heraus konnte der Leib genommen wer- 
den, den Zarathustra brauchte, um zur Verkorperung zu kommen in 
der Zeit, als er ein ganz Neues der Menschheit eroffnen sollte. 

So sehen wir, daB aus einer ganz besonderen Tiefe heraus der Be- 
ginn des Matthaus-Evangeliums geschdpft ist. Solche Dinge miissen 
wir aber erst verstehen. Wir miissen verstehen: Was uns mit diesen 
dreimal vierzehn Generationen gesagt ist, soil uns darauf hindeuten, 
wie in dem, was vererbt werden konnte von dem Joseph auf den Jesus 
von Nazareth, die Essenz dessen lebte, was in der ersten Anlage bei 
Abraham vorhanden war, was dann ausstrahlte in das ganze hebraische 
Volk und sich dann sammeln konnte in dem einen Instrument, in der 
einen Hulle, die die Hiille war fur Zarathustra, in dem sich verkorpern 
konnte der Christus. 



VIERTER VORTRAG 
Bern, 4. September 1910 



Nach dem, was wir gestern ausfuhren konnten, besteht ein groBer, be- 
deutungsvoller Unterschied zwischen dem, was man die Erkenntnis 
der geistigen Welt durch alle Zeiten hindurch nennen kann, und jener 
Art von Erkenntnis der gottlich-geistigen Welt, wie sie angestrebt 
werden konnte aus der besonderen Beschaffenheit, aus der besonderen 
Organisation gerade des hebraischen Volkes. Wir haben darauf hin- 
gewiesen, daB dieses hebraische Volk schon in seinem Stammvater 
Abraham oder Abram eine ganz besondere Organisation erhalten hat, 
die darin bestand, daB dem menschlichen Organismus eingeordnet wor- 
den ist ein physisches Werkzeug, ein physisches Organ, urn sozusagen 
durch die Mittel der Sinneserkenntnis, so weit das moglich ist, sich hin- 
aufzuerheben zu einer gewissen - nicht nur Ahnung, sondern Erkennt- 
nis des Gottlich-Geistigen. Erkenntnis des Gottlich-Geistigen gab es 
und gibt es iiberall und immer. Aber diese gleichsam ewige Erkennt- 
nis des Gottlich-Geistigen wird erreicht auf dem Wege der Mysterien- 
einweihung, auf dem Wege der Initiation iiberhaupt. Von diesem, was 
durch eine besondere menschliche Entwickelung, was sozusagen auf 
kunstlichem Wege innerhalb der Menschheitsevolution erreicht wer- 
den kann, miissen wir unterscheiden jene Erkenntnis der geistigen 
Welt, die fur irgendeine Zeit die normale ist, sozusagen als besondere 
Mission in der Menschheitsentwickelung herauskommend. So konn- 
ten wir fur die alte atlantische Zeit eine astralisch-hellseherische Wahr- 
nehmung des Gottlich-Geistigen das Normale nennen. Fur die Zei- 
ten aber, in welchen das hebraische Volk bluht, ist die normale, das 
heiBt die auBerliche, exoterische Erkenntnis der geistigen Welt die- 
jenige, welche zustande kommt mit Hilfe eines besonderen physi- 
schen Organs durch jene Erkenntniskraft, die an ein solches physi- 
sches Organ gebunden ist. Und wir haben schon darauf hingewiesen, 
daB das Volk Abrahams zu dieser Erkenntnis in der Weise kam, daB 
es gleichsam das gottliche Dasein verschmolzen fuhlte mit dem eige- 
nen Inneren. Innenerkenntnis also, Ergreifen des Gottlichen im eige- 



nen Innersten war es, was durch dieses Organ moglich geworden 
war. 

Aber es ist dieses Ergreifen des Gottlich-Geistigen im Inneren durch 
diese Erkenntnis nicht gleich so moglich geworden, daB der einzelne 
Mensch hatte sagen konnen: Ich versenke mich in mein eigenes Inne- 
res ; ich suche dieses eigene Innere so tief zu erfassen, als ich es nur er- 
fassen kann, und dann flnde ich den Tropfen des gottlich-geistigen 
Daseins, der mir eine Erkenntnis geben kann von der Beschaffenheit 
des sen, was auch die auBere Welt an Gottlich-Geistigem durchlebt und 
durchwebt. - So war es nicht gleich. Das ist erst gekommen durch 
die Erscheinung, durch die Offenbarung des Christus innerhalb der 
Menschheitsentwickelung. Fur das althebraische Volk war erst die 
MogHchkeit gegeben, im Volksgeiste das GottHche zu erleben, wenn 
sich der einzelne fuhlte als ein Glied des ganzen Volkes, nicht als eine 
einzelne Individuality. Wenn er sich mit dem Blut in eine herunter- 
flieBende Generationenreihe hineingehorig fuhlte, dann fuhlte er leben 
in dem VolksbewuBtsein, in seinem Blut, das Gottes- oder Jahve-Be- 
wuBtsein. Wenn man daher zutrefTend bezeichnen will im geisteswis- 
senschaftlichen Sinne, kann man den Gott Jahve nicht dadurch be- 
zeichnen, daB man sagen wiirde: Er ist der Gott Abrahams. Damit 
wiirde er nur ungenau bezeichnet sein. Sondern man muB sagen : Er 
ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs; er ist diejenige Wesenheit, 
die von Generation zu Generation flieBt, die sich im VolksbewuBtsein 
in Einzelmenschen, durch einzelne Menschen hindurch offenbart. 

Das ist der Unterschied und der groBe Fortschritt von dieser Er- 
kenntnis Abrahams, Isaaks und Jakobs zu der christiichen, daB die 
christliche Erkenntnis in der einzelnen Menschenindividualitat das- 
selbe erkennt, was die althebraische Erkenntnis nur errekhen konnte 
durch Vertiefung in den Volksgeist, in den Geist, der in dem Blute der 
Generationen rann. So konnte Abraham sagen: Insofern mir verhei- 
Ben ist, der Begriinder eines Volkes zu sein, das sich ausbreiten wird in 
den von mir abstammenden Generationen, wird leben in dem Blute, 
das durch sie hinunterrinnt, der Gott, den wir als den hochsten an- 
erkennen; er offenbart sich uns im BewuBtsein unseres Volkes. - Das 
wurde das Nor male. 



Nun geht durch alle Zeiten hindurch ein hdheres Erkennen des 
Gottlich-Geistigen : das Mysterienerkennen. Das ist nicht abhangig 
von jenen anderen, besonderen Formen. Man konnte in der Zeit der 
alten atlantischen Entwickelung durch ein gewisses astraHsch-atheri- 
sches Hellsehen hineinschauen in den gottlich-geistigen Untergrund 
des Daseins; man konnte sein Inneres entwickeln und zu einer My- 
sterien- oder Orakelerkenntnis kommen. Und auch in der Zeit, als die 
hebraische Erkenntnis das Normale war, konnte man in gewissen Stat- 
ten dadurch hinaufsteigen, daB man nicht im Leibe, wie die Abraha- 
miten, sondern auBer dem Leibe das Gotdiche erkannte; man konnte 
hinaufsteigen zu dem Gottlich-Geistigen unter dem Gesichtspunkt des 
Ewigen, indem der Mensch sein Ewiges erhob zum Anschauen des 
Gottlich-Geistigen . 

Sie konnen sich nun leicht vorstellen, daB fur Abraham eines not- 
wendig war. Er lernte auf seine ganz besondere Art, auf dem Wege 
durch ein physisches Organ, durch physische Erkenntnis das Gottlich- 
Geistige kennen. Er lernte auf diesem Wege den fiihrenden Weltengott 
kennen. Wenn er sich lebendig in den Gesamtweg der Entwickelung 
hineinstellen wollte, dann war es fur ihn unendlich wichtig, zu erken- 
nen, daB der Gott, der sich im VolksbewuBtsein kundtut, derselbe ist, 
der in den Mysterien zu alien Zeiten als die schopferische und schaf- 
fende Gottheit anerkannt wurde. Also es muBte Abraham identifizie- 
ren konnen seinen Gott mit dem Gott der Mysterien. Das war nur un- 
ter einer ganz bestimmten Voraussetzung moglich. Unter einer ganz 
bestimmten Voraussetzung muBte ihm die GewiBheit gegeben werden, 
daB dieselben Krafte im VolksbewuBtsein sprechen, die in den Myste- 
rien auf eine hohere Art sprechen. Wenn wir diese GewiBheit einsehen 
wollen, mussen wir uns eine Tatsache der Menschheitsentwickelung 
vor Augen fiihren. 

In meiner «Geheimwissenschaft im UmriB» konnen Sie nachlesen, 
daB es in der alten Adantis Eingeweihte gegeben hat, die dort Orakel- 
priester genannt werden; auf den Namen kommt es nicht an. Ich habe 
auch darauf hingewiesen, daB einer dieser groBen Initiierten der Fiihrer 
aller atlantischen Orakel war, der Sonneneingeweihte, im Gegensatz 
zu den untergeordneten Orakelstatten der Atlantis, welche Merkur-, 



Mars-, Jupitereingeweihte und so weiter in sich bargen. Ich habe auch 
darauf hingewiesen, daB dieser groBe Sonneneingeweihte, der Fiihrer 
des Sonnenorakels, auch der groBe Fiihrer der bedeutungsvollen Kul- 
turkolonie war, die sich vom Westen nach dem Osten, von der Adantis 
nach dem Inneren Asiens, bewegt hat, um von dort auszustrahlen, zu 
inaugurieren die nachatlantische Kultur. In geheimnisvolle Statten im 
Inneren Asiens zog sich dieser groBe Eingeweihte, der er damals schon 
war, zuriick. Er gab zunachst denjenigen groBen Weisen, die wir als 
die heiligen Rishis bezeichnen, die Moglichkeit, groBe Lehrer ihres 
Volkstums zu sein. Und er war es, dieser groBe, geheimnisvolle Initi- 
ierte, der auch dem Zarathustra oder Zoroaster seine Einweihung zu- 
teil werden lieB. 

Anders wurde allerdings dem Zarathustra, anders den indischen 
Rishis die Einweihung gegeben; denn sie hatten verschiedene Auf- 
gaben. Den Rishis wurde eine solche Einweihung gegeben, daB sie so- 
zusagen wie von selbst, wenn sie ihr Inneres weiter entwickelten, die 
groBen Geheimnisse des Daseins aussprechen konnten. Dadurch wur- 
den sie die groBen Fiihrer und Lehrer der vorvedischen, altindischen 
Kultur. Es war fur sie noch etwas, was zwar auf kunstlichem Wege er- 
zeugt war, aber auf diesem Wege durchaus ahnlich war dem alten 
atlantischen Hellsehen, das nur einzeln auf die sieben Rishis verteilt 
war. Jeder der sieben Rishis hatte sein bestimmtes Gebiet. Wie die ver- 
schiedenen Orakelstatten ihr besonderes Gebiet hatten, so hatte jeder 
der sieben Rishis seine besondere Aufgabe. Und ein Kollegium sprach, 
wenn jeder der sieben Rishis sagte, was er wuBte von der Urweisheit 
der Welt. Die hatten sie empfangen von dem groBen Sonnenein- 
geweihten, der hinausverpflanzt hatte von dem Westen nach dem Osten 
die alte atlantische Weisheit und sie eben in einer besonderen Weise 
weitergegeben hatte an die, welche die Trager der nachatlantischen 
Kultur werden sollten. In anderer Weise gab er sie dem Zarathustra, so 
daB Zarathustra so sprechen konnte, wie ich es auch angedeutet habe. 

Die Rishis sagten: Um zum hochsten Gotdich-Geistigen zu kom- 
men, muB man alles, was in der Umwelt ist, was sich den auBeren Sin- 
nen darbietet, als Maja oder Illusion ansehen; man muB sich ab wen- 
den davon, ganz den Blick in das Innere versenken: dann geht eine 



andere Welt in einem auf als die, welche vor einem ist. - Also mit Ab- 
wendung von der illusionaren Welt der Maja, mit der Entwickelung 
des eigenen Inneren hinaufzusteigen in die gottlich-geistigen Spharen, 
das war die Lehre der alten indischen Rishis. Anders Zarathustra. Er 
wandte sich nicht ab von dem, was sich auBerlich manifestiert. Er sagte 
nicht: Das AuBere ist Maja oder Illusion, von der wir uns ab wen- 
den miissen. Sondern er sagte: Diese Maja oder Illusion ist die OfFen- 
barung, das wirkliche Kleid des gottlich-geistigen Daseins. Wir diirfen 
uns nicht von ihm abwenden, sondern im Gegenteil, wir miissen es er- 
forschen. Wir miissen sehen im Sonnenlichtleib das auBere Gewebe, 
worinnen webt und lebt Ahura Mazdao ! 

So war in gewisser Weise der Standpunkt Zarathustras der ent- 
gegengesetzte von dem der alten Rishis. Es ist gerade die nachindische 
Kultur dadurch bedeutsam geworden, daB sie der AuBenwelt einpra- 
gen sollte, was sich der Mensch durch sein geistiges Wirken erobern 
kann. Und wir haben auch gesehen, wie Zarathustra das Beste, was er 
zu geben hatte, iibertragen hatte in der geschilderten Art an Moses und 
Hermes. Damit die Moses- Weisheit in der richtigen Weise fruchtbar 
werden konnte und als Samen aufgehen konnte, muBte sie hinein- 
gesenkt sein in das Volkstum, das zu seinem Stammvater Abraham 
hatte. Denn Abraham hatte zuerst das Organ in sich veranlagt, ein 
JahvebewuBtsein zu erwerben. Aber er muBte wissen, daB der Gott, 
der sich in seinem Inneren ankiindigen konnte den physischen Er- 
kenntniskraften, mit derselben Stimme spricht, mit welcher der ewige, 
alles durchwebende Gott der Mysterien spricht, nur daB er sich auf eine 
eingeschrankte Weise, namlich wie Abraham ihn erkennen konnte, 
offenbarte. 

Einer solchen bedeutsamen Wesenheit, wie es der groBe atlantische 
Sonneninitiierte war, ist es nicht ohne weiteres moglich, zu denen, die 
zu irgendeiner Zeit leben und eine besondere Mission haben, sogleich 
in einer verstandlichen Sprache zu reden. Eine so hohe Individualitat 
wie der groBe Sonneninitiierte, der in seiner Individualitat ein ewiges 
Dasein fiihrt, von dem mit Recht gesagt wurde - um anzudeuten den 
Ewigkeitscharakter dieser Individualitat daB man von ihm nicht 
anfuhren sollte Namen und Alter, nicht Vater und Mutter, ein solcher 



groBer Fiihrer des Menschheitsdaseins kann sich nur dadurch ofFenba- 
ren, daB er etwas annimmt, wodurch er verwandt wird denen, welchen 
er sich ofFenbaren kann. So nahm, um dem Abraham die entsprechende 
Auf klarung zu geben, der Lehrer der Rishis, der Lehrer des Zarathu- 
stra, eine Gestalt an, in welcher er den Atherleib trug, der auf bewahrt 
war von dem Stammvater des Abraham, denselben Atherleib, der 
schon in dem Stammvater des Abraham, in Sem, dem Sohne Noahs, 
vorhanden war. Dieser Atherleib des Sem war aufbewahrt worden, 
wie der Atherleib des Zarathustra fur Moses aufbewahrt worden war, 
und seiner bediente sich der groBe Eingeweihte des Sonnenmyste- 
riums, um sich in einer verstandlichen Art dem Abraham ofFenbaren zu 
konnen. Diese Begegnung des Abraham mit dem groBen Eingeweih- 
ten des Sonnenmysteriums ist jene Begegnung, welche uns im Alten 
Testament geschildert wird als die Begegnung des Abraham mit dem 
Konige, mit dem Priester des hochsten Gottes, mit Melchisedek oder 
Malek-Zadik, wie man gewohnt geworden ist ihn zu nennen (l.Mose 
14, 18-20). Das ist eine Begegnung von groBter, von universellster Be- 
deutung, diese Begegnung des Abraham mit dem groBen Eingeweihten 
des Sonnenmysteriums, der - nur um ihn sozusagen nicht zu verbliifFen 
- in dem Atherleib des Sem sich zeigte, des Stammvaters des semiti- 
schen Stammes. Und bedeutungsvoll wird in der Bibel auf etwas hin- 
gewiesen, was leider nur zu wenig verstanden wird, namlich darauf, 
woher sozusagen dasjenige kommen kann, was Melchisedek dem Abra- 
ham zu geben in der Lage ist. Was kann Melchisedek dem Abraham 
geben? Er kann ihm geben das Geheimnis des Sonnendaseins, das 
natiirlich Abraham nur in seiner Art verstehen kann, dasselbe, was hin- 
ter der Zarathustra-OfFenbarung steht, worauf Zarathustra erst pro- 
phetisch hingewiesen hat. 

Wenn wir uns die Tatsache vorstellen, daB Zarathustra seine bevor- 
zugten Schiller auf das hinwies, was als Ahura Mazdao geistig hinter 
dem Sonnenlichtleib lebt, indem er sagte: Seht hin, dahinter steckt 
etwas, was jetzt noch nicht mit der Erde vereinigt ist, was aber einst in 
die Erdene volution sich ergieBen wird und auf die Erde herunterstei- 
gen wird -, wenn wir anerkennen, daB Zarathustra nur prophetisch 
vorherverkiinden konnte den Sonnengeist, den Christus, von dem er 



sagte : Er wird kommen in einem menschlichen Leibe -, dann werden 
wir sagen miissen, daB fur denjenigen Menschen, der vorbereiten und 
spater herbeifiihren sollte die Inkarnation des Christus auf der Erde, 
sich noch groBere Tiefen dieses Sonnengebeimnisses zeigen muBten. 
Das geschah dadurch, daB der Lehrer des Zarathustra selber bei jener 
Begegnung EinfluB nahm auf Abraham, sozusagen aus derselben 
Quelle seinen EinfluB brachte, aus der dann der Christus-EinnuB 
kommt. Das wird uns wieder in der Bibel symbolisch angedeutet, in- 
dem gesagt wird: Indem Abraham dem Melchisedek entgegengeht, 
bringt ihm dieser Konig von Salem, dieser Priester des hochsten der 
Gotter, Brot und Traubensaft. «Brot und Traubensaft» wird spater 
noch einmal ausgeteilt: Als das Geheimnis des Christus ausgedruckt 
werden soil fiir seine Bekenner bei der Einsetzung des Abendmahles, 
da geschieht es durch Brot und Traubensaft ! Indem die Gleichheit des 
Opfers in so bedeutungsvoller Weise betont wird, wird darauf hin- 
gewiesen, daB es dieselbe Quelle ist, aus der Melchisedek schopft, und 
woheraus der Christus schopft. 

Also es sollte ein EinfluB stattfinden von dem, was spater auf die 
Erde niedersteigen sollte, auf dem Umwege durch Melchisedek. Und 
dieser EinfluB sollte auf den groBen Vorbereiter des spateren Ereignis- 
ses, auf Abraham, erfolgen. Und die Folge der Wirkung dieser Begeg- 
nung des Abraham mit Melchisedek war die, daB Abraham nun spiirte : 
was ihn da antreibt, was er anspricht mit dem Namen jahve oder Je- 
hova als das Hochste, was er denken kann, das kommt aus derselben 
Quelle, aus der auch fiir alles hochste Erdenwissen das BewuBtsein des 
Initiierten kommt von dem alle Welten durchwebenden und durch- 
lebenden hochsten Gott. Das war das BewuBtsein, das Abraham jetzt 
weitertragen konnte. - Ein anderes BewuBtsein ging in Abraham noch 
auf : das BewuBtsein, daB nun tatsachlich mit dem Blute der Generatio- 
nen, das durch das Volkstum hinunterrinnt, etwas gegeben sein soil, was 
sich richtig nur vergleichen laBt mit dem, was in den Mysterien ge- 
schaut werden kann, wenn der hellseherische Blick sich hinausrichtet 
in die Geheimnisse des Daseins und die Sprache des Kosmos versteht. 

Ich habe schon darauf aufmerksam gemacht, wie man in den Myste- 
rien die Geheimnisse des Kosmos ausdruckt, indem man eine Sternen- 



sprache spricht und die Geheimnisse des Kosmos zum Ausdrucksmit- 
tel nimmt fur das, was man sagen will. Es gab Zeiten, in denen die My- 
sterienlehrer das Auszudriickende in solche Worte, in solche Bilder 
kleideten, die hergenommen waren von der Konstellation der Sterne. 
Man sah gleichsam in den Wegen der Sterne, in den Lagen der Sterne zu- 
einander die Bilder, durch die man ausdriicken wollte, was der Mensch 
geistig erlebt, wenn er sich zu dem Gottlich-Geistigen hinauferhebt. 

Was hat man nun in der Mysterienweisheit gelesen in dieser Sternen- 
schrift? Man hat darinnen gelesen die Geheimnisse der die Welt durch- 
webenden und durchlebenden Gottheit. Es waren die Ordnungen der 
Sterne der augenfallige Ausdruck der Gottheit. Man richtete den Blick 
in Weltenalle und sagte : Da kiindet sich die Gottheit an ! Und wie sie 
sich ankiindet, das beschreiben uns die Ordnungen und Harmonien 
der Sterne. - So lebte sich fiir ein solches Anschauen der Weltengott 
aus in der Ordnung der Sterne. 

Sollte sich auf eine besondere Art in der Mission des hebraischen 
Volkes dieser Weltengott ausleben, so muBte er sich in derselben Ord- 
nung ausleben, die im Kosmos in den Sternenbahnen vorgezeichnet 
ist. Das heiBt, es muBte sich durch das Blut der Generationen, in wel- 
chem ja das auBere Instrument der Jahve-Offenbarungen enthalten war, 
eine ahnliche Ordnung ausdriicken, wie sie sich ausdriickt in den Ster- 
nenbahnen. Mit anderen Worten: In der Nachkommenschaft des Abra- 
ham muBte etwas sein, was in der Generationenfolge, in der Bluts- 
verwandtschaft, ein Spiegelbild dessen war, was Sternenschrift im 
Kosmos ist. Deshalb bekam Abraham die VerheiBung : Deine Nach- 
kommen sollen geordnet sein wie die Sterne am Himmel ! - Das ist die 
richtige Auslegung des Satzes, der gewohnlich heiBt: « Deine Nach- 
kommen sollen zahlreich sein wie die Sterne am Himmel », und womit 
nur die Vielzahl der Nachkommenschaft angedeutet wird (1 . Mose 22, 
17). Aber nicht die Vielzahl ist gemeint, sondern gemeint ist, daB in der 
Nachkommenschaft eine solche Ordnung herrschen solle, wie sie am 
Himmel in der Sprache der Gotter wahrgenommen wurde in der Grup- 
pierung der Sterne. Da sah man hinauf in eine solche Ordnung, wie sie 
sich darstellt in der Ordnung des Tierkreises. Und in der Stellung der 
Wandelsterne, der Planeten zum Tierkreis driickten sich jene Konstella- 



tionen aus, in denen man die Sprache fand, um die Taten der Gotter, wie 
sie weben durch das Weltall, auszudnicken. Dieses feste Band also, das 
im Zodiakus und in dem Verhaltnis der Planeten zu den zwolf Tier- 
kreiszeichen sich darstellt, muBte sich ausdriicken in der Blutsver- 
wandtschaft in der Nachkommenschaft des Abraham. 

So haben wir in den zwolf Sohnen Jakobs, in den zwolf Stammen 
des hebraischen Volkes die Abbilder der zwolf Zeichen des Tierkrei- 
ses. Wie sich oben in den zwolf Tierkreisbildern die Sprache der Got- 
ter ausdriickt, so driickt sich Jahve aus in dem durch die Generationen 
herabflieBenden Blute des jiidischen Volkes, das sich nach den zwolf 
Sohnen des Jakob in die zwolf Stamme teilte. Dasjenige, was sich in 
diese Konstellation des Tierkreises hineinordnet, bezeichnen wir mit 
dem Namen der Planeten, mit Venus, Merkur, Mond, Sonne und so 
weiter. Und wir haben gesehen, wie dasjenige, was sich im Laufe der 
Zeit im Lebensgange des hebraischen Volkes als Einzelabschnitte ab- 
spielt, in der Tat in gewisser Beziehung zu parallelisieren ist mit dem 
Weg der Planeten durch den Zodiakus : daB wir David, den koniglichen 
Sanger, parallelisieren mussen mit Hermes oder Merkur, daB wir die 
Zeit der babylonischen Gefangenschaft, das heiBt jene Konfiguration, 
welche die Jahve-OfFenbarung etwa sechs Jahrhunderte vor unserer 
Zeitrechnung durch einen neuen Einschlag erhalten hat, parallelisieren 
diirfen mit dem Namen der Venus als einem Namen unseres Planeten- 
systems. Das sollte dem Abraham angedeutet werden. So daB zum Bei- 
spiel die Art, wie eine Personlichkeit wie David sich hineinstellt in die 
Stammesfolge, parallel geht dem, wie der Merkur zum Zodiakus steht. 
Der Stamm Juda zum Beispiel entspricht dem Sternbilde des Lowen, 
und das Hineingestelltsein des David in den Stamm Juda wurde in der 
Geschichte des hebraischen Volkes dem entsprechen, was im Kosmos 
das Bedecken des Sternbildes des Lowen durch Merkur ware. So kann 
man lesen an alien Einzelheiten, in der Blutfolge, in dem merkwiirdi- 
gen Ubertragen der Konigs- oder Priesterwiirde, in den Kampfen oder 
Siegen des einen oder des anderen Stammes, in der ganzen hebraischen 
Geschichte, was die Bedeckung der einzelnen Sternbilder drauBen im 
Weltenraume ist. Das lag in dem bedeutungsvollen Wort: Deine 
Nachkommen sollen geordnet sein wie die Harmonie der Sterne am 



Himmel. - Wir miissen nur nicht in den Urkunden, die auf Okkultis- 
mus gebaut sind, jene Trivialitaten sehen, welche so gern darin ge- 
sehen werden, sondern wir miissen voraussetzen, daB diese Urkunden 
von einer unendlichen Tiefe sind. 

So sehen wir in der Tat, wie Ordnung vorhanden ist in dieser Ge- 
nerationenfolge, die uns dann im Matthaus-Evangelium geschildert 
wird. Wir sehen, daB uns dieser Evangelist andeutet, wie auf eine ganz 
besondere Weise das Blut jenes Leibes zusammengesetzt war, der zu- 
nachst aufnehmen sollte die Individualitat des Zarathustra, damit diese 
Individualitat des Zarathustra die OfTenbarung des Christus auf der 
Erde herbeifuhren konnte. 

Was war also durch die zweiundvierzig Generationen hindurch von 
Abraham bis auf Joseph erlangt worden? Das war erlangt worden, 
daB mit dem Letzten in der Generationenfolge eine Blutmischung zu- 
stande gekommen war, die sich nach den Gesetzen der Sternenwelt, 
der heiligen Mysterien vollzogen hatte. Und in dieser Blutmischung, 
welche die Zarathustra-Individualitat brauchte, um das groBe Werk 
auszufuhren, war eine innere Ordnung, eine Harmonie, die einer der 
schonsten, der bedeutsamsten Ordnungen des Sternensystems ent- 
sprach. So war die Blutmischung, die Zarathustra vorfand, ein Abbild 
des ganzen Kosmos. Dieses Blut, das da durch Generationen hindurch 
gebildet wurde, war so gemischt, wie die Ordnungen des Kosmos ge- 
regelt sind. Das alles liegt zugrunde jener bedeutsamen Urkunde, 
welche wir jetzt, wenn ich so sagen darf, in einer abgeschwachten Form 
in dem Evangelium nach Matthaus vor uns haben. Dieses tiefe Geheim- 
nis von einem Volkswerden als Abbild eines kosmischen Werdens 
liegt dem zugrunde. 

So fuhlten diejenigen, welche zunachst etwas wuBten von dem gro- 
Ben Mysterium Christi. Sie fuhlten schon in dem Blut, welches dieser 
Matthaus- Jesus von Nazareth in sich hatte, ein Abbild des Kosmos, 
ein Abbild jenes Geistes, der im ganzen Kosmos waltet. Dieses Ge- 
heimnis driickten sie aus, indem sie sagten : In dem Blut, in welchem 
leben sollte das Ich, das dann Jesus von Nazareth war, lebte der Geist 
des ganzen Kosmos. Sollte also dieser physische Leib geboren werden, 
dann muBte er sein ein Abdruck des Geistes des ganzen Kosmos, des 



Geistes, der da waltet in der Welt. - Das war urspriinglich die Formel, 
daB die Kraft, die jener Blutmischung zugrunde lag, welche die des 
Zarathustra oder Jesus von Nazareth wurde, daB diese Kraft der Geist 
war unseres ganzen Kosmos, eben jener Geist, der urspriinglich, nach 
der Trennung der Sonne von unserer Erde, briitend dasjerdge durch- 
drang, was sich herausgegliedert hatte in der Weltenevolution. Aus 
den schon erwahnten Miinchener Vortragen wissen wir : Wenn wir den 
Beginn der Genesis, das «Bereschit bara Elohim eth haschamajim 
we'eth ha'aretz », nicht mit den trivialenWorten der heutigen Zeit uber- 
setzen wollen, die sich nicht mehr mit dem alten Sinn decken, sondern 
wenn wir den wahren Sinn heraussuchen, daB wir dann zu ubersetzen 
haben : «In dem, was heriibergekommen war aus dem Saturn-, Sonnen- 
und Mondendasein, ersannen in kosmischer Tatigkeit die Elohim das- 
jenige, was sich nach auBen offenbart, was sich im Inneren regt. Und 
iiber dem, was sich im Inneren regt, und durch das, was sich regt, 
herrschte das finstere Dunkel; aber es breitete sich aus da hinein, es 
briitete dariiber, es durchdringend mit Warme - ahnlich wie das Huhn 
das Ei - der schopferische Geist der Elohim, Ruach-Elohim.» Was 
da als Geist briitete, das ist dasselbe, ganz dasselbe, was dann die Ord- 
nungen bewirkte, welche man ausdriicken konnte in einer gewissen 
Weise durch die Konstellation der Sterne. So fuhlten die urspriing- 
Hchen Eingeweihten des Christus-Mysteriums, daB die Blutmischung 
des Jesus von Nazareth ein Abbild dessen war, was Ruach-Elohim 
durch das Weltendasein hindurch wirkte. Und sie nannten daher das 
Blut, das auf diese Weise fur das groBe Ereignis zubereitet worden ist, 
«geschaflen durch den Geist des Weltendaseins», durch denselben 
Geist, der in jener bedeutungsvollen Schilderung der Genesis, in dem 
«Bereschit bara.. .», genannt wird Ruach. 

Dieser heilige Sinn, der wahrhaftig groBer ist als jeglicher andere, 
triviale Sinn, liegt zunachst als der hohere Sinn dem zugrunde, was ge- 
nannt wird «die Empfangnis aus dem heiligen Geiste des Welten- 
alls». Das liegt dem zugrunde, was enthalten ist in dem Wort: «Und 
die Gebarerin dieses Wesens war erfiillt von der Kraft dieses Geistes 
des Weltenalls» (Matth.1,18). Wir miissen nur die ganze GroBe eines 
solchen Mysteriums empfinden, und wir werden dann schon finden, 



daB in dieser Art, die Sache darzustellen, etwas unendlich Hoheres liegt 
als in alledem, was exoterisch in der Conceptio immaculata, in der « Un- 
befleckten Empfangnis » gegeben ist. Man braucht ja nur zwei Dinge in 
der Bibel sich selbst gegeniiberzustellen, wenn man die wahre Absicht 
der Bibel erkennen und von einer trivialen Ausdeutung der Unberleck- 
ten Empfangnis abkommen will. Das eine ist dies : Wozu wurde der 
Schreiber des Matthaus-Evangeliums die ganze Reihe der Generationen 
von Abraham bis auf Joseph aufstellen, wenn er etwa sagen wollte, daB 
mit dieser ganzen Generationenfolge die Geburt des Jesus von Naza- 
reth nichts zu tun habe? Er bemiiht sich darzustellen, wie das Blut von 
Abraham bis auf Joseph heruntergeleitet wird, und dann sollte er sagen, 
daB mit diesem Blut in Wahrheit das Blut des Jesus von Nazareth 
nichts zu tun habe? Und die andere Tatsache ist, daB Ruach-Elohim, 
der in der Bibel der Heilige Geist genannt wird, in der hebraischen 
Sprache weiblichen Geschlechts ist, ein Femininum ist, was doch wohl 
auch in irgendeiner Weise in Betracht kommen muB. - Wir werden 
darauf noch weiter zu sprechen kommen; jetzt wollte ich nur ein Ge- 
fiihl dafiir hervorrufen, wie groB die Gedankenkonzeption ist, die 
diesem Mysterium bei seinem Ausgangspunkt zugrunde Hegt. 

Was da beim Ausgangspunkt unserer Zeitrechnung sich abgespielt 
hat, und was nur die Weisen kannten, die wirklich in die Geheimnisse 
des Weltendaseins eingeweiht waren, das wurde zunachst ausgedriickt 
in aramaischer Sprache in der Urkunde, welche dem Matthaus-Evan- 
gelium zugrunde liegt. Und nicht nur durch den Okkultismus, son- 
dern auch durch rein philologische Forschung ist es moglich, zu be- 
weisen, daB diese Urkunde, welche dem Matthaus-Evangelium zu- 
grunde liegt, bereits im Jahre 71 existiert hat. Das wahre Zustande- 
kommen der Evangelien konnen Sie in meinem Buche «Das Christen- 
tum als mystische Tatsache » dargestellt nnden. Aber wenn man wirk- 
lich genau vorgeht, kann man selbst philologisch nachweisen, daB 
alles, was von einer spateren Konzeption des Matthaus-Evangeliums 
gesagt wird, nicht richtig ist; denn wir konnen nachweisen, daB bereits 
im Jahre 71 - also verhaltnismaBig kurze Zeit nach dem Ereignisse von 
Palastina - eine aramaische Urschrift des Matthaus-Evangeliums vor- 
handen war. Aber weil ich hier nicht philologische Tatsachen, sondern 



nur geisteswissenschaftliche zu vertreten habe, will ich dabei nur auf 
eines hinweisen aus der talmudischen Literatur, die vollstandig ge- 
sichert ist durch judische Gelehrte. 

In der talmudischen Literatur finden wir eine Angabe, daB Rabbi 
Gamaliel II. mit seiner Sch wester in einen Erbschaftsstreit verwickelt 
war, der dadurch entstanden war, daB im Jahre 70 sein Vater in einem 
Streit mit den Romern umgekommen war. Und es wird uns erzahlt, daB 
Rabbi Gamaliel II. damals vor einem Richter stand, der nach allem, was 
uns die talmudische Literatur berichtet, ein Halbchrist war, ein so- 
genannter Judenchrist. Solche gab es schon in jenen Richterstellen, die 
von den Romern den Juden hingesetzt waren. Dabei ging nun etwas 
Merkwiirdiges vor : Rabbi Gamaliel II. kampft mit seiner Schwester um 
die Erbschaft, um das Vermogen seines Vaters. Und vor seinem Rich- 
ter, der schon etwas vom Christentum weiB, macht er geltend, daB nach 
dem bei den Juden geltenden Gesetz nur der Sohn, nicht aber die Toch- 
ter erben konne, und daB ihm allein also die Erbschaft gehore. Da halt 
ihm der Richter vor, daB ja die Thora abgesetzt sei in denjenigen Krei- 
sen, innerhalb welcher er Richter sei, und da er Recht und Urteils- 
spruch bei ihm suche, so wolle er nicht bloB richten nach dem Gesetz 
der Juden, sondern nach dem Gesetz, das sich an die Stelle der Thora 
hingesetzt habe. Das alles war geschehen, wie schon gesagt, im Jahre 
71, da der Vater des Gamaliel im Jahre 70 bei der Judenverfolgung um- 
gekommen war. Nun fand Rabbi Gamaliel keinen anderen Ausweg 
mehr, als daB er den Richter bestach. Da machte der bestochene Richter 
am nachsten Tage ein Zitat, und zwar war das ein solches, das entlehnt 
war der aramaischen Urschrift des Matthaus-Evangeliums. Und was 
sagte der Richter? Der Christus «sei nicht gekommen, das Gesetz des 
Moses zu brechen, sondern es zu erfullen ! » (Matth. 5, 17). So glaubte er 
damit sein Gewissen endasten zu konnen, wenn er das Gesetz beugte, 
indem er sagte, er richte doch im Sinne des Christus, wenn er dem 
Gamaliel die Erbschaft zusprache. 

Daraus wissen wir, daB im Jahre 71 eine christliche Urkunde be- 
stand, aus welcher Worte entlehnt wurden, welche heute im Matthaus- 
Evangelium enthalten sind. Wir haben also dieses auBerliche Zeichen 
- es wird namlich jene Stelle in aramaischer Sprache angefuhrt -, daB 



diese Urkunde, diese aramaische Urschrift des Matthaus-Evangeliums, 
damals mindestens teilweise vorhanden gewesen ist. Was die okkulte 
Forschung dariiber zu sagen hat, das werden wir noch zu besprechen 
haben. Dies sollte jetzt nur angefiihrt werden, urn zu zeigen: Wenn 
man schon die auBere Wissenschaft zu Hilfe zieht, darf man das nicht 
machen, was so oft gemacht wird, daB namlich alles zusammengetra- 
gen wird, was die Herren gerade lesen konnen, wiihrend sie zum Bei- 
spiel die talmudische Literatur unberiicksichtigt lassen, die auBer- 
ordentlich bedeutsam ist fiir das, was man auch exoterisch iiber diese 
Dinge erkennen kann. 

So sehen wir, daB wir auch auBerlich auf einem recht guten Boden 
stehen, wenn man das Matthaus-Evangelium verhaltnismaBig fruh an- 
setzt. Damit schon allein, mochte ich sagen, ist auch auBerlich ein ge- 
wisser Beweis geliefert, daB die Menschen, welche an der Abfassung 
des Matthaus-Evangeliums beteiligt waren, zeitlich nicht sehr weit 
entfernt von den Ereignissen in Palastina waren, so daB dadurch selbst 
exoterisch gesichert ist, daB man damals nicht einfach den Leuten ins 
Gesicht liigen konnte und sagen, es hatte also im Beginne unserer 
Zeitrechnung nicht der Christus Jesus gelebt, von dem wir sprechen. 
Denn es war nicht einmal ein halbes Jahrhundert darnach, so daB man 
noch zu Augenzeugen zu sprechen hatte und denen nicht Dinge sagen 
konnte, welche sich nicht zugetragen hatten. Das sind Dinge, die exo- 
terisch wichtig sind, und wir wollen sie nur anfuhren zum Beleg fur 
das Exoterische der Sache. 

Wir haben also gesehen, wie aus den Geheimnissen des Kosmos her- 
aus in der Menschheitsevolution Veranstaltungen getroffen worden 
sind, um aus dem gleichsam filtrierten Blute des hebraischen Volkes, 
das die Ordnung des Weltalls selbst in sich aufgenommen hatte, einen 
Korper herzustellen, in welchem sich wieder inkarniert der groBe Ein- 
geweihte Zarathustra. Denn von der Zarathustra-Individualitat spricht 
das Matthaus-Evangelium; und keine andere Individualist als die Za- 
rathustra-Individualitat ist es, von der dieses Evangelium spricht. Nun 
diirfen wir uns nicht etwa denken, daB alles dies, was wir gleichsam 
aus den tiefsten Geheimnissen der Weltenevolution hervorheben, 
sich so ganz offen vor aller Augen abgespielt habe. Das war auch fiir 



die Zeitgenossen in ein tiefes Geheimnis gehullt und nur den wenig- 
sten Eingeweihten verstandlich. Daher ist es begreif lich, daB ein so 
tiefes Schweigen herrscht iiber alles, was sich damals als das groBte 
Ereignis der Menschheitsevolution zugetragen hat. Und wenn sich 
heute die Historiker auf ihre Urkunden berufen und sagen, daB diese 
Urkunden iiber dieses Ereignis schweigen, so muB uns das nicht ver- 
wundern, sondem ganz natiirlich erscheinen. 

Wenn wir jetzt charakterisiert haben, wie von der Zarathustra-Seite 
her dieses groBte Ereignis unserer Menschheitsevolution vorbereitet 
wurde, so miissen wir uns jetzt noch andere vorbereitende Stromun- 
gen zu diesem groBen Ereignis ein wenig vor die Seele fuhren. Vieles, 
vieles geschah in der Menschheitsevolution unmittelbar vorher und 
auch unmittelbar nachher, nachdem diese Ereignisse um Christus her- 
um sich abgespielt hatten. Es ist dieses Ereignis im Grunde schon lange 
vorher vorbereitet worden. Wie es von auBerer Seite vorbereitet 
wurde, indem Zarathustra Moses und Hermes ausgesandt hat, indem 
von Melchisedek, von dem Sonnenmysterium selber, die auBere Hiille 
des Jesus von Nazareth vorbereitet wurde, so wurde ein anderes noch 
vorbereitet, gleichsam eine Nebenstromung dieser groBen Stromung, 
die aber, wenn sie auch nur eine Nebenstromung ist, doch etwas zu 
tun hat mit der groBen Hauptstromung, die von Zarathustra herkommt. 
Diese Nebenstromung bereitet sich langsam vor in jenen Statten, die 
uns bezeichnet werden auch von der auBeren Geschichte dadurch, daB 
wir auf gewisse Sekten aufmerksam gemacht werden, welche eine be- 
sondere Seelenentwickelung anstrebten, und die uns von Philo als die 
«Therapeuten» beschrieben werden. Die Therapeuten waren Angeho- 
rige einer geheimnisvollen Sekte, die auf innerlichem Wege ihre Seelen 
zu reinigen suchten, um das herauszubringen, was durch den auBeren 
Verkehr und durch die auBeren Erkenntnisse verunreinigt wird, um 
sich dadurch in reine geistige Spharen zu erheben. Eine Abzweigung 
dieser Sekte der Therapeuten, in welcher jene Nebenstromung weiter 
vorbereitet wurde, waren die in Asien lebenden «Essaer» oder «Esse- 
ner». Diese Menschen alle - Sie konnen eine kurze Beschreibung dar- 
iiber in meinem « Christentum als mystische Tatsache» finden -, welche 
in diesen Sekten vereinigt waren, hatten eine gewisse gemeinsame 



geistige Leitung. Sowohl bei den Therapeuten wie auch bei den Essa- 
ern war eine gewisse geistige Leitung vorhanden. Und wenn wir diese 
geistige Leitung exoterisch kennenlernen wollen, miissen wir uns an 
das erinnern, was wir im vorigen Jahre bei den Vortragen iiber das 
Lukas-Evangelium besprochen haben. Wir haben dabei angefuhrt das 
Geheimnis des Gautama Buddha, wie es in den orientalischen Schriften 
auch exoterisch behandelt wird, und wir haben gesagt, daB derjenige, 
der ein Buddha werden will im Laufe der Entwickelung, zunachst ein 
Bodhisattva werden miisse. Wir haben ausgefiihrt, wie derjenige, der 
aus der Geschichte als « Buddha » bekannt ist, auch zuerst ein Bodhi- 
sattva war und dann Buddha wurde. Bis zum neunundzwanzigsten 
Jahre seines physischen Seins als der Sohn des Konigs Suddhodana war 
er noch ein Bodhisattva, und erst im neunundzwanzigsten Jahre ist er 
durch seine innere Seelenentwickelung vom Bodhisattva zum Buddha 
geworden. Der Bodhisattvas gibt es nun eine ganze Reihe in der Ent- 
wickelung der Menschheit; und jener Bodhisattva, der sechs Jahr- 
hunderte vor unserer Zeitrechnung ein Buddha geworden war, ist 
einer von den Bodhisattvas, welche die Entwickelung der Menschheit 
leiten. Eine solche Individualist, welche aufsteigt von der Wiirde eines 
Bodhisattva zur Wiirde eines Buddha, inkorporiert sich spater nicht 
wieder in einem physischen Leibe auf der Erde. Wir haben dann ge- 
sehen, wie sich der Buddha manifestiert hat bei der Geburt des Jesus 
des Lukas-Evangeliums, indem er sich mit diesem Jesus, den wir den 
Jesus der nathanischen Linie nannten, verband mit seinem atherischen 
Leibe. Und wir haben gesehen, daB dies ein anderer Jesus ist als der, 
von dem wir beim Matthaus-Evangelium zunachst sprechen. 

In diesem Buddhawerden des Konigssohnes des Suddhodana haben 
wir zu sehen den AbschluB einer alten Entwickelung. In der Tat ge- 
hort diese Entwickelung, welche ihren AbschluB mit dem Buddha- 
werden jenes Bodhisattva erreicht, derselben Stromung an, der auch 
die heiligen Rishis der Inder angehoren; aber diese erreichte mit dem 
Buddhawerden jenes Bodhisattva einen gewissen AbschluB. - Wenn 
nun ein Bodhisattva zum Buddha wird, so tritt an seine Stelle sein 
Nachfolger. Das erzahlt auch die alte indische Legende, indem sie sagt, 
daB der Bodhisattva, der herunterstieg, um als Sohn des Konigs Sud- 



dhodana zur Buddhawiirde aufzusteigen, vor seinem letzten Herab- 
steigen die Krone des Bodhisattva weitergab an seinen Nachfolger in 
den geistigen Reichen. Es gab also seit jenen Zeiten einen Nachfolger 
jenes Bodhisattva, der damals Buddha wurde. Und dieser neue Bo- 
dhisattva, der nun als Bodhisattva weiter wirkte, hatte eine besondere 
Aufgabe fur die Menschheitsentwickelung. Ihm war besonders die 
Aufgabe zugefallen, geistig zu leiten jene Bewegung, welche sich im 
Therapeutentum, im Essaertum kundgab, so daB wir in jenem Bodhi- 
sattva, der der Nachfolger des Buddha wurde, anerkennen den geisti- 
gen Leiter der Therapeuten- und Essaergemeinden. Da wirkte sein 
EinfluB. Dieser Bodhisattva schickte sozusagen zur Leitung der Essaer 
unter der Regierung des Konigs Alexander Jannai - ungefahr 125 bis 
77 vor unserer Zeitrechnung - eine besondere Individuality in die 
Essaergemeinden hinein. Diese besondere Individuality leitete un- 
gefahr ein Jahrhundert vor dem Erscheinen des Christus Jesus auf der 
Erde die Essaergemeinden. Diese Personlichkeit ist dem Okkultis- 
mus gut bekannt, aber auch der auBeren talmudischen Literatur. 

Es gab also ein Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, ein Jahrhun- 
dert vor der Erscheinung des Christus auf der Erde, eine Individuality, 
die nichts zu tun hat mit dem Jesus des Lukas-Evangeliums und nichts 
zu tun hat mit dem Jesus des Matthaus-Evangeliums, eine Person- 
lichkeit, die Lenker und Leiter war in den Essaergemeinden. Diese 
Personlichkeit ist dem Okkultismus gut bekannt als eine Art von Vor- 
laufer der Essaer fur das Christentum; sie ist bekannt aber auch in der 
talmudischen Literatur unter dem Namen Jesus, der Sohn des Pandira, 
Jeshu ben Pandira. Diesen Jesus, Sohn des Pandira, iiber den iible 
jiidische Literaturen allerlei gefabelt haben, was dann in neuerer Zeit 
wieder aufgewarmt worden ist, diese Personlichkeit, die eine edle und 
groBe Personlichkeit war, darf man nicht verwechseln, wie es einige 
Talmudisten tun, mit dem Jesus von Nazareth, von dem wir spre- 
chen. Wir kennen auch diesen essaischen Vorlaufer des Christentums 
in dem Jesus, dem Sohn des Pandira. Und wir wissen, daB dieser Jeshu 
ben Pandira von denen, die damals in der essaischen Lehre Gottes- 
lasterungen sahen, angeklagt worden ist der Gotteslasterung und 
Haresie, dann zuerst gesteinigt und, nachdem er gesteinigt worden 



war, an einem Baum aufgehangt worden ist, um zur Strafe auch noch 
die Schande hinzuzufugen. Das ist eine okkulte, aber auch eine in der 
talmudischen Literatur vorkommende Tatsache. 

In diesem Jeshu ben Pandira haben wir eine Personlichkeit zu sehen, 
die unter dem Schutze des Bodhisattva stent, welcher der Nachfol- 
ger jenes Bodhisattva ist, der als der Sohn des Konigs Suddhodana 
spater zum Buddha geworden ist. So liegen die Dinge ganz klar. Wir 
haben eine Art Vorbereitung, eine Nebenstromung der chrisdichen 
Hauptstromung in jener Stromung zu sehen, welche abhangig ist von 
dem Nachfolger des Buddha, von dem jetzigen Bodhisattva, der spater 
der Maitreya Buddha werden wird und seine Sendboten in die Essaer- 
gemeinden hineingeschickt hat; sie lebte sich damals aus in dem Mis- 
sionar, der in den Essaergemeinden das bewirkte, was wir in dem 
nachsten Vortrag kennenlernen werden. 

So haben wir den Namen Jesus zu suchen bei der Individualitat, 
von der uns das Matthaus- und das Lukas-Evangelium berichten; wir 
mussen den Namen Jesus aber auch ein Jahrhundert vor dem Beginn 
unserer Zeitrechnung in der Essaergemeinde suchen bei jener edlen 
Personlichkeit, gegeniiber der alles, was iible talmudische Literatur 
gefunden hat, Verleumdung ist, die angeklagt worden ist wegen Got- 
teslasterung und Haresie, die erst gesteinigt und nachher an einen 
Baum gehangt worden ist. 



FUNFTER VORTRAG 



Bern, 5. September 1910 



DaB jener Jesus, Sohn des Pandira, Jeshu ben Pandira, in bezug auf 
Verwandtschaft oder sonstwie, nichts zu tun hat mit derjenigen Per- 
sonlichkeit oder Individuality, von welcher wir sprechen als dem Jesus 
des Matthaus-Evangeliums oder dem Jesus des Lukas- oder irgend- 
eines anderen Evangeliums, daB dieser ein Jahrhundert vor unserer 
Zeitrechnung, also vor dem Stattfinden des Christus-Ereignisses ge- 
steinigte und nachher an einen Baum gehangte Jeshu ben Pandira 
nicht verwechselt werden darf mit alledem, wovon wir sprechen, wenn 
wir von den Evangelien sprechen, das muB streng festgehalten werden. 
Nur bemerken will ich ausdrucklich: Um auf die Personlichkeit des 
Jeshu ben Pandira hinzuweisen, um dariiber etwas zu sagen, daB er 
existiert hat, dazu ist zunachst nicht notwendig irgendeine okkulte Er- 
kenntnis, nicht irgendein hellseherisches Vermogen, sondern das kann 
man sich zusammenlesen, wenn man will, aus den hebraischen, den 
talmudischen Urkunden. Die Verwechslung mit dem eigentlichen Jesus 
hat ja zu verschiedenen Zeiten immer stattgefunden, und sie hat zu- 
erst bereits stattgefunden im 2. Jahrhundert nach dem Beginne unserer 
Zeitrechnung. Wenn wir also ausdrucklich betont haben, daB dieser 
Jesus, Sohn des Pandira, in dieser Beziehung nichts zu tun hat mit 
dem Jesus der Evangelien, so miissen wir auf der anderen Seite aber 
doch wieder einen geschichtlichen, allerdings jetzt nur durch geistes- 
wissenschaftliche Forschung feststellbaren Zusammenhang dieser bei- 
den Personlichkeiten festhalten. Diesen Zusammenhang werden wir 
aber nur dann in seiner Tiefe begreifen, wenn wir auf die Menschheits- 
evolution und ihre Fuhrer noch einmal mit ein paar Worten eingehen. 

Wenn wir zu denjenigen Wesenheiten, denjenigen Individualitaten 
hinaufschauen, welche die groBen Fuhrer der Menschheitsevolution 
sind, so kommen wir zuletzt zu einer Reihe hoher Individualitaten, die 
man gern bezeichnet - weil sozusagen die Theorie von diesen Indivi- 
dualitaten am besten im Orient festgestellt worden ist - als die Bo- 
dhisattvas. Solcher Bodhisattvas gibt es eine ganze Anzahl. Ihre Auf- 



gabe ist es, groBe Lehrer derMenschheit zu sein, von Epoche zu Epoche 
dasjenige von den geistigen Welten durch die Mysterienschulen in die 
Menschheit einflieBen zu lassen, was nach der menschlichen Reife fur 
irgendeine Epoche einflieBen soli. Und man kann sagen: Diese Bo- 
dhisattvas wechseln sich ab in den aufeinanderfolgenden Zeiten; es 
wirkt immer einer der Bodhisattvas als Nachfolger des anderen. Fur 
unsere Zeiten interessieren uns zunachst jene beiden Bodhisattvas, die 
wir schon ofter haben anfiihren mussen, wenn wir von unserer Mensch- 
heitsentwickelung sprechen: jener Bodhisattva, der als der Sohn des 
Konigs Suddhodana Buddha geworden ist, und jener, welcher in der 
Wiirde des Bodhisattva sein Nachfolger wurde, und der, da das Amt 
des Bodhisattva so lange dauert, es auch heute noch ist und - im Ein- 
klange der orientalischen Weisheit mit der hellseherischen Forschung 
darf es gesagt werden - es auch noch durch die nachsten zweitausend- 
funf hundert Jahre sein wird. Dann wird dieser Bodhisattva denselben 
Aufstieg durchmachen, den sein Vorganger durchmachte, als er zum 
Buddha erhoben worden ist. Es wird der gegenwartig amtierende 
Bodhisattva dann erhoben werden zur Wiirde des Maitreya Buddha. 

In der Leitung der Menschheitsevolution, von der wir sprechen als 
von einer Leitung durch Lehrer, haben wir die sich abwechselnd fol- 
genden Bodhisattvas. Und wir mussen die Reihe dieser Bodhisattvas 
auffassen als die groBen Lehrer der Menschheitsevolution und durfen 
sie nicht verwechseln mit dem, was Quell dieser Lehre ist, und wovon 
wieder die Bodhisattvas dasjenige erhalten, was sie der Menschheits- 
evolution als aufeinanderfolgende Lehren zu geben haben. Wir haben 
uns glekhsam vorzustellen ein Kollegium von Bodhisattvas, und in- 
mitten dieses Kollegiums haben wir uns zu denken den lebendigen 
Quell fur die Lehren der Bodhisattvas. Und dieser lebendige Quell ist 
kein anderer als derjenige, den wir nach unserem Sprachgebrauch mit 
dem Ausdrucke «Christus» bezeichnen. So daB von dem Christus alle 
Bodhisattvas dasjenige empfangen, was sie im Laufe der Zeitentwicke- 
lung den Menschen zu geben haben. 

Nun hat ein Bodhisattva sich vorzugsweise der Lehre zu widmen, 
solange er eben Bodhisattva ist; denn wir haben gesehen, daB der Bo- 
dhisattva, wenn er zur Buddhawiirde erhoben wird, nicht wieder her- 



untersteigt, um in einem physischen Leibe inkamiert zu werden. Wie- 
derum kann es im Einklange mit aller orientalischen Philosophic gesagt 
werden, daB der Gautama Buddha, der damals als Sohn des Konigs 
Suddhodana seine letzte Inkarnation in einem physischen Leibe durch- 
machte, seit jener Zeit nur noch Verkorperungen erlebt, die hinunter- 
gehen bis zum Atherleib. Und wir haben bei den Vortragen uber das 
Lukas-Evangelium hervorgehoben, welches die nachste Aufgabe die- 
ses zum Buddha gewordenen Bodhisattva war. Wir haben gesehen: 
Als der Jesus des Lukas-Evangeliums geboren worden ist, der soge- 
nannte nathanische Jesus, der ein anderer ist als der Jesus des Matthaus- 
Evangeliums, da drang die Wesenhek des Buddha, die damals ver- 
korpert war bis zum Atherleibe, gleichsam ein in den astralischen Leib 
dieses nathanischen Jesus, den uns zunachst das Lukas-Evangelium 
schildert. Daher kann man sagen : Seit seiner Inkarnation als Gautama 
Buddha war dieses Wesen nicht mehr zum Lehren da, sondern es war 
fortan dieser Buddha da zur lebendigen Wirksamkeit. Zu einer realen 
Kraft war er geworden, die von der geistigen Welt hereinwirkt in 
unsere physische Welt. Es ist etwas durchaus anderes, zu wirken durch 
Lehre und zu wirken durch lebendige Kraft, durch Wachstumskraft. 
Bis zu dem Moment, wo ein Bodhisattva Buddha wird, ist er Lehrer; 
von diesem Moment ab ist er eine lebendige Kraft, die organisierend, 
lebengebend eingreift in irgendeiner Beziehung. So griff der Buddha 
ein in die Organisation des nathanischen Jesus, wie es Lukas schildert, 
und so verhielt er sich gemaB seiner neuen Wiirde. 

Vom 6. Jahrhundert der vorchristlichen Zeit bis in unsere Zeit 
hinein ist nun an die Stelle jenes Bodhisattva, der damals Buddha 
wurde, sein Nachfolger in die Reihe der groJBen Lehrer getreten, jener, 
der sparer zum Maitreya Buddha werden wird. Daher haben wir die 
Lehre, welche die Menschheit notwendig hatte seit jener Zek, da Gau- 
tama Buddha, der Sohn des Konigs Suddhodana wirkte, dort zu 
suchen, wo jener Bodhisattva, der sein Nachfolger ist, die Inspiration 
ausiibt, wo er sozusagen einflieBen laBt in seine Schiiler, in seine Zog- 
linge dasjenige, was sie der Welt mitteilen sollen. - Ich habe gestern 
schon darauf aufmerksam gemacht, wie ausersehen war zu einem In- 
strument fur diesen Bodhisattva alles, was zum Beispiel vereinigt war 



in den Therapeuten- und Essaergemeinden, und daB zu den bedeu- 
tendsten, zu den erhabensten und reinsten Personlichkeiten innerhalb 
der Essaergemeinden Jesus, Sohn des Pandira, gehorte. So miissen 
wir gleichsam hereinscheinen sehen den Lehrgehalt jenes Bodhisattva 
in die Erdenmenschheit durch die Essaer. 

Die eigentiichen Essaergemeinden waren dem tieferen Lehrgehalt 
nach - davon konnen Sie sich auch durch die auBere Geschichte iiber- 
zeugen - verhaltnismaBig bald verschwunden, nachdem das Christus- 
Ereignis sich auf der Erde abgespielt hatte. Daher wird es nicht gar so 
unglaublich erscheinen, wenn ich sage, daB im Grunde die Therapeu- 
ten- und Essaergemeinden wesentlich dazu eingerichtet waren, um 
aus den geistigen Regionen, aus den Spharen der Bodhisattvas das- 
jenige heruntergelangen zu las sen, was man brauchte, um das groBe, be- 
deutsame Ereignis der Christus-Erscheinung zu begreifen. Die wich- 
tigsten Lehren, die der Menschheit zugekommen sind, um das Chri- 
stus-Ereignis zu begreifen, stammten aus den Therapeuten- und Essaer- 
gemeinden. So war gewissermaBen Jesus, der Sohn des Pandira, dazu 
ausersehen, sich von dem Bodhisattva, der der Maitreya Buddha wer- 
den wird und der hineinwirkte in die Essaergemeinden, inspirieren 
zu lassen zu solchen Lehren, welche das Mysterium von Palastina, das 
Mysterium des Christus verstandlich machen konnten. Das Genauere 
iiber die Therapeuten und Essaer ist allerdings nur zu erkunden auf 
dem Wege der geisteswissenschaftlichen Forschung. Die auBere Ge- 
schichte weiB sehr wenig davon. Und wir wollen sozusagen ohne 
Scheu - da wir in einem anthroposophischen Kreise sind, der solche 
Dinge hinzunehmen versteht - aus den Geheimnissen der Therapeu- 
ten und Essaer herausholen, was notwendig ist, um zu einem tieferen 
Verstandnis des Matthaus-Evangeliums und auch der anderen Evan- 
gelien zu kommen. Und wir wollen diese Geheimnisse so schildern, 
wie der Geisteswissenschafter iiber die Therapeuten und Essaer den- 
ken muB. 

Das Wesentliche, worauf es bei diesen Gemeinden ankam, die also 
ein Jahrhundert vor dem Chris tus-Ereignis bliihten, um es durch Lehre 
vorzubereiten, war die Art, wie bei denen, die Mitglieder der Thera- 
peuten und Essaer waren, die Einweihung bewirkt wurde. Sie mach- 



ten eine Einweihung durch, die ganz besonders geeignet sein sollte, 
ein Verstandnis, ein Verstandnis durch hellseherische Anschauung 
hervorzurufen von der Bedeutung des Hebraismus, des Abrahamis- 
mus fur das Chris tus-Ereignis. Das war geradezu ein Mysterium der 
Therapeuten- und Essaergemeinden. Ihre Bekenner wurden dazu ein- 
geweiht, gerade den hiermit bezeichneten Zusammenhang hellsehe- 
risch genauer einzusehen. Ein solcher Essaer sollte also 2unachst ein- 
sehen lernen die ganze Bedeutung dessen, was durch Abraham fur das 
hebraische Volk geschehen war, damit er das wiirdigen konnte, daJB in 
Abraham wirklich eine Art Stammvater des hebraischen Volkes zu 
sehen ist. DaB in inn jene Anlage gelegt worden ist, von der ich Ihnen 
in den letzten Stunden gesprochen habe, jene Anlage, welche sich dann 
durch viele Generationen hindurch gleichsam filtrieren muBte und hin- 
unterrinnen durch das Blut, das sollte ein Essaer durch eigene An- 
schauung einsehen. 

Um so etwas zu verstehen, wie durch eine Personlichkeit wie Abra- 
ham etwas Wichtiges fur die ganze Menschheitsevolution geschehen 
kann, miissen Sie einen Satz, eine wichtige Wahrheit ganz genau ins 
Auge fassen : daB immer, wo eine Personlichkeit zu einem besonderen 
Instrument fur die Menschheitsevolution ausersehen wird, bei einer 
solchen Personlichkeit ein unmittelbares Eingreifen einer gottlich- 
geistigen Wesenheit notwendig ist. 

Diejenigen von Ihnen, welche an der Miinchener Auffuhrung des 
«Rosenkreuzermysteriums» teilgenommen haben, oder es gelesen 
haben, werden wissen, daft eine der wichtigsten dramatischen Ver- 
wicklungen darauf beruht: Der Hierophant macht die Maria darauf 
aufmerksam, wie sie ihre Mission nur dadurch erfiillen kann, daB in der 
Tat ein solcher EinfluB einer hoheren Wesenheit stattgefunden hat; 
und bei ihr wird dadurch wirklich so etwas hervorgerufen, was man 
nennen kann eine Trennung der hoheren Glieder von den niederen, so 
daB die letzteren dann besessen werden konnen von einem unter- 
geordneten Geist. - Alles, was in dem «Rosenkreuzermysterium» zu 
finden ist, kann Sie, wenn Sie es auf Ihre Seele wirken lassen und nicht 
leicht hinnehmen, auf groBe Geheimnisse der Menschheitsevolution 
aufmerksam machen. 



Da nun Abraham ausersehen war, eine solche wichtige Rolle in der 
Menschheitsevolution zu spielen, war es bei ihm notwendig, daB hin- 
eindrang in das Innere seiner Organisation, was die Menschheit friiher 
in den atlantischen Zeiten wahrgenommen hatte als denjenigen Geist, 
der durchwebt und durchlebt die AuBenwelt. Das geschah zum ersten 
Male bei Abraham, und damit war es zum ersten Male moglich, daB eine 
Veranderung des geistigen Anschauens stattnnden konnte. Allerdings, 
damit das geschehen konnte, war notwendig der EinfluB einer gottlich- 
geistigen Wesenheit. Es legte gleichsam eine gottlich-geistige Wesen- 
heit in die Organisation des Abraham hinein den Keim fiir alle die 
Organisationen, die von ihm in der Generationenfolge abstammen 
sollten. 

Also sagte sich ein Essaer der damaligen Zeit: Was eigentlich das 
hebraische Volk bilden konnte, wodurch es der Trager der Christus- 
Mission werden konnte, das wurde zuerst in der Anlage bewirkt durch 
jenes geheimnisvolle Wesen, das man nur finden kann, wenn man durch 
die ganze Generationenfolge hinaufsteigt bis zu Abraham, wo es gleich- 
sam hineingeschlupft ist in die innere Organisation des Abraham, um 
dann durch das Blut hindurch als eine Art von Volksgeist im hebra- 
ischen Volke zu wirken. Will man also dieses sozusagen letzte Ge- 
heimnis der Menschheitsevolution verstehen, so muB man zu diesem 
Geiste hinaufsteigen, der jene Anlage verpflanzt hat, und ihn dort auf- 
suchen, wo er noch nicht in die Organisation des Abraham hinein- 
geschlupft war. Deshalb sagte der Essaer: Wenn der Mensch zu diesem 
eigentlich inspirierenden oder inaugurierenden Geist des hebraischen 
Volkes hinaufsteigen will und ihn in seiner Reinheit erkennen will, so 
muB er als Essaer oder Therapeut eine gewisse Entwickelung durch- 
machen, wodurch er sich von alledem reinigt, was seit dem Abraham- 
Ereignis aus der physischen Welt an die menschliche Seele heran- 
gekommen ist. Denn der Essaer sagte sich: Das geistige Wesen, das der 
Mensch in sich tragt, und alle die geistigen Wesenheiten, die mitwir- 
ken an dem Menschheitswerden, sind in ihrer Reinheit nur in der gei- 
stigen Welt zu schauen; wie sie in uns selbst wohnen, sind sie ver- 
unreinigt durch die Krafte der physisch-sinnlichen Welt. 

Nun hatte nach Anschauung der Essaer - und das ist natiirlich auf 



einem gewissen Gebiet der Erkenntnis absolut richtig - ein jeder 
Mensch, der damals lebte, alles das in sich, was in vorausgegangenen 
Zeiten in die menschliche Seele hineingekommen war an Verunreini- 
gungen, was den freien Blick auf das geistige Wesen triibte, das jene 
charakterisierte Aniage in Abraham gelegt hatte. Es muBte demnach 
eine jede Essaerseele sich reinigen von dem, was in die Aniage hin- 
eingekommen war und was sozusagen den Blick auf jenes Wesen triibte, 
das im Blute dieser Generationen wohnte; erst dann konnte es richtig 
geschaut werden. Alle Reinigungen seelischer Art, alle Exerzitien des 
Essaers waren darauf berechnet, die Seele frei zu bekommen von den 
durch die Generationen herunter vererbten Einrlussen und vererbten 
Merkmalen, welche den Blick auf das den Abraham inspirierende 
geistige Wesen triiben konnten; denn der Mensch hat ja nicht bloB 
sein innerstes geistig-seelisches Wesen in sich, sondern er hat es ge- 
triibt und verunreinigt in sich durch die vererbten Merkmale. 

Nun ist es ein geisteswissenschaftlicb.es Gesetz, das die Essaer vor- 
zugsweise durch ihre Forschung und ihr hellseherisches Anschauen 
erfullen konnten : daB der EinfluB der Vererbung erst wirklich auf hort, 
wenn man durch zweiundvierzig Stufen hindurch in der Ahnenreihe 
aufsteigt. Dann erst hat man alles aus seiner Seele herausgeworfen, wenn 
man diese zweiundvierzig Stufen hinaufsteigt. Das heiBt, man ererbt 
etwas vom Vater und von der Mutter, etwas von GroBvater und GroB- 
mutter und so weker. Immer weniger aber hat man von dem in sich, was 
durch Vererbung an Verunreinigungen des inneren Wesens entstanden 
ist, je weiter man in der Ahnenreihe hinaufsteigt, und nichts mehr hat 
man, wenn man durch zweiundvierzig Generationen hindurch auf- 
steigt. Da verliert sich der EinfLuB der Vererbung. Daher waren die 
Reinigungen der Essaer darauf berechnet, alles aus dem Inneren durch 
innere Exerzitien, durch sorgfaltige Schulung herauszuarbeiten, was 
durch zweiundvierzig Generationen hindurch an Verunreinigungen 
in die Seele hineingekommen war. Deshalb muBte jeder Essaer schwere 
innere Exerzitien, schwere mystische Wege durchmachen; die fuhrten 
ihn durch zweiundvierzig Stufen dazu, seine Seele zu reinigen. In der 
Tat waren es zweiundvierzig genau definierbare Stufen, die er in sich 
durchmachen muBte; dann wuBte er sich frei von alien Einfhissen der 



Sinnenwelt, von allem, was durch Vererbung an Verunreinigung seines 
inneren Wesens entstanden war. 

So stieg der Essaer hinauf durch zweiundvierzig Stufen so weit, da8 
er seine innerste Wesenheit, den Zentralkern seines Wesens verwandt 
fuhlte mit dem Gottlich-Geistigen, Deshalb sagte er sich: Ich steige 
bis zu dem Gotte hinauf, auf den es mir ankommt, indem ich diese 
zweiundvierzig Stufen durchmache. Es hatte der Essaer eine gute An- 
schauung davon, wie man zu einem noch nicht in die Materie unter- 
getauchten Gotteswesen aufsteigt. Er kannte den Weg hinauf. Das 
wuBte er aus eigener Erfahrung. Unter all denen, die damals auf der 
Erde lebten, waren die Therapeuten und Essaer die einzigen, die mit 
Bezug auf ein solches Ereignis, wie es das Abraham-Ereignis war, das 
Richtige wuBten. Sie wuBten es, insofern es auf die Vererbung durch 
die Generationen ankommt. Sie wuBten: Will man hinaufsteigen zu 
einem Wesen, das in die Vererbungslinie hineingekommen ist, und 
will man an dem Ort ankommen, wo es noch nicht in die Materie 
untergetaucht ist, dann muB man durch zweiundvierzig Stufen, die den 
zweiundvierzig Generationen entsprechen, hinaufsteigen, dann findet 
man es. Aber die Essaer kannten noch etwas anderes. Sie wuBten: 
Ebenso wie der Mensch durch zweiundvierzig Stufen, welche die Ent- 
sprechungen sind der zweiundvierzig Generationen, hinaufsteigen 
muB, um zu diesem gottlichen Wesen zu kommen, so muB dieses gott- 
liche Wesen, wenn es bis in das menschliche Blut hinunterdringen will, 
durch zweiundvierzig Stufen hinuntersteigen, muB also den um- 
gekehrten Weg machen. Braucht der Mensch zweiundvierzig Stufen, 
um zu dem Gotte hinaufzusteigen, so braucht der Gott zweiund- 
vierzig Stufen, um herunterzusteigen, um Mensch unter Menschen zu 
werden. 

So lehrten die Essaer. Und so lehrte vor alien Dingen unter den 
Essaern Jeshu ben Pandira unter dem EinfluB des ihn inspirierenden 
Bodhisattva. Daher war es eine Essaerlehre, daB jenes Wesen, welches 
den Abraham dazu inspiriert hatte, daB er den Gotteskeim in die eigene 
Organisation aufnahm, zweiundvierzig Generationen brauchte, um bis 
zur vollen Menschlichkeit herunterzusteigen. 

Wenn wir das wissen, kennen wir jetzt auch die Quelle, aus der die 



Erkenntnis geflossen ist fur den Schreiber des Matthaus-Evangeliums, 
daB er gerade diese zweiundvierzig Generationen aufgesucht hat. Und 
Jesus, der Sohn des Pandira, war es, der die Essaer vor allem auf eines 
aufmerksam machte. Er lebte in einem Jahrhundert, bevor es moglich 
war, daB die zweiundvierzig Generationen da waren; denn sie waren 
erst nach einem Jahrhundert moglich. Er machte die Essaer darauf 
aufmerksam, daB sie den Weg durch die zweiundvierzig Stufen nur bis 
zu einem gewissen Grade erst durchmachen konnten, wo sie an Histo- 
risches ankmipfen konnen, und ihn von da ab nur durch die Gnade von 
oben weiter durchmachen konnten, daB aber die Zeit eintreten wiirde, 
wo dies ein naturliches Ereignis sein wird, wo ein Mensch geboren 
werden wird, der in sich die Moglichkeit haben wird, mit seinem eige- 
nen Blut so weit hinaufzusteigen, daB jene gottliche Kraft zu ihm 
heruntersteigen kann, die er braucht, um den ganzen Geist des hebra- 
ischen Volkes, den Jahvegeist, in dem Blut des hebraischen Volkes zur 
Manifestation zu bringen. Daher lehrte Jeshu ben Pandira: Soli Zara- 
thustra, der Bringer des Ahura Mazdao, sich in einem Menschenleib 
inkarnieren, so ist das nur moglich, wenn dieser Menschenleib so zu- 
bereitet ist, daB das ihn erfiillende gottlich-geistige Wesen durch zwei- 
undvierzig Generationen heruntergestiegen ist. 

Damit haben wir darauf hingewiesen, wie aus den Essaergemeinden 
herausgeflossen ist der Quell zu jener Generationenlehre, mit der gleich 
das Matthaus-Evangelium beginnt. Wenn wir diese Tatsachen voll- 
standig verstehen wollen, miissen wir allerdings noch auf etwas Tiefe- 
res der ganzen Angelegenheit hinweisen. 

Alles, was mit der menschlichen Evolution, mit der menschlichen 
Entwickelung zusammenhangt, tritt uns sozusagen von zwei Seiten 
entgegen - einfach dadurch, daB der Mensch ein zweigespaltenes We- 
sen ist. Wenn uns der Mensch wahrend seines TagesbewuBtseins ent- 
gegentritt, sind die vier Glieder seines Wesens miteinander verbunden, 
und wir konnen nicht gleich unterscheiden, wie er ein zweigespaltenes 
Wesen ist. Aber in der Nacht, wo wir ja auch die ganze menschliche 
Wesenheit vor uns haben, haben wir deutlich diese menschliche Wesen- 
heit in zwei Teile gespalten: in das, was in der physischen Welt zu- 
riickbleibt als physischer Leib und Atherleib, und in das, was heraus- 



dringt aus physischem Leib und Atherleib als astralischer Leib und Ich. 
Aus diesen zwei Teilen ist der Mensch gleichsam zusammengefiigt. 
Solange wir reden von dem, wodurch der Mensch in die physische 
Welt riineingehort, konnen wir eigentHch nur sprechen von physi- 
schem Leib und Atherleib. Alles, was menschliche Verrichtungen, was 
Angelegenheiten in der physischen Welt sind, geht nur den physischen 
und den Atherleib an, obwohl wahrend des Tagwachens die iibrigen 
Glieder daran beteiligt sind. Wahrend des Tagwachens wirkt der 
Mensch vom Ich und astralischen Leib aus in die beiden anderen Glie- 
der hinein; wahrend des Schlafes uberlaBt er sie sich selbst. In Wahr- 
heit aber beginnen im Augenblick, wo der Mensch einschlaft, aus dem 
Weltenraum, aus dem Kosmos heraus die Krafte und Wesenheiten zu 
wirken und das zu durchdringen, was der Mensch verlassen hat, so 
daB wir es in der Tat zu tun haben mit einem fortgehenden EinfluB 
vom Kosmos auf den physischen Leib und Atherleib des Menschen. 
Aber was von uns im Bette liegen bleibt, und was die AuBenseite unse- 
res Wesens ist, namlich physischer Leib und Atherleib, das ist eigent- 
Hch beschlossen innerhalb zweiundvierzig Generationen ; da vererbt 
es sich. Wenn wir also bei der ersten Generation beginnen und alles 
nehmen, was da dem physischen Wesen angehort, und durch zweiund- 
vierzig Generationen weitergehen, so finden wir nach zweiundvierzig 
Generationen nichts mehr von dem, was die wesentlichsten Anlagen 
waren beim ersten Gliede. Also in sechs mal sieben Generationen liegt 
das beschlossen, was eigentlich weset und kraftet in einem uns vor- 
liegenden physischen Leibe und Atherleibe eines Menschen. Alles, was 
wir in diesen zwei Leibern an vererbten Merkmalen finden konnen, 
miissen wir suchen bei den Vorfahren, aber nur im Verlaufe von zwei- 
undvierzig Generationen. Kommen wir weiter hinauf, so finden wir 
nichts mehr davon; alles, was einer fruheren Generation angehort, ist 
verschwunden. Wenn wir also die auBere Seite einer menschlichen 
Wesenheit betrachten, finden wir die sie durchsetzende Kraft gebunden 
an zweiundvierzig Generationen. 

Die menschliche Entwickelung in der Zeit griindet sich so auf ein 
Zahlenverhaltnis. Betrachten wir dieses Zahlenverhaltnis einmal ge- 
nauer; es ist wichtig, daB wir es ins Auge fassen. Betrachten wir es, wie 



es eigentlich betrachtet sein will, wenn wir gerade die Geschlechter- 
folge im Matthaus-Evangelium verstehen wollen. 

Alles, was den physischen Leib betrifft, ist an zweiundvierzig Gene- 
rationen gebunden, aus dem Grunde, weil alles, was an Zeitentwicke- 
lung gebunden ist, was die Zeit betrifft, an die Siebenzahl gebunden 
ist. Daher ist auch die Entwickelung hinauf iiber die physisch vererbten 
Merkmale bei den Essaern an die Siebenzahl gebunden gewesen. Ein 
Essaer sagte sich: Du hast durchzumachen sechs mal sieben, das sind 
zweiundvierzig Stufen; dann kommst du hinauf zu den nachsten sie- 
ben Stufen, die also die Vollendung der Siebenzahl, die sieben mal 
sieben = neunundvierzig Stufen ergeben. Was jedoch iiber den zwei- 
undvierzig Stufen liegt, ist nicht mehr zu rechnen zu den Kraften und 
Wesenheiten, welche im physischen und im Atherleibe wirksam sind. 
Es wird zwar die ganze Evolution des physischen Leibes und des 
Atherleibes erst vollendet wirklich nach dem Gesetz der Siebenzahl, 
nach sieben mal sieben Generationen; aber fur die letzten sieben Gene- 
rationen ist schon eine vollstandige Umwandelung erreicht; da ist von 
den ersten Generationen nichts mehr vorhanden. Was also fur uns in 
Betracht kommt, haben wir zu suchen innerhalb von sechs mal sieben. 
Wenn aber die Siebenzahl voll wird, haben wir etwas vor uns, was 
schon als etwas Neues anzuerkennen ist. Bei jenem Gebiet, in das man 
nach den zweiundvierzig Generationen hineinkommt, hat man es nicht 
mehr mit einem menschlichen, sondern mit einem ubermenschlichen 
Dasein zu tun. Wir unterscheiden also sechs mal sieben Generationen, 
die durchaus an die Erde sich halten, und was dariiber ist, die Sie- 
benmalsieben, das fuhrt schon iiber die Erde hinaus ; das ist die Frucht 
fur die geistige Welt. Nach der Sechsmalsieben geht die Frucht 
auf, die dann bei der Siebenmalsieben fur die geistige Welt heraus- 
kommt. 

Deshalb sagten sich gleichsam diejenigen, von denen das Matthaus- 
Evangelium ausgegangen ist: Es muBte die physische Leiblichkeit, 
deren sich Zarathustra bediente, so reif sein, daB sie nach den zweiund- 
vierzig Generationen schon am Beginne der Vergeistigung, der Ver- 
gottung steht, schon am Beginne dessen steht, wo sie der Deificatio 
anheimfallen muBte. - Sie fallt also da schon in den Beginn der drei- 



undvierzigsten Generation hinein, tritt sie aber nicht an, sondern laBt 
sich jetzt von einer anderen Wesenheit durchsetzen, von jener Wesen- 
heit, die als der Geist des Zarathustra sich auf der Erde verkorpert als 
Jesus von Nazareth. So war durch die Erfullung des Zahlengeheim- 
nisses alles geschehen, was der Zarathustra-Seele in dem Jesus von 
Nazareth den angemessensten Leib, das angemessenste Blut geben 
konnte. Alles, was sich bezieht auf physischen Leib und Atherleib, ist 
dadurch fur die Evolution der Menschheit zubereitet gewesen. 

Nun aber sind in einem Menschen, also auch in demjenigen, der der 
Trager fur die Christus-Wesenheit werden sollte, nicht bloB physischer 
Leib und Atherleib vorhanden, sondern auch noch astralischer Leib 
und Ich. Es muBte also nicht bloB alles getan werden fur die entspre- 
chende Zubereitung des physischen Leibes und des Atherleibes, son- 
dern es muBte ebenso alles getan werden fiir die entsprechende Zube- 
reitung des astralischen Leibes und des Ich. Dies konnte fiir ein so 
groBes Ereignis zunachst nicht an einer Personlichkeit bewirkt werden, 
sondern es muBte an %wei Personlichkeiten geschehen. Der physische 
Leib und der Atherleib wurden zubereitet bei der Personlichkeit, von 
der das Matthaus-Evangelium zunachst erzahlt. Und astralischer Leib 
und Ich wurden zubereitet bei der Personlichkeit, die wir vom Lukas- 
Evangelium her kennen als den nathanischen Jesus. Das ist fiir die 
ersten Jahre eine andere Personlichkeit. Wahrend der Jesus des Mat- 
thaus-Evangeliums den entsprechenden physischen und Atherleib be- 
kam, sollte der Jesus des Lukas-Evangeliums bekommen den entspre- 
chenden astralischen Leib und den entsprechenden Ich-Trager. Wie 
konnte das letztere geschehen? 

Wir sahen, daB die Krafte der zweiundvierzig Generationen in einer 
ganz bestimmten Weise zubereitet werden muBten, damit die Glieder 
zustande kamen, die notwendig waren fiir den Jesus des Matthaus- 
Evangeliums. Es muBten aber auch astralischer Leib und Ich zubereitet 
werden, damit sie dann spater in entsprechender Weise zusammen- 
kommen konnten. Wie sie zusammenkommen konnten, dariiber wer- 
den wir noch sprechen. - Bei dem Jesus des Lukas-Evangeliums muB- 
ten also auch entsprechende Vorbereitungen getroffen werden. Be- 
trachten wir dazu das Wesen des Schlafzustandes. 



Es ist eine Fabel, sagte ich, die aus den Angaben des niederen Hell- 
sehens herriihrt, daB in der Nebelwolke, die in der Nahe des physi- 
schen Leibes und des Atherleibes des schlafenden Menschen schwebt, 
die ganze astralische und Ich-Wesenheit des Menschen enthalten ist. 
Denn es ist in der Tat so, daB der Mensch, wenn er im Schlafzustande 
herausgeht aus physischem Leib und Atherleib, in Wahrheit ergossen 
ist, ausgedehnt ist in den ganzen Kosmos, in das, was zu unserem Kos~ 
mos gehort. Das ist ja auch das Geheimnis unseres Schlafes, daB wir 
uns aus der Sternenwelt - daher reden wir von dem astralischen Leib, 
der iiber die Welt der Sterne ausgegossen ist - herausholen die rein- 
sten Krafte aus dem ganzen Kosmos, die wir dann beim Aufwachen, 
wenn wir wieder untertauchen miissen in den physischen Leib und 
Atherleib, uns mitbringen. Da dringen w T ir aus dem Schlaf heraus, ge~ 
starkt und gekraftigt durch alles, was wir einsaugen konnen aus dem 
ganzen Kosmos. 

Wenn der Mensch nun heute - und ahnlich war es auch zur Zeit des 
Christus Jesus - im hdheren Sinne hellsichtig wird, was muB dann mit 
ihm geschehen? Im heutigen normalen Zustande wird der Mensch un- 
bewuBt, wenn er mit seinem astralischen Leibe und seinem Ich heraus- 
dringt aus physischem Leib und Atherleib. Das hellseherische BewuBt- 
sein muB aber in die Lage gebracht werden, mit AuBergebrauchset- 
zung von physischem Leib und Atherleib, bloB mit den Instrumenten 
des astralischen Leibes und des Ich zu schauen. Dann wird das hell- 
seherische BewuBtsein teilhaftig der Welt der Sterne und nimmt wahr, 
was darinnen ist; es sieht nicht nur hinein, sondern es steigt hinein in 
die Welt der Sterne. Ganz ahnlich, wie das EssaerbewuBtsein hinauf- 
steigt durch die Zeitenfolge, der die Siebenzahl zugrunde liegt, so muB 
der Mensch die Stufen durchmachen, die es ihm ermoglichen, den 
Weltenraum hellseherisch wahrzunehmen. 

Nun habe ich schon ofter angedeutet, workmen die Gefahren liegen 
sowohl fur die Entwickelung nach der einen Seite, wie auch fur die 
Entwickelung nach der anderen Seite. Im Grunde ist es bei den Essaern 
ein Hineinsteigen in den physischen Leib und Atherleib gewesen, um 
in dem Durchgange durch die zweiundvierzig Generationen den Gott 
zu finden. Es ist bei ihnen so gewesen, wie wenn ein Mensch, der auf- 



wacht, die Welt nicht um sich herum sahe, sondern hineintauchte in 
den physischen Leib und Atherleib, um deren Krafte zu schauen, also 
sein AuBeres von innen wahrzunehmen. Der Mensch steigt beim Auf- 
wachen nicht bewuBt in den physischen und Atherleib hinunter. Davor 
ist er dadurch bewahrt, daB ihm im Moment des Aufwachens sein Be- 
wuBtsein abgelenkt wird auf die Umgebung und nicht sich richtet auf 
die Krafte des physischen und des Atherleibes. Das war nun das We- 
sentliche bei den Essaern, daB sie alle Krafte, die aus den zweiundvierzig 
Generationen herruhrten, wahrnehmenlernten; daB sie absehenlemten 
von dem, was der Blick in der AuBenwelt finder, und untertauchen 
lernten in den eigenen physischen Leib und Atherleib und dort sahen, 
was lebte im Sinne des Geheimnisses von Sechsmalsieben, von zwei- 
undvierzig Generationen. 

In ahnlicher Weise muB der Mensch sich hinaufleben, wenn er in 
den Kosmos hinaufsteigen will, wenn er kennenlernen will, was dem 
ganzen Kosmos als Geheimnisse zugrunde liegt. Das ist machtiger. 
Wenn der Mensch hinuntersteigt in das eigene Innere, ist er nur der 
Gefahr ausgesetzt, daB er ergriffen wird von all den Kraften des eige- 
nen Inneren, von den Begierden, Leidenschaften und allem, was auf 
dem Grund der Seele ist, worauf ja der Mensch gewohnlich nicht achtet, 
wovon er gar nichts ahnt, denn fur gewohnlich wird er durch die 
auBere Erziehung abgehalten, diese Krafte kennenzulernen. Er hat gar 
nicht die Moglichkeit, sich von ihnen ergreifen zu lassen, denn es 
wird ja der Blick gleich abgelenkt durch das Auftauchen der AuBen- 
welt beim Aufwachen. Wahrend also beim Hinuntersteigen in das 
eigene Innere die Gefahr vorhanden ist, daB man sozusagen ergriffen 
wird von den niedersten Trieben und egoistischsten Kraften seiner 
eigenen Natur, so ist eine andere Gefahr dann vorhanden, wenn man 
erlebt das Sich-Ausbreiten iiber den ganzen Kosmos. Und diese Gefahr 
kann man nicht genauer charakterisieren, als daB man sagt: Wer diesen 
Moment erlebt, wo er nicht in die UnbewuBtheit hineinschlaft, son- 
dern so bewuBt einschlaft, daB er in seinem astralischen Leib und sei- 
nem Ich ein Instrument hat, um die geistige Welt wahrzunehmen, fur 
den ist die Gefahr, welche ihn da uberkommt, etwas wie eine gewaltige 
Blendung, wie wenn der Mensch den Sonnenstrahlen gegeniibertrate. 



Geblendet ist er von der gewaltigen GroBe und vor allem von dem 
ungeheuer Verwirrenden der Eindriicke. 

Wie man nun die Stufen, die der Mensch in Essaerweise durchzu- 
machen hatte, urn erkennen zu lernen alles, was von vererbten Merk- 
malen im physischen Leibe und Atherleibe war, zu bezeichnen hat 
durch das Zahlengeheimnis von Sechsmalsieben, so gibt es auch ein 
Zamengeheimnis, welches darstellt, wie der Mensch zur Erkenntnis 
der kosmischen Geheimnisse kommt, der Gdheimnisse der groBen 
Welt. Am besten kann man diesem Geheimnis wieder dadurch nahe- 
kommen, daB man sich dessen bedient, was drauBen im Kosmos an 
Bewegungen und Konstellationen, an Ausdrucksformen in den Sternen 
von selber vorhanden ist, was gleichsam in die Sterne eingeschrieben 
ist. - Wie man durch sechs mal sieben Stufen zu den Geheimnissen des 
menschlichen Inneren vordringt, so gelangt man durch zwolf mal sie- 
ben, also vierundachtzig Stufen hinauf zu den geistigen Geheimnissen 
des Weltenraumes. Wenn man solche zwolf mal sieben = vierund- 
achtzig Stufen durchgemacht hat, kommt man an den Punkt, wo das 
Labyrinth dieser geistigen Weltenkrafte nicht mehr blendend ist, wo 
der Mensch wirklich die Ruhe gewonnen hat, sich auszukennen in die- 
sem gewaltigen Labyrinth, wo dieses Labyrinth durchschaut wird. Das 
lehrten wieder in einem gewissen Sinne die Essaer. 

Wenn der Mensch in diesem geschilderten Sinne hellseherisch wird, 
dann gieBt er sich aus beim Einschlafen in etwas, was sich ausdriickt 
in dem Zahlengeheimnis von Zwolfmalsieben. Aber bei dem, was das 
Zwolftemalsieben ist, ist er schon im Geistigen drinnen: denn wenn 
er die Elfmalsieben vollendet hat, ist er schon an die Grenze der Ge- 
heimnisse gelangt. Wie die Siebenmalsieben schon im Geistigen darin- 
nen ist, so ist auch die Zwolfmalsieben schon im Geistigen darinnen. 
Will der Mensch diesen Weg durchmachen, so braucht er, um anzu- 
kommen im Geistigen, elf mal sieben Stufen, das heiBt, es muB der 
Mensch im astralischen Leibe und Ich elf mal sieben Stufen durch- 
machen. Das wird ausgedriickt in der Sternenschrift, indem man die 
Siebenzahl hernimmt von der Siebenzahl der Planeten, und das, was 
man durchzumachen hat im Weltenraum, hernimmt von der Zwolfzahl 
der Sternbilder des Tierkreises. Wie sich innerhalb der zwolf Stern- 



bilder konstellieren die sieben Planeten und die Sternbilder bedecken, 
so hat der Mensch durchzumachen, wenn er sich hineinlebt in den 
Weltenraum, sieben mal zwolf beziehungsweise sieben mal elf Stufen, 
bis er ankommt im Geistigen. 

So konnen Sie, wenn Sie sich ein Bild machen wollen, den Umkreis 
des Geistigen in den zwolf Sternbildern des Tierkreises sich denken 
und den Menschen selber in der Mitte darinnen. Nun ist das Geistige 
so ausgebreitet, daB er, wenn er es erreichen will, nicht etwa vom Mit- 
telpunkt aus anfangen kann sich auszugieBen, sondern er muB sich 
spiralformig ausbreiten, indem er sich gleichsam in sieben Spiralwin- 
dungen dreht, und jedesmal, wenn er eine Spiral windung durchmacht, 
alle zwolf Sternbilder passiert, so daB er sieben mal zwolf Punkte zu 
passieren hat. Der Mensch breitet sich allmahlich spiralformig in den 
Kosmos aus - das alles ist natiirlich nur ein Sinnbild fur das, was der 
Mensch erlebt -, und wenn er, so herumkreisend, das siebente Mal die 
zwolf Sternbilder durchmachen wiirde, ware er beim Gottlich-Geisti- 
gen angelangt. Es ist dann so, daB der Mensch, anstatt von seinem 
Zentrum aus in den Kosmos hinauszublicken, dann von dem geistigen 
Umkreise, von den zwolf Punkten hereinblickt und das, was in der 
auBeren Welt ist, anschauen kann. Das muB man durchmachen, wenn 
man das sehen will, was in der Welt ist. Es geniigt nicht, daB man sich 
auf einen Gesichtspunkt stellt, sondern man muB sich auf zwolf Ge- 
sichtspunkte stellen. Wer heraufdringen wollte zum Gottlich-Geisti- 
gen, muBte durch elf mal sieben Stufen durchgehen, muBte den astrali- 
schen Leib und das Ich durch elf mal sieben Stufen herauffiihren. Wenn 
er an der Zwolfmalsieben ankam, war er im Geistigen darinnen. 

In dieser Weise muBten astralischer Leib und Ich durch zwolf mal 
sieben beziehungsweise elf mal sieben Stufen durchgehen, wenn sie 
zum Gottlichen kommen wollten. Will das Gottliche herunterkom- 
men und ein menschliches Ich geeignet machen, so muB es ebenso 
durch elf mal sieben Stufen heruntersteigen. 

Wenn also das Lukas-Evangelium jene geistigen Krafte schildern 
will, die den astralischen Leib und das Ich geeignet machten zum Tra- 
ger des Christus, dann muBte es schildern, wie die gottHch-geistige 
Kraft durch elf mal sieben Stufen heruntersteigt. Das schildert uns 



wirklich das Lukas-Evangelium. Weil uns das Lukas-Evangelium jene 
andere Persdnlichkeit schildert, fur welche der astralische Leib und das 
Ich zubereitet wurden, schildert es uns nicht wie das Matthaus-Evan- 
gelium sechs mal sieben Generationen, sondern elf mal sieben Stufen- 
folgen, durch welche von Got* selber - das wkd ausdriicklich im 
Lukas-Evangelium gesagt - heruntergeleitet wird, was in der Indivi- 
dualitat des Jesus des Lukas-Evangeliums wohnte. Zahlen Sie die Men- 
schenstufen, die im Lukas-Evangelium angekiindigt werden, durch 
welche die gottliche Kraft heruntergeleitet wird, so bekommen Sie 
siebenundsiebzig Stufen (Luk. 3, 23-38). 

Weil uns das Matthaus-Evangelium schildert das Geheimnis der 
Wirksamkeit in dem Herabsteigen jener gottlichen Kraft, welche phy- 
sischen Leib und Atherleib durchbildet, muB darin herrschen die Zahl 
Sechsmalsieben. Und es muB im Lukas-Evangelium, weil es uns schil- 
dert das Herabsteigen der gottlichen Kraft, die astralischen Leib und 
Ich umgestaltet, erscheinen die Zahl Elfmalsieben. Daran konnen wir 
sehen, aus welchen Tiefen diese Dinge hergenommen sind, wie in der 
Tat die Geheimnisse der Initiation, der Stufenfolge beim Hinunter- 
dringen des Gottlich-Geistigen in eine menschliche Individualist und 
beim Hinausdringen in den Kosmos im Matthaus-Evangelium und 
im Lukas-Evangelium angegeben sind. 

Warum auch beim Lukas-Evangelium eine Generationenfolge zu- 
stande gekommen ist, und warum in der Zeit, als nur wenigen Men- 
schen das Geheimnis von dem Christus Jesus gelehrt worden ist, mit- 
geteilt wurde, dafi von Gott und von Adam bis herunter zu dem Jesus 
des Lukas-Evangeliums siebenundsiebzig Generationen vorhanden 
sind, davon wollen wir morgen weiter sprechen. 



SECHSTER VORTRAG 
Bern, 6. September 1910 



Jedem, der das Lukas-Evangelium in die Hand nimmt und jenes Ka- 
pitel betrachtet, in dem die Abstammung des dort behandelten Jesus 
zuruckgefiihrt wird auf fruhere Generationen, wird es ohne weiteres 
einleuchten konnen, daB die Absicht des Schreibers des Lukas-Evan- 
geliums ubereinstimmt mit dem, was gestern hier gesagt worden ist. 
Es handeite sich gestern darum, daB sozusagen in demselben Sinne, 
wie eine gottliche Kraftwesenheit durchdringen sollte den physischen 
Leib und Atherleib des salomonischen Jesus, ebenfalls eine gottliche 
Kraftwesenheit durchdringen sollte den astralischen Leib und das Ich 
bei jener Personlichkeit, die wir als den nathanischen Jesus, den Jesus 
des Lukas-Evangeliums kennen. Und deutlich wird es ja im Lukas- 
Evangelium gesagt: diese gottliche Kraftwesenheit soli das, was sie ist, 
dadurch sein, daB durch alle Generationen herunter die Erbfolge in 
einer geraden Linie von jener Stufe der Menschlichkeit stromt, da der 
Mensch noch nicht innerhalb des Erdendaseins zum ersten Male in 
eine irdische, physisch-sinnliche Inkarnation eingetreten ist. Wir sehen 
ja, wie das Lukas-Evangelium durch, sagen wir, Generationen die Ab- 
stammung seines Jesus zuriickfuhrt bis auf Adam, bis auf Gott. Das 
aber will nichts anderes heiBen, als daB wir, wenn wir jenes Prinzip im 
astralischen Leibe und im Ich des nathanischen Jesus finden wollen, 
hinaufzugehen haben bis zu einem solchen Zustande des Menschen, 
da dieser Mensch noch nicht aufgenommen war von einer physisch- 
sinnlichen Erdeninkarnation, da er noch nicht herabgestiegen war aus 
dem gottlich-geistigen Dasein, sondern noch im SchoBe jener geisti- 
gen Spharen war, innerhalb welcher wir den Menschen als ein gott- 
angehoriges, als ein gottliches Wesen bezeichnen konnen. Wir miissen 
ja im Sinne der ganzen anthroposophischen Auseinandersetzungen auf 
diesen Zeitpunkt der alten lemurischen Zeit hinweisen und ihn fest- 
setzen als denjenigen, wo der Mensch noch nicht inkarniert war in den 
Elementen des Erdendaseins, sondern wo er noch in einer gottlich-gei- 
stigen Sphare war. Bis hinauf in jene Zeiten, da der Mensch noch gott- 



licher Natur war und auch noch nicht das auf den Menschen gewirkt 
hatte, was wir den luziferischen EinfluB nennen, verfolgt tatsachlich 
das Lukas-Evangelium seinen Jesus. 

In der Tat wollten diejenigen Mysterien, die ihre Schiiler bis zu je- 
ner Einweihung fiihrten, die wir gestern charakterisiert haben als die 
Erkenntnis der groBen Geheimnisse des kosmischen Raumes, den 
Menschen hinausfuhren iiber alles Irdische, oder besser gesagt, iiber 
das, was der Mensch durch das Irdische geworden ist. Sie wollten leh- 
ren, wie man die Welt anschauen kann, wenn man sie nicht durch die 
Werkzeuge anschaut, die der Mensch seit der Zeit erhalten hat, da der 
luziferische EinfluB wirken konnte. Wie nimmt sich das Weltall aus fur 
das hellseherische Anschauen, wenn der Mensch sich frei macht von 
der Wahrnehmung durch physischen Leib und Atherleib, sich frei 
macht von allem, was aus dem Irdischen an ihn herankommen kann, 
das war zunachst die groBe Frage fur die Mysterienschiiler. In einem 
solchen Zustande war der Mensch auf naturliche Weise vor dem Ein- 
treten in eine irdische Inkarnation und bevor er zu dem « irdischen 
Adam» geworden ist, um im Sinne der Bibel und des Lukas-Evange- 
liums besonders zu sprechen. Also nur ein Zweifaches gibt es, wodurch 
der Mensch das sein kann, was ihn zu einem gottUch-geistigen Men- 
schen macht : Das eine ist die hohe Initiation der groBen Mysterien ; das 
andere ist nicht zu verwirklichen in einer beliebigen Erdenzeit, sondern 
war vorhanden auf einer elementaren Stufe des Menschenseins, vor 
dem Herabsteigen des gottlichen Menschen in der lemurischen Zeit zu 
dem, was die Bibel den « irdischen Menschen » nennt; denn «Adam» 
heiBt «Erdenmensch», der nicht mehr gottlich-geistiger Art ist, son- 
dern sich bekleidet hat mit den irdischen Elementen. 

Nun konnte aber eines auffallen, wenn wir so etwas zum Ausdruck 
bringen. Das ist, daB ja immerhin nur siebenundsiebzig, sagen wir, 
Generationen oder Stufen des Daseins, Vererbungsstufen genannt wer- 
den. Schon beim Matthaus-Evangelium konnte es jemand auffallig 
finden, daB nur zweiundvierzig Generationen von Abraham bis auf 
Christus genannt werden, und er konnte nachrechnen, daB die Zahl der 
Jahre, die man gewohnlich fur eine Generation annimmt, nicht aus- 
reichen wiirde bis zu Abraham hinauf. Wer das sagen wiirde, miiBte 



aber beriicksichtigen, daB friiher mit Recht fiir die alten Zeiten, fur die 
Patriarchenzeiten von Salomo und David aufwarts, langere Zeiten an- 
genommen wurden fiir die Dauer einer Generation als spater. Wenn 
wir nur einigermaBen selbst mit den historischen Daten fertig werden 
wollen, diirfen wir nicht bei drei Generationen - zum Beispiel Abra- 
ham, Isaak und Jakob - das rechnen, was jetzt der Durchschnitt fur drei 
Generationen ergeben wiirde, sondern wir miissen fiir diese drei Gene- 
rationen etwa zweihundertfiinfzehn Jahre festsetzen. Das ergibt auch 
die okkulte Forschung. Die Tatsache, daB fiir jene alten Zeiten die 
Dauer einer Generation langer anzusetzen ist als heute, ergibt sich noch 
deutlicher fiir die Generationen von Adam bis auf Abraham herunter. 
Bei der Generationenfolge von Abraham abwarts kann schon jeder sich 
klarmachen, daB die einzelne Generation langer angesetzt worden ist; 
denn es wird immer schon ein hohes Alter den Patriarchen Abraham, 
Isaak und Jakob zugeschrieben, wenn sie einen Sohn bekommen, der 
ein Erbsohn ist. Und rechnet man gewohnlich heute dreiunddreiBig 
Jahre fiir eine Generation, so rechneten mit Recht diejenigen, die das 
Matthaus-Evangelium schrieben, in den alten Zeiten funfundsiebzig 
bis achtzig und eine noch langere Anzahl von Jahren auf eine Genera- 
tion. Aber wir haben zu betonen, daB im Matthaus-Evangelium bis zu 
Abraham gemeint sind einzelne Menschen. Nicht mehr aber sind ein- 
zelne Menschen gemeint, wenn wir von Abraham heraufgehen und die- 
jenigen Namen in Betracht Ziehen, die das Lukas-Evangelium anfuhrt. 
Da miissen wir durchaus an etwas erinnern, was richtig ist, wenn es 
vielleicht auch fiir die heutigen materialistischen Vorstellungen der 
Menschen unglaublich erscheint. 

Was wir heute unser Gedachtnis, unser zusammenhaltendes Be- 
wuBtsein nennen konnen, die Erinnerung an das Gleichbleibende un- 
serer inneren Wesenheit, das reicht ja heute fiir den normalen Men- 
schen nur bis in die ersten Kindheitsjahre. Der moderne Mensch wird, 
wenn er sein Leben zuriickverfolgt, finden, daB irgendwo die Erinne- 
rung abreiBt. Der eine wird sich mehr, der andere weniger an die Kind- 
heit erinnern. Aber unser heutiges Gedachtnis ist durchaus im einzel- 
nen personlichen Leben beschlossen, ja, umfaBt nicht einmal das ganze 
personliche Leben bis zum Tage der Geburt. Wenn wir uns zum Be- 



wuBtsein bringen, wie die Seelenfahigkeiten, die BewuBtseinseigen- 
tiimlichkeiten der Menschen iiberhaupt in alten Zeiten waren, wenn 
wir uns erinnern, wie wir in der Menschheitsevolution beim Zuriick- 
gehen auf Zeiten stoBen, wo ein gewisser hellseherischer Zustand nor- 
males menschliches BewuBtsein war, dann werden wir es auch nicht 
mehr verwunderlich finden, daB wir uns fur diese verhaltnismaBig 
naheliegenden Zeiten sagen konnen - was uns die Geistesforschung 
bestatigt -, daB die BewuBtseinsverhaltnisse in bezug auf das Gedacht- 
nis in alten Zeiten durchaus andere waren, als sie spater geworden sind. 

Wenn wir also hinter die Zeiten zuriickgehen, die in der Bibel als die 
Zeiten des Abraham bezeichnet werden, wird die ganze Seelenverfas- 
sung doch etwas anders, als sie spater war, und namendich wird das 
Gedachtnis anders. Und wenn wir von Abraham an noch weiter zu- 
riickgehen bis in die atlantische Zeit, durch die atlantische Zeit hin- 
durch, so mussen wir sagen : Es war damals das Gedachtnis etwas ganz 
anderes. Es war vor alien Dingen so, daB man sich nicht nur, wie heute, 
zuruckerinnerte an personliche Erlebnisse des einzelnen Lebens, son- 
dern man erinnerte sich durch die Geburt hindurch an das, was der 
Vater, was der GroBvater und so weiter erlebt hatten. Gedachtnis war 
etwas, was durch das Blut durch eine Reihe von Generationen hin- 
durchrann, und erst spater wurde es fur einzelne Zeiten und auf das 
einzelne Leben zusammengezogen. 

Und wenn fiir die friiheren Zeiten Namen gebraucht werden - die. 
Namengebung der alten Zeiten wiirde heute ein besonderes Studium 
erfordern -, so ist unter einem solchen Namen etwas ganz anderes zu 
begreifen, als was wir heute mit einem Namen verbinden. Und was die 
auBere Philologie heute dariiber zu sagen weiB, ist wirklich ein ganz 
dilettantenhaftes Zeug. Der Gebrauch der Namen war friiher ein ganz 
anderer. Man hatte sich iiberhaupt nicht eine solche Vorstellung ma- 
chen konnen, daB Namen mit Dingen oder Wesenheiten so in auBer- 
licher Weise verkniipft werden konnten, wie es heute geschieht. Der 
Name war in alten Zeiten etwas, was wesenhaft war, was wesenhaft 
mit dem Wesen oder Ding zusammenhing und ausdriicken sollte den 
inneren Charakter des Wesens im Ton. Ein Nachklang des Wesens im 
Ton sollte der Name damals sein. Davon hat unsere heutige Zeit gar 



keinen BegrirT mehr, denn sonst konnten solche Biicher heute nicht 
entstehen wie die «Kritik der Sprache» von Fritt^ Mauthner, die alles 
neuere Forschen, alle gelehrte Kritik der letzten Jahre iiber die Sprache 
in groBartiger Weise beriicksichtigt, aber nur nicht das, was far alte 
Zeiten das Wesenhafte der Sprache war. Der Name war durchaus in 
alten Zeiten nicht angewendet auf den einzelnen Menschen in seinem 
personlichen Leben, sondern auf das, was durch das Gedachtnis zu- 
sammengehalten wurde, so daB sein Name so lange gebraucht wurde, 
als die Erinnerung dauerte. So ist Noah zum Beispiel nicht ein ein- 
zelner Mensch, sondern der Name Noah bedeutet, daB sich zunachst 
irgendein einzelner Mensch erinnert an sein eigenes Leben und dann 
durch die Geburt hindurch an das Leben seines Vaters, seines GroB- 
vaters und so weiter, so lange, als das Gedachtnis anhielt. So weit als der 
Gedachtnisfaden reichte, wurde fur eine solche Folge von Menschen 
derselbe Name gebraucht. Ebenso sind Namen wie Adam, Seth oder 
Enoch derartige Namen, mit denen man an Personen so viel zu- 
sammenfaBte, als es moglich war, mit dem Gedachtnis in der Riick- 
erinnerung zusammenzuhalten. Wenn also fiir die alten Zeiten gesagt 
wird, irgend jemand heiBt Enoch, so will das sagen: Es entstand in 
einer Personlichkeit, die der Sohn einer anders vorausbenannten Per- 
sdnlichkeit war, ein neuer Gedachtnisfaden ; da erinnerte er sich nicht 
mehr an die friiheren Personlichkeiten. Aber dieser neue Gedachtnis- 
faden horte nun nicht auf mit dem Tode dieser zuerst Enoch benann- 
ten Personlichkeit, sondern er pflanzte sich fort vom Vater auf den 
Sohn, auf den Enkel und so weiter, bis wieder ein neuer Gedachtnis- 
faden entstand. Und so lange dieser Gedachtnisfaden sich erhielt, ge- 
brauchte man denselben Namen. Also es sind in der Generationenfolge 
verschiedene Personlichkeiten zusammen damit bezeichnet, wenn zum 
Beispiel von Adam die Rede ist. 

In diesem Sinne gebraucht das Lukas-Evangelium selbstverstand- 
lich die Namen; denn es will sagen: Diejenige Kraftwesenheit des gott- 
lich-geistigen Daseins, die in das Ich und in den astralischen Leib des 
nathanischen Jesus hineingetaucht worden ist, miissen wir verfolgen 
bis da hinauf, wo der Mensch zum ersten Male in eine irdische Inkar- 
nation gestiegen ist. Wir haben also im Lukas-Evangelium zunachst 



Namen fur die ein2elnen Personlichkeiten. Gehen wir aber hinauf iiber 
Abraham hinaus, dann kommen wir in die Zeit, wo das Gedachtnis 
langer dauert, und nehmen das, was durch mehrere Personlichkeiten 
gleichsam als ein Ich durch das Gedachtnis zusammengehalten wird, 
auch wkklich unter einem Namen zusammen. 

So wird es Ihnen leichter werden, die siebenundsiebzig Namen, die 
das Lukas-Evangelium aufzahlt, wirklich als ausgedehnt iiber sehr 
lange Zeitraume anzusehen, wirklich bis da hinauf, wo die Wesenheit, 
die wir als die gottlich-geistige Wesenheit des Menschen bezeichnen 
konnen, sich zum ersten Male inkarnierte in einem physisch-sinnlichen 
Menschenleib. Das andere, was darin gesucht werden muB, ist dies : 
Wer in den groBen Mysterien durch die siebenundsiebzig Stufen das 
erreichte, daB er seine Seele reinigte von allem, was die Menschheit in 
dem Erdendasein aufgenommen hatte, der erreichte damit jenen Zu- 
stand, der heute nur moglich ist, wenn der Mensch leibfrei wird und in 
dem astralischen Leib und Ich leben kann. Da kann er sich ausgieBen 
liber das, aus dem die Erde selbst heraus entstanden ist, iiber den um- 
liegenden Kosmos, iiber unser ganzes kosmisches System. Und das 
sollte sein. Dann hat er erreicht jene gotdich-geistige Kraftwesenheit, 
welche in den astralischen Leib und das Ich des nathanischen Jesus 
einzog. 

In dem nathanischen Jesus sollte dargestellt werden, was der Mensch 
nicht aus irdischen, sondern aus himmlischen Verhaltnissen hat. So 
schildert uns das Lukas-Evangelium die gottlich-geistige Wesenheit, 
die durchdrungen, impragniert hat astralischen Leib und Ich des Lu- 
kas- Jesus. Und das Matthaus-Evangelium schildert diejenige gottlich- 
geistige Kraftwesenheit, die auf der einen Seite in Abraham gewirkt 
hat, damit das innerliche Organ zum Jahve-BewuBtsein entstand. Und 
auf der anderen Seite ist es dieselbe Kraftwesenheit, die durch zwei- 
undvierzig Generationen hindurch wirkte im physischen Leib und 
Atherleib und die dort eine Vererbungslinie durch die zweiundvierzig 
Generationen zusammenfaBt. 

Schon gestern habe ich erwahnt, daB diese Lehren, namentlich die 
Lehren des Matthaus-Evangeliums in bezug auf diese Herkunft des 
Blutes des Jesus von Nazareth, gepflegt wurden, zum Verstandnis ge- 



bracht wurden in jenen Gemeinden, die wir die Therapeuten- und 
Essaergemeinden nennen konnen, und daB als groBer Lehrer innerhalb 
der Therapeuten und Essaer Jeshu ben Pandira wirkte, der vorzu- 
bereiten hatte das Zeitalter des Christus Jesus. Er hatte wenigstens 
einige wenige darauf vorzubereiten, daB mit dem Ablauf eines bestimm- 
ten Zeitpunktes, namlich zweiundvierzig Generationen nach Abraham, 
das hebraische Volk sozusagen so weit sein wiirde, daB die Zarathustra- 
Individualitat sich werde inkarnieren konnen in einem SproB der Abra- 
ham-Linie, in einem SproB der salomonischen Linie des Hauses David. 
Das ist vorausgelehrt worden. Dazu gehorte natiirlich in der damali- 
gen Zeit Mysterienerfahrung. In der damaligen Zeit wurde dies nicht 
nur in den Essaerschulen gelehrt, sondern es gab in den Essaerschulen 
auch solche Zoglinge, welche die zweiundvierzig Stufen auch wirklich 
durchmachten, so daB sie hellseherisch schauen konnten, wie jene 
Wesenheit war, die durch die zweiundvierzig Stufen heruntergestiegen 
ist. Es sollte die Welt daruber aufgeklart werden durch entsprechende 
Lehren. Dafur hatten die Essaer zu sorgen, daB wenigstens bei einigen 
Menschen Verstandnis vorhanden ware fur das, was der Christus sein 
werde. 

Nun haben wir schon erwahnt, welchen eigentumlichen Gang jene 
Menschenindividualitat zunachst genommen hat, die sich in jenem 
Blute inkarniert hat, von des sen Zusammensetzung das Matthaus- 
Evangelium sprkht. Wir wis sen, daB dieser urspriingliche groBe Leh- 
rer, der unter dem Namen Zarathustra oder Zoroaster bekannt ist, im 
Morgenlande das lehrte, was wir hinlanglich betrachtet haben, was ihn 
geradezu geeignet gemacht hat fur diese Inkarnation. Wir wissen, daB 
er eingeleitet hat die agyptische Hermes-Kultur, indem er zu diesem 
Zwecke hingeopfert hat seinen astralischen Leib, der dann dem Hermes 
eingepragt wurde. Wir wissen ferner, daB er hingeopfert hat seinen da- 
maligen Atherleib, der auf bewahrt wurde fur Moses, und daB Moses 
fur seine Kulturschopfung in sich hatte den Atherleib des Zarathustra. 
Zarathustra selber hat sich spater weiter inkarnieren konnen in ande- 
ren astralischen und Atherleibern. Besonders interessiert uns dann die 
Inkarnation des Zarathustra im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrech- 
nung als Zarathas oder Nazarathos im alten Chaldaa, wo er als Schuler 



hatte die chaldaischen Weisen und Magier, und wo insbesondere die 
weisesten der hebraischen Geheimschuler zur Zeit der babylonischen 
Gefangenschaft mit ihm in Beriihrung kamen. Und die garden folgen- 
den sechs Jahrhunderte waren fiir die chaldaischen Geheimschulen er- 
fiillt von den Traditionen, Zeremonien und Kulten, die hermhrten von 
Zarathustra in der Personlichkeit des Zarathas oder Nazarathos. Und 
alle die Generationen von chaldaischen, babylonischen, assyrischen 
und so weiter Geheimschulern, die in jenen Gegenden Asiens lebten, 
verehrten aufs hochste den Namen dieses ihres groBen Meisters, des 
Zarathustra, unter der Veranderung als Zarathas oder Nazarathos. Und 
sie warteten sehnsiichtig auf die nachste Inkarnation ihres groBen 
Lehrers und Fiihrers, denn sie wuBten, daB er wiedererscheinen werde 
nach sechshundert Jahren. Das Geheimnis von diesem Wiedererschei- 
nen war ihnen bekannt; das lebte sozusagen wie etwas, was ihnen von 
der Zukunft hereinschien. 

Und als die Zeit heranriickte, da das Blut fiir die neue Inkarnation 
des Zarathustra bereitet war, da machten sich die drei Abgesandten, die 
drei weisen Magier aus dem Morgenlande, auf. Sie wuBten, daB der 
verehrte Name des Zarathustra selber wie ihr Stern sie fiihren wiirde 
nach jenem Orte, wo die Wiederinkarnation des Zarathustra stattfin- 
den sollte. Es war die Wesenheit des groBen Lehrers selber, die als der 
« Stern » die drei Magier hinfiihrte zur Geburtsstatte des Jesus des 
Matthaus-Evangeliums. - Auch das ist ja selbst auBerlich philologisch 
zu belegen, daB in der Tat das Wort « Stern » als Name fiir menschliche 
Individualitaten in alten Zeiten gebraucht worden ist. Nicht nur durch 
die Geistesforschung, die es uns aus ihren Quellen klarer als etwas ande- 
res sagt, daB damals die drei Magier folgten dem Stern Zoroaster, dem 
« Golds tern » Zoroaster, daB er sie dahin fiihrte, wo er sich wieder in- 
karnieren wollte, sondern auch aus dem Gebrauch des Wortes « Stern » 
fiir hohe menschliche Individualitaten - wie gesagt, eine Tatsache, die 
auch philologisch belegt werden kann - konnte sich schon manchem 
ergeben, daB unter dem Stern, der die Weisen fiihrte, Zarathustra 
selbst zu verstehen ist. 

Sechs Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung sind also die Magier 
des Morgenlandes zusammengewesen mit jener Individualitat, die sich 



inkarnierte als der Jesus des Matthaus-Evangeliums. Und Zarathustra 
selber fiihrte die Magier dahin; sie folgten seiner Spur. Denn es war 
sozusagen der Zug des Zarathustra, des die Magier fuhrenden, nach 
Palastina ziehenden Sternes, der die Magier leitete auf ihren Wegen 
von den morgenlandischen, chaldaischen Mysterien nach Palastina, wo 
sich Zarathustra zu seiner nachsten Inkarnation anschickte. 

Dieses Geheimnis von der kunftigen Inkarnation des Zarathustra, 
des Zarathas oder Nazarathos, kannte man auch in den chaldaischen 
Mysterien. Das Geheimnis aber von dem Blut des hebraischen Volkes, 
welches geeignet sein sollte, wenn der entsprechende Zeitpunkt her- 
angekommen ware, fur die neue Leiblichkeit des Zarathustra, das lehr- 
ten jene, die in den Essaermysterien sozusagen hinaufgehoben wurden 
durch die zweiundvierzig Stufen. 

Es waren also im Grunde zweierlei Menschen, die zunachst um das 
Geheimnis des Jesus des Matthaus-Evangeliums etwas wuBten. Von 
der Zarathustra-Seite her, wo auf die Individuality, die sich im jiidi- 
schen Blute inkarnieren sollte, hingewiesen wurde, kannten es die 
chaldaischen Eingeweihten; von der Blutseite, von der auBeren Seite, 
von der Seite des Leibes her kannten es die Essaer. Es war also schon 
eine Lehre, die ungefahr durch hundert und mehr Jahre in den Essaer- 
schulen gelehrt worden war, die Lehre von dieser Ankunft des Jesus 
des Matthaus-Evangeliums, jenes Jesus, der in seiner Gesamtheit er- 
fiillen sollte einmal alle Bedingungen, von denen ich gesprochen habe, 
dann aber auch noch andere, die wir etwa in der folgenden Weise 
charakterisieren konnen. 

Ein solcher Essaerschuler wurde nach langer Zeit nach vielen Rei- 
nigungen und Ubungen seiner Seele durch die zweiundvierzig Stufen 
hinaufgefuhrt, um sozusagen zu sehen die Geheimnisse des physischen 
Leibes und Atherleibes. Derjenige, der da geboren werden sollte, der 
sich in dieses Blut Hneininkarnieren sollte, stieg von oben herunter ; er 
hatte die Fahigkeiten, welche der Essaerschuler nur nach langen schwe- 
ren Priifungen durch die zweiundvierzig Stufen hindurch erreichen 
konnte. Von dem, der da herunterstieg, muBte man sagen: Er hat 
von vornherein die Fahigkeiten, um solche Anlagen zur Entwickelung 
zu bringen. - Sie waren mit ihm geboren, sagte man in den Essaer- 



gemeinden. Im Grunde aber war das, was in den Essaergemeinden 
gepflegt wor den ist an Ubungen und Reinigungen der Seele, die Fort- 
setzung einer Art Geheimschulung, die auch sonst seit uralten Zeiten 
innerhalb des Judentums bestanden hat. 

Es gab im Judentum immer das, was man bezeichnete als Nasireat 
oder Nasiraertum. Dieses bestand darin, daB einzelne Menschen - 
auch schon vor der Entstehung der Therapeuten- und Essaersekten - 
auf sich ganz bestimmte Methoden der Seelen- und Korperentwicke- 
lung anwandten. Namentlich wandten die Nasiraer eine Methode an, 
die in einer gewissen Diat bestand und die auch heute noch in gewisser 
Beziehung mitzlich ist, wenn der Mensch in seiner Seelenentwickelung 
rascher vorschreiten will, als es sonst moglich ist. Besonders enthiel- 
ten sie sich vollstandig der Fleischkost und des Weingenusses. Damit 
verschafften sie sich die Moglichkeit einer gewissen Erleichterung, 
weil in der Tat die Fleischkost den geistig strebenden Menschen in der 
Entwickelung aufzuhalten vermag. Es ist tatsachlich so - was keine 
Propaganda fiir den Vegetarismus sein soil daB durch die Enthal- 
tung von der Fleischkost alles erleichtert wird. Der Mensch kann in 
der Seele widerstandskraftiger werden und sich starker erweisen im 
t)berwinden jener Widerstande und Hemmnisse, die aus dem physi- 
schen Leibe und Atherleibe kommen, wenn die Fleischkost fortfallt. 
Ertragsamer, ertragfahiger wird dann der Mensch. Aber naturlich 
wird er es nicht dadurch, daB er sich bloB der Fleischkost enthalt, son- 
dern vor allem dadurch, daB er sich in seiner Seele starker macht. Wenn 
er sich bloB vom Fleisch enthalt, macht er damit nur seinen physi- 
schen Korper anders ; und wenn dann das nicht vorhanden ist, was von 
der Seelenseite da sein soli und den Korper durchdringen soli, dann 
hat das Enthalten von Fleisch gar keinen besonderen Zweck. 

Es bestand also dieses Nasiraertum. Unter einer viel strengeren Ge- 
stalt der Vorschriften aber setzten es die Essaer fort; sie nahmen noch 
ganz andere Dinge dazu. Alles, was ich Ihnen gestern und vorgestem 
erzahlt habe, nahmen sie hinzu. Besonders aber pflegten sie strengste 
Enthaltung von der Fleischkost. Dadurch wurde verhaltnismaBig 
rasch erreicht, daB solche Menschen lernten, ihre Erinnerung zu er- 
weitern und hinaufzusehen iiber zweiundvierzig Generationen hinauf, 



daB sie lernten hineinschauen in die Geheimnisse der Akasha-Chronik. 
Sie wurden das, was man nennen kann eine Stammknospe an einem 
Zweig, eine Knospe an einem Baum, an einer Pflanze, die sich durch 
viele Generationen hindurchschlingt. Sie waren nicht bloB etwas Los- 
gelostes vom Baum der Menschheit; sie fuhlten die Faden, die sie ban- 
den an den Baum der iibrigen Menschheit. Sie waren etwas anderes als 
die, welche sich vom Stamme loslosten und deren Gedachrnis sich ein- 
schrankte auf die einzelne Personlichkeit. Solche Menschen benannte 
man nun auch innerhalb der Essaergemeinden mit einem Wort, das 
ausdriicken sollte «ein lebendiger Zweig », nicht ein abgeschnittener 
Zweig. Das waren solche Menschen, die sich darinnen fuhlten in der 
Generationenfolge, sich nicht abgeschnitten fuhlten vom Baum der 
Menschheit. Die Schiiler, die im Essaerrum namentlich diese Richtung 
pflegten, die die zweiundvierzig Stufen durchgemacht hatten, bezeich- 
nete man als Nezer. 

Auch aus dieser Klasse der Nezer hatte einen treuen, einen beson- 
deren Schiiler derjenige, den ich gestern als Lehrer innerhalb der 
Essaergemeinden genannt habe : Jesus, Sohn des Pandira. Denn dieser 
Jeshu ben Pandira, der den Okkultisten ziemlich genau bekannt ist, 
hatte funf Schiiler, von denen jeder einen besonderen Zweig der ge- 
meinsamen groBen Lehre des Jeshu ben Pandira iibernahm und fur 
sich dann fortsetzte. Diese funf Schiiler des Jeshu ben Pandira trugen 
folgende Namen : Mathai, Nakai, der dritte Schiiler hatte, weil er be- 
sonders aus der Klasse der Nezer war, geradezu den Namen Nezer, 
dann Boni und Thona. Diese funf Schiiler oder Jiinger des Jeshu ben 
Pandira, der ein Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung in der schon 
erzahlten Weise den Martyrertod wegen Gotteslasterung und Haresie 
erlitten hat, pflanzten sozusagen in funf verschiedenen Zweigen fort 
die groBe, umfassende Lehre des Jeshu ben Pandira. Insbesondere 
wurde - so lehrt die geisteswissenschaftliche Forschung - nach dem 
Tode des Jeshu ben Pandira die Lehre von der Zubereitung des Blutes 
fur den zu erscheinenden Jesus des Matthaus-Evangeliums fort- 
gepflanzt durch den Schiiler Mathai. Und jene Lehre von der inne- 
ren Seelenverfassung, welche mit dem alten Nasireat, aber auch mit 
dem neueren Nezertum zusammenhing, wurde fortgesetzt von dem 



anderen groBen Schiiler des Jeshu ben Pandira, von Nezer. Und 
Nezer war insbesondere dazu ausersehen, eine kleine Kolonie zu griin- 
den. Solcher Kolonien der Essaer gab es in Palastina eine ganze An- 
zahl, und in einer jeden wurde ein besonderer Zweig des Essaertums 
gepflegt. Das Nezertum, das besonders der Schiiler Nezer weiter zu 
pflegen hatte, sollte vor allem in jener Kolonie gepflegt werden, die 
ein geheimnisvolles Dasein fiihrte und im Grunde einen kleinen Ort 
nur bildete in der damaligen Zeit, in der Kolonie, die dann in der 
Bibel den Namen Nazareth empfmg. Dort in Nazareth - Nezereth - 
war eine Essaerkolonie angelegt von Nezer, dem Schiiler des Jeshu 
ben Pandira. Da waren Leute - in ziemlich strengem Geheimnis lebten 
sie -, die das alte Nasireat pflegten. Daher gab es, nachdem jene anderen 
Vorgange sich vollzogen hatten, iiber die ich noch zu sprechen habe, 
nach der Ubersiedelung nach Agypten und der Riickkehr von dort fiir 
den Jesus des Matthaus-Evangeliums nichts Naherliegendes, als daB 
er in die Atmosphare dieses Nezertums gebracht wurde. Das wird auch 
angedeutet mit dem entsprechenden Wort des Matthaus-Evangeliums 
nach der Riickkehr aus Agypten: Er wurde in das Fleckchen Nazareth 
gebracht, «auf daB erfullet wiirde, das da gesagt ist durch die Prophe- 
ten: Er soil ein Nazaraer werden » (Matth. 2, 23). - Das ist in der ver- 
schiedensten Weise dann ubersetzt worden, weil die Ubersetzer den 
Sinn nicht recht kannten und keiner so recht wuBte, was damit gemeint 
war. Darum handelte es sich: daB hier eine Essaerkolonie war, wo der 
Jesus zunachst heranwachsen sollte. 

Jetzt aber wollen wir, bevor wir auf die anderen Details und nament- 
lich auf die Beziehungen zu dem Jesus des Lukas-Evangeliums ein- 
gehen, nur noch in groBen Ziigen auf einiges bei dem Jesus des Mat- 
thaus-Evangeliums hinweisen. Alles, was zunachst im Matthaus-Evan- 
gelium geschildert wird, fiihrt zuriick auf die Geheimnisse, die Jeshu 
ben Pandira im Essaertum gelehrt hat, und die dann als Lehrgut fort- 
gepflanzt hat sein Schiiler Mathai, und schon die ersten Geheimnisse 
des Matthaus-Evangeliums weisen uns hin auf diesen Schiiler Mathai. 
Durch alles, was sozusagen von dieser Seite herkam, welche das Mat- 
thaus-Evangelium charakterisiert, konnten zubereitet werden der phy- 
sische Leib und der Atherleib des Jesus des Matthaus-Evangeliums, 



wenn es sich selbstverstandlich innerhalb der zweiundvierzig Genera- 
tionen auch um Einfliisse auf den astralischen Leib handelte. Aber 
wenn wir auch gesagt haben, daB wahrend der ersten vierzehn Genera- 
tionen der physische Leib, wahrend der zweiten vierzehn Generationen 
der Atherleib, und daB fur die dritten vierzehn Generationen - seit der 
babylonischen Gefangenschaft - der astralische Leib in Betracht 
kommt, so miissen wir doch festhalten, daB das, was auf diese Weise 
richtig zubereitet worden ist fur den Zarathustra, nur brauchbar war 
fur diese machtige Individualitat, insofern es physischer Leib und 
Atherleib war. 

Nun erinnern Sie sich, wie ich Ihnen immer gesagt habe, daB der 
Mensch in seiner einzelnen personlichen Entwickelung von der Ge- 
burt bis zum siebenten Jahre vorzugsweise den physischen Leib ent- 
wickelt, daB er wahrend der nachsten sieben Jahre, vom Zahnwechsel 
bis zur Geschlechtsreife, besonders den Atherleib entwickelt; dann 
erst kommt die freie Entwickelung des astralischen Leibes. Was Ent- 
wickelung des physischen Leibes und Atherleibes ist, sollte in dem be- 
sonderen physischen und Atherleibe, die durch die mit Abraham be- 
ginnenden Generationen zubereitet worden sind, zum AbschluB kom- 
men und von Zarathustra in der neuen Inkarnation durchlebt werden. 
Dann aber, wenn er bis zum Ende der Entwickelung des Atherleibes 
gekommen war, war das, was ihm zubereitet worden war, nicht mehr 
geniigend, und er muBte nun heranschreiten an die Entwickelung des 
astralischen Leibes. 

Dazu geschieht nun das Gewaltige und Wunderbare, ohne des sen 
Verstandnis wir das ganze groBe Mysterium von dem Christus Jesus 
nicht begreifen konnen. Die Zarathustra-Individualitat entwickelte 
sich wahrend der Knabenzeit im physischen Leibe und Atherleibe des 
Jesus des Matthaus-Evangeliums bis zum zwolften Jahre; denn bei 
dieser Individualitat und vermoge des Klimas trat der Zeitpunkt, den 
wir fur unsere Gegenden als den des vierzehnten, fiinfzehnten Jahres 
bezeichnen, etwas friiher ein. Da war bis zum zwolften Jahre alles er- 
reicht, was in dem entsprechend zubereiteten physischen und Ather- 
leibe der salomonischen Linie erreicht werden konnte. Und da verlieB 
in der Tat die Zarathustra-Individualitat diesen physischen Leib und 



Atherleib, von denen im Matthaus-Evangelium zunachst die Rede ist, 
und ging iiber in den Jesus des Lukas-Evangeliums. Denn aus den 
Vortragen iiber das Lukas-Evangelium wissen wir schon, daB in der 
Tat mit der Erzahlung vom zwolfjahrigen Jesus im Tempel, wie sie 
Lukas erzahlt (Luk. 2, 42-50), folgendes gemeint ist: Da, wo plotz- 
lich der Jesusknabe des Lukas-Evangeliums seinen Eltern so entgegen- 
tritt, daB sie ihn gar nicht verstehen konnen, wo er ein ganz anderer 
ist, da hat sich vollzogen, daB in sein Inneres eingezogen ist die Zara- 
thustra-Individualitat, die bis dahin ihre Entwickelung in dem physi- 
schen Leib und Atherleib des salomonischen Jesus durchgemacht hat. - 
Solche Dinge gibt es im Leben, so schwer sie auch heute bei der Natur 
der laienhaften materialistischen Weltanschauung geglaubt werden. 
Der t)bergang einer Individuality aus einem Leib in einen anderen 
Leib kommt vor. Und damals fand so etwas statt, als die Zarathustra- 
Individualitat den urspriinglichen Leib verlieB und hiniiberdrang in 
den Jesus des Lukas-Evangeliums, in dem nun besonders zubereitet 
war der astralische Leib und der Ich-Trager. 

So konnte Zarathustra in dem besonders zubereiteten astralischen 
Leibe und Ich des nathanischen Jesus vom zwolften Jahre ab die Wei- 
terentwickelung fortfuhren. Das wird uns im Lukas-Evangelium in 
einer so groBartigen Weise dargestellt, wo auf das Ungeheuerliche hin- 
gewiesen wird, daB der zwolfjahrige Jesus im Tempel unter den 
Schriftgelehrten sitzt und Dinge sagt, die ganz merkwurdig klingen. 
Wodurch konnte das der Jesus der nathanischen Linie? Er konnte es, 
weil in diesem Moment die Zarathustra-Individualitat in ihn «hinein- 
gefahren» war. Zarathustra hat aus diesem Knaben, der damals nach 
Jerusalem gebracht worden war, bis zum zwolften Jahre nicht ge- 
sprochen; daher war die Charakterveranderung so stark, daB die Eltern 
ihn nicht wiedererkannten, als sie ihn zwischen den Schriftgelehrten 
sitzend wiederfanden. 

So haben wir es also mit zwei Elternpaaren zu tun, die beide Joseph 
und Maria heiBen - so haben damals viele geheiBen; aber aus den 
Namen Joseph und Maria etwas abzuleiten bei der Art, wie man heute 
Namen versteht, das ist etwas, was jeder wahrhaften Forschung wider- 
spricht -, und mit zwei Jesusknaben. Von dem einen, dem Jesus der 



salomonischen Linie des Hauses David, kiindet uns die Geschlechter- 
folge des Matthaus-Evangeliums. Der andere Knabe, der Jesus der 
nathanischen Linie, ist der Sohn eines ganz anderen Elternpaares, 
und von ihm berichtet das Lukas-Evangelium. Die beiden Knaben 
wachsen nebeneinander auf und werden nebeneinander bis zu ihrem 
zwolften Jahre entwickelt. Das konnen Sie in den Evangelien finden. 
Das Evangelium spricht uberall richtig. Und so lange man nicht wollte, 
daB die Leute die Wahrheit erfuhren, oder die Leute die Wahrheit 
nicht horen wollten, hat man ihnen auch die Evangelien vorenthalten. 
Man muB die Evangelien nur verstehen; sie sprechen richtig. 

Der Jesus aus der nathanischen Linie wachst heran mit einer un- 
geheuren Innerlichkeit. Wenig geschickt ist er, auBere Weisheit und 
auBere Kenntnisse sich anzueignen. Er ist aber von einer schier un- 
begrenzten Innigkeit des Gemuts, von einer schier unbegrenzten Liebe- 
fahigkeit, weil in seinem Atherleibe jene Kraft lebte, die herunter- 
stromte aus der Zeit, da der Mensch noch nicht in eine irdische Inkar- 
nation hinuntergestiegen war, wo er noch ein gottliches Dasein fiihrte. 
Das gottliche Dasein lebte in ihm in einer unbegrenzten Liebefahigkeit. 
So war dieser Knabe wenig geeignet fur das, was die Menschen durch 
die Inkarnationen hindurch sich angeeignet haben durch die Werk- 
zeuge des physischen Korpers; dagegen groB und ungeheuer durch- 
drungen von Liebeswarme war er in bezug auf seine Seele, in bezug 
auf sein Inneres. So sehr war er innerlich, daB sich etwas abspielte, was 
diejenigen, die davon wuBten, hinwies auf die ganze groBe Innerlich- 
keit dieses Knaben. Was der Mensch sonst nur an der AuBenwelt 
entziindet, das konnte der Jesus des Lukas-Evangeliums in gewisser 
Weise von Anfang an: er sprach gewisse Worte gleich nach seiner 
Geburt, die seiner Umgebung verstandlich waren. So war er groB in 
bezug auf alles Innerliche, ungeschickt in bezug auf alles, was durch die 
Generationen der Menschheit auf der Erde selbst zu erringen war. Und 
sollten nicht die Eltern aufs hochste iiberrascht gewesen sein, als sich 
ihnen jetzt innerhalb dieser so herangewachsenen Leiblichkeit plotz- 
lich ein Knabe zeigte, der von allem durchdrungen war, was auBere 
Weisheit ist, was man sich mit auBeren Werkzeugen aneignen muB? 
Diese so plotzliche, so gewaltige Umanderung war deshalb moglich, 



weil in jenem Moment die Zaramustra-Individualitat von dem salomo- 
nischen Jesusknaben auf diesen Jesus der nathanischen Linie iiber- 
gegangen war. Zarathustra, Zarathas sprach aus diesem Knaben in dem 
Moment, der uns geschildert wird, als ihn die Eltern imTempel suchten. 

Zarathustra hatte sich natiirlkh alle jene Fahigkeiten angeeignet, die 
man sich aneignen kann durch den Gebrauch der Instrumente des 
physischen Leibes und des Atherleibes. Er hatte sich aussuchen miissen 
die Blutlinie der salomonischen Richtung und die dadurch zubereitete 
Leiblichkeit, weil dort die starken Krafte vorhanden und aufs hochste 
ausgebildet waren. Aus dieser Leiblichkeit nahm er, was er sich aneig- 
nen konnte, und das verband er nun mit dem, was aus jener Innerlich- 
keit stammte, die aus der Jesusgestalt des Lukas-Evangeliums her- 
kam, die herab2og von einer Zeit, da der Mensch noch nicht in einer 
irdischen Inkarnation war. Diese beiden Dinge verbanden sich jetzt zu 
einem. Eine Wesenheit haben wir jetzt vor uns. Und zum Uberflusse, 
mochte ich sagen, werden wir jetzt noch auf etwas Besonderes aufmerk- 
sam gemacht : Nicht nur die Eltern des Lukas-Jesus nahmen eine be- 
sondere Veranderung wahr, fanden etwas, was sie nicht voraussetzen 
konnten, sondern diese Veranderung zeigt sich auch auBerlich. War- 
um wird da, als der Jesusknabe von seinen Eltern unter den Schrift- 
gelehrten im Tempel gefunden wird, ganz besonders angefuhrt: «Und 
er ging mit ihnen hinab und kam gen Nazareth . . . Und Jesus nahm zu 
an auBerer physischer Wohlgestalt, nahm zu an edelsten Gewohnhei- 
ten und nahm zu an Weisheit»? (Luk. 2, 51-52.) Warum werden diese 
drei Eigenschaften genannt? Weil es drei Eigenschaften waren, die ihm 
besonders jetzt eignen konnten, wo die Zarathustra-Individualitat in 
ihm war. 

Ich bemerke ausdriicklich, daB diese drei Worte gewohnlich in den 
gebrauchlichen Bibeln ubersetzt werden: «Und Jesus nahm zu an 
Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.» Ich mochte 
wissen, ob man wirklich ein Evangelium braucht, um zu sagen: ein 
zwolf jahriger Knabe nimmt zu an Alter? Sie finden sogar in der Uber- 
setzung von Wei^sdcker: «Und Jesus nahm zu an Weisheit und Ge- 
stalt und Gnade bei Gott und Menschen.» Das ist aber alles nicht ge- 
meint; sondern gemeint ist, daB jetzt eine Individualitat in dem natha- 



nischen Jesusknaben war, die nicht, wie friiher, bloB innerlich war, die 
sich auBerlich nicht ankiindigte, sondern die jetzt, weil sie sich heran- 
gebildet hatte in einem vollendeten physischen Leib, auch iiberging in 
die auBere physische Wohlgestalt. Aber auch, was in dem Atherleibe 
besonders gepflegt wird, was man sich im Atherleibe aus dem Leben 
an Gewohnheiten aneignet und ausbildet, das war friiher bei dem 
nathanischen Jesus nicht vorhanden. Bei diesem trat auf eine gewaltige 
Anlage zur Liebefahigkeit, und darauf konnte jetzt weiter gebaut wer- 
den. Aber diese Anlage war mit einem Schlage da, die konnte sich 
nicht in die Gewohnheiten hineinpressen. Jetzt aber war die andere 
Individualist da, die in sich die Krafte hatte aus einem Heranwachsen 
des physischen Leibes und des Atherleibes, und jetzt konnten sich auch 
auBerlich Gewohnheiten zeigen und in den Atherleib hineingieBen. 
Das ist das zweite, an dem der Jesusknabe zunahm. Das dritte, «an 
Weisheit», ist schon etwas selbstverstandlicher. Der Jesus des Lukas- 
Evangeliums war nicht weise; er war ein im hochsten Grade liebefahi- 
ges Wesen. Aber das Zunehmen an Weisheit war dadurch gegeben, 
daB die Zarathustra-Individualitat in ihn einzog. 

Ich habe schon bei Besprechung des Lukas-Evangeliums gesagt, 
daB es sehr leicht sein kann, daB eine Personlichkeit, die von der Indi- 
vidualist verlassen wird und nur die drei Leiber, physischen Leib, 
Atherleib, astralischen Leib noch hat - denn die bleiben dabei zuriick -, 
eine Zeitlang noch leben kann. Was aber von dem salomonischen Jesus 
zuriickgeblieben war, das siechte bin und starb in der Tat bald darnach. 
Das heiBt: Der eigentliche Jesusknabe der ersten Kapitel des Mat- 
thaus-Evangeliums starb verhaltnismaBig bald nach seinem zwolften 
Jahre. So haben wir also zunachst nicht einen Jesusknaben, sondern wir 
haben %wei; dann aber werden diese zwei einer. 

Manchmal sprechen die Urkunden aus alten Zeiten sehr merkwiir- 
dige Dinge aus, die man allerdings dann verstehen muB, und man kann 
sie nur verstehen, wenn man die entsprechenden Tatsachen kennt. Auf 
die nahere Art, wie die beiden Knaben zusammenkommen, werden wir 
noch eingehen; jetzt soli nur eines erwahnt werden. 

In dem sogenannten «Agypter-Evangelium» findet sich eine merk- 
wurdige Stelle, die schon in den ersten Jahrhunderten als sehr ketze- 



risch angesehen wurde, weil man dariiber in christlichen Kreisen nicht 
die Wahrheit horen wollte, oder sie nicht auf kommen lassen wollte. 
Aber es gibt etwas, was sich erhalten hat als ein apokryphes Evange- 
lium und darinnen wird gesagt, «daB das Heil erscheinen wird in der 
Welt, wenn die Zwei Eines und das AuBere wie das Innere werden 
wird». Dieser Satz ist ein genauer Ausdruck des Tatbestandes, den ich 
Ihnen eben aus den okkulten Tatsachen heraus geschildert habe. Da- 
von hangt das Heil ab, daB die zwei einer werden. Und sie wurden 
einer, als im zwolften Jahr die Zarathustra-Individualitat xiberging in 
den nathanischen Jesus, und das Innere wurde auBerlich. Die Seelen- 
kraft des Jesus des Lukas-Evangeliums war etwas gewaltiges Inner- 
liches. Aber dieses Innerliche wurde ein AuBerliches, indem die Zara- 
thustra-Individualitat, die an dem AuBeren, an dem physischen Leib 
und Atherleib des salomonischen Jesus sich herangebildet hatte, diese 
Innerlichkeit durchdrang und sie gleichsam mit den Kraften durch- 
setzte, die am physischen und Atherleibe herangebildet waren. Da 
durchdrang diesen physischen Leib und Atherleib des nathanischen 
Jesus ein Kraftiges von innen heraus, so daB das AuBere jetzt ein Aus- 
druck des Inneren werden konnte, jenes Inneren, das friiher ein Inne- 
res geblieben war, bevor der Lukas-Jesusknabe von der Zarathustra- 
Individualitat durchdrungen worden war. - So waren die zwei eins 
geworden. 

Wir haben jetzt verfolgt den Zarathustra von seiner Geburt als der 
Jesusknabe des Matthaus-Evangeliums bis zu seinem zwolften Jahre, 
wo er seinen urspriinglichen Leib zuriicklieB und einnahm die Leib- 
lichkeit des nathanischen Jesus, die er jetzt weiter ausbildete, so weit 
ausbildete, daB er sie wirklich spater auf einer gewissen Hohe hin- 
opfern konnte als seine drei Leiber zur Aufnahme jener Wesenheit, die 
wir dann als den Christus bezeichnen. 



SIEBENTER VORTRAG 



Bern, 7. September 1910 



Wenn wir die ganze Bedeutung des Christus-Ereignisses fur die Evo- 
lution der Menschheit verstehen wollen, miissen wir zunachst einer 
Tatsache noch einmal Erwahnung tun, welche diejenigen von Ihnen 
bereits kennen, die im vorigen Jahr in Basel die Vortrage iiber das 
Lukas-Evangelium angehort haben. Wir miissen diese Tatsache um so 
mehr erwahnen, weil wir in dieser Stunde die Hauptpunkte der Chri- 
stus-Tatsache einmal vor unsere Seele hinstellen wollen, um dann in 
den nachsten Stunden so2usagen mehr die Details in das Bild hinein- 
zumalen, das wir mit einigen groBen Strichen heute zeichnen wollen. 
Um aber diese groBen Striche zu bekommen, ist es notwendig, daB wir 
uns eines Grundgesetzes der Menschheitsevolution erinnern, namlich 
des Gesetzes, daB im Laufe der Entwickelung die Menschen immer 
neue und neue Fahigkeiten aufnehmen, zu immer groBeren und gro- 
Beren Vervollkommnungsstufen - wenn wir sie so nennen wollen - 
aufsteigen. AuBerlich trivial ist Ihnen ja diese Tatsache gegeben, wenn 
Sie auch nur geschichtlich zuruckblicken in den kurzen Zeitraum, der 
eben durch eine auBere Geschichte umfaBt werden kann, wo gewisse 
Fahigkeiten im Menschen noch nicht entwickelt waren, und dann ver- 
folgen durch die Zeitenwende hindurch, wie sich im Laufe der Zeit neue 
Fahigkeiten in den Menschen hineinergossen haben und endlich unsere 
heutige Kultur herbeigefuhrt haben. Damit aber eine ganz bestimmte 
Fahigkeit in der menschlichen Natur erwachen und dann nach und 
nach eine allgemeine Fahigkeit der Menschen werden kann, eine Fahig- 
keit, die sich sozusagen ein jeder in gehoriger Zeit erwerben kann, 
dazu ist notwendig, daB diese Fahigkeit in einem ganz besonders be- 
deutsamen Sinne zuerst irgendwo auftritt. 

Bei der Besprechung des Lukas-Evangeliums im vorigen Jahre habe 
ich auf den «achtgliedrigen Pfad» aufmerksam gemacht, den die 
Menschheit verfolgen kann, wenn sie sich an das halt, was durch 
Gautama Buddha in die Menschheits entwickelung eingeflossen ist. 
Sie konnen diesen achtteiligen Pfad in der Art, wie es gewohnlich ge- 



schieht, bezeichnen als : r ichtige Meinung, richtiges Urteilen, richtiges 
Wort, richtige Handlungsweise, richtiger Standort, richtige Gewohn- 
heiten, richtiges Gedachtnis und richtige Beschaulichkeit. Das sind 
gewisse Eigenschaften der menschlichen Seele. Wir konnen sagen: 
Seit den Zeiten, da Gautama Buddha gelebt hat, ist die Menschen- 
natur bis zu einer solchen Stufe eben emporgestiegen, daB es moglich 
geworden ist, daB der Mensch in sich selber, wie eine innere Fahigkeit 
der Menschennatur, nach und nach die Eigenschaften dieses achtglied- 
rigen Pfades entwickeln kann. Vorher aber, bevor Gautama Buddha in 
der Buddha-Inkarnation auf der Erde gelebt hat, war es noch nicht zur 
Menschennatur gehorig, daB man sich diese Eigenschaften erwerbe. 
Also halten wir fest: Damit sich diese Eigenschaften nach und nach in 
der Menschennatur entwickeln konnen, war die Tatsache notwendig, 
daB einmal durch das Anwesendsein einer so hohen Wesenheit wie die 
des Gautama Buddha, in der physischen Menschennatur der AnstoB 
dazu gegeben wurde, daB nun durch Jahrhunderte, durch Jahrtausende 
hindurch diese Fahigkeiten sich als selbstandige im Menschen ent- 
wickeln konnen. Ich habe damals erwahnt, daB sich nun diese Fahig- 
keiten bei einer groBeren Anzahl von Menschen als selbstandige ent- 
wickeln werden; und wenn eine geniigend groBe Anzahl von Men- 
schen diese Fahigkeiten erlangt haben wird, dann wird die Erde reif 
sein, den nachsten Buddha, den Maitreya Buddha, der jetzt ein Bodhi- 
sattva ist, zu empfangen. 

So haben wir zwischen diesen zwei Ereignissen jene Entwickelung 
eingeschlossen, in der sich die Menschen in einer geniigend groBen 
Anzahl die hoheren intellektuellen, moralischen und Gemiitseigen- 
schaften aneignen sollen, die mit dem achtteiligen Pfad bezeichnet 
werden. Aber damit ein solcher Fortschritt zustande kommen kann, 
dazu gehort, daB einmal durch eine besonders hohe Individuality in 
einem besonderen Ereignis der AnstoB zur Fortentwickelung gegeben 
wird. Einmal also ist es geschehen, daB in einem einzigen Menschen, 
namlich in der Personlichkeit des Gautama Buddha, alle diese Eigen- 
schaften des achtteiligen Pfades umfassend vorhanden waren. Und da- 
mit gab diese Personlichkeit den Impuls, daB nun alle Menschen diese 
Eigenschaften sich aneignen konnen. 



So ist das Gesetz der Menschheitsevolution : Einmal muB so etwas 
in ganz umfassendem Sinne in einer Personlichkeit dastehen, dann 
flieBt es nach und nach, wenn auch erst durch Jahrtausende, in die 
Menschheit ein, so daB alle Menschen diesen Impuls aufnehmen und 
jene Fahigkeiten entwickeln konnen. 

Was durch das Christus-Ereignis in die Menschheit einflieBen soli, 
das ist nun etwas, was dazu nicht etwa fiinf Jahrtausende brauchen 
wird wie dasjenige, was durch Gautama Buddha in die Menschheit 
kommen sollte. Was durch die Christus-Wesenheit in die Menschheit 
eingeflossen ist, das wird fur den ganzen iibrigen Rest der Erdenevolu- 
tion in der Menschheit als besondere Fahigkeit sich ausleben und aus- 
wirken. Aber was ist es denn eigentlich, was in einer ahnlichen Weise - 
nur als ein unendlich viel groBartigerer Impuls als der des Buddha - 
durch das Christus-Ereignis gekommen ist? 

Wenn wir uns vor die Seele stellen wollen, was durch das Christus- 
Ereignis in die Menschheit gekommen ist, so konnen wir es folgender- 
maBen charakterisieren : Was in alien alten, vorchristlichen Zeiten ledig- 
lich innerhalb der Mysterien hat an den Menschen herankommen kon- 
nen, das ist, seit dem Christus-Ereignis, in einer gewissen Weise mog- 
lich geworden - und wird immer mehr und mehr moglich werden - 
als eine allgemeine Eigenschaft der Menschennatur. Wie das? Da 
mussen wir uns vor alien Dingen einmal das Wesen der alten Myste- 
rien und das Wesen der Einweihung in den vorchristlichen Zeiten klar- 
machen. 

Diese Einweihung war ja bei den verschiedenen Volkern des Erd- 
kreises verschieden und war auch in der nachatlantischen Zeit ver- 
schieden. Es war der ganze Umfang der Einweihung so verteilt, daB 
einen besonderen Teil der Einweihung diese oder jene Volker durch- 
machten, wahrend ein anderer Teil der Einweihung oder Initiation bei 
anderen Volkern durchgemacht wurde. Wer auf dem Boden der Wie- 
derverkdrperung steht, wird sich die Antwort selbst geben konnen, 
die etwa durch die Frage herausgefordert sein konnte : Warum konnte 
nicht jedes Volk in den alten Zeiten den ganzen Umfang der Initiation 
haben? Das war aus dem Grunde nicht notwendig, weil eine Seele, die 
in einem Volke geboren wurde und dort einen Teil der Initiation durch- 



machre, nicht auf diese eine Inkarnation in diesem Volke beschrankt 
war, sondern abwechselnd in anderen Volkern wiederinkarniert wurde 
und dort den entsprechend anderen Teil der Initiation durchmachen 
konnte. 

Wenn wir uns das Wesen der Initiation klarmachen wollen, miissen 
wir sagen: Initiation, Einweihung, ist das Hineinschauen des Men- 
schen in die geistige Welt, die seinem sinnlichen Anschauen und auBe- 
ren Verstande, der an die Werkzeuge des physischen Leibes gebun- 
den ist, nicht gegeben werden kann. Der Mensch hat sozusagen im 
normalen Leben zweimal innerhalb vierundzwanzig Stunden Gelegen- 
heit, dort zu sein, wo der Initiierte auch ist. Nur ist der Initiierte in 
einer anderen Weise dort als der Mensch im normalen Erdenleben. 
Also eigentlich ist der Mensch immer dort, nur weiB er nichts davon. 
Der Initiierte aber weiB es. Der Mensch weilt bekanntlich innerhalb 
vierundzwanzig Stunden seines Lebens in einem Wach- und einem 
Schlafzustande. Wir haben es hinlanglich charakterisiert, so daB es je- 
dem gelaufig ist, wie der Mensch beim Einschlafen heraustritt mit sei- 
nem Ich und astralischen Leib aus seinem physischen Leib und Ather- 
leib. Da ergieBt er sich mit seinem Ich und astralischen Leib in unseren 
ganzen, uns zunachst angehenden Kosmos und zieht aus dem Kosmos 
die Stromungen heran, die er braucht wahrend des wachen Tages- 
lebens. Der Mensch ist also in der Tat vom Einschlafen bis zum Auf- 
wachen iiber die ganze ihn angehende Welt ausgegossen. Aber er weiB 
nichts davon. Sein BewuBtsein erlischt im Augenblick des Einschla- 
fens, wo astralischer Leib und Ich heraustreten aus dem physischen 
und Atherleib, so daB der Mensch zwar in der groBen Welt, im Makro- 
kosmos lebt wahrend des Schlafzustandes, aber er weiB nichts davon 
im normalen Erdendasein. - Darin besteht nun gerade die Initiation, 
daB der Mensch lernt, nicht nur unbewuBt dort zu leben, wo er aus- 
gegossen ist iiber den ganzen Kosmos, sondern daB er lernt, bewuBt 
alles mitzumachen, bewuBt hineinzukriechen in das Dasein der mit 
unserer Erde verbundenen anderen Weltenkorper. Das ist das Wesen 
der Initiation in die groBe Welt hinein. 

Wenn der Mensch unvorbereitet einschlafen wiirde und wahmeh- 
men konnte, was in derjenigen Welt ist, in der er im Schlafzustande 



lebt, dann wiirde er durch den machtigen, den grandiosen Eindruck, 
der sich ihm bietet, etwas erleben, was man nur vergleichen kann mit 
dem Geblendetwerden des nicht dazu vorbereiteten Auges durch die 
Sonnenstrahlen und Lichtstrahlen. Eine kosmische Blendung wiirde 
der Mensch erleben und getotet werden in seiner Seele durch diese 
Blendung. Und alle Initiation beruht darauf, daB der Mensch nicht un- 
vorbereitet, sondern vorbereitet und mit gestarkten Organen, so daB 
er den Anprall aushalten kann, in die groBe Welt, in den Makrokosmos 
eintritt. Das ist das eine, was wir als das Wesen der Initiation zu 
schildern haben : das Einleben in die Welt, das Durchleuchtetwerden, 
das Wahrnehmbarwerden der Welt, in welcher der Mensch in der 
Nacht ist und wovon er im Schlafzustande nichts weiB. 

Dieses Verweilen in der groBen Welt ist besonders deshalb blen- 
dend und verwirrend, weil der Mensch in der Sinnenwelt an ganz 
andere Verhaltnisse gewohnt ist, als diejenigen sind, die er dann in der 
groBen Welt antrifft. In der Sinnenwelt ist der Mensch daran gewohnt, 
sozusagen alle Dinge von einem einzigen Gesichtspunkte aus zu be- 
trachten; und wenn er irgend etwas an sich herankommen las sen soli, 
was nicht genau ubereinstimmt mit den Meinungen, die er sich von 
dem einen Gesichtspunkt aus gebildet hat, dann ist das fur ihn falsch, 
dann stimmt das nicht fur ihn. Wenn man mit dieser Ansicht, daB alle 
Dinge in dieser Weise konform sein sollen - eine Ansicht, die ja fur das 
Leben auf dem physischen Plan ganz nutzlich und bequem ist durch 
die Initiation hinausgehen wollte in den Makrokosmos, so wiirde man 
nie zurechtkommen. Denn so, wie der Mensch in der Sinnenwelt lebt, 
konzentriert er sich auf eine Art Punkt, und von diesem Punkt, von 
seinem Schneckenhaus aus, beurteilt er alle Verhaltnisse. Was dann 
stimmt mit dem, was er sich als Meinung gebildet hat, das ist wahr; 
was nicht dazu stimmt, ist falsch. Wenn er nun aber die Initiation durch- 
macht, muB er hinausgehen in die groBe Welt. Nehmen wir einmal an, 
es ginge der Mensch in einer bestimmten Richtung hinaus, so wiirde 
er nur erleben, was gerade in dieser Richtung liegt, und alles andere 
unbeachtet lassen, das bliebe ihm dann unbekannt. Aber der Mensch 
kann gar nicht nur nach einer Richtung in den Makrokosmos hinaus- 
gehen, sondern er muB nach alien moglichen Richtungen gehen. Das 



Hinausgehen ist ein Ausdehnen, ein Sich-Ausweiten in den Makrokos- 
mos. Da hort ganz und gar die Moglichkeit auf, einen einzigen Stand- 
punkt zu haben. Da muB man die Welt betrachten konnen von dem 
einen Punkt gleichsam auf sich hin - weil man auch zuriickschaut -, 
aber man muB auch in die Lage kommen konnen, die Welt von einem 
zweiten und einem dritten Gesichtspunkt aus anzusehen. Das heiBt, 
man muB vor alien Dingen entwickeln eine gewisse Labilitat des An- 
schauens ; man muB eine Moglichkeit der Allseitigkeit gewinnen. 

Natiirlich ist es ja auch dabei so, daB wir nicht mit unendlichen Ver- 
haltnissen rechnen konnen, sondern nur mit Durchschnittsverhaltnis- 
sen. Und in der Tat brauchen Sie nicht gleich zu fiirchten, daB unend- 
lich viele Gesichtspunkte erreicht werden miissen, wie es in der Theorie 
moglich ist, sondern es geniigen fiir alle Verhaltnisse, die iiberhaupt 
an den Menschen herantreten konnen, zwolf Gesichtspunkte, die wie- 
der symbolisiert werden in der Sternensprache der Mysterienschulen 
durch die zwolf Bilder des Tierkreises. Der Mensch muB zum Beispiel 
nicht nur in der Richtung des Krebses hinausriicken in den Kosmos, 
sondern so, daB er sich wirklich von zwolf verschiedenen Gesichts- 
punkten aus die Welt anschaut. Da hilft es nichts, wenn man in einer 
abstrakten, verstandesmaBigen Sprache Einklange sucht. Den Einklang 
kann man hinterher suchen in den verschiedenen sich ergebenden 
Anschauungsweisen. Zuerst ist es notwendig, daB man von verschie- 
denen Seiten aus die Welt betrachtet. 

Ich mochte dabei wie in Parenthese darauf aufmerksam machen, daB 
es in alien denjenigen Weltbewegungen, die auf okkulten Wahrheiten 
beruhen, sozusagen eine Crux, ein Kreuz ist, daB man die Gewohn- 
heiten des Lebens, die sonst gelten, so leicht hineintragt in diese Be- 
wegungen. Wenn man nun genotigt ist, die auf dem Wege der iiber- 
sinnlichen Forschung erreichten Wahrheiten mitzuteilen, so ist es not- 
wendig, auch wenn man nur exoterisch schildert, daB das befolgt 
wird, daB man von verschiedenen Gesichtspunkten aus schildert. Und 
diejenigen, die schon seit Jahren unsere Bewegung recht aufmerksam 
verfolgen, werden wohl bemerkt haben, daB es im Grunde immer unser 
Bestreben gewesen ist, nicht einseitig zu schildern, sondem von den ver- 
schiedensten Gesichtspunkten aus. Das ist natiirlich auch der Grund, 



warum solche Menschen, die alles nur beurteilen wollen nach den ge- 
wohnlichen Usancen des physischen Planes, da und dort Widerspruche 
finden ; denn eine Sache schaut allerdings anders aus, wenn man sie von 
der einen oder von der anderen Seite aus ansieht. Da kann man leicht 
Widerspruche finden. Es sollte allerdings in einer geisteswissenschaft- 
lichenBewegung ihr erster Grundsatz auch dahin ein wenig ausgedeutet 
werden, daB man beriicksichtigt, wenn irgend etwas gesagt wird, was 
scheinbar anders klingt als etwas, was einmal anderwarts gesagt wurde, 
daB dann unter Umstanden da oder dort nur von einem gewissen Ge- 
sichtspunkt aus geschildert worden ist. Damit aber nicht unter uns sel- 
ber ein solcher ungerechter Widerspruchsgeist herrsche, wird gerade 
das befolgt, daB von den verschiedenen Seiten aus geschildert wird. 
So konnten zum Beispiel die Teilnehmer des vorjahrigen Miinchener 
Zyklus «Die Kinder des Luzifer und die Briider Chris ti» weite Wel- 
tengeheimnisse vom Standpunkte der orientalischen Philosophic aus 
geschildert finden. Aber notwendig ist es fur den, der auf dem charak- 
terisierten Wege hinauskommen will in den Kosmos, daB er sich Be- 
weglichkeit, Labilitat des Anschauens aneignet. Wenn er das nicht will, 
gerat er eben in ein Labyrinth hinein. Denn man muB bedenken, daB 
es wahr ist, daB der Mensch sich zwar nach der Welt richten kann, 
daB aber auch dieses wahr ist, daB sich die Welt nicht nach dem Men- 
schen richtet. Wenn der Mensch mit Vorurteilen hinausgeht nur nach 
einer Richtung und auf diesem Standpunkte stehenbleiben will, so 
wird es geschehen, daB die Welt sich mittlerweile vorwartsbewegt, er 
aber bleibt zuriick in der Evolution. Wenn der Mensch zum Beispiel, 
um mit den Bildern der Sternenschrift zu sprechen, sozusagen nur 
hinausgehen will in die Richtung des Widders und zu stehen glaubt im 
Sternbild des Widders, und die Welt ihm nun infolge ihrer Weiter- 
bewegung vor die Augen fiihrt, was im Sternbild der Fische ist, dann 
schaut er das, was aus den Fischen kommt - symbolisch in der Sternen- 
sprache gesprochen - als ein Erlebnis des Widders an. So kommt dann 
die Verwirrung, und der Mensch befindet sich dann tatsachlich im 
Labyrinth darinnen. Darum handelt es sich, daB beriicksichtigt werde, 
daB der Mensch in der Tat zwolf Standpunkte, zwolf Gesichtspunkte 
braucht, um sich im Labyrinth des Makrokosmos zurechtzufinden. 



Das ist das eine, was wir zunachst als eine Charakteristik des Sich- 
Hinauslebens in den Makrokosmos hinnehmen wollen. Aber noch in 
einer anderen Weise ist der Mensch in der gottlich-geistigen Welt, ohne 
etwas davon zu wissen, namlich wahrend der anderen Zeit der vier- 
undzwanzig Stunden des Tages. Beim Aufwachen taucht der Mensch 
zwar in den physischen Leib und Atherleib hinein, aber er nimmt nichts 
davon wahr. Denn im Augenblick des Aufwachens, wo er hineintaucht, 
wird der Mensch sogleich mit seiner Wahrnehmung auf die AuBenwelt 
abgelenkt. Er wiirde ganz etwas anderes wahrnehmen, wenn er be- 
wuBt hinuntertauchen wiirde in seinen physischen Leib und Ather- 
leib. 

So wird der Mensch bewahrt vor dem bewuBten Hineinleben in den 
Makrokosmos, fur den er nicht vorbereitet ist, durch den Schlafzu- 
stand. Und er wird bewahrt vor dem bewuBten Hinunterleben in den 
physischen Leib und Atherleib dadurch, daB seine Wahrnehmungs- 
fahigkeif auf die AuBenwelt abgelenkt wird. Die Gefahr nun, die fur 
den Menschen eintreten wiirde, wenn er unvorbereitet hinuntersteigen 
wiirde in seinen physischen Leib und Atherleib, ist eine etwas andere 
als die kosmische Blendung und Verwirrung, die wir geschildert haben 
als die Gefahr beim unvorbereiteten Hinausdringen in den Makro- 
kosmos. 

Wenn der Mensch unvorbereitet die Natur seines physischen Leibes 
und Atherleibes betritt und sich mit ihr identifiziert, dann geschieht es, 
daB sich dasjenige zu einer besonderen Starke entwickelt, wozu er 
eigentlich den irdischen physischen Leib und Atherleib erhalten hat. 
Wozu hat er diese beiden erhalten? Damit er in einer Ich-Natur leben 
kann, ein Ich-BewuBtsein entwickeln kann. Aber das Ich kommt un- 
vorbereitet, ungereinigt und ungelautert in die Welt des physischen 
Leibes und Atherleibes. Wenn der Mensch unvorbereitet hinunter- 
steigt in den physischen Leib und Atherleib, wird er so ergriffen, daB 
das mystische Wahrnehmen, das nun eintritt, ausschlieBt die innere 
Wahrheit, indem sich Trugbilder vor den Menschen hinstellen. Dafiir, 
daB sich der Mensch den Blick eroffhet in die eigene innere Natur, 
wird er verbunden mit all dem, was an egoistischen Wiinschen und 
Schlechtigkeiten, an egoistischen Trieben und so weiter in ihm ist. Da- 



mit verbindet er sich sonst nicht; denn wahrend des Tages wird sein 
Blick auf die Erlebnisse der AuBenwelt abgelenkt, und die sind gar 
nichts gegen das, was sich aus der eigenen Natur des Menschen heraus 
entwickeln kann. 

Ich habe schon zu anderen Zeiten erwahnt, was die christlichen 
Martyrer und Heiligen uns als ihre Erlebnisse beschreiben, wenn sie 
sich zunachst mit ihrer eigenen Natur verbanden und sich hineinver- 
senkten in das, was in ihrem Inneren lebte. Es sei darauf aufmerksam 
gemacht, daB es dasselbe ist wie das, worauf wir hier hinweisen wollen, 
und daB diese christlichen Heiligen durch das AusschlieBen der Wahr- 
nehmung nach auBen und das Hinabsteigen nach innen uns beschrei- 
ben, von welchen Versuchungen und Verfuhrungen sie ergriffen wor- 
den sind. Die darin gegebenen Schilderungen entsprechen durchaus der 
Wahrheit. Daher ist es eigentlich im Grunde ungeheuer belehrend, die 
Biographien der Heiligen von diesem Gesichtspunkte aus zu studieren, 
zu sehen, wie die Leidenschaften, Emotionen, Triebe und alles, was 
in dem Menschen sitzt, arbeiten, und wovon der Mensch abgelenkt 
wird, wenn er im normalen Leben den Blick auf die AuBenwelt richtet. - 
So konnen wir sagen: Es wird beim Hinuntersteigen in das eigene 
Innere der Mensch gleichsam auf seine Ichheit zusammenkomprimiert, 
ganz in seine Ichheit verstrickt, in jenen Punkt intensiv zusammen- 
gedrangt, wo er nichts anderes sein will als ein Ich, wo er gar nichts 
anderes mag, als seine eigenen Wunsche und Begierden zu befriedigen, 
wo gerade das Schlechte, das im Menschen ist, sein Ich ergreifen will. 
Das ist die Stimmung, die sich dabei geltend macht. 

So sehen wir, wie einerseits die Gefahr der Blendung fur den Men- 
schen eintritt, wenn er sich unvorbereitet ausweiten will in den Kos- 
mos, und anderseits, wie er zusammengezogen, zusammenkompri- 
miert wird, ganz in sein Ich hineingedrangt wird, wenn er sich unvor- 
bereitet in den eigenen physischen Leib und Atherleib hineinversenkt. 

Es besteht aber auch noch eine andere Seite der Initiation, die wie- 
derum bei gewissen anderen Volkern ausgebildet worden ist. Wahrend 
die eine Seite, das Hinausgehen in den Makrokosmos, besonders bei 
den arischen und nordlichen Volkern ausgebildet worden ist, ist die 
andere Seite in hohem Grade bei den Agyptern ausgebildet gewesen. 



Es gibt auch diese Initiation, wo sich der Mensch dem Gottlichen da- 
durch nahert, daB er den Blick nach innen richtet und dutch Verinner- 
lichung, durch Hinuntersteigen in die eigene Natur, die Wirksamkeit 
des Gottlichen in seiner eigenen Natur kennenlernt. 

In den alten Mysterien war die gesamte Menschheitsentwickelung 
noch nicht so weit, daB sozusagen die Initiation - sei sie nun hinaus in 
den Makrokosmos, sei sie hinein in den Menschen selbst, in den Mikro- 
kosmos gerichtet - so ausgefuhrt werden konnte, daB man den Men- 
schen ganz sich selbst iiberlieB. Wenn zum Beispiel eine agyptische 
Initiation ausgefuhrt wurde und der Mensch hineingeleitet wurde in 
die Krafte seines physischen Leibes und Atherleibes, so daB er voll- 
bewuBt die Ereignisse seines physischen Leibes und Atherleibes er- 
lebte, dann spruhten gleichsam von alien Seiten heraus aus seiner 
astralischen Natur die furchtbarsten Leidenschaften und Emotionen; 
damonische, diabolische Welten kamen aus ihm heraus. Deshalb 
brauchte in den agyptischen Mysterien derjenige, der als Hierophant 
arbeitete, Gehilfen, die in Empfang nahmen, was da herauskam, und 
es durch ihre eigene Natur hindurch ableiteten. Daher die zwolf Ge- 
hilfen des Initiators, welche die herauskommenden Damonen in Emp- 
fang nehmen muBten. Auf diese Weise war der Mensch in der alten Ein- 
weihung im Grunde niemals vollig frei. Denn, was sich beim Hin- 
untertauchen in den physischen Leib und Atherleib notwendigerweise 
entwickeln muBte, das konnte und durfte sich nur entwickeln, wenn 
und weil der Mensch um sich die zwolf Gehilfen hatte, welche die 
Damonen in Empfang nahmen und zahmten. 

In ahnlicher Weise war es in den nordischen Mysterien, wo die 
Wirkung beim Hinausriicken in den Makrokosmos dadurch geschehen 
konnte, daB wiederum zwolf Diener des Initiators da waren, die ihre 
Krafte an den zu Initiierenden abgaben, damit er die Fahigkeit hatte, 
wirklich jene Denk- und Empfindungsweise zu entwickeln, die not- 
wendig war, um durch das Labyrinth des Makrokosmos hindurch- 
zukommen. 

Eine solche Initiation, wo der Mensch ganz unfrei ist, ganz an- 
gewiesen ist auf die Ableitung der Damonen durch die Gehilfen des 
Initiators, sollte allmahlich weichen einer anderen Initiation, wo der 



Mensch mit sich selbst fertig werden kann, und wo derjenige, der die 
Initiation bewirkt und ihm die Mittel gibt, nur sagt: Dies und das ist 
zu tun -, und wo der Mensch dann nach und nach sich selbst weiter 
zurechtfinden kann, Auf dieser Bahn ist der Mensch heute noch nicht 
sehr weit. Aber es wird sich nach und nach als eine selbstandige Fahig- 
keit in der Menschheit ausbilden, daB der Mensch ohne Hilfe sowohl 
hinaufsteigen kann in den Makrokosmos, wie auch hinuntersteigen in 
den Mikrokosmos und durchmachen kann als freies Wesen die beiden 
Seiten der Initiation. Damit dies geschehen kann, dazu war das Chri- 
stus-Ereignis da. Das Christus-Ereignis bedeutet fur den Menschen 
den Ausgangspunkt, in freier Weise hinunterzusteigen in den physi- 
schen Leib und Atherleib, ebenso wie hinauszudringen in den Makro- 
kosmos, in die groBe Welt. Einmal muBte in umfassender Weise durch 
ein Wesen hochster Art, wie es der Christus Jesus ist, das Hinunter- 
steigen in den physischen Leib und Atherleib ebenso wie das Hinaus- 
gehen in den Makrokosmos geschehen. Und das ist eigentlich im 
Grunde das Christus-Ereignis, daB dieses umfassende Wesen des Chri- 
stus es gleichsam der Menschheit «vormachte», was nun im Verlaufe 
der Reife der Erdenentwickelung wenigstens eine geniigend groBe 
Anzahl von Menschen erreichen kann. Dazu war notwendig, daB ein- 
mal dieses Ereignis eintrat. - Was ist also geschehen durch das Chri- 
stus-Ereignis ? 

Auf der einen Seite muBte geschehen, daB einmal die Christus- 
Wesenheit selbst hinunterstieg in den physischen Leib und Atherleib. 
Und dadurch, daB der physische Leib und Atherleib einer menschlichen 
Wesenheit so geheiligt werden konnte, daB die Christus- Wesenheit hin- 
unterdrang — was nur einmal geschehen ist -, ist in der Menschheits- 
entwickelung der Impuls gegeben, daB jeder Mensch, der es sucht, in 
freier Art das Heruntersteigen in den physischen Leib und Atherleib er- 
leben kann. Dazu muBte die Christus- Wesenheit auf die Erde herunter- 
steigen und dasjenige vollziehen, was noch nie vollzogen war, was 
noch nie geschehen war. Denn in den alten Mysterien war durch die 
Tatigkeit der Gehilfen etwas ganz anderes bewirkt worden. Der 
Mensch konnte in den alten Mysterien hinuntersteigen in die Geheim- 
nisse des physischen Leibes und Atherleibes und hinaufsteigen in die 



Geheimnisse des Makrokosmos, aber nur so, daB er nicht dabei wirk- 
lich in seinem physischen Leib lebte. Er konnte 2 war in die Geheim- 
nisse des physischen Leibes eindringen, aber nicht innerhalb des phy- 
sischen Leibes ; er muBte sozusagen ganz leibfrei sein. Und wenn er zu- 
riickkehrte, konnte er sich zwar erinnern an die Erlebnisse in den gei- 
stigen Spharen, aber er konnte diese Erlebnisse nicht in den physischen 
Leib iibertragen. Es war ein Erinnern, aber nicht ein Mitbringen in 
den physischen Leib hinein. 

Das sollte radikal durch das Christus-Ereignis geandert werden, und 
das wurde es auch. Es gab also einfach einen solchen physischen Leib 
und Atherleib vor dem Christus-Ereignis nicht, der es je erlebt hatte, 
daB das Ich die ganze voile menschliche Innerlichkeit durchdrungen 
hatte bis in den physischen Leib und Atherleib. Vorher war es so, daB 
wirklich niemand mit seinem Ich bis in den physischen Leib und Ather- 
leib eindringen konnte. Das geschah zum ersten Male bei dem Chri- 
stus-Ereignis. Und von dort ging auch der andere EinfluB aus, daB eine 
Wesenheit, die, wenn auch unendlich erhaben uber den Menschen ste- 
hend, so doch mit der Menschennatur vereinigt war, sich hinaus- 
ergossen hat in den Makrokosmos ohne fremde Hilfe durch die eigene 
Ichheit. Das war aber nur durch den Christus moglich gewesen. Nur 
dadurch ist es fur den Menschen moglich, sich die Fahigkeit zu erwer- 
ben, in Freiheit nach und nach hinauszudringen in den Makrokosmos. 
Das sind die beiden Grundsaulen, die uns in dieser Art gleicherweise 
in den beiden Evangelien - im Lukas-Evangelium und auch im Mat- 
thaus-Evangelium - entgegentreten. Wie das ? 

Wir haben gesehen, daB Zarathustra mit derjenigen Individualitat, 
die in uralten nachatlantischen Zeiten der groBe Lehrer Asiens war, 
sich spater inkarniert hat als Zarathas oder Nazarathos, daB er mit der- 
selben Individualitat sich inkarniert hat in dem Jesusknaben, den wir 
als den Jesusknaben des Matthaus-Evangeliums geschildert haben, 
der abstammt aus der salomonischen Linie des Hauses David. Wir 
haben gesehen, daB die Zarathustra-Individualitat durch zwolf Jahre 
hindurch in diesem Jesusknaben, das heiBt in sich selber, alle die Ei~ 
genschaften entwickelte, die man in dem Werkzeug des physischen 
Leibes und des Atherleibes aus einem Sprossen des Hauses Salomo ent- 



wickeln konnte. Die hatte er nur dadurch, daB er zwolf Jahre in die- 
sem physischen Leib und Atherleib gelebt hat. Man eignet sich 
menschliche Fahigkeiten dadurch an, daB man sie ausarbeitet in Werk- 
zeugen. Dann verlieB die Zarathustra-Individualitat diesen Jesuskna- 
ben und ging hiniiber in jenen Jesus knaben, den das Lukas-Evange- 
lium schildert, der aus der nathanischen Linie des HausesDavid stammt, 
der als zweiter Jesusknabe geboren wurde und in Nazareth auferzogen 
wurde in der Nachbarschaft des anderen. In diesen ging hiniiber die 
Zarathustra-Individualitat in jenem Moment, den das Lukas-Evange- 
lium schildert als das Wiederfinden im Tempel zu Jerusalem, nachdem 
er verlorengegangen war wahrend des Festes. Wahrend nun der salo- 
monische Jesusknabe bald starb, lebte Zarathustra heran in dem Jesus 
des Lukas-Evangeliums bis zu seinem dreiBigsten Jahre und eignete 
sich alle Fahigkeiten an, die man sich aneignen kann mit den Werk- 
zeugen, die man hat, wenn man auf der einen Seite das schon mit- 
gebracht hat, was man sich aneignen konnte in einem so zubereiteten 
physischen Leib und Atherleib, wie wir es beschrieben haben, und 
wenn man ferner dem hinzufugen kann, was man in einem solchen 
astralischen Leib und Ich-Trager erringen kann, wie sie der Jesus des 
Lukas-Evangeliums hatte. 

So ist Zarathustra in diesem Leibe des Lukas-Jesus herangewachsen 
bis zum dreiBigsten Jahre, war mit all diesen Eigenschaften, die er ent- 
wickeln konnte, so weit in dem Leib, den wir geschildert haben, daB 
er jetzt sein drittes groBes Opfer bringen konnte : die Hinopferung des 
physischen Leibes, der jetzt wahrend dreier Jahre der physische Leib 
der Christus-Wesenheit wird. So opfert die Zarathustra-Individualitat, 
nachdem sie in fruheren Zeiten astralischen Leib und Atherleib hin- 
geopfert hatte fur Hermes und Moses, jetzt den physischen Leib, das 
heiBt, sie verlaBt diese Hulle, die da ist mit allem, was sonst noch darin- 
nen ist als Atherleib und astralischer Leib. Und was bis dahin erfullt 
war von der Zarathustra-Individualitat, das wird jetzt eingenommen 
von einem Wesen, das ganz einzigartiger Natur ist, das der Quell ist 
aller bedeutenden Weisheit fur alle groBen Weisheitslehrer : von dem 
Christus. Das ist das Ereignis, das uns angedeutet wird - wir werden 
es noch genauer schildern - in der Johannes-Taufe im Jordan, jenes 



Ereignis, dessen Umfassendes und dessen ganze GroBe uns in dem 
einen Evangelium angedeutet wird mit den Worten: «Du hist mein 
vielgeliebter Sohn, in dem ich mich selber sehe, in dem mir mein eige- 
nes Selbst entgegentritt ! » und was nicht mit den trivialen Worten zu 
iibersetzen ist: «... an dem ich Wohlgefallen habe» (Matth. 3,17). 
In anderen Evangelien ist sogar gesagt: «Du bist mein vielgeliebter 
Sohn; heute habe ich dich gezeuget». Da wird uns klar angedeutet, 
da6 es sich um eine Geburt handelt, namlich um die Geburt des Christus 
in der Hiille, welche Zarathustra zuerst zubereitet und dann hingeopfert 
hat. Im Moment der Johannes-Taufe fahrt die Christus- Wesenheit in 
die von Zarathustra zubereitete menschliche Hiille. Da haben wir es zu 
tun mit einer Wiedergeburt dieser drei Hiillen, indem sie durchdrungen 
werden von der Substantialitat des Christus. Die Johannes-Taufe ist 
eine Wiedergeburt der von Zarathustra heranerzogenen Hiillen und die 
Geburt des Christus auf der Erde. Jetzt ist der Christus in einem 
menschlichen Leibe, zwar in menschlkhen Leibern, wie sie besonders 
zubereitet sind, aber doch in menschlichen Leibern, wie sie die anderen 
Menschen auch haben, wenn auch unvollkommener. 

Der Christus, die hochste Individualist, die mit der Erde verbun- 
den sein kann, ist jetzt in Menschenleibern. Soli er das groBte Ereignis, 
soli er die voile Initiation vorleben, so muB er die zwei Seiten vor- 
leben : das Hinuntersteigen in den physischen Leib und Atherleib und 
das Hinaufsteigen in den Makrokosmos. Beide Ereignisse lebt der 
Christus den Menschen vor. Nur miissen uns, wie das in der ganzen 
Natur der Christus-Tatsachen Uegen muB, diese Ereignisse so ent- 
gegentreten, daB beim Heruntersteigen in den physischen Leib und 
Atherleib der Christus gefeit ist gegen alle die Anfechtungen, die ihm 
zwar entgegentreten, die aber abprallen an ihm. Ebenso muB es klar 
sein, daB ihm diejenigen Gefahren nichts anhaben konnen, die beim 
Hinausdringen in den Makrokosmos an den Menschen herankommen. 

Nun wird im Matthaus-Evangelium geschildert, wie die Christus- 
Wesenheit wirklich nach der Johannes-Taufe hinuntersteigt in den 
physischen Leib und Atherleib. Und die Darstellung dieses Ereignisses 
ist die Geschichte von der Versuchung (Matth. 4, 1-11). Wir werden 
sehen, wie diese Versuchungsszene in alien Einzelheiten die Erlebnisse 



wiedergibt, die der Mensch iiberhaupt hat, wenn er in den physischen 
Leib und Atherleib hinuntersteigt. Da also ist das Hineinfahren des 
Christus in einen menschlichen physischen Leib und Atherleib, das 
Zusammengedrangtsein auf die menschliche Ichheit, vorgelebt im 
Menschen, so daB es moglich ist zu sagen : So kann es sein, das alles 
kann euch begegnen ! Wenn ihr euch an den Christus erinnert, wenn 
ihr Christus-ahnlich werdet, so habt ihr die Kraft, all diesem zu be- 
gegnen, selbst zu uberwinden alles, was da aus dem physischen Leib 
und Atherleib heraufstrdmt! 

Das ist das erste Markante im Matthaus-Evangelium: die Ver- 
suchungsszene. Sie gibt wieder die eine Seite der Initiation, das Hin- 
untersteigen in den physischen Leib und Atherleib. Die andere Seite 
der Initiation, das Sich-Ausbreiten in den Makrokosmos, wird auch ge- 
schildert, und zwar so, daB zunachst gezeigt wird, wie der Christus 
mit der menschlichen Natur, ganz im Sinne der sinnlichen, mensch- 
lichen Natur, dieses Sich-Ausbreiten in den Makrokosmos unternimmt. 

Ich mochte gerade hier einen naheliegenden Einwand wenigstens 
erwahnen. Vollstandig begegnen werden wir ihm in den nachsten 
Tagen, heute aber wollen wir wenigstens die Hauptpunkte abstecken, 
den Einwand namlich: Wenn der Christus wirklich eine solche hohe 
Wesenheit war, warum muBte er das alles durchmachen, warum hin- 
einsteigen in den physischen Leib und Atherleib, warum gleich dem 
Menschen hinaustreten und sich ausweiten in den Makrokosmos? 
Nicht fur sich brauchte er es, fur die Menschen muBte er es tun I In den 
hoheren Spharen, mit den Substantialitaten der hoheren Spharen, 
konnten es diejenigen Wesenheiten, die dem Christus gleichartig waren. 
In einem menschlichen physischen Leibe und Atherleibe war es noch 
nicht geschehen. Ein menschlicher Leib war noch nicht durchdrungen 
von der Christus- Wesenheit. Gottliche Substantiality ist hinaus- 
getreten in den Raum. Aber das, was im Menschen lebt, ist noch nicht 
hinausgetragen worden in den Raum. Das konnte nur ein Christus mit- 
nehmen und hinaus in den Raum ergieBen. Das muBte zum ersten 
Male ein Gott in der Menschennatur machen ! 

Und dieses zweite Ereignis wird geschildert, indem sozusagen der 
zweite Pfeiler hingesetzt wurde im Matthaus-Evangelium, da, wo ge- 



zeigt wird, daJ3 die zweite Seite dear Initiation, das Hinausleben in die 
groBe Welt, das Aufgehen in Sonne und Sterne, sich wirklich durch 
den Christus mit der Menschennatur vollzogen hat. Da wurde er zu- 
erst gesalbt, gesalbt wie ein anderer Mensch, damit er rein wurde, da- 
mit er gefeit wurde gegen das, was zunachst aus der physischen Welt an 
ihn herantreten konnte. Da sehen wir, wie die Salbung, die in den alten 
Mysterien eine Rolle spielt, uns wiederum entgegentritt auf hoherer 
Stufe, auf historischem Boden, wahrend sie sonst eine Tempelsalbung 
war (Matth. 26, 6-13). Und wir sehen, wie der Christus jetzt ausdnickt 
das Aufgehen in die ganze Welt - nicht nur das In-sich-selber-Sein, son- 
dern das Ergossensein in die ganze ubrige Welt - beim Passahmahle, 
wo er denen, die um ihn stehen, erklart, daB er sich fiihlt in alledem, was 
innerhalb der Erde als Festes ausgepragt ist - was in dem Wort «Ich 
bin das Brot» angedeutet ist - und ebenso in allem Fliissigen (Matth. 26, 
17-30). Es wird im Passahmahl angedeutet dieses bewuBte Heraus- 
treten in die groBe Welt, so wie der Mensch im Schlafe unbewuBt her- 
austritt. Und das Fiihlen alles dessen, was der Mensch fiihlen muB als 
herannahende Blendung, sehen wir ausgedriickt in dem monumentalen 
Wort: «Meine Seele ist betriibt bis in den Tod!» (Matth. 26, 38). Der 
Christus Jesus erlebt tatsachlich, was die Menschen sonst erleben wie 
ein Getotetwerden, ein Gelahmtwerden, wie eine Blendung. Er erlebt 
in der Szene von Gethsemane das, was man nennen kann: der von der 
Seele verlassene physische Leib zeigt seine eigenen Angstzustande. Was 
in dieser Szene erlebt wird, das soli schildern, wie die Seele sich weitet 
in der Welt und wie der Leib verlassen wird (Matth. 26, 36-46). 

Und alles, was dann folgt, soil in der Tat schildern das Hinausdrin- 
gen in den Makrokosmos: die Kreuzigung, und was mit der Grab- 
legung dargestellt ist, und alles, was sich sonst in den Mysterien voll- 
zogen hat. Das ist der andere Pfeiler des Matthaus-Evangeliums : das 
Hinausleben in den Makrokosmos. Und deutlich driickt es das Mat- 
thaus-Evangelium aus, indem wir darauf hingewiesen werden, daB der 
Christus Jesus bisher gelebt hat in dem physischen Leib, der dann am 
Kreuze hing. In diesem Punkt des Raumes war er konzentriert, aber 
jetzt weitet er sich aus in den ganzen Kosmos. Und wer ihn jetzt hatte 
suchen sollen, wurde ihn nicht gesehen haben in diesem physischen 



Leib, sondern hatte ihn jetzt hellseherisch suchen miissen in dem 
Geiste, der die Raume durchdringt. 

Nachdem der Christus tatsachlich das vollzogen hat, was fruher, 
aber mit fremder Hilfe, in den dreieinhalb Tagen in den Mysterien 
vollzogen wurde, nachdem er vollzogen hatte, was ihm gerade zum 
Vorwurf gemacht wurde, weil er gesagt hatte, man moge diesen Tem- 
pel niederreiBen, und in drei Tagen wiirde er ihn wieder auf bauen 
(Matth. 26, 61) - womit deutlich hingewiesen wird auf die sonst in den 
dreieinhalb Tagen vollzogene Initiation in den Makrokosmos -, da 
deutet er aber auch darauf hin, daB er nach dieser Szene nicht mehr dort 
zu suchen ist, wo innerhalb des Physischen die Wesenheit des Christus 
Jesus eingeschlossen war, sondern drauBen in dem Geist, der die 
Weltenraume durchzieht. Das wird gewohnlich so iibersetzt, und selbst 
noch in diesen schwachen Ubersetzungen der neueren Zeit tritt es uns 
mit aller Majestat entgegen: «Demnachst werdet ihr zu suchen haben 
das Wesen, das da aus der Menschheitsevolution geboren wird, zur 
Rechten der Macht, und es wird euch erscheinen aus den Wolken her- 
aus» (Matth. 26, 64). Dort habt ihr den Christus zu suchen, aus- 
gegossen in die Welt, als Vorbild der groBen Initiation, die der Mensch 
erlebt, wenn er den Leib verlaBt und sich hinauslebt, sich hinausweitet 
in den Makrokosmos. 

Damit haben wir Anfang und Ende des eigentlichen Christus-Lebens, 
das beginnt bei der Geburt des Christus in jenem Leibe, von dem wir 
gesprochen haben bei der Johannes-Taufe. Da beginnt es mit der einen 
Seite der Initiation : mit dem Hmuntersteigen in den physischen Leib 
und Atherleib in der Versuchungsgeschichte. Und es schlieBt bei der 
anderen Seite der Initiation : der Ausbreitung in den Makrokosmos, die 
mit der Szene des Abendmahles beginnt und weiter dargestellt wird 
in dem Vorgang der GeiBelung, Dornenkronung, Kreuzigung und 
Auferstehung. Das sind die zwei Punkte, innerhalb derer die Ereig- 
nisse des Matthaus-Evangeliums liegen. Und die wollen wir jetzt 
hineinsetzen in das, was wir zunachst wie mit Kohle skizzenhaft ge- 
zeichnet haben. 



ACHTER VORTRAG 



Bern, 8. September 1910 

In dem, was wir gestern angefuhrt haben iiber das Heraufheben der 
beiden Seiten der Initiation auf die Hdhe welthistorischer Vorgange in 
dem Christus-Ereignis, liegt zugleich angegeben, wenn man es ganz 
durchschaut, das uns Wesentliche dieses Christus-Ereignisses. 

Eine Initiation oder Einweihung, die darin bestand, daB der Mensch 
gleichsam das tagliche Erlebnis des Aufwachens so durchmachte, daB 
beim Hinuntersteigen in den physischen Leib und Atherleib nicht das 
Wahrnehmungsvermogen abgelenkt wird auf die auBere physische 
Umgebung, sondern erregt wird fur die Vorgange des Atherleibes und 
physischen Leibes, eine solche Art der Einweihung hatten wir ja be- 
sonders in all den Mysterien und Einweihungsstatten gegeben, die sich 
auf die agyptische heilige Kultur begriindeten. Diejenigen, die eine 
solche Einweihung im alten Sinne suchten, das heiBt in dem Sinne, 
daB sie dabei gelenkt und geleitet wurden, damit die bei einer solchen 
Einweihung auftretenden Gefahren vorubergehen konnten, sie wur- 
den dadurch in gewisser Beziehung zu anderen Menschen, zu solchen 
Menschen, die wahrend des Einweihungsaktes hineinschauen konn- 
ten in die geistige Welt, zunachst in jene geistigen Krafte und Wesen- 
heiten, die beteiligt sind an unserem physischen Leib und Atherleib. 

Wenn wir jetzt die Essaereinweihung von diesem Gesichtspunkte 
aus charakterisieren wollen, so konnen wir sagen : Wenn ein Essaer die 
charakterisierten zweiundvierzig Stufen durchmachte und dadurch zu 
einer genaueren Kenntnis seines wahren Inneren kam, seiner wahren 
Ich-Natur und alles dessen, was den Menschen befahigt, durch die 
auBeren durch die Vererbung dazu bestimmten Organe zu sehen, so 
wurde ein solcher Essaer iiber die zweiundvierzig Stufen hinaus- 
gefiihrt bis zu derjenigen geistig-gottlichen Wesenheit, welche als Jahve 
oder Jehova jenes Organ bewirkte, das ich Ihnen bei Abraham charak- 
terisiert habe ; das sah er dann im Geiste als dieses Organ, das wesent- 
lich war fur die damalige Zeit. Der Essaer sah also zuruck auf das innere 
wesenhafte Gefiige der menschlichen Innenwesenheit, die ja ein Er- 



gebnis war dieser gottlich-geistigen Wesenheit. Auf die Erkenntnis 
des menschlichen Inneren war es also bei einer solchen Einweihung 
abgesehen. 

Was nun dem Menschen bevorsteht, wenn er unvorbereitet in sein 
Inneres hineindringen kann, das habe ich Ihnen im allgemeinen ge- 
stem charakterisiert. Ich habe gesagt, da erwachen in dem Menschen 
zunachst alle Egoismen, alles, was den Menschen dazu bringt, daB er 
sich sagt : Alle die Krafte, die in mir sind, alle Leidenschaften und Emo- 
tionen, die mit meinem Ich zusammenhangen und die nichts wissen 
wollen von der geistigen Welt, ich will sie so in mir haben, daB ich 
mich mit ihnen verbinden kann und nur aus meinem eigenen egoisti- 
schen Inneren heraus handle, empfinde und fuhle! - Also das ist die 
Gefahr, daB der Mensch bis zum hochsten MaBe des Egoismus hinauf- 
wachst durch solches Hineinsteigen in sein Inneres. Das ist es ja auch, 
was als eine bestimmte Art von Illusion immer wieder iiber diejenigen 
kommt, die auch heute durch eine esoterische Entwickelung dieses 
Hineinsteigen in das eigene Innere anstreben wollen. Bei solcher Ge- 
legenheit machen sich mancherlei Egoismen beim Menschen geltend; 
und wenn sie dann da sind, glaubt der Mensch in der Regel gar nicht, 
daB es diese Egoismen sind. Er glaubt eigentlich alles eher, als daB es 
diese Egoismen sind. Der Weg in die hoheren Welten wird ja genug- 
sam als ein solcher geschildert, zu dem, selbst wenn er in unserer Zeit 
gesucht wird, Oberwindungen notwendig sind. Und manche von den- 
jenigen Menschen, die, auch in unserer Zeit, gern den Weg in die 
hoheren Welten hinauf gehen wollen, aber keine solche tJberwindun- 
gen haben wollen, die zwar gern schauen mochten in hoheren Welten, 
aber nicht erleben wollen, was eigentlich dazu fuhren kann, solche Men- 
schen finden es dann immer wieder unbequem, allerlei in sich auftau- 
chen zu sehen, was nun einmal in der menschlichen Natur liegt. Sie 
mochten ohne dieses Auftauchen von allerlei Egoismen und derglei- 
chen in die hoheren Welten hinauf kommen. Sie merken nicht, daB oft 
gerade darin der herbste, der bedeutsamste Egoismus sich zeigt, daB 
sich die Unzufriedenheit geltend macht mit dem, was eigentlich als 
etwas ganz Regulares eintritt, und von dem sie sich fragen sollten : MuB 
ich denn nicht, da ich ein Mensch bin, auch allerlei solche Gewalten 



aufrufen? Sie finden es merkwiirdig, daB solche Dinge da sind, trotz- 
dem es hundert- und hundertmal erklart wkd, daB sich so etwas in 
einer bestimmten Zeit einstellt. Ich will damit nur hinweisen auf die 
Illusionen und Tauschungen, denen sich gewisse Menschen hingeben. 
In unserer Zeit ist es ja noch zu berucksichtigen, daB die Menschheit 
in einer gewissen Weise bequem geworden ist und am liebsten mit der 
Bequemlichkeit, die man sonst im gewohnlichen Leben liebt, den Weg 
in die hoheren Welten hinauf gehen mochte. Aber solche Bequemlich- 
keiten, wie man sie auf den gewohnlichen Gebieten des Daseins gern 
schafFt, konnen nicht geschaffen werden auf dem Wege, der in die 
geistigen Welten fiihren soil. 

Derjenige nun, der diesen Weg in die geistige Welt in den alten Zei- 
ten dadurch gefunden hatte, daB er durch die Einweihung gegangen 
war, die in das menschliche Innere fiihrt, der wurde, weil das mensch- 
liche Innere von gottlich-geistigen Machten geschaffen ist, damit hin- 
eingefiihrt in die gottlich-geistigen Krafte. Man sieht dann am physi- 
schen Leibe und Atherleibe die gottlich-geistigen Krafte arbeiten. Ein 
solcher Mensch wurde geeignet, ein Zeuge, ein Kiinder zu sein von 
den Geheimnissen der geistigen Welt. Er konnte seinen Mitmenschen 
erzahlen, was er durchgemacht hatte, wahrend er in den Mysterien 
hineingefiihrt wurde in sein eigenes Inneres und dadurch in die geistige 
Welt. Was aber war damit verbunden? Wenn ein solcher Eingeweihter 
herauskam aus den geistigen Welten, konnte er sagen: Da habe ich 
hineingeblickt in das geistige Dasein; aber mir wurde geholfen! Die 
Gehilfen des Initiators haben es mir moglich gemacht, daB ich iiber- 
dauert habe die Zeit, in der sonst die Damonen aus meiner eigenen 
Natur mich niedergedriickt haben wiirden. - Dadurch aber, daB er 
in dieser Art den auBeren Hilfen sein Hineinschauen in die geistige 
Welt verdankte, blieb er auch zeitlebens von diesem Einweihungs- 
kollegium abhangig, von denjenigen, die ihm geholfen hatten. Die 
Krafte, die ihm geholfen hatten, gingen mit ihm hinaus in die Welt. 

Das sollte anders werden. Das sollte iiberwunden werden. Diejeni- 
gen, die initiiert werden sollten, sollten immer weniger abhangig blei- 
ben von denen, die ihre Lehrer und Initiatoren sind. Denn mit dieser 
Hilfe war ein Anderes, Wesentliches verbunden. Wir haben in unse- 



rem alltaglichen BewuBtsein ein ganz deutliches Ich-Gefiihl, das in 
einer bestimmten Stunde unseres Daseins erwacht. Dariiber wurde 
schon ofter gesprochen, und Sie finden auch in meiner «Theosophie» 
den Zeitpunkt charakterisiert, wo der Mensch dazu kommt, sich als 
ein Ich anzusprechen. Das ist etwas, was das Tier nicht kann. Wenn 
das Tier in sein Inneres schauen wiirde wie der Mensch, so wurde es 
nicht ein individuelles Ich, sondern ein Gattungs-Ich, ein Gruppen- 
Ich finden : es wiirde sich zugehorig fiihlen zu einer ganzen Gruppe. 
Dieses Ich-Gefiihl erlosch in einer gewissen Weise bei den alten Ein- 
weihungen. Wahrend der Mensch also in die geistigen Welten hinein- 
stieg, triibte sich sein Ich-Gefiihl, und wenn Sie alles zusammenneh- 
men, was ich gesagt habe, werden Sie es begreiflich finden, daB es gut 
war. Denn das Ich-Gefiihl ist es ja, mit dem sich alle die Egoismen, 
Leidenschaften und so weiter verbinden, die den Menschen absondern 
wollen von der auBeren Welt. Wollte man nicht die Leidenschaften, 
die Emotionen bis zu einer gewissen Starke treiben, so muBte das 
Ich-Gefiihl unterdriickt werden. Es war daher zwar nicht ein Traum- 
bewuBtsein, aber doch ein Zustand herabgedriickten Ich-Gefiihls bei 
den Einweihungen in den alten Mysterien vorhanden. Immer mehr 
und mehr sollte aber darnach gestrebt werden, daB der Mensch fahig 
werde, die Initiation durchzumachen unter volliger Aufrechterhaltung 
seines Ich, desjenigen Ich, das der Mensch im WachbewuBtsein vom 
Aufwachen bis zum Einschlafen mit sich tragt. Jene Triibung des Ich, 
wie sie in den alten Mysterien immer mit der Initiation verbunden 
war, sollte aufhoren. Das ist etwas, was ja iiberhaupt im Laufe der 
Zeit nur langsam und allmahlich erreicht werden kann, was aber heute 
schon in einem wesentlich hoheren Grade in alien zu Recht bestehen- 
den Initiationen erreicht wird : daB das Ich-Gefiihl bis zu einem hohen 
Grade nicht erlischt, wenn der Mensch sich hinauflebt in die hohe- 
ren Welten. 

Nun belauschen wir einmal noch genauer eine solche alte Initiation, 
zum Beispiel eine Essaerinitiation der vorchristlichen Zeit. Verbun- 
den war auch diese Essaerinitiation in einer gewissen Weise damit, 
daB das Ich-Gefiihl herabgestimmt war. Dasjenige also, was dem Men- 
schen in unserem Erdensein sein Ich-Gefiihl gibt, was herausblickt auf 



die auBeren Wahrnehmungen, das muBte damals auch unterdriickt 
werden. Sie brauchen ja nur auf das Trivialste im Alltagsleben zu sehen, 
so werden Sie sich sagen: In jenem andersgearteten Zustand, wo der 
Mensch wahrend des Schlaf bewuBtseins in der geistigen Welt ist, hat 
er sein Ich-Gefuhl nicht; er hat es nur im TagesbewuBtsein, wenn er 
abgelenkt wird von der geistigen Welt und sein Blick hinausgeht in 
die physisch-sinnliche Welt. So ist es beim jetzigen Erdenmenschen, 
und auch bei dem Erdenmenschen, fur den der Christus auf der Erde 
gewirkt hat. Fur die andere Welt ist beim Menschen der gegenwarti- 
gen Erdenzeit uberhaupt das Ich fur die normalen Zustande nicht ge- 
weckt. Nun soil eine Christus-Initiation eben darinnen bestehen, daB 
das Ich in den hoheren Welten so erwacht bleibt, wie es erwacht ist in 
der auBeren Welt. 

Betrachten Sie nun einmal - nur damit wir etwas damit charakteri- 
sieren konnen - den Moment des Aufwachens ganz genau. Dieser 
Moment stellt sich uns so dar, daB also der Mensch aus einer hoheren 
Welt herauskommt und untertaucht in seinen physischen Leib und 
Atherleib. In diesem Moment des Untertauchens sieht er aber nicht 
die Innenvorgange des physischen Leibes und Atherleibes, sondern es 
wird gleichsam sein Wahrnehmungsvermogen abgelenkt auf die Um- 
gebung. Alles nun, wohin der Blick des Menschen im Moment des 
Aufwachens fallt, was der Mensch uberschaut, ob nun mit dem physi- 
schen Wahrnehmen der Augen oder mit dem physischen Wahrnehmen 
der Ohren, oder ob er es iiberdenkt mit dem an das physische Organ des 
Gehirns gebundenen Verstand, alles, was er in der physischen Um- 
gebung wahrnimmt, das bezeichnete man in dem Sprachgebrauch der 
althebraischen Geheimlehre als «das Reich », Malchuth. So konnten wir 
fragen : Was war also im althebraischen Sprachgebrauch verbunden mit 
dem Ausdruck «das Reich »? Alles das war damit verbunden, in dem 
sich bewuBt auf halten konnte das menschliche Ich. Das ist auch die 
genaueste Definition fur das, was man im hebraischen Altertum mit 
dem Ausdruck «das Reich » verband: das, wobei das menschliche Ich 
anwesend sein kann. Wenn wir einmal diesen Ausdruck festhalten, so 
mussen wir sagen: Es ist mit dem, was «das Reich » ist, im althebra- 
ischen Sprachgebrauch zunachst bezeichnet die Sinnenwelt, die Welt, 



in der der Mensch ist im Wachzustande bei volliger Aufrechterhaltung 
seines Ich. 

Nehmen wir jetzt die Stufen der Initiation beim Hinuntergehen in 
das eigene Innere. Die erste Stufe, bevor der Mensch in seinen Ather- 
leib hineindringen und dessen Geheimnisse wahrnehmen kann, ist 
etwas, was man leicht erraten kann. Die auBere Hiille des Menschen be- 
steht ja, wie wir wissen, aus dem Astralleib, Atherleib und physischen 
Leib. Das ist nun auch noch etwas, wo der Mensch hindurchgehen muJB : 
er muB seinen astralischen Leib sozusagen bewuBt von innen durch- 
schauen, wenn er diese Art von Initiation erleben will. Zunachst muB 
er das Innere seines astralischen Leibes erleben, wenn er in das Innere 
seines physischen Leibes und Atherleibes hineinsteigen will. Das ist 
die Pforte, durch die er durchgehen muB. Das sind immer aber neue 
Erlebnisse, durch die er gehen muB. Der Mensch erlebt da auch etwas, 
was objektiv ist, wie die Gegenstande der auBeren Welt objektiv sind. 

Wenn wir die Gegenstande der Sinnenwelt um uns herum, die wir 
vermoge der gegenwartigen menschlichen Organisation erleben, als 
« das Reich » bezeichnen, so konnten wir nach unserem Sprachgebrauch 
- der althebraische Sprachgebrauch hat das noch nicht so genau unter- 
schieden - dabei wieder unterscheiden drei Reiche, das Mineralreich, 
das Pflanzenreich und das Tierreich. Das alles ist im althebraischen 
Sprachgebrauch em Reich und faBt sich zusammen unter dem einen 
BegrifT des Reiches uberhaupt als die Gesamtheit der drei Reiche. 

Geradeso wie wir die Tiere, Pflanzen und Mineralien uberblicken, 
wenn wir den Blick hinausrichten in die Sinnenwelt, wo unset Ich da- 
bei sein kann, so fallt fur denjenigen, der hinuntertaucht in sein eige- 
nes Innere, der Blick auf alles, was er wahrnehmen kann im astrali- 
schen Leibe. Das sieht der Mensch jetzt nicht durch sein Ich, sondern 
das Ich bedient sich dabei der Werkzeuge des astralischen Leibes. Und 
was der Mensch sieht, wenn er also ein anderes Wahrnehmungsver- 
mogen hat, wo er mit seinem Ich anwesend ist in derjenigen Welt, mit 
der er verbunden wird durch die astralischen Organe, das bezeichnet 
allerdings schon der althebraische Sprachgebrauch mit drei Ausdruk- 
ken. Wie wir ein tierisches, ein pflanzliches und ein mineralisches Reich 
haben, so bezeichnet der althebraische Sprachgebrauch die Dreiheit, 



die man iiberblickt durch das Anwesendsein in seinem astralischen 
Leibe, mit Nezach, Jesod und Hod. 

Wenn man diese drei Ausdriicke einigermaBen konform in unsere 
Spr ache iibersetzen wollte, muBte man wieder tief hineingreifen in das 
althebraische Sprachgefuhl; denn die gewohnlichen lexikalen Uber- 
setzungen mit dem Worterbuche helfen da gar nicht. Wenn man ver- 
stehen wollte, worauf es jetzt ankommt, miiBte man recht sehr zu Hilfe 
nehmen das Sprachgefuhl der vorchristlichen Zeit. Da miiBte man zum 
Beispiel vor allem in Betracht Ziehen, daB dasjenige, was wir mit dem 
Lautgefiige Hod bezeichnen konnen, ausdriicken wiirde «Geistiges 
nach auBen erscheinend». Also beachten Sie wohl: dieses Wort wiirde 
bedeuten ein Geistiges, das nach auBen sich kundgibt, ein nach auBen 
strebendes Geistiges, aber ein Geistiges, das als Astralisches aufzufas- 
sen ist. Dagegen wiirde das Wort Nezach um eine starke Nuance grober 
dieses Nach-auBen-sich-offenbaren-Wollen ausdriicken. Was sich da 
kundgibt, das ist etwas, auf das wir vielleicht das Wort anwenden 
konnen, daB es sich als «undurchdringHch» erweist. 

Wenn Sie heute Lehrbiicher der Physik in die Hand nehmen, 
werden Sie etwas finden, was als ein Urteil angegeben ist, was aber ei- 
gentlich eine Definition sein sollte - aber auf Logik kommt es ja dabei 
nicht an -, namlich die Definition, daB man die physischen Korper als 
undurchdringlich bezeichnet. Es miiBte eigentlich als Definition ste- 
hen : Man nennt einen physischen Korper einen solchen, von dem das 
gilt, daB an der Stelle, wo er ist, nicht zu gleicher Zeit ein anderer sein 
kann. Also als Definition miiBte es gegeben werden. Statt dessen stellt 
man ein Dogma auf und sagt: Die Korper der physischen Welt haben 
die Eigentumlichkeit, daB sie undurchdringlich sind - wahrend es 
heiBen muBte, daB an einer Stelle nicht gleichzeitig zwei Korper sein 
konnen. Das ist aber etwas, was eigentlich in die Philosophic hinein- 
gehort. Das Sich-Kundgeben im Raume, so daB AusschlieBungen eines 
anderen stattfinden - was die stark vergroberte Nuance des Hod sein 
wiirde das ist mit dem Worte Nezach gegeben. Und was dazwischen 
steht, ist im Jesod gegeben. 

So haben Sie drei verschiedene Nuancen. Erst die Manifestation 
irgendeiner astralischen Tatsache, die sich nach auBen hin kundgibt, 



im Hod. Wo die Sache dann schon so vergrobert ist, daB die Dinge in 
physischer UndurchdringHchkeit an uns herantreten, da wiirde nach 
dem althebraischen Sprachgebrauche Nezach stehen. Und fur die 
Zwischennuance miiBte Jesod genommen werden. So konnen wir 
sagen, daB die drei verschiedenen Eigentiimlichkeiten, mit denen in 
der Tat die Wesenheiten der astralischen Welt behaftet sind, mit die- 
sen drei Worten bezeichnet werden. 

Nun konnen wir sozusagen etwas weiter hineinsteigen mit dem zu 
Initiierenden in das menschliche Innere. Wenn er iiberschritten hat, 
was zunachst in seinem Astralleib zu iiberschreiten ist, dann kommt er 
hinein in seinen atherischen Leib. Da nimmt der Mensch schon Hohe- 
res wahr als das, was mit diesen drei Worten zu bezeichnen ist. Sie 
konnen fragen, warum denn Hoheres ? Das hangt mit etwas Besonde- 
rem zusammen, und darauf miissen Sie achten, wenn Sie das eigent- 
liche innere Gefuge der Welt verstehen wollen. Sie miissen darauf ach- 
ten, daB so, wie uns die auBere Welt entgegentritt, an demjenigen, was 
uns als die niedersten Offenbarungen der AuBenwelt erscheint, die 
hochsten geistigen Krafte gearbeitet haben. Ich habe Sie schon offer 
auf das aufmerksam gemacht, was hier in Betracht kommt, und zwar 
bei Besprechung der menschlichen Natur selbst. 

Der Mensch besteht, wenn wir inn beschreiben, aus physischem 
Leib, Atherleib, Astralleib und Ich. GewiB ist das Ich des Menschen in 
gewisser Beziehung das hochste seiner Glieder; aber so wie es heute ist, 
ist es das Baby unter den vier Gliedern der menschlichen Natur. Es ist 
das, was die Anlage enthalt im Menschen zum Hochsten, was er wer- 
den kann, aber es ist jetzt in seiner Art auf der niedersten Stufe. Dafiir 
ist der physische Leib in seiner Art das vollkommenste Glied, aller- 
dings nicht durch das Verdienst des Menschen selber, sondern da- 
durch, daB durch Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit hindurch gottlich- 
geistige Wesenheiten am Menschen gearbeitet haben. Und auch der 
Astralleib ist bereits vollkommener geworden als das Ich des Men- 
schen. Wenn wir also zunachst auf das menschliche Ich blicken, ist es 
dasjenige, was uns naheliegt, mit dem wir uns identifizieren. Und man 
darf sagen: Wer nicht gar zu trivial ist und sich nicht den Blick ver- 
schlieBen will, der braucht nur in sein Inneres zu schauen, und er findet 



dort sein Ich. Dagegen denken Sie daran: Wie weit ist der Mensch 
entfernt von den Geheimnissen des menschlichen physischen Leibes ! 
Der physische Leib ist etwas, woran nicht nur durch Jahrmillionen, 
sondern Jahrmillionen mal Millionen gottlich-geistige Wesenheiten 
gearbeitet haben, urn ihn zu seinem heutigen Gefiige zu bringen. Da- 
zwischen liegen nun astralischer Leib und Atherleib. Der astralische Leib 
ist auch gegeniiber dem physischen Leibe ein unvollkommenes Glied 
der Menschennatur; in ihm sind Emotionen, Leidenschaften, Begier- 
den und so weiter. Und der Mensch genieBt durch die Emotionen des 
astralischen Leibes, trotzdem der Atherleib als Hemmnis dazwischen 
stent, viele Dinge, die direkt der wunderbaren Organisation des 
menschlichen physischen Leibes entgegenarbeiten. Ich habe darauf auf- 
merksam gemacht, wie viele Herzgifte zum Beispiel der Mensch ge- 
nieBt, wie er, wenn es auf seinen astralischen Leib ankame, sehr bald 
seine Gesundheit untergraben wiirde, und wie er seine Gesundheit nur 
dem Umstande verdankt, daB das menschliche Herz in seiner Organisa- 
tion so wunderbar und vollkommen eingerichtet ist, daB es durch viele 
Jahrzehnte hindurch den Attacken des Astralleibes standhalt. So ist es. 
Je tiefer wir hinuntersteigen, desto hohere geistige Krafte finden wir, 
die an den einzelnen Gliedern mitgearbeket haben. Man konnte sagen: 
Die jiingsten Gotter, die jungsten gottlich-geistigen Krafte sind es, 
die uns unser Ich gegeben haben; und viel altere Gotter sind es, die an 
unseren niederen Gliedern jene Vollkommenheit bewirkt haben, die 
der Mensch heute kaum anfangt zu durchschauen, geschweige denn, 
daB er geeignet ware, mit seinen Werkzeugen das nachzumachen, was 
in diesem Wunderbau die gottlich-geistigen Krafte und Wesenheiten 
fur den Menschen aufgefiihrt haben. 

Diese Vollkommenheit sahen aber besonders diejenigen, welche 
zum Beispiel durch eine Essaereinweihung eintauchten in das mensch- 
liche Innere. Ein solcher Essaer sagte sich : Wenn ich die ersten vierzehn 
Stufen durchmache, komme ich zuerst in meinen astralischen Leib hin- 
ein. Da treten mir entgegen alle die Leidenschaften und Emotionen, 
die mit meinem astralischen Leibe zusammenhangen, alles, was ich 
selbst in meiner Inkarnation schlecht gemacht habe an meinem astrali- 
schen Leibe. Aber ich bin noch nicht imstande gewesen, an meinem 



Atherleibe so viel zu verderben wie an dem Astralleibe. Mein Atherleib 
ist im Grunde genommen noch viel gottlicher, noch viel r einer ; er zeigt 
sich mir, wenn ich die zweiten vierzehn Stufen durchmache. - Und er 
hatte das Gefiihl: wenn er den Anfechtungen des astralischen Leibes 
standgehalten, hat er das Schwerste nach den ersten vierzehn Stufen 
iiberwunden und tritt jetzt ein in die lichten Spharen seines Ather- 
leibes, an dessen Kraften er noch nicht so viel verderben konnte. 

Was der Mensch nun da sah, das bezeichnete man in der althebra- 
ischen Geheimlehre wieder mit drei Ausdriicken, die wieder auBer- 
ordentlich schwer in unseren heutigen Sprachen wiedergegeben wer- 
den konnen; man bezeichnete sie mit Gedulah, Tiphereth und Ge- 
burah. Versuchen wir uns eine Vorstellung von den drei Gebieten zu 
machen, die mit diesen drei Ausdriicken bezeichnet wurden. 

Wenn der Mensch das wahrnahm, womit er sich in seinem Ather- 
leibe verbindet, dann konnen wir etwa sagen : Das erste Wort, Gedu- 
lah, wirkte etwa so, daB man eine Vorstellung bekam von alledem, 
was im geistigen Reiche, in der geistigen Welt majestatisch, groB er- 
scheint, was den Eindruck des Uberwaltigenden macht. Dagegen hatte 
das, was mit Geburah zu bezeichnen ist, obwohl es mit dem ersten 
Worte verwandt ist, eine ganz andere Nuance der GroBe, es hatte die 
Nuance der durch die Wirkung wieder herabgeminderten GroBe. Es 
ist Geburah die Nuance der GroBe, der Kraft, die sich schon nach 
auBen kundgibt, um sich zu wehren, um sich als selbstandige Wesen- 
heit nach auBen kundzugeben. Wahrend also mit dem Ausdruck Ge- 
dulah verbunden ist das Wirken durch die innere Gediegenheit, durch 
die innere Wesenheit, ist mit dem Ausdruck Geburah ein solches Wir- 
ken verbunden, von dem man sagen kann, daB es aggressiv ist, sich 
nach auBen hin durch aggressives Vorgehen kundgibt. Das nun In- 
sich-Ruhen der GroBe, der Innerlichkeit, die sich zwar nach auBen 
kundgibt, aber nicht durch aggressives Wesen, sondern dadurch, daB 
es in sich zum Ausdruck bringt die geistige GroBe, das wurde mit 
Tiphereth bezeichnet, das wir nur wiedergeben konnten, wenn wir 
kombinierten unsere beiden BegrifTe von Giite und Schonheit. Ein 
Wesen, das seine Innerlichkeit so zum Ausdruck bringt, daB sich seine 
Innerlichkeit in der auBeren Form auspragt, das erscheint uns als schon. 



Und ein Wesen, das seine eigene innere Gediegenheit nach auBen zum 
Ausdruck bringt, erscheint uns als gut. Aber diese beiden Begriffe 
gehoren fur die althebraische Geheimlehre zusammen in Tiphereth. - 
Also die Wesenheiten, die sich durch diese drei Eigenschaften kund- 
geben, waren es, zu denen man eine Beziehung erlangte beim Hin- 
untersteigen in den Atherleib. 

Dann kam das Hinabsteigen in den physischen Leib. In dem physi- 
schen Leibe wurde der Mensch sozusagen bekannt mit den altesten 
gotdich-geistigen Wesenheiten, die an ihm gearbeitet haben. Erinnern 
Sie sich, wie in den Berichten «Aus der Akasha-Chronik» und in der 
«Geheimwissenschaft im UmriB» dargestellt ist, wie die erste Anlage 
zum physischen Leibe auf dem alten Saturn zustande gekommen ist. 
Hohe, erhabene geistige Wesenheiten sind es, die Throne, die ihre 
eigene Willenssubstanz hingeopfert haben, damit die erste Anlage zum 
menschlichen physischen Leibe zustande kommen konnte. Hohe gei- 
stige Wesenheiten sind es, die in der weiteren Entwickelung durch 
Saturn, Sonne und Mond hindurch an dieser ersten Anlage mitwirken. 
Und bei den Vortragen in Munchen iiber das «Sechstagewerk» habe 
ich erwahnt, wie diese erhabenen geistigen Wesenheiten verbunden 
blieben mit dem Menschen durch die Saturn-, Sonnen- und Monden- 
zeit hindurch, immer weiter und hoher diese erste Anlage des physi- 
schen Menschenleibes organisierten, so daB der heutige Wunderbau 
des physischen Leibes zustande gekommen ist, den der Mensch heute 
mit den anderen drei Wesensgliedern, Atherleib, Astralleib und Ich, 
bewohnen kann. 

Wenn so der Mensch wirklich in sein Inneres hineinsteigen konnte, 
nahm er wahr, was in der althebraischen Geheimlehre so bezeichnet 
wurde, daB es Eigenschaften hat, die im Menschen nur vorgestellt 
werden konnen, wenn der Mensch an das denkt, was zum Beispiel das 
Hochste ist, das er in seiner Seele erreichen kann an Weisheit. Der 
Mensch blickt sozusagen zur Weisheit auf als zu einem Ideal. Er fuhlt 
sein Wesen gehoben, wenn er es zum Teil erfiillen kann mit Weisheit. 
Da wuBten diejenigen, die in den physischen Leib untertauchten, daB 
sie an Wesen herankamen, die in ihrer ganzen Substantialitat das waren, 
wovon der Mensch sich nur ein Kleines, ein Geringes aneignen kann, 



wenn er nach der Weisheit strebt, nach der Weisheit, die man nicht in 
dem gewohnlichen auBeren Wissen erlangt, sondern in demjenigen 
Wis sen, das in schweren Erlebnissen der Seele erreicht ist, und das 
man nicht wahr end einer Inkarnation, sondern durch viele Inkarnatio- 
nen, und auch da nur zum Teil, sich aneignet. Denn nur ein Sich- 
Umtun in alien Weisheitsmoglichkeiten konnte einen Vollbesitz der 
Weisheit geben. Wesenheiten, welche skh als Weisheitswesen kund- 
gaben, bei denen gewaltig hervortretende, lautere Weisheit die beson- 
ders sich kundgebende Eigenschaft war, sie nahm der Mensch wahr. 
Und die Eigenschaft solcher Weisheitswesenheiten bezeichnete man 
in der althebraischen Geheimlehre als Chochmah, was man heute 
nicht ganz unzutreffend mit Weisheit bezeichnet. 

Eine besondere Nuance dieser Weisheitseigenschaft ist wieder eine 
gewisse Vergroberung. Das ist das, was auch im Menschen eine Ver- 
groberung der Weisheit ist. Nur erlangt es der Mensch auch nur in 
einem gewissen geringen Grade in seiner Individuality. Hier aber, 
beim Hinuntersteigen in den physischen Leib, findet der Mensch wie- 
der Wesenheiten, welche diese Eigenschaft, die gegeniiber der Weis- 
heit eine vergroberte Eigenschaft ist und in der althebraischen Ge- 
heimlehre mit Binah bezeichnet wurde, sogar in ganz hervortretendem 
MaBe haben, so daB sie als Wesenheiten erscheinen, die ganz und gar 
leuchten durch diese Eigenschaft. Das ist das, was man beim Menschen 
hervorbringen kann, wenn man ihn an seinen Verstand erinnert. Ver- 
stand erringt ja der Mensch wirklich nur bis zu einem gewissen ge- 
ringen Grade. Aber an Wesenheiten, die ganz durchdrungen sind von 
dem, was der Verstand erringt, daran miissen wir denken, wenn das 
in Betracht kommt, was mit Binah gemeint ist. Das ist aber eine ver- 
groberte Nuance von Chochmah. Daher sagt die althebraische Ge- 
heimlehre, wenn sie von der eigentlichen, schopferisch produktiven 
Weisheit sprach, die in sich selber hervorbringt die Geheimnisse der 
Welt, wenn sie Chochmah meint, daB sie zu vergleichen ware mit 
einem Wasserstrahl, wahrend Binah zu vergleichen sei mit einem Meer. 
Dadurch sollte die Vergroberung ausgedriickt werden. 

Und das Hochste, zu dem man sich aufschwingen konnte, wenn 
man hinunterstieg in den physischen Leib, wurde als Kether bezeich- 



net. Man kann kaum einen Ausdruck finden, um dieses Wort wieder- 
zugeben. Man kann nur symbolisch hinweisen auf jene Eigenschaft, 
die sich wie eine Ahnung an die Eigenschaften hoher, erhabener, 
geistig-gottHcher Wesenheiten kundgibt. Man bezeichnet daher diese 
Eigenschaft auch durch ein Symbol, durch das der Mensch iiber sich 
selbst erhoht wird und mehr bedeutet, als er eigentlich bedeuten kann, 
um die Hohe dieser Eigenschaft auszudriicken: mit Krone. Uber- 
setzen wir es daher in dieser Weise. 

Binah Chochmah Kether 

Geburah Tiphereth Gedulah 
Nezach Jesod Hod 
Malchuth, das Reich, Ich 

So hatten wir damit eine Staffel der Eigenschaften jener Wesenhei- 
ten aufgefuhrt, in deren Region der Mensch hinaufwachst, wenn er 
hinuntersteigt in sein eigenes Inneres. Es ist ein Hinaufwachsen. Und 
eine Essaereinweihung konnen Sie sich so vorstellen, daB der Mensch 
ganz neue Erfahrungen machte, ganz neue Erlebnisse hatte, daB er 
bekannt wurde mit dem, was real als solche Eigenschaften bezeich- 
net ist. 

Was aber muBte man von einem Essaereingeweihten und von der 
Art der Essaereinweihung ganz besonders sagen im Gegensatz zu der 
Einweihung bei den umliegenden Volkerschaften ? Was kam da be- 
sonders in Betracht? 

Alle alten Einweihungen waren darauf berechnet, daB gerade das 
unterdriickt werden muBte, was der Mensch als sein Ich-Gefuhl hat 
beim Oberschauen von Malchuth, dem Reich. Das muBte ausgeloscht 
werden. Daher kann man sagen : So Mensch sein, wie man auBen in der 
physischen Welt Mensch ist, konnte man nicht in der Initiation. Man 
wurde zwar in die geistige Welt hinaufgefuhrt, aber man konnte nicht 
so Mensch sein wie auBen im Reiche. Es muBte also gerade fur die 
alten Einweihungen ein dicker Strich gemacht werden zwischen dem, 
was der Initiierte erlebt, und der Art, wie er sich in seinem Ich fuhlte. 

Und wollte man in einen Satz kleiden, was fur die alte Einweihung 
vertreten wurde in den alten Geheimschulen, wie es gegeniiber der 



Offentlichkeit gelten konnte, so miiBte man sagen : Es darf keiner glau- 
ben, daB er dasselbe Ich-Gefuhl behalten darf, welches er im Reich, 
in Malchuth hat, wenn er ein Eingeweihter werden will. Er erlebt un- 
geheuer groBartig, indem er hinaufwachst, die drei mal drei Eigen- 
schaften in ihrer Wahrheit; aber er muB sich dessen entauBern, was 
sein Ich-Gefuhl ist, was erlebt wird in der auBeren Welt. Was erlebt 
wird als Nezach, Jesod, Hod und so weiter, das kann nicht hinunter- 
getragen werden in das Reich, das kann nicht verbunden bleiben mit 
dem gewohnlichen Ich-Gefuhl des Menschen. - Das war allgemeine 
Gesinnung. Und man hatte den fur einen Toren, fur einen Irrsinnigen 
und Liigner ansehen mussen, der dieser Behauptung in den alten Zei- 
ten widersprochen hatte. 

Es waren aber die Essaer, welche zuerst lehrten: Es wird kommen 
die Zeit, wo alles, was da oben ist, herabgetragen werden kann, so daB 
es der Mensch erleben kann trotz der Aufrechterhaltung des Ich-Ge- 
fuhles. Das ist das, was die Griechen dann genannt haben paaiAela 
x(m ovqavwv. Das war zuerst Lehre der Essaer, daB einer kommen 
werde, der dasjenige, was da oben, was in den «Reichen der Himmel» 
ist, heruntertragen werde fur das Ich, das in Malchuth, im Reiche lebt. 
Und das war es auch, was zuerst mit gewaltigen Worten seinen Essaern 
und einigen seiner Umwelt gelehrt hat jener Jeshu ben Pandira. Wenn 
wir seine Lehre mit ein paar markanten Worten zusammenfassen woll- 
ten, wie sie durch seinen Schiiler Mathai fur die nachste Zeit weiter- 
getragen worden ist, so konnte es etwa in folgender Weise geschehen. 

Jeshu ben Pandira sagte zuerst aus seiner Inspiration heraus, die 
ihm herkam von dem Nachfolger des Gautama Buddha, von dem Bo- 
dhisattva, der einst der Maitreya Buddha werden wird : Bisher war es 
so, daB nicht hinuntergetragen werden konnten die Reiche der Himmel 
in das Reich Malchuth, dem das Ich angehort. Aber wenn erfullt sein 
wird die Zeit, wo die drei mal vierzehn Generationen abgelaufen sein 
werden, dann wird herausgeboren werden aus dem Stamme Abra- 
hams, aus dem Stamme Davids, den wir erleben wollen als den Stamm 
Jesse - Jessaer oder Essaer -, einer, der hinuntertragen wird die neun 
Eigenschaften der Reiche der Himmel in das Reich, in dem das Ich an- 
wesend ist. - Und was so gelehrt worden ist, hat herbeigefuhrt, daB 



man den Jeshu ben Pandira als Gotteslasterer gesteinigt hat, weil eine 
solche Lehre als die argste Listening der Einweihung gait bei denen, 
die nicht auf kommen lassen wollten und nicht einsehen wollten, daB 
etwas, was einmal fur eine Periode richtig ist, nicht mehr fur eine andere 
richtig zu sein braucht, weil die Menschheit vorwartsschreitet. 

Dann kam die Zeit, wo erfiillt wurde, was vorher gesagt worden ist, 
wo wirklich die drei mal vierzehn Generationen voll waren, wo wirk- 
lich herausentstehen konnte aus dem Blut des Volkes jene Leiblichkeit, 
in die sich Zarathustra inkarnieren konnte, damit er sie, nachdem er sie 
noch ausgebildet hatte mit den Werkzeugen, die im Leibe des natha- 
nischen Jesusknaben waren, hinopfern konnte dem Christus. Da war 
die Zeit gekommen, von welcher der Vorlaufer des Christus sagen 
konnte, jetzt komme die Zeit, wo die «Reiche der Himmel» heran- 
kommen werden an das Ich, das im auBeren Reiche, in Malchuth lebt. 

Und jetzt werden wir begreifen, was der Christus, nachdem er die 
Versuchung durchgemacht hatte, sich zunachst als Aufgabe zu stellen 
hatte. Er hatte die Versuchung durchgemacht durch die Kraft des eige- 
nen Innenwesens, durch das, was wir heute beim Menschen sein Ich 
nennen. Er hatte erreicht, daB er alle Anfechtungen und Versuchungen 
iiberwunden hatte, die dem Menschen entgegenkommen, wenn er hin- 
untersteigt in den astralischen Leib, Atherleib und physischen Leib. 
Das ist auch deutlich dargestellt. Alle Egoismen sind dargestellt, und 
zwar so, daB wir uberall auf den hochsten Grad bei ihnen aufmerksam 
gemacht werden. 

Was dem Menschen, der eine esoterische Entwickelung anstrebt, 
als ein schweres Hindernis entgegentritt, das ist, daB - wie es ganz na- 
turlich ist beim Hinuntertauchen in das eigene Innere - in seiner Wesen- 
heit die Unart auftaucht, sich nur immer so recht mit seiner eigenen 
lieben Persdnlichkeit zu beschaftigen. In der Tat trifft man das niemals 
haufiger als gerade bei denen, die in die geistige Welt hineinsteigen 
wollen, daB sie am allerliebsten von ihrer eigenen lieben Personlich- 
keit reden, die ihnen das Allerliebste ist, worauf sie fortwahrend, in 
jeder Stunde und Minute achtgeben und alles minuzios beobachten. 
Wahrend sonst die Menschen resolut darauflosleben, beginnen sie, 
wenn sie anfangen, nicht nur eine Entwickelung anzustreben, sondern 



wenn sie auch nur Anthroposophen werden, ungeheuer stark sich mit 
ihrem eigenen Ich zu beschaftigen ; dann tauchen iiberall Illusionen auf, 
iiber welche die Resolutheit des Lebens die Menschen vorher leicht 
hinweggefiihrt hat. 

Warum geschieht das ? Weil der Mensch nicht so recht etwas mit sich 
anzufangen weiB, wenn alles, was da aus seinem eigenen Inneren auf- 
steigt, sich mit seinem Wesen verbindet. Er weiB damit nichts an- 
zufangen, wird recht unerfahren iiber sich selbst. Friiher war er auf- 
merksam und lieB sich leicht anziehen durch das AuBere. Jetzt wird er 
mehr abgelenkt, mehr in sein Inneres gelenkt, und jetzt steigt auf aller- 
lei an Gefiihlen, die in ihm selbst saBen. Warum taucht das auf? Was 
er jetzt mochte, das ist, so recht «Ich» sein, so recht unabhangig sein 
von der AuBenwelt. Allerdings verfallt er dann oft in den Fehler, daB 
er im Anfang am liebsten oft wie ein Kind behandelt sein mochte, dem 
man alles klar sagt, was es tun soil. Er mochte alles sein - nur nicht ein 
Mensch, der sich selbst Richtung und Ziel gibt aus dem, was er aus 
dem esoterischen Leben bekommt. Das ist er noch nicht gewohnt zu 
bedenken. Aber er hat das Gefuhl, daB ihn store die Abhangigkeit von 
der AuBenwelt. Und am hochsten treten die Storungen gerade auf, 
wenn man so recht unabhangig sein will, wenn man auf seine Egoitat 
so recht achtgeben muB. Aber wenn man der Egoitat so recht nach- 
gehen will, dann ist es hochst trivial, daB man dann von der Umwelt 
leiblich durch eines nicht loskommen kann, namlich durch den Um- 
stand, daB die Menschen essen miissen ! Das ist zwar hochst trivial, aber 
es ist doch fur viele ein fataler Umstand. Man kann daran lernen, wie 
wenig wir sind ohne unsere Umwelt. Und es ist ein sehr berechtigtes 
Beispiel dafiir, daB wir abhangig sind von unserer Umwelt, ohne die 
wir nicht leben konnen, und so recht sind wie der Finger an der Hand : 
wenn wir ihn abschneiden, da verdorrt er auch. Also eine ganz triviale 
Anschauung kann uns zeigen, wie wir abhangig sind von der Umwelt. 

Wenn diese Egoitat aufs hochste gespannt wird, kann sie sich um- 
wandeln in den Wunsch: Wenn ich doch nur unabhangig werden 
konnte von der Umwelt und fahig wiirde, dasjenige, was mich so sehr 
meine Abhangigkeit von der Umwelt fuhlen laBt, was ich als gewohn- 
Hcher Mensch im physischen Leben notig habe, mir selber herzuzau- 



bern! Das ist tatsachlich ein Wunsch, der bei denen auftreten kann, 
welche die Einweihung suchen. Geradezu ein HaB kann auftreten, daB 
man abhangig ist von der Umgebung und sich nicht zaubern kann die 
Nahrungsmittel, daB man nicht einfach schafTen kann, daB sie da sind. 
Es sieht so sonderbar aus, wenn man es sagt, weil paradox gerade die- 
jenigen Wiinsche beim Menschen ausschauen, die im kleinen wirklich 
bald auftreten, wenn er eine Entwickehing sucht, die aber so absurd 
sind, wenn man sie im Extrem darstellt. Der Mensch weiB gar nicht, 
daB er sie im kleinen hat. So stark hat sie freilich kein Mensch - weil 
er zu sehr an auBeren Gewohnheiten hangt -, daB er sich der Illusion 
hingibt zu sagen, er konnte sich Lebensmittel durch Zauberei schaffen, 
er konnte leben durch etwas, was nicht aus dem auBeren Reiche, aus 
Malchuth genommen ist. Aber ins Extrem getrieben, wiirde es so sein, 
daB der Mensch glauben konnte : Wenn ich es nur einmal so weit ge- 
bracht hatte, in meinem astralischen Leibe und Ich so recht zu leben, 
daB ich auf meinen eigenen Wiinschen stiinde, dann brauchte ich die 
ganze Umwelt nicht mehr ! 

Diese Versuchung tritt auf. Und bei demjenigen, der sie am hoch- 
sten durchzumachen hatte, wird sie so charakterisiert, daB der Ver- 
sucher, der dem Christus Jesus entgegentritt, ihm sagt, er solle die 
Steine zu Brot machen. Da haben Sie den hochsten Grad der Ver- 
suchung. Es ist in der Tat das Hinuntersteigen in das eigene Innere in 
der Versuchungsgeschichte in wunderbarer Weise im Matthaus-Evan- 
gelium geschildert (Matth. 4, 1-11). 

Nun, der zweite Grad tritt auf, nachdem man in seinen astralischen 
Leib schon eingetaucht ist und sich wirklich gegeniibergestellt sieht all 
diesen Emotionen und Leidenschaften, die einen so recht zu einem 
paradoxen Egoisten machen konnten. Wenn man sich dem gegeniiber- 
gestellt fiihlt, so mochte man doch - ohne daB man es iiberwindet, ohne 
daB man sich dagegen feit - sich hinuntersturzen in den Atherleib und 
physischen Leib. Das ist in der Tat eine Situation, die als ein Hinunter- 
sturzen in den Abgrund geschildert werden kann. So ist sie auch im 
Matthaus-Evangelium geschildert: wie ein Hinuntersturzen in das, 
woran man bis jetzt nicht viel hat verderben konnen, in den Atherleib 
und physischen Leib. Aber man sollte es nicht vor dem tJberwinden 



der Leidenschaften und Emotionen haben. Die Christus-Wesenheit 
weiB das, und sie entgegnet dem Versucher, indem sie das sich Ent- 
gegenstellende durch die eigene Kraft uberwindet: «Du sollst die 
Wesenheit, der du dich iibergeben sollst, nicht selbst versuchen!» 
(Matth. 4, 7). 

Und die dritte Stufe beim Hinuntersteigen in den physischen Leib ist 
folgende. Wenn dieses Hinuntersteigen auftritt als Versuchung, dann 
charakterisiert es sich in besonderer Weise. Es ist ein Erlebnis, das in 
der Tat der Mensch haben kann bei der Einweihung, ein Erlebnis, das 
jeder haben muB, wenn er die Stufe erreicht beim Hinuntersteigen in 
den physischen Leib und Atherleib, daB er sich sozusagen von innen 
sieht. Da sieht er alles, was in den drei hochsten Eigenschaften ist. Das 
ist ihm wie eine Welt. Aber zunachst ist es eine Welt, die nur in seiner 
eigenen Illusion ist, eine Welt, die er nicht als innere Wahrheit sehen 
kann, wenn er nicht die Hiille des physischen Leibes durchdringt und 
zu den geistigen Wesenheiten selber aufsteigt, die nicht mehr selbst im 
physischen Leibe sind, sondern die nur in ihm arbeiten. Wenn wir 
nicht loskommen von der Egoitat, dann ist es noch immer der Ver- 
sucher der physischen Welt, Luzifer oder Diabolus, der uns iiber uns 
selbst tauschen will. Dann verspricht er uns alles, was uns entgegen- 
tritt, was aber nichts anderes ist als das Geschopf unserer eigenen 
Maja, unserer eigenen Illusion. Wenn uns dieser Geist der Egoitat 
nicht entlaBt, dann sehen wir eine ganze Welt, aber eine Welt der Tau- 
schung und Luge ; und er verspricht uns diese Welt. Aber wir durfen 
nicht glauben, daB es eine Welt der Wahrheit ist. Wir kommen zu- 
nachst in diese Welt; aber wir bleiben in Maja, wenn wir nicht wieder 
von dieser Welt loskommen. 

Diese drei Stufen der Versuchung lebt wie in einem Modell, wie in 
einem Muster, die Christus-Wesenheit der Menschheit vor. Und indem 
es einmal erlebt wird auBerhalb der alten Mysterienstatten, erlebt wird 
durch die Kraft einer Wesenheit, die in den drei menschlichen Leibern 
selber lebt, wird der Impuls gegeben, damit die Menschheit in der Zu- 
kunft selber im Fortlauf der Entwickelung so etwas erreichen kann: 
daB der Mensch mit dem Ich, mit dem er in Malchuth, in dem Reiche 
sein kann, auch in die geistige Welt hinaufsteigen kann. Das sollte er- 



reicht werden, daB das, was die zwei Welten trennt, nicht mehr besteht, 
und daB der Mensch mit dem Ich, das in Malchuth lebt, in die geistigen 
Welten hinaufsteigen kann. Das war fur die Menschheit erreicht durch 
die Uberwindung der Versuchung, wie sie im Matthaus-Evangelium 
geschildert wird. Das war erreicht, daB nun in einer Wesenheit, die 
auf der Erde lebte, das Musterbild da war von dem Hinauftragen des 
Ich fur das Reich in die hoheren Reiche und hoheren Welten. 

Was muBte also die Errungenschaft dessen sein, was die Christus- 
Wesenheit sozusagen vorgelebt hat in einer auBeren historischen Form, 
was sich sonst nur hinter dem Schleier der Mysterien abgespielt hat? 
Das muBte sein die Predigt von dem Reiche. Und wenn das Matthaus- 
Evangelium sachgemaB zunachst die Versuchung schildert, wird es 
nach der Versuchung schildern die Phase von dem Hinauftragen des 
Ich, das in sich selbst die geistige Welt erleben kann und nicht erst 
dazu aus sich herauszuschreiten braucht. Das Geheimnis von diesem 
Ich, das nach dem Muster, wie man lebt im auBeren Reich, hinaufsteigt 
in die geistige Welt, dieses Geheimnis sollte nun in der auBeren Welt 
durch die Christus- Wesenheit in denjenigen Zeiten enthullt werden, die 
uns charakterisiert werden, nachdem uns die Versuchungsgeschichte 
im Matthaus-Evangelium gezeigt worden ist. Da setzen jene Kapitel 
ein, die mit der Bergpredigt beginnen und damit die Darstellung des- 
sen, was der Christus gab als die Anschauung von dem Reich, von 
Malchuth (Matth. 5-7). 

So tief ist dasjenige, was Sie im Matthaus-Evangelium suchen miis- 
sen. Sie mussen tatsachlich die Quellen und Elemente fur das Matthaus- 
Evangelium suchen in der Geheimlehre nicht nur der Essaer, son- 
dern uberhaupt in der ganzen althebraischen und griechischen Welt. 
Dann bekommen wir auch fur eine solche Urkunde jene heilige Ehr- 
furcht, jenen heiligen Respekt, von dem schon in Miinchen gespro- 
chen worden ist, daB man sie bekommt, wenn man, ausgeriistet mit 
den Forschungsergebnissen der Geisteswissenschaft, herantritt an 
diese Urkunden, welche die Seher uns gegeben haben. Wenn wir 
horen, daB so etwas gesagt wird von den alten Sehern, dann fiihlen 
wir, wie sie heriibersprechen zu uns aus den alten Zeiten. Und es ist wie 
ein Heriiberdringen einer Geistessprache, welche die groBen Indivi- 



dualitaten durch die Jahrhunderte miteinander fuhren, so daB die Men- 
schen zuhoren konnen, die zuhoren wollen. Allerdings nur jene Men- 
schen, welche das - auch evangelische - Wort verstehen : «Wer Ohren 
hat zu horen, der hore ! » (Matth. 11, 15). Aber wie einst vieles dazu ge- 
hort hat, daB die physischen Ohren in uns entstanden sind, so gehort 
manches dazu, daB die geistigen Ohren entstehen, durch die wir ver- 
stehen, was in jenen groBen, gewaltigen geistigen Urkunden gesagt 
wird. 

Dazu soil ja unsere neuere Geisteswissenschaft da sein, daB wir wie- 
der lesen lemen die geistigen Urkunden. Und erst wenn wir so aus- 
geriistet sind mit dem Versrandnis fur das Ich, fur das Wesen des Ich 
im Reiche, dann werden wir verstehen konnen jenes Kapitel, das im 
Matthaus-Evangelium beginnt mit den Worten : « Selig sind die, die da 
Bettler sind um Geist; denn sie werden durch skh selbst, durch ihr 
eigenes Ich, finden die Reiche der Himmel!» (Matth. 5, 3). Ein alter 
Eingeweihter hatte gesagt: Vergeblich hattet ihr im eigenen Ich ge- 
sucht die Reiche der Himmel ! - Der Christus Jesus aber sagte : Die Zeit 
ist gekommen, daB die Menschen im eigenen Ich den Geist finden 
werden, wenn sie suchen werden die Reiche der Himmel ! 

Die Herausfuhrung tiefer Mysteriengeheimnisse in die auBere Welt, 
das ist das historische Christus-Ereignis. Und in diesem Sinne werden 
wir das historische Christus-Ereignis noch naher zu betrachten haben. 
Sie werden dann sehen, wie die Worte zu deuten sind, die in der Berg- 
predigt mit « Selig sind ...» beginnen. 



NEUNTER VORTRAG 
Bern, 9. September 1910 



Aus alledem, was wir in den Vortragen dieses Zyklus bereits gehort 
haben, hat sich uns herausgestellt, daB das Wesentliche des Christus- 
Ereignisses in folgendem bestejit. Jene menschliche Entwickelung, 
welche wir bezeichnet haben als das Hinauf leben der Seele zu den Rei- 
chen des Geistes, die in vorchristlichen Zeiten nur innerhalb der Myste- 
rien erreicht werden konnte, und zwar nur dadurch, daB das Ich in einer 
gewissen Weise, soweit es entwickelt war im normalen Menschen- 
bewuBtsein, herabgestimmt wurde, jene menschliche Entwickelung 
sollte einen solchen Impuls erhalten, daB sie - was ja allerdings noch der 
Zukunft der Menschen zum groBten Tell angehort - fur den Menschen 
so erreicht werden kann, daB er beim Eintritt in diese geistige Welt voll 
erhalten kann dasjenige Ich-BewuBtsein, welches ihm fiir unsere Zei- 
ten normalerweise nur fiir den auBeren physisch-sinnlichen Plan zu- 
kommt. Dieser Fortschritt in der Menschheitsevolution, der so durch 
das Christus-Ereignis gegeben war, ist zugleich der groBte Fortschritt, 
der in der Erdenentwickelung und Menschheitsevolution jemals hat ge- 
macht werden konnen und jemals wird gemacht werden konnen. Das 
heiBt, alles, was in bezug auf/eine solche Tatsache noch kommen soil 
in der Erdenentwickelung, ist eine Ausgestaltung, eine Ausfiihrung des 
groBen Impulses, der mit dem Christus-Ereignis gegeben worden ist. 

Nun fragen wir uns einmal : Was muBte denn eigentlich da eintreten? 
Es muBte in einer gewissen Weise das sich wiederholen, im einzelnen 
sich wiederholen, was zu den Geheimnissen der alten Mysterien ge- 
horte. Zu den Geheimnissen der alten Mysterien hat es ja zum Beispiel 
gehort, wie es auch heute noch in einer gewissen Weise zu denselben 
gehort, daB der Mensch beim Hineinsteigen in den eigenen physischen 
Leib und Atherleib im Astralleibe jene Versuchungen erlebt, von denen 
wir gestern gesprochenhaben.Und in den griechischenMysterien muBte 
der Mensch wieder erleben alle die Schwierigkeiten und Gefahren, die 
an uns herantreten, wenn wir uns ergieBen, uns ausbreiten in den Ma- 
krokosmos. Auch das haben wir genauer beschrieben. Diese Ereig- 



nisse, die der Mensch da nach der einen oder der anderen Richtung der 
Einweihung erlebt, wurden mustergultig als einmaliger Impuls einer 
groBen, iiberragenden Individuality von dem Christus Jesus erlebt, 
auf daB der AnstoB gegeben sei, daB nach und nach in der kunftigen 
Evolution die Menschen eine solche Entwickelung, ausgehend von 
der Initiation, durchmachen konnen. Betrachten wir also zuerst ein- 
mal, was sich vollzogen hatte in den Mysterien. 

Schildern wir es, so werden wir sagen : Zwar wurde alles, was von 
der menschlichen Seele vollzogen wurde, so vollzogen, daB das Ich 
abgedampft, mehr in eine Art halb traumhaften Zustandes versetzt 
war, aber es machte das Innere, das Seelenhafte des Menschen gewisse 
Tatsachen durch, die in folgender Weise geschildert werden konnen. 
Es machte der Mensch das durch, daB der Egoismus erwacht; er will 
unabhangig sein von der AuBenwelt. Aber - wie wir es gestern zeig- 
ten - weil jeder Mensch abhangig ist von der AuBenwelt, da er sich 
nicht die Nahrungsmittel zaubern kann, und weil er abhangig ist von 
dem, was sich durch seine physische Korperlichkeit ergibt, so ist er 
der Illusion ausgesetzt, daB er das, was sich bloB aus der physischen 
Korperlichkeit ergibt, fur die Welt und ihre innere Herrlichkeit halt. 
Das machte jeder Schiiler, jeder zu Initiierende in den Mysterien durch, 
nur eben in einem anderen Zustande, als es der Christus Jesus durch- 
machte auf einer hochsten Stufe. Beschreibt also jemand, was da durch- 
gemacht werden kann, einzig und allein den Tatsachen entsprechend 
fur den Schiiler der alten Mysterien, beschreibt er es bei dem Leben 
des Christus Jesus, so ist die Beschreibung der Tatsachen in einer ge- 
wissen Weise ahnlich. Denn das ist ja geschehen, daB das, was sich im 
Dunkel der Mysterien abgespielt hat, herausgetreten ist auf den Plan 
der Weltgeschichte und einmaliges historisches Ereignis geworden ist. 

Nehmen wir nun einmal folgenden Fall an - was ja immer geschehen 
ist im Altertum, namentlich in den letzten Jahrhunderten vor dem 
Erscheinen des Christus -: Irgendein Maler oder Schriftsteller habe 
Kunde erhalten, diese oder jene Prozeduren werden vorgenommen, 
wenn jemand eingeweiht werden soli, und er habe das gemalt oder 
habe es beschrieben. So wird ein solches Gemalde, eine solche Be- 
schreibung ahnlich sein konnen demjenigen, was uns die Evangelien 



schildern von dem Christus-Ereignis. So konnen wir uns vorstellen, 
wie in manchen alten Mysterien der Einzuweihende, nachdem er ge- 
wisse Vorbereitungen durchgemacht hatte, dann, um frei zu werden 
in seinem Seelischen, mit seinem Leiblichen an eine Art Kreuz gebun- 
den worden ist mit ausgebreiteten Handen. In diesem Zustande blieb 
er eine Zeit, um das Seelische herauszuheben, damit er das durch- 
machen konnte, was wir dargestellt haben. Das alles also sei gemalt oder 
schriftstellerisch geschildert worden. Dann konnte das heute jemand 
finden und sagen : Es ist von diesem Schriftsteller aus einer alten Uber- 
lieferung hingeschrieben, beziehungsweise von einem Maler gemalt 
worden, was in den Mysterien durchgemacht wurde. Und er kann dann 
sagen, in den Evangelien finde sich nur wiederum aufgezeichnet, mit- 
geteilt, was schon friiher vorhanden war! 

Das kann man in zahlreichen Fallen finden. In welchem groBen Um- 
fange das gilt, habe ich umfassend gezeigt in meinem Buche «Das 
Christentum als mystische Tatsache», in dem ich geschildert habe, wie 
alles, was Geheimnis der alten Mysterien ist, wieder auflebt in den 
Evangelien, wie die Evangelien im Grunde nichts anderes sind als 
Wiederholungen der alten Beschreibungen der Einweihung in den 
Mysterien. Und warum konnte man denn einfach den alten Mysterien- 
vorgang beschreiben, indem man mitteilte, was mit dem Christus Jesus 
vorging? Man konnte es, weil man eben alles, was in den alten My- 
sterien vorging, was als ein innerer Seelenvorgang vorging, als eine 
historischeTatsache sich abspielen sah, weil das Christus Jesus-Ereignis, 
erhoht zur Ich-Wesenheit, dasjenige wiedergab, was symbolische oder 
auch realsymbolische Handlungen der alten Initiation waren. Diese 
Tatsache miissen wir uns gegenwartig halten. Gerade der, der fest auf 
dem Boden steht, daB das Christus-Ereignis ein historisches ist, daB 
sich als historische Tatsache abgespielt hat, was friiher Mysterienvor- 
gange waren, nur fur andere menschliche Zustande, der mag verzeich- 
nen die Gleichheit der Christus-Biographie in den Evangelien mit den 
Vorgangen in den Mysterien. 

Man konnte, um ganz genau zu schildern, es auch so sagen: Da 
nahmen wahr, die berufen waren es wahrzunehmen, das Christus- 
Ereignis in Palastina, nahmen wahr das Erfiillen der Essaerweis- 



sagung, die Johannes-Taufe im Jordan, die Versuchung, dann, was 
darauf folgt, das Gekreuzigtwerden und so weiter. Da konnten sie skh 
sagen : Nun haben wir ein Leben vor uns, ein Leben einer Wesenheit in 
einem Menschenleibe. Wenn wir dieses Leben uberschauen in seinen 
allerwichtigsten, wesentlichsten Punkten, auf die es ankommt, was 
sind dann diese Punkte? Merkwiirdig, wir finden da gewisse Punkte, 
die sich vollziehen im auBeren historischen Leben, und dieselben 
Punkte sind es, die sich abspielen in den Mysterien bei dem, der die 
Einweihung sucht. Wir brauchten also nur den Kanon eines Myste- 
riums zu nehmen und hatten in diesem Kanon das Vorbild eines Vor- 
ganges, den wir hier als historische Tatsache beschreiben diirfen ! 

Das ist ja gerade das groBe Geheimnis, daB dasjenige, was im Tem- 
peldunkel friiher begraben war, sich dort abspielte und dann nur in 
seinen Resultaten hinausgetragen wurde in die Welt, fur diejenigen, 
welche der geistigen Anschauung teilhaftig waren, sich abspielte auf 
dem groBen Plan der Weltgeschichte mit dem Christus-Ereignis. Aller- 
dings muB man sich dabei klar sein, daB man in der Zeit, als die Evange- 
listen schrieben, keine solchen Biographien verfaBte, wie es heute 
vorkommt, wenn man eine Biographie iiber Goethe, Schiller oder 
Lessing schreibt, wo man in alle Winkel hineinkriecht, jeden kleinen 
Zettel zusammentragt, um dann das als das Wichtigste zu einer Bio- 
graphie zusammenzufassen, was wirklich das Unwesentlichste ist. 
Wahrend man iiber dieser Zettelkasten-Sammlung nicht dazu kommt, 
die wesentlichsten Punkte ins Auge zu fassen, auf die es ankommt, be- 
gniigten sich die Evangelisten damit, das Wesentliche im Leben des 
Christus Jesus zu beschreiben. Und dies Wesentliche ist, daB das 
Christus-Leben im groBen Plan der Weltgeschichte eine Wiederholung 
der Einweihung war. Diirfen wir uns wundern, daB die Tatsache so ist, 
daB in unserer Zeit etwas eintreten konnte, was ungeheuer viele Men- 
schen wirklich verblufft? Und dieses, was die Menschen da verblufft, 
wird sich uns noch krasser ergeben, wenn wir auf folgendes aufmerk- 
sam machen. 

Wir haben Mythen und Sagen aus alten Zeiten. Was sind sie? Wer 
Mythen und Sagen kennt, wer weiB, was sie sind, wird in vielen von 
ihnen die Wiedererzahlung von Vorgangen finden, die das alte hell- 



seherische BewuBtsein in den geistigen Welten gesehen hat, gekleidetin 
sinnliche Vorgange; oder er wird andere Mythen und Sagen kennen- 
lernen, die im wesentlichen nichts anderes sind als die Wiedergaben 
der Mysterienvorgange. So ist zum Beispiel der Prometheus-Mythus 
zu einem Teil Wiedergabe von Handlungen in den Mysterien, und so 
viele andere Mythen auch. So zum Beispiel finden wir wiederholt jene 
Darstellung, wo uns Zeus erscheint, neben ihm eine niedere Gottheit, 
die - wie man es im griechischen Sinne durchaus ausdriicken konnte - 
dazu bestimmt ist, Zeus zu versuchen. «Pan, den Zeus versuchend.» 
Auf einer Anhohe Zeus, Pan neben ihm und Zeus versuchend, das fin- 
den Sie in der verschiedensten Weise dargestellt. Wozu wurden solche 
Darstellungen gegeben? Weil sie ausdriicken sollten den Vorgang des 
Hinuntersteigens des Menschen in das Innere, da, wo er antrifTt seine 
eigene niedere Natur, die egoistische Pan-Natur, wenn er in den phy- 
sischen Leib und Atherleib hinuntersteigt. - Und so ist die ganze alte 
Welt voll vonDarstellungen solcher Vorgange, die sich abspielten, wenn 
die Einzuweihenden den Weg in die geistige Welt durchmachten, und 
die in den Mythen und Symbolen kiinstlerisch wiedergegeben werden. 

Heute finden sich - und das ist es, was viele Leute verblufft, die die 
Tatsachen nicht kennenlernen konnen oder nicht wollen heute fin- 
den sich viele leichtfertige Menschen, welche die groBartige Entdek- 
kung machen, daB so etwas vorhanden ist wie ein Bild: «Pan neben 
dem Zeus auf einem Berge, den Zeus versuchend », und da sagen sie 
dann: Daran sehen wir ja klar - die Szene der Versuchung Christi ist 
also schon dagewesen. Die Evangelisten haben also nichts anderes ge- 
tan, als eine alte bildliche Darstellung aufgegriffen, und die Evangelien 
sind kombiniert aus diesen alten Darstellungen ! - Wenn sie aber dar- 
aus kombiniert sind, dann schlieBen solche Leute daraus, daB sie iiber- 
haupt nichts Besonderes erzahlen, sondern nur zusammengestellt sind 
aus den Mythen, um von einem erdichteten Christus Jesus zu sprechen. 
Und eine groBe Bewegung hat es in Deutschland gegeben, wo man in 
leichtfertiger Weise iiber das Thema sprach, ob der Christus Jesus je 
gelebt habe. Und immer wieder werden mit einer geradezu grotesken 
Sach-Unkenntnis - aber mit tiefer Gelehrsamkeit - all die verschiede- 
nen Sagen und Mythen aufgezahlt, welche zeigen sollen, daB da oder 



dort die Szenen schon da waren, die uns in den Evangelien wieder 
entgegentreten. Nichts niitzt es in unserer Zeit, den Menschen irgend 
etwas von dem wahren Sachverhalt beizubringen, obwohl dieser cha- 
rakterisierte Tatbestand durchaus denen, die diese Dinge kennen, be- 
kannt ist. So aber entwickeln sich geistige Bewegungen in unserer 
Zeit. Sie entwickeln sich wahrhaftig in grotesker Weise I 

Ich wiirde hier wirklich nicht episodenhaft davon sprechen, wenn 
man nicht doch immer wieder in die Lage kame, Stellung nehmen zu 
miissen gegen Einwendungen, welche von da oder dort her scheinbar 
aus einer recht tiefen Gelehrsamkeit hervorgebracht werden gegen die 
Aufstellnngen und Tatsachen, welche von der Geisteswissenschaft ge- 
geben werden. 

Was ich hier dargestellt habe, ist der wahre Sachverhalt. Und es miis- 
sen uns die Darstellungen, die aus den Mysterien kommen, wieder- 
begegnen in den Evangelien, da sie das Geheimnis der Einweihung 
anwenden auf eine ganz andere Individuality und gerade zeigen wol- 
len: Was skh fruher in den Mysterien vollzogen hat durch Herab- 
dampfung des BewuBtseins, das hat sich hier vollzogen als etwas Be- 
sonderes, weil ein Ich-Wesen ohne Herabdampfung des Ich-BewuBt- 
seins diese Prozeduren durchmachen sollte, die fruher in den Myste- 
rien durchgemacht wurden! - So darf man sich nicht verwundern, 
wenn gesagt wird : Es gibt kaum etwas in den Evangelien, was nicht 
vorher schon da war. Nur war es so da, daB man in bezug auf alles 
dieses Vorhergehende hatte sagen konnen : Ja, der Mensch muBte hin- 
aufsteigen in die Reiche der Himmel; es ist nicht so, daB zum Ich schon 
heruntergekommen ware, was man die Reiche der Himmel nennt. Das 
ist aber das wesentlich Neue, daB das, was fruher nur durch Abdamp- 
fung des Ich in anderen Regionen erlebt werden konnte, jetzt mit Auf- 
rechterhaltung des Ich in Malchuth, im Reiche, erlebt werden konnte. 

Deshalb wird der Christus Jesus, nachdem er erlebt hat, was uns im 
Matthaus-Evangelium als Versuchung geschildert wird, der Prediger 
von dem « Reich ». Was hatte er da im Grunde zu sagen? Er hatte zu 
sagen: Was fruher dadurch erreicht wurde, daB der Mensch sein Ich 
herabdampfte und sich mit anderen Wesenheiten erfullte, das wird 
jetzt mit Aufrechterhaltung dieses Ich erreicht werden! Also gerade 



das ist das Wesentliche, daB er betont: Was friiher in anderer Weise er- 
reicht wurde, das wird jetzt erreicht werden bei voller Aufrechterhal- 
tung des Ich. Daher durften nicht nur die Ereignisse, welche Ein- 
weihungsereignisse sind, im Christus-Leben wiederholt werden, son- 
dern auch in der «Predigt vom Reiche» wird es das Wesentliche sein, 
daB betont wird: Alles, was denjenigen versprochen worden ist, die 
friiher in die Mysterien kamen oder die Lehren der Mysterien annah- 
men, das kommt jetzt denen zu, die in sich erleben die Ich-Wesenheit 
und sie so erleben, wie es uns durch den Christus vorgelebt worden ist. 

Also es muB uns alles, selbst in bezug auf die Lehre, wiederkehren. 
Wir diirfen uns aber nicht verwundern, daB gerade der Unterschied 
auftritt gegeniiber den alten Lehren, daB betont wird: Was friiher 
nicht mit dem Ich erreicht werden konnte, das kann jetzt innerhalb des 
Ich erreicht werden! Nehmen wir an, Christus wollte die, welche er 
auf diese groBe Wahrheit hinweisen wollte, darauf aufmerksam ma- 
chen, daB friiher die Menschen nach dem, was an Lehren der Myste- 
rien zu ihnen herausgedrungen war, immer hinaufgeschaut haben zum 
Reiche der Himmel und gesagt haben : Von dort herunter - aber nicht 
Hneintauchend in unser Ich - kann kommen, was uns selig macht. 
Dann ware es notwendig gewesen, daB der Christus dasjenige, was 
friiher gesagt wurde liber den gottlichen Vaterquell des Daseins, bei- 
behalten hatte, denn der war ja erreichbar im Hinaufleben mit herab- 
gedampftem Ich, und nur die Nuancen, auf die es ankam, geandert 
hatte. So rmiBte er zum Beispiel gesprochen haben : Wenn man friiher 
gesagt hat, ihr miiBt hinaufschauen zu den Reichen, wo der gottliche 
Vaterquell des Daseins ist, und ihr miiBt warten, daB er aus den Rei- 
chen der Himmel herunterleuchtet, so wird man jetzt sagen konnen: 
Nicht nur leuchtet er zu euch herunter, sondern was da oben gewollt 
wird, das muB eindringen in die tiefste Ich-Natur des Menschen und 
dort auch gewollt werden. 

Nehmen wir an, alle die einzelnen Satze des Vaterunsers waren auch 
friiher dagewesen, und es hatte nur dieser einen Veranderung bedurft : 
Friiher schaute man auf zu dem alten gottlichen Vatergeist so, daB alles, 
was dort ist, erhalten bleibt und in euer irdisches Reich herunterschaut. 
Jetzt aber - hatte der Christus sagen miissen - muB dieses Reich her- 



unterkommen auf die Erde selber, wo das Ich ist; und der Wille, der 
oben geschieht, muB auch auf der Erde geschehen. - Was wird die 
Folge solcher Tatsache sein? Die Folge wird die sein, daB der Tiefer- 
blickende, der einen Sinn hat fur die feinen Nuancen, auf die es an- 
kommt, sich gar nicht verwundert, daB die Satze des Vaterunsers in 
alten Zeiten auch dagewesen sein konnten. Der Oberflachliche aber 
wird diese feinen Nuancen nicht bemerken ; denn darauf kommt es ihm 
nicht an. Auf den Sinn des Christentums kommt es ihm nicht an, denn 
den versteht er nicht! Und wenn er diese Satze in alten Zeiten finden 
wird, dann wird er daher sagen: Da habt ihr es, die Evangelisten 
schreiben vom Vaterunser. Aber das war ja fruher schon da ! - Da er 
die Nuancen, auf die es ankommt, nicht bemerkt, wird er sagen: 
Das Vaterunser war fruher schon da! - Aber jetzt bemerken Sie den 
gewaltigen Unterschied zwischen wahrer Schriftauffassung und ober- 
flachlicher Betrachtung. Darauf kommt es an, daB derjenige, der die 
neuen Nuancen merkt, sie anwendet auf das Alte. Der Oberflachliche 
aber, der diese Nuancen nicht bemerkt, wird nur konstatieren, daB das 
Vaterunser schon fruher da war. 

Diese Tatsachen rmissen episodenhaft erlebt werden und miissen 
einmal hier erwahnt werden, weil die Anthroposophen in die Lage 
versetzt werden sollen, demjenigen ein wenig zu begegnen, was sich 
heute auftut als dilettantische Gelehrsamkeit, was aber durch hundert 
und Hunderte von Zeitungskanalen geht und dann von den Leuten als 
«Wissenschaft» genommen wird. - Ich mochte in bezug auf das Vater- 
unser eines sagen: Es hat tatsachlich einem Manne gefallen, aus alien 
moglichen Uberlieferungen der alten Zeiten, aus alien moglichen Tal- 
mudstellen Satze zusammenzusuchen, die etwas Ahnliches wie das 
Vaterunser ergeben. Wohl gemerkt : Es ist nicht etwa so, daB das, was 
der betreffende Gelehrte zusammengestellt hat, sich auch irgendwo in 
dieser Zusammenstellung auBerhalb der Evangelien fande; sondern die 
einzelnen Satze sind es, die sich da oder dort finden. Wenn man das 
ins Groteske iibertragen wollte, konnte man auch sagen: Die ersten 
Satze des Goetheschen « Faust » sind von Goethe auch nur in dieser 
Weise zusammengestellt worden ! Und man wiirde jetzt vielleicht nach- 
weisen kdnnen: Da gab es im 17. Jahrhundert einen Studenten, der im 



Examen durchgefallen war, und der dann hinterher zu seinem Vater 
gesagt hat: Habe nun, ach, Juristerei durchaus studiert mit heiBem Be- 
miih'n ! - Und ein anderer, der in der Medizin durchgefallen war, sagte 
in ahnlicher Weise: Habe nun, ach, Medizin durchaus studiert mit 
heiBem Bemuh'n! - Und daraus hatte dann Goethe die ersten « Faust »- 
Satze zusammengesetzt. Das ist paradox! Aber im Prinzip und in der 
Methode ist es ganz dasselbe, was uns in der Evangelienkritik ent- 
gegentritt. 

So zusammengestoppelt finden Sie folgende Satze, die, wie oben 
charakterisiert, das Vaterunser ergeben sollen : 

«Vater unser, der du bist im Himmel, sei uns gnadig; o Herr unser 
Gott, geheiligt werde dein Name, und lasse das Gedachtnis deiner im 
Himmel oben verherrlicht sein wie hienieden auf Erden. Lasse dein 
Reich uber uns herrschen jetzt und immerdar. Die heiligen Manner 
alter Zeiten sagten: Lasse alien Menschen nach und vergib ihnen, was 
immer sie mir angetan haben. Und fiihre uns nicht in Versuchung. 
Sondern erlose uns vom Bosen. Denn dein ist das Himmelreich, und 
du sollst herrschen in Herrlichkeit immer und ewig.» 

Das sind Satze, zusammengestellt auf die Weise, wie ich es eben ge- 
schildert habe - das heiBt, das Vaterunser ist zusammen; es fehlt nur 
die Nuance, auf die es ankommt, und die hineinkommen muBte, wenn 
auf die groBe Bedeutsamkeit des Christus-Ereignisses hingewiesen 
werden sollte. Und diese Nuance besteht darin, daB in keinem Satz 
gesagt ist, daB das Reich herniederkommen solle. Es ist gesagt: « Lasse 
dein Reich iiber uns herrschen jetzt und immerdar », aber nicht: «Dein 
Reich komme zu unsl» Das ist das Wesentliche. Aber der Oberflach- 
liche bemerkt es nicht. Und trotzdem diese Satze zusammengeholt 
sind, nicht aus einer, sondern aus vielen Bibliotheken, ist auch das 
nicht aufzufinden gewesen, worauf es im Vaterunser ankommt: «Dein 
Wille geschehe im Himmel, also auch auf Erden.» Das heiBt, er greift 
ein in das Ich. Hier haben Sie, wenn Sie es nur rein auBerlich wissen- 
schaftlich nehmen, den Unterschied zwischen einer scheinbaren For- 
schung und einer wirklich gewissenhaften Forschung, die auf alle Ein- 
zelheiten Riicksicht nimmt. Und diese wirklich gewissenhafte For- 
schung ist da, wenn man nur auf sie ekigehen will. 



Ich habe Ihnen diese Satze aus einem Buche vorgelesen, absichtlich 
aus einem gedruckten Buche - John M. Robertson, «Die Evangelien- 
Mythen» -, weil es ein Buch ist, das als eine Art modernes Evangelium 
jetzt auch ins Deutsche ubersetzt worden ist, damit es alien zuganglich 
sein kann; denn derjenige, der die vielen Vortrage gehalten hat iiber 
die Frage, ob Jesus gelebt habe, der hat es noch im Englischen lesen 
miissen. Rasch ist es beruhmt geworden und nun auch ins Deutsche 
ubersetzt worden, damit es die Leute nicht mehr englisch zu lesen 
brauchen. - Es ist moglich geworden, daB ein Professor an einer deut- 
schen Hochschule herumzieht, uberall Vortrage halt \iber die Frage: 
«Hat Jesus gelebt ?» und auf Grund der Tatsachen, die ich jetzt cha- 
rakterisiert habe, die Antwort gibt: Aus keinem der Dokumente 
brauche man anzunehmen, daB das, was in den Urkunden gesagt ist, 
wahr ist, daB eine solche Personlichkeit wie der Jesus gelebt habe. - 
Unter den vorziiglichsten Biichern, auf die man sich dabei berufen muB, 
ist auch dieses Buch von Robertson angefiihrt. Aber das sei zum eige- 
nen Schutze der Anthroposophen gesagt: Aus diesem Buche, von die- 
ser Geschichtsforschung der neutestamentlichen Urkunden werden Sie 
auch noch manches andere lernen konnen. Etwas besonders Charak- 
teristisches mochte ich noch daraus mitteilen. 

Es soli darin gezeigt werden, daB nicht nur aus den Talmudstellen 
sozusagen Vorlaufer des Vaterunsers nachgewiesen werden konnen, 
sondern daB man um Jahrtausende zunickgehen konne und in Auf- 
zeichnungen uraltester Art uberall Vorlaufer des Vaterunsers linden 
konne. So wird gleich auf der nachsten Seite gezeigt - weil es sich ja 
darum handelt, daB das Vaterunser eine Zusammenstellung sein solle 
von etwas, was schon friiher da war, und daB es keines Christus ge- 
braucht habe, der es den Leuten erst vorgebetet hat -, es wird gezeigt, 
daB es ein Gebet in chaldaischer Sprache gibt, das man auf Tafelchen 
entdeckt hat, in welchem der altbabylonische Gott Merodach an- 
gerufen wird; und daraus werden nun einige Stellen angefiihrt. Und 
jetzt bitte ich Sie, recht aufmerksam zuzuhoren. Die Stelle lautet: 

«(Anmerkung.) Im Journal of the Royal Artistic Society, Oktober 
1891, veroffentlichte Herr T.G. Pinches zum ersten Male die Uberset- 
zung eines zu Sippara im Jahre 1882 gefundenen Tafelchens, wo bei 



Anrufung des Merodach auch folgende Zeilen vorkommen : < Moge die 
Fulle der Welt in deine Mitte (deiner Stadt) herabkommen; moge dein 
Gebot erfullt weiden in aller Zukunft . . . Moge der bose Geist auBer- 
halb deiner wohnen.>» 

Und der Gelehrte, auf den diese Stelle so groBen Eindruck gemacht 
hat, fugt hinzu : 

«Hier haben wir also Gebets-Normen, die in einer Linie mit dem 
<Vaterunser> stehen und vielleicht auf 4000 v.Chr. zuruckgehen.» 

Suchen Sie sich vernunftigerweise etwas, wo Sie eine Ahnlichkeit 
finden zwischen dem Vaterunser und diesen Satzen! Dennoch aber 
gelten diese Satze dem Manne als Gebetsnormen, denen das Vater- 
unser einfach nachgebildet ist. Aber diese Dinge gelten heute als wirk- 
liche Forschung auf diesem Gebiete. 

Es gibt noch einen anderen Grund, warum man das unter Anthro- 
posophen sagen kann. Denn die Anthroposophen miissen auch ihr 
Gewissen beruhigen konnen; und ihr Gewissen konnte sich beschwert 
fiihlen, wenn sie immer wieder horen miissen, die auBere Forschung 
habe dies und das festgestellt, oder wenn sie in Zeitungen oder Jour- 
nalen lesen: Es ist jetzt in Asien ein Tafelchen gefunden worden, und 
aus der Lesung dieses Tafelchens hat sich herausgestellt, daB das Vater- 
unser schon viertausend Jahre vor Christus dagewesen ist. Wenn so 
etwas festgestellt wird, ware es doch notwendig, zu fragen, worauf hin 
es denn festgestellt ist? Das wollte ich zeigen, worauf diese Dinge 
heute beruhen, wenn gesagt wird, daB sie «wissenschaftlich festgestellt 
sind». Solche Dinge gibt es auf Schritt und Tritt, und es ist niitzlich, 
wenn sich die Anthroposophen kiimmern um das Wurmstichige des- 
sen, was hinter dem steht, was so oft der Anthroposophie entgegen- 
gehalten wird. - Aber gehen wir weiter. 

Worauf es ankommt, ist, daB der Christus Jesus eine Menschheits- 
evolution inauguriert hat, die auf das Ich, auf das Vollerhaltensein des 
Ich begriindet ist. Die Initiation des Ich hat er begriindet, hat er in- 
auguriert. Dann werden wir uns sagen konnen, daB dieses Ich das 
Wesentliche, das Zentrum ist der gesamten menschlichen Wesenheit, 
daB gleichsam in das Ich alles zusammenlauft, was heute Menschen- 
natur ist, und daB alles, was fur dieses Ich durch das Christus-Ereignis 



in die Welt gekommen ist, auch ergreifen kann alle iibrigen Teile, alle 
iibrigen Glieder der Menschennatur. Das aber wird naturlich in einer 
ganz besonderen Weise sein mussen und der Menschheitsevolution 
entsprechend. 

Was wir entwickeln konnen, das geht insbesondere mit Klarheit aus 
diesen Vortragen hervor. Des Menschen Erkennen der physisch-sinn- 
lichen Umwelt, nicht nur durch die Sinne, sondern auch durch den 
Verstand, der an das Gehirn gebunden ist, ist ja erst in vollem Um- 
fange vorhanden seit der Zeit, die kurz vor dem Christus-Ereignis 
liegt. Friiher gab es immer fur das, was der Mensch mit dem an das 
Gehirn gebundenen Intellekt erkennt, eine gewisse Art von Hellsehen, 
das heiBt, die Menschen waren teilhaftig des Hellsehens. DaB dies der 
Fall war, wissen Sie ja aus meinen Vortragen von den ersten Zeiten der 
atlantischen Entwickelung hinlanglich. Aber was noch im vollen Um- 
fange in den ersten Zeiten der nachatlantischen Entwickelung vor- 
handen war als die allgemeine Verbreitung eines gewissen Grades von 
Hellsehen, das nahm langsam und allmahlich ab. Bis in die Zeiten des 
Christus-Ereignisses herein gab es noch immer viele Menschen, die 
hineinschauen konnten in den Zwischenzustanden zwischen Wachen 
und Schlafen in die geistige Welt, die in besonderen Zwischenzustan- 
den teilhaftig sein konnten der geistigen Welt. Ein solches Teilhaftig- 
sein der geistigen Welt war aber fur die allgemeine Menschheit nicht 
nur damit verkniipft, daB ein solcher Mensch, der im niederen Grade 
hellsehend war, sich sagen konnte: Ich weiB ja, daB hinter allem Phy- 
sisch-Sinnlichen ein Geistiges ist, denn ich sehe es ja. Nein. Es war 
noch etwas anderes damit verkniipft. Die Natur des Menschen der 
alten Zeit war so, daB er noch leicht teilhaftig gemacht werden konnte 
der geistigen Welt. Heute ist es verhaltnismaBig sehr schwierig, eine 
esoterische Entwickelung im richtigen Sinne durchzumachen, so daB 
der Mensch zum Hellsehen kommen kann. Als ein letzter Rest, als 
Erbschaft von alten Zeiten kommt Hellsehen heute als Somnambulis- 
mus und so weiter vor. Diese Zustande konnen aber nicht als etwas 
Regulares heute gelten. In alten Zeiten aber waren sie etwas Normales 
und konnten erhoht werden, indem man gewisse Prozesse mit der 
menschlichen Natur vornahm. Wenn man die menschliche Natur zum 



Hineinleben in die geistige Welt erhohte, waren damit noch andere 
Dinge verkniipft. 

Heute, wo man sich nicht richtet nach dem, was historisch ist, ist es 
ja so, daB iiber das, was historisch sein soil, dasjenige entscheidet, was 
man glaubt. Aber wie sehr es audi heute angezweifelt werden mag, so 
war es doch - selbst noch bis in die Zeiten des Christus hinein - so, 
daB zum Beispiel Heilungsprozesse vollzogen werden konnten, indem 
man den Menschen hellseherisch machte. Fiir die heutige Zeit, wo die 
Menschen tiefer hinuntergestiegen sind auf den physischen Plan, ist 
das ja nicht mehr moglich. Damals aber war die Seele noch leicht an- 
zugreifen, so daB sie durch bestimmte Prozeduren hellseherisch ge- 
macht werden konnte und sich hineinlebte in die geistige Welt. Und 
da die geistige Welt ein gesundendes Element ist und gesundende 
Krafte bis in die physische Welt schickt, so war damit eine Moglich- 
keit gegeben, Heilungen einzuleiten. Nehmen wir also an, es war je- 
mand krank, so unternahm man solche Prozesse, daB er hineinschaute 
in die geistige Welt. Und wenn dann die Strome der geistigen Welt 
herunterflossen, dann waren es gesundende Strome, die in seine We- 
senheit herunterflossen. Solche Prozesse waren gewohnlich die Hei- 
lungen. Was heute geschildert wird als «Tempelheilung», ist ein 
ziemlicher Dilettantismus. Alles ist in Entwickelung, und die Seelen 
sind seit jenen alten Zeiten fortgeschritten von einem Hellsehen zu 
einem Nichtmehrhellsehen. Fruher aber konnte der hellseherische Zu- 
stand des Menschen so erhoht werden, daB gesundende Krafte vom 
Geistigen aus hereinstromten in die physische Welt, so daB der Mensch 
fiir gewisse Krankheiten vom Geiste aus geheilt werden konnte. Da- 
her werden wir uns nicht zu verwundern brauchen, wenn von den 
Evangelisten erzahlt wird, daB jetzt durch das Christus-Ereignis die 
Zeiten herangekommen sind, wo nicht allein diejenigen in die geistige 
Welt hineinwachsen konnen, die das alte Hellsehen haben, sondern 
auch die, welche vermoge der Evolution der Menschheit das alte Hell- 
sehen verloren haben. 

Man konnte sagen : Schauen wir zuriick in alte Zeiten. Da waren die 
Menschen teilhaftig eines Hineinschauens in die geistige Welt. Da bot 
sich ihnen der Reichtum der geistigen Welt im alten Hellsehen dar. 



Jetzt sind aber arm an Geist, Bettler um Geist diejenigen geworden, 
die mit dem Fortschreiten der Entwickelung nicht mehr hineinschauen 
konnen in die geistige Welt. Aber dadurch, daB der Chris tus das Ge- 
heimnis in die Welt gebracht hat, daB in das Ich - auch in das Ich fur 
den physisch-sinnlichen Plan - die Krafte der Reiche der Himmel hin- 
einflieBen konnen, dadurch konnen auch diejenigen in sich den Geist 
erleben und selig, beseligt werden, die das alte Hellsehen und damit 
den Reichtum der geistigen Welt verloren haben. - Daher konnte das 
groBe Wort ausgesprochen werden: Selig sind von jetzt ab nicht mehr 
bloB die, welche reich sind an Geist durch das alte Hellsehen, sondern 
auch die, welche arm oder Bettler sind um Geist; denn es flieBt in ihr 
Ich hinein, wenn ihnen der Weg durch den Christus eroffnet worden 
ist, dasjenige, was wir die Reiche der Himmel nennen konnen. 

Es war also in alten Zeiten der physische Organismus bei den Men- 
schen so, daB er ein teilweises Heraustreten der Seele selbst im norma- 
len Zustande gestattete, so daB der Mensch durch dieses Heraustreten 
aus seinem physischen Leibe hellsehend wurde und ein Reicher des 
Geistes wurde. Mit der Verdichtung des physischen Leibes, die aller- 
dings anatomisch nicht nachzuweisen ist, war verbunden, daB der 
Mensch kein Reicher im Reiche der Himmel mehr werden konnte. 
Wenn man den Zustand jetzt beschreiben wollte, miiBte man sagen: 
Der Mensch ist ein Armer, ein Bettler um Geist geworden; aber in sich 
kann er durch das, was der Christus heruntergebracht hat, die Reiche 
der Himmel erleben. Das ist es, was man beschreiben konnte in bezug 
auf die Vorgange des physischen Leibes. 

Wollte man nun das, was vorging, in sachgemaBer Weise in bezug 
auf den Ich-Menschen beschreiben, so miiBte man fur jedes Glied der 
Menschennatur zeigen, wie es in sich beseligt werden konnte in einer 
neuen Art. In dem Satz: « Selig sind die Bettler um Geist; denn sie 
werden in sich finden die Reiche der Himmel ! » ist die neue Wahrheit 
fur den physischen Leib ausgesprochen. Fur den Atherleib konnte man 
sie so aussprechen: Im Atherleib ist das Prinzip des Leides. Ein Lebe- 
wesen ailein kann durch die Beschadigung seines Atherleibes, wenn es 
noch einen astralischen Leib hat, leiden ; aber es muB der Sitz des Lei- 
dens im Atherleibe gesucht werden. Das werden Sie aus den verschie- 



denen Vortragen entnehmen konnen. - Wollte man das, was friiher an 
Heilungen herausfloB aus der geistigen Welt, was fur den Atherleib in 
Betracht kommt, ausdriicken in bezug auf die neue Wahrheit, so 
muBte man sagen: Diejenigen, die da leiden, konnen jetzt nicht nur 
dadurch getrostet werden, daB sie aus sich heraustreten und mit der 
geistigen Welt in Verbindung treten, sondern wenn sie jetzt in eine 
neue Verbindung mit der Welt eintreten, konnen sie getrostet werden 
in sich selber, weil eine neue Kraft durch den Christus in den Ather- 
leib hineingebracht worden ist. Fur den Atherleib ausgesprochen, 
muBte also die neue Wahrheit so lauten: Die Leidtragenden konnen 
jetzt nicht mehr bloB dadurch beseligt werden, daB sie sich hineinleben 
in eine geistige Welt und die Strome der geistigen Welt im hellsehe- 
rischen Zustande auf sich zukommen las sen; sondern wenn sie jetzt, 
sich hinlebend zu dem Christus, sich mit der neuen Wahrheit erfiillen, 
erleben sie in sich den Trost fur alles Leid. 

Was muBte nun in bezug auf den Astralleib gesagt werden? Wenn 
friiher der Mensch die Emotionen, Leidenschaften und Egoismen sei- 
nes astralischen Leibes niederhalten wollte, hat er hinaufgeschaut in 
die oberen Regionen und Kraft verlangt aus den Reichen der Himmel; 
da wurden mit ihm Prozeduren vorgenommen, welche abtoteten die 
schadigenden Instinkte seines astralischen Leibes. Jetzt aber war die 
Zeit gekommen, wo der Mensch durch die Tat des Christus in seinem 
Ich selbst die Macht erhalten sollte, zu ziigeln und zu zahmen die Lei- 
denschaften und Emotionen seines astralischen Leibes. Daher muBte 
jetzt die neue Wahrheit in bezug auf den astralischen Leib so lauten: 
Selig sind die, die sanftmutig sind durch sich selber, durch die Kraft 
des Ich; denn sie werden diejenigen sein, die das Erdreich erben! - 
Tiefsinnig ist dieser dritte Satz der Seligpreisungen. Prufen Sie ihn ein- 
mal an dem, was wir aus der Geisteswissenschaft gewonnen haben. Der 
Astralleib des Menschen ist wahrend des alten Mondendaseins in die 
menschliche Wesenheit eingefiigt worden. Die Wesenheiten, welche 
auf den Menschen EinfluB gewonnen haben, namlich die luziferischen 
Wesenheiten, sie haben sich auch besonders im astralischen Leibe fest- 
gesetzt. Dadurch kann der Mensch nicht von Anfang an sein hochstes 
Erdenziel errekhen. Die luziferischen Wesenheiten sind, wie wir wis- 



sen, auf der Mondenstufe zuriickgeblieben und hielten den Menschen 
davon fern, sich auf der Erde in der richtigen Weise weiter zu ent- 
wickeln. Jetzt aber, wo der Christus heruntergestiegen war auf die 
Erde, wo das Ich impragniert werden konnte von der Christus-Kraft, 
konnte der Mensch wirklich das Prinzip der Erde erfullen, indem er in 
sich selber die Macht fand, den astralischen Leib zu ziigeln und die 
luziferischen Einfliisse herauszutreiben. Daher konnte jetzt gesagt wer- 
den: Wer da ziigelt seinen astralischen Leib, wer da stark wird, so daB 
er nicht in Zorn geraten kann, ohne daB sein Ich dabei ist, wer da 
« gleichmiitig » ist und stark in seinem Inneren, um den astralischen Leib 
zu ziigeln, der wird wirklich das Prinzip der Erdentwickelung er- 
ringen. - So haben Sie in dem dritten Satz der Seligpreisungen eine 
Formulierung, die durch Geisteswissenschaft begriffen werden kann. 

Wie wird der Mensch nun dahin gelangen, die weiteren Glieder seiner 
Wesenheit durch die in ihm wohnende Christus-Wesenheit zu erhohen, 
zu beseligen? Dadurch, daB das Seelische im ernsten und wiirdigen 
Sinne von der Ich-Kraft ergriffen wird wie das Physische. Steigen wir 
auf zur Empfindungsseele, dann konnen wir sagen: Der Mensch muB 
so werden, wenn er nach und nach den Christus in sich erleben will, 
daB er in dem, was seine Empfindungsseele ist, einen solchen Drang 
empfindet, wie er unwissentlich in seinem Leibe sonst den Drang emp- 
findet, den man als Hunger und Durst bezeichnet. Er muB nach dem 
Seelischen so diirsten konnen, wie der Leib hungert und diirstet nach 
Nahrung und Trank. Was der Mensch so durch die Innewohnung der 
Christus-Kraft erreichen kann, das ist das, was man im alten Stil im um- 
fassendsten Sinne als Durst nach der Gerechtigkeit bezeichnet hat. Und 
wenn er sich in seiner Empfindungsseele mit der Christus-Kraft erfullt, 
kann er erreichen, daB er in sich selbst die Moglichkeit finden wird, 
sich zu sattigen seinen Durst nach Gerechtigkeit. 

Besonders merkwurdig ist der funfte Satz der Seligpreisungen. Und 
das diirfen wir erwarten. Er muB uns etwas ganz Besonderes darbieten : 
er muB sich beziehen auf die menschliche Verstandesseele oder Ge- 
miitsseele. Nun weiB jeder, der studiert hat, was in meinem Buche 
<(Geheimwissenschaft im UmriB» oder in meiner «Theosophie» gesagt 
ist und was auch sonst seit Jahren in den verschiedensten Vortragen 



verfolgt worden ist, daB die drei Glieder der Menschenseele - Empfin- 
dungsseele, Verstandes- oder Gemiitsseele und BewuBtseinsseele - 
durch das Ich zusammengehalten werden. Es weiB jeder, daB in der 
Empfindungsseele das Ich noch in einem dumpfen Zustande vorhan- 
den ist, in der Verstandes- oder Gemiitsseele aber herausspringt, und 
daB dadurch der Mensch erst ganz Mensch wird. Wahrend er fur die 
niederen Glieder, selbst noch fur die Empfindungsseele, von gottlich- 
geistigen Machten beherrscht wird, wird er ein Eigenwesen in der Ver- 
standesseele. Da leuchtet das Ich auf. Man muB also gewissermaBen fur 
die Verstandes- oder Gemiitsseele anders sprechen, wenn sie die Chri- 
stus-Kraft erlangt hat, als fur die niederen Glieder. In den niederen Glie- 
dern setzt sich der Mensch in Beziehung zu gewissen gottlichen Wesen- 
heiten, die hineinwirken in die untergeordneten Glieder, in den physi- 
schen Leib, Atherleib, Astralleib und auch in die Empfindungsseele; 
und was der Mensch da als Tugenden und so weiter entwickelt, das wird 
auch wieder zu diesen gottlichen Wesenheiten heraufgenommen. Was 
sich aber in der Verstandes- oder Gemiitsseele entwickelt, das wird, 
wenn sie die Christus-Eigenschaft entwickelt, vor alien Dingen eine 
menschliche Eigenschaft sein miissen. Wenn der Mensch selbst die Ver- 
standesseele aufzufinden beginnt, wird er dadurch immer weniger ab- 
hangig von den gottlich-geistigen Kraften der Umgebung. Hier haben 
wir also etwas, was sich auf den Menschen selbst bezieht. Daher kann 
der Mensch, wenn er die Christus-Kraft aufnimmt, in der Verstandes- 
seele jene Tugenden entwickeln, die von Gleichem zu Gleichem gehen, 
die nicht vom Himmel als Lohn erfleht werden, sondern die nun wie- 
der zuriickkommen zu der gleichen Wesenheit, wie es der Mensch ist. 
Wir miissen also sozusagen spiiren, daB von den Tugenden der Ver- 
standesseele so etwas herausstromt, daB wieder etwas Gleiches zu uns 
zuriickstromt. - Merkwiirdig: Der fiinfte Satz der Seligpreisungen 
zeigt uns wirklich diese Eigenschaft. Er unterscheidet sich von alien 
anderen dadurch, daB gesagt wird - und wenn die Ubersetzungen auch 
nicht besonders gut sind, so konnten sie doch diese Tatsache nicht ver- 
hiillen -: «Selig sind die Barmherzigen, denn sie konnen Barmherzig- 
keit erlangen ! » Was herausstromt, stromt wieder zuriick - wie es sein 
muB, wenn es im Sinne der Geisteswissenschaft genommen wird. 



Dagegen kommen wir mit dem nachsten Satz, der sich auf die Be- 
wuBtseinsseele bezieht, zu etwas im Menschen, wo das Ich schon voll 
ausgepragt ist und wo der Mensch wieder hinaufsteigt auf eine neue 
Art. Wir wissen, daB gerade in der Zeit, in der der Christus erschienen 
war, die Verstandes- oder Gemiitsseele zum Ausdruck gekommen ist. 
Jetzt stehen wir in der Zeit, wo die BewuBtseinsseele zum Ausdruck 
kommen soli und wo der Mensch wieder hinaufsteigt in die geistige 
Welt. Wahrend der Mensch sich selbst zuerst bewuBt wird, sich seiner 
selbst bewuBt aufleuchtet in der Verstandes- oder Gemiitsseele, ent- 
wickelt er in der BewuBtseinsseele voll sein Ich, das jetzt wieder hin- 
aufsteigt in die geistige Welt. Der Mensch, der die Christus-Kraft in 
sich aufnimmt, wird, indem er sein Ich in die BewuBtseinsseele hinein- 
ergieBt und dort erst rein erlebt, auf diesem Wege zu seinem Gott ge- 
langen. Er wird, indem er den Christus in seinem Ich erlebt und her- 
aufnimmt bis zur BewuBtseinsseele, dort zu seinem Gott kommen. - 
Nun ist gesagt worden, daB der Ausdruck des Ich im physischen Leibe 
das Blut ist, das sein Zentrum im Herzen hat. Daher muBte im sech- 
sten Satze in sachgemaBer Weise ausgedriickt werden, daB das Ich 
durch die Eigenschaft, welche es dem Blute und dem Herzen verleiht, 
des Gottes teilhaftig werden kann. Wie heiBt der Satz? «Selig sind die, 
welche reinen Herzens sind; derm sie werden Gott schauen!» Es ist 
dies zwar keine besonders gute Obersetzung ; aber sie geniigt fur unsere 
Zwecke. - So leuchtet hinein Geisteswissenschaft in das ganze Gefuge 
dieser wunderbaren Satze, die der Christus Jesus seinen intimen Schii- 
lern verkundet, nachdem er die Versuchung bestanden hat. 

Die nachsten Satze beziehen sich darauf, daB der Mensch sich hin- 
auf lebt in die hoheren Glieder seiner Wesenheit, indem er Geistselbst, 
Lebensgeist und den Geistesmenschen entwickelt. Daher schildern sie 
nur andeutungsweise, was der Mensch in der Zukunft erlebt, und was 
jetzt nur einige Auserlesene erleben konnen. Der nachste Satz bezieht 
sich daher auf das Geistselbst: «Selig sind die, die das Geistselbst als 
erstes geistiges Glied zu sich herunterholen; derm sie werden Gottes 
Kinder heiBen.» Es ist schon das erste Glied der oberen Dreiheit in sie 
eingezogen. Sie haben den Gott aufgenommen, sind auBerer Ausdruck 
der Gottheit geworden. - Besonders aber ist nun ausgedriickt, daB nur 



die Auserwahlten dazu kommen konnen, den Lebensgeist zu entwik- 
keln, diejenigen, die voll verstehen, was fur die Gesamtheit die Zu- 
kunft bringen soil. Was die Menschen der Zukunft « voile Aufnahme 
des Christus in ihr Inneres», den Lebensgeist nennen konnen, ist fur 
einzelne Auserwahlte da. Aber weil sie einzelne Auserwahlte sind, 
konnen die anderen sie nicht verstehen, und die Folge ist, da6 sie als 
Auserwahlte auch verfolgt werden. Deshalb wird mit Bezug auf die- 
jenigen, die man in der Gegenwart als einzelne Vertreter eines Zu- 
kunftigen verfolgt, der Sate ausgesprochen : «Selig sind die, die um der 
Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn in sich finden sie die 
Reiche der Himmel.» - Und das letzte wird nur ganz besonders fur die 
intimsten Schiiler angedeutet, es ist das, was sich auf das neunte Glied 
des Menschen bezieht, auf den Geistesmenschen : « Selig seid ihr, wenn 
euch die Menschen um meinetwillen schmahen und verfolgen.» 

So wird in diesen wunderbaren Satzen, die sich beziehen auf die 
neun Glieder der Menschennatur, gezeigt, wie das Ich sich gestaltet, 
wenn es ein Christus-lch wird, fur die verschiedenen Glieder der Men- 
schennatur und sie beseligt. In grandioser, in majestatischer Weise ist 
im Matthaus-Evangelium (Matth. 5, 3-1 1) in den Satzen nach der Ver- 
suchungsszene ausgedriickt, wie die Christus-Kraft fur die Neunglied- 
rigkeit des Menschen wirkt, zunachst in der Gegenwart, und dann, wie 
sie wirkt in der nachsten Zukunft, wo diejenigen noch Kinder Gottes 
genannt werden, in die hineinleuchtet das Geistselbst schon jetzt, wo 
aber doch solche Kinder Gottes nur in einzelnen begnadeten Exempla- 
ren vorhanden sind. Gerade das ist das Wunderbare: das bestimmte 
Sprechen fiir die ersten Glieder, die schon da sind, und das Auslaufen in 
das Unbestimmte in den letzten Satzen, die fiir fernere Zukiinfte gelten. 

Da ist nun aber wieder das Oberffachliche : Denken Sie sich, es wurde 
jemand nachsuchen, ob sich ahnliche Satze vielleicht auch sonstwo 
finden und ob die Evangelisten diese Satze vielleicht aus etwas ande- 
rem kombiniert, zusammengeleimt haben konnten. Und denken Sie, 
der BetrefFende habe keine Ahnung, um was es sich handelt; denn das 
ist es ja, wovon man da sprechen muBte : daB es angewendet wurde auf 
die durchchristete Ich-Natur! Dann konnte er, wenn er die wunder- 
bare Steigerung des Wesentlichen nicht bemerkt, auf folgendes hin- 



weisen. Sie brauchen in dem schon angefuhrten Buche nur ein paar 
Seiteh weiterzublattern, dann finden Sie in einem Kapitel «Die Selig- 
keiten» einen Hinweis auf einen Henoch, der ein anderer ist als der ge- 
wohnliche, und darin werden neun «Seligkeiten» angeftihrt. Beson- 
ders tut sich der BetrefTende darauf etwas zugute, daB er sagt, dieses 
Dokument sei in der ersten Zeit der christlichen Ara entstanden, und 
er meint, daB dies, was wir eben als ein so tiefes Dokument charakteri- 
siert haben, abgeschrieben sein konnte aus folgenden neun Seligkeiten 
des « Slawischen Henoch» : 

« 1 . Selig ist, der den Namen des Herrn furchtet und unausgesetzt vor 

seinem Angesicht dient» und so weiter. 
«2. Selig ist, der ein gerechtes Urteil fallt nicht um des Lohnes willen, 

sondern um der Gerechtigkeit willen, nichts dafur erwartend; ein 

lauteres Urteil wird ihm spater zuteil werden. 

3. Selig ist, der die Nackten mit einem Gewand bekleidet und sein 
Brot den Hungrigen gibt. 

4. Selig ist, der ein gerechtes Urteil fallt fur die Waise und Witwe und 
jedermann beisteht, dem Unbill widerfahrt. 

5. Selig ist, der sich vom unsteten Pfad dieser eitlen Welt abwendet 
und auf dem gerechten Wege wandelt, der zum ewigen Leben fiihrt. 

6. Selig ist, der gerechten Samen saet; er wird siebenfach ernten. 

7. Selig ist, in dem Wahrheit ist, auf daB er seinem Nachsten die Wahr- 
heit sage. 

8. Selig ist, der Liebe auf seinen Lippen hat und Sanftmut im Herzen. 

9. Selig ist, der jedes Wort des Herrn versteht und den Herrn-Gott 
preist» und so weiter. 

Schon sind gewiB diese Satze. Aber wenn Sie sie betrachten im gan- 
zen Aufbau und in bezug auf das, worauf es bei ihnen ankommt, 
namlich auf die Aufzahlung einiger guter Grundsatze, die man in jeder 
Zeit sagen kann, nur nicht gerade fur eine Zeit des Umschwunges, die 
dadurch charakterisiert ist, daB die Ich-Kraft eingefuhrt wird, dann 
stehen Sie, wenn Sie diese vergleichen wollten mit den « Seligpreisun- 
gen» des Matthaus-Evangeliums, auf dem auBerlichen Punkte der- 
jenigen, die in auBerlicher Weise die Religionen der Menschheit ver- 



gleichen und, wenn sie etwas Ahnliches finden, immer sofort eine 
Gleichheit konstatieren und nicht auf das achten, worauf es ankommt. 

Wenn man weiB, worauf es ankommt, merkt man erst, daB es in der 
Menschheitsevolution einen Fortschritt gibt, da6 die Menschheit auf- 
ruckt von Stufe zu Stufe und daB der Mensch nicht geboren wird in 
einem spateren Jahrtausend in einem physischen Leibe neuerdings, 
um dasselbe zu erleben, was er schon erlebt hat, sondern um das zu er- 
leben, um was die Menschheit in der Zwischenzeit hinaufgestiegen ist. 
Das ist der Sinn der Geschichte. Und das ist der Sinn der Menschheits- 
evolution. Von diesem Sinne der Geschichte und der Menschheits- 
evolution redet gerade das Matthaus-Evangelium auf jeder seiner 
Seiten ! 



ZEHNTER VORTRAG 



Bern, 10. September 1910 



DaB der Christus Jesus fur die Menschheitsevolution zu bedeuten 
hatte die allmahliche Ausstattung der Krafte des menschlichen Ich mit 
jenen Fahigkeiten, welche der Mensch in den alten Mysterien nur hat 
erlangen konnen durch eine Art Herabdampfung seines Ich, das haben 
wir in den letzten Stunden auseinandergesetzt. Und wollen wir uns 
noch einmal deutlich vor die Seele nicken, urn was es sich handelt, 
dann konnen wir sagen: Es war bei alien alten Initiationen die Mog- 
lichkeit vorhanden, hinaufzuriicken in die geistige Welt, in das, was 
wir charakterisiert haben als die Reiche der HimmeL Aber durch die 
ganzen Eigenheiten, Eigentumlichkeiten der alten, vorchristlichen 
Menschheitsentwickelung war es nicht moglich, hinaufzusteigen in 
die Reiche der Himmel so, daB das Ich, die eigentliche menschliche 
Ich-Wesenheit in derselben Verfassung geblieben ware, in der sie sich 
befindet gegeniiber dem physisch-sinnlichen Plan. Unterscheiden wir 
also diese zwei Verfassungen der Menschenseele : Die eine ist jene Ver- 
fassung, die der heutige normale Mensch kennt als diejenige vom Auf- 
wachen bis zum Einschlafen, wo er mit seinem Ich wahrnimmt die 
Gegenstande des physisch-sinnlichen Planes. Und dann haben wir jene 
andere Verfassung der Seele, bei der dieses Ich herabgedampft ist, 
wo kein deutliches BewuBtsein einer solchen Ichheit vorhanden ist. 
Und innerhalb dieser Seelenverfassung wurde der Mensch in den alten 
Mysterien hinaufgehoben in die Reiche der Himmel. Diese Reiche der 
Himmel sollten - einmal im Sinne der Vorlauferpredigt des Taufers 
Johannes und dann im Sinne der Predigt des Christus Jesus selber - 
heruntergeholt werden, damit die Menschheit einen Impuls bekom- 
men kann zu einer weitergehenden Evolution, durch die unter Auf- 
rechterhaltung der gewohnlichen Ich-Kraft die Erfahrungen der hohe- 
ren Welten erlebt werden konnen. Daher war es nur natiirlich, daB 
uns sozusagen von den Berichterstattern des Christus Jesus-Ereig- 
nisses vorgefiihrt werden alle die Prozeduren, alle die verschiedenen 
Vorgange, die in den alten Mysterien mit dem zu Initiierenden vor- 



genommen worden sind, daB uns aber zu gleicher Zeit angedeutet 
wird : in alledem lebt eine neue Nuance, die Nuance, daB es jetzt nicht 
die zweite der beiden charakterisierten Seelenverfassungen ist, die da- 
bei in Frage kommt, sondern diejenige, in der das Ich anwesend ist. 

Und wir haben dann gestern die neun Seligkeiten als den Anfang der 
sogenannten Bergpredigt von diesem Gesichtspunkte aus charakteri- 
siert. Wir konnten noch weiter fortsetzen, was in der gegenwartigen 
Fassung des Matthaus-Evangeliums vorhanden ist, so wie sie, aller- 
dings etwas undeutlich, aus dem Aramaischen ins Griechische iiber- 
tragen worden ist. Aber wenn man selbst noch die undeutliche Ver- 
sion des griechischen Textes des Matthaus-Evangeliums nimmt, kann 
man doch durchfuhlen, auch in der Fortsetzung der Bergpredigt, wie 
uberall deutlich auf das hingedeutet wird, was friiher der Mensch mit 
Herabdampfung des Ich erleben konnte. So daB, wie er friiher sagen 
konnte : Wenn ich mein Ich herabdampfe und mit herabgedampftem 
Ich hineinkomme in die geistige Welt, so werde ich dieses oder jenes 
an Fundamentalem begreifen er dies in Zukunft begreifen lernen 
wird unter Beisein seines Ich. Freilich versteht man eine solche Sache 
nur dann wirklich, wenn man auf das Nahere eingeht, worauf ich 
schon hingedeutet habe, namlich auf den Gebrauch alter Namen, alter 
Bezeichnungen. Alte Bezeichnungen wurden eben nicht so gewahlt, 
wie Namen oder Bezeichnungen in unserer Zeit gewahlt werden, son- 
dern sie wurden immer gewahlt mit dem BewuBtsein des Wesenhaften 
der Sache. Und das ist deutlich gerade in den Bezeichnungen der Berg- 
predigt durchleuchtend, daB sich der Christus Jesus fuhlte als der Brin- 
ger des Ich-BewuBtseins auf einer hoheren Stufe, als es friiher war, 
welches in sich selber die Reiche der Himmel erleben kann. Daher stellt 
er den Gegensatz vor die Seelen seiner Jiinger hin : In friiheren Zeiten 
sagte man auch, aus den Reichen der Himmel ist euch dieses oder je- 
nes geoffenbart. Aber das werdet ihr von nun an erleben, wenn ihr 
euer Ich sprechen laBt, in dem, was euer Ich zu euch sagt. Daher die 
immer wiederkehrende Wiederholung : «Ich sage es euch!», weil sich 
der Christus Jesus fuhlte als der Reprasentant jener Menschenseele, die 
sich auslebt in dem Ausdruck : «Ich sage es ; ich bin mit meinem vollen 
Ich-BewuBtsein dabei.» Das darf nicht trivial genommen werden, was 



in der Fortsetzung der Bergpredigt dasteht als der Ausdruck: «Ich 
sage es euch!» Das ist die Wiederholung eines Hinweises auf jenen 
neuen Impuls, der durch den Christus Jesus in die Menschheitsevolu- 
tion hineingelegt worden ist. Lesen Sie daher in dieser Weise den wei- 
teren Fortgang der Bergpredigt, und Sie werden fiihlen, daB er sagen 
wollte : Bisher durftet ihr nicht an euer Ich appellieren ; jetzt aber konnt 
ihr durch das, was ich euch geboten habe, die Reiche der Himmel euch 
durch die Kraft des Inneren, durch die eigene Kraft des Ich nach und 
nach aneignen. - Der ganze Geist der Bergpredigt ist durchhaucht 
von dem neuen Impuls der Ichheit des Menschen. Und ebenso das 
Folgende, wo dann der Ubergang gemacht wird zu den sogenannten 
Heilungen. 

Diese Heilungen bilden ja bekanntlich einen Gegenstand ungeheuer 
wekgehender Diskussionen. Und was da einen ganz besonderen Ge- 
genstand der Diskussion bildet, ist ja, wie Sie alle wissen, die Wunder- 
Frage. Das wird am haufigsten betont, daB da Wunder erzahlt werden 
sollen. Aber treten wir dieser Wunder-Frage einmal naher. Gestern 
habe ich Sie schon auf eines aufmerksam gemacht. Ich habe darauf 
hingewiesen, daB in der Tat der gegenwartige Mensch die Verande- 
rungen, die Metamorphosen, die sich mit der menschlichen Wesenheit 
im Laufe der Entwickelung vollzogen haben, ganz unterschatzt. Wur- 
den Sie - nicht im groben, sondern im feineren Sinne - einen physi- 
schen Leib aus der Zeit, wo der Christus Jesus gelebt hat, oder gar 
noch vorher, vergleichen mit einem heutigen physischen Leib, so 
wiirde sich ein ganz betrachtlicher Unterschied ergeben, ein Unter- 
schied, der allerdings nicht feststellbar ist mit anatomischen Mit- 
teln, wohl aber durch die okkulte Forschung. Und Sie wiirden finden : 
der physische Leib ist dichter geworden, hat sich mehr zusammengezo- 
gen; er war noch weicher in der Zeit des Christus Jesus. Und nament- 
lich war die Art der Anschauung so, daB der Mensch das, was er heute 
gar nicht mehr sieht, die Erkenntnis gewisser Kraftwirkungen im 
Leibe, die jeden Leib modellieren, noch in einem gewissen Grade be- 
sessen hat, so daB die Muskeln - allerdings nur fur einen feineren Blick 
- deutlich und viel starker sich abpragten. Das ging langsam und all- 
mahlich verloren. Kindereien in der Kunstgeschichte weisen auf alte 



Zeichnungen hin, wo zum Beispiel besonders ausgepragte Muskel- 
linien dargestellt sind, und halten das fur eine XJbertreibung und fur 
Ungeschicklichkeit der alten Zeichner, weil man nicht weiB, daB so 
etwas auf ein tatsachliches Beobachten zuriickgeht, das fur alte Zeiten 
richtig war, fur die heutigen Zeiten aber falsch sein wurde. Aber dar- 
auf wollen wir weniger Riicksicht nehmen und nur das mehr hervor- 
heben, was mit diesen ganz anders gearteten menschlichen Leibern 
verbunden war. 

Auf den menschlichen Leib hatte damals die Kraft der Seele, die 
Kraft des Geistes noch einen viel groBeren, sozusagen momentaneren 
EinfluB als spater, wo der Leib dichter geworden ist und die Seele da- 
her an Macht iiber den Leib verloren hat. Daher war es damals in viel 
groBerem MaBe moglich, zu heilen von der Seele aus. Die Seele hatte 
viel mehr Macht, so daB sie den Leib durchsetzen konnte mit den aus 
der geistigen Welt geholten gesund wirkenden Kraften, wenn der Leib 
in Unordnung gekommen war, um ihn wieder von sich aus in Harmo- 
nie, in Ordnung zu bringen. Diese Macht der Seele iiber den Leib hat 
allmahlich abgenommen. Das ist der Gang der fortgehenden Ent- 
wickelung. Daher waren die Heilprozesse in alten Zeiten in weit gro- 
Berem MaBe als spater geistige Heilprozesse. Und diejenigen, die als 
Arzte galten, waren nicht im heutigen Sinne physische Arzte, sondern 
zum groBen Teil Heiler in dem Sinne, daB sie auf den Leib auf dem 
Umwege durch die Seele wirkten. Sie reinigten die Seele und durch- 
setzten sie mit gesunden Empfindungen, Impulsen und Willenskraf- 
ten durch die geistig-seelischen Einflusse, die sie ausiiben konnten, sei 
es im gewohnlichen Zustande der physischen Wahrnehmung, sei es in 
dem sogenannten Tempelschlaf oder dergleichen, was ja auch fur die 
damalige Zeit nichts anderes war als eine Art Versetzen des Menschen 
in einen hellseherischen Zustand. 

Wenn man also die damaligen Kulturverhaltnisse berucksichtigt, 
muB man durchaus darauf hinweisen, daB diejenigen, die stark an Seele 
waren und appellieren konnten an das, was sie selbst aufgenommen 
hatten, damals in betrachtlichem MaBe auf die Seelen wirken konnten 
und damit auch auf die Leiber. Daher kam es auch, daB solche Men- 
schen, die irgendwie geistdurchdrungen waren, und von denen man 



wuBte, daB sie heilende Krafte ausstromten in die Umgebung, auch 
mit dem Ausdruck «Heiler» bezekhnet wurden. Und im Grunde ge- 
nommen rniiBte man nicht nur die Therapeuten, sondern auch die 
Essaer in einer gewissen Weise als Heiler bezeichnen. Ja, wir mussen 
weitergehen: In einer gewissen Mundart Vorderasiens, in welcher 
sich besonders diejenigen ausgedriickt haben, aus welchen das Chri- 
stentum hervorgewachsen ist, ist die tjbersetzung dessen, was wir be- 
zeichnen wiirden als «geistigen Heiler », das Wort Jesus. Jesus bedeu- 
tet im Grunde genommen «geistiger Arzt». Das ist eine ziemlich rich- 
tige tjbersetzung, namentKch wenn man auf die Gefiihlswerte geht. 
Und damit konnten Sie zu gleicher Zeit auch ein Licht werfen auf alles, 
was man bei solchem Namen empfand in einer Zeit, wo man bei Na- 
men noch etwas fiihlte. Aber wir wollen uns einmal ganz sozusagen 
hineinversetzen in die Kulturverhaltnisse der damaligen Zeit. 

Ein Mensch, der also im Sinne der damaligen Zeit gesprochen hatte, 
wiirde gesagt haben : Es gibt Menschen, die den Zutritt haben zu den 
Mysterien, die mit einer gewissen Opferung ihres Ich-BewuBtseins in 
den Mysterien sich in Verbindung setzen konnen mit gewissen geistig- 
seelischen Kraften, die dann ausstrahlen auf die Umgebung, wodurch 
sie zu Heilem werden fur die Umgebung. Nehmen wir an, ein solcher 
Mensch ware Jiinger des Christus Jesus geworden, so hatte er gesagt : 
Wir haben jetzt sehr Merkwiirdiges erlebt. Wahrend friiher nur solche 
Menschen, die unter Herabdampfung des Ich-BewuBtseins die geisti- 
gen Krafte in den Mysterien aufgenommen haben, seelische Heiler 
werden konnten, haben wir jetzt einen erlebt, der es wurde ohne die 
Mysterienprozeduren, unter Aufrechterhaltung des Ich. - Nicht etwa 
das war das Auffallige, daB geistige Heilungen iiberhaupt vollzogen 
wurden. DaB in den Kapiteln des Matthaus-Evangeliums von einem 
geistigen Heiler erzahlt wird, ware einem solchen Menschen gar nicht 
besonders wunderbar vorgekommen. Er hatte gesagt: Was ist Wun- 
derbares dabei, daB solche Leute geistig heilen? Das ist selbstverstand- 
lich! - Und die Aufzahlung solcher Heilungen ware fur die damalige 
Zeit nicht ein besonderes Wunder gewesen. Das aber ist das Bedeu- 
tungsvolle, daB der Schreiber des Matthaus-Evangeliums erzahlt: Da 
ist einer, der eine neue Wesenskraft in die Menschheit gebracht hat, 



der aus dem Impuls seines Ich, aus dem man friiher nicht heilen konnte, 
Heilungen vollzog, indem er dieselbe Kraft dabei heranzog, mit Hilfe 
deren man friiher nicht heilen konnte. - Also etwas ganz anderes wird 
in den Evangelien erzahlt, als man gewohnlich meint. Zahlreiche 
Beweise, auch historische, konnten dafur erbracht werden, daB es rich- 
tig ist, was die Geisteswissenschaft aus okkulten Quellen heraus fest- 
stellt. Wir wollen nur eines zum Beweise heranfiihren. 

Wenn es wahr ist, was jetzt gesagt worden ist, dann miiBte man 
sich tatsachlich im Altertum vorgestellt haben, daB unter einer gewis- 
sen Voraussetzung diejenigen, die blind sind, geheilt werden konnten 
unter geistigem EinfluB. Nun ist mit Recht hingewiesen worden auf 
alte Bildnisse, die dergleichen darstellen. Auch der im vorigen Vortrag 
erwahnte John M. Robertson weist darauf hin, daB in Rom eine Darstel- 
lung ist, die Abbildung eines Askulap, der vor zwei Blinden steht, 
und er hat natiirlich daraus geschlossen, daB damit eine Heilung ange- 
zeigt worden ist, und daB dies dann von den Evangelienschreibern 
ubernommen und in die Darstellungen der Evangelien hineingebracht 
worden ist. Es ist hier aber nicht das Wesentliche, daB geistige Heilun- 
gen etwas Wunderbares sind, sondern als wesentlich hat es zu gelten, 
daB der, der das Bild gemalt hat, damit hat sagen wollen : Askulap ist 
einer der Eingeweihten, der unter Herabdampfung des Ich-BewuBt- 
seins in den Mysterien zu den geistigen Heilkraften gekommen ist. Der 
Schreiber des Matthaus-Evangeliums aber wollte sagen: Nicht auf 
diese Weise wurden Heilungen beim Christus erreicht, sondern was als 
ein einmaliger Impuls in Christus lebte, das soli nach und nach von der 
ganzen Menschheit erreicht werden, so daB das Ich mit seiner Kraft es 
nach und nach erreichen kann. - Gewinnen konnen es heute die Men- 
schen noch nicht, weil es sich in einer spateren Zukunft in die Mensch- 
heit einleben soli. Aber was sich vollzogen hat mit dem Christus im Be- 
ginne unserer Zeitrechnung, das wird sich einleben, und die Menschen 
werden nach und nach fahig werden, es zum Ausdruck zu bringen. 
Nach und nach wird es geschehen. Das wollte der Schreiber des Mat- 
thaus-Evangeliums mit seinen Wunderheilungen darstellen. 

So darf ich aus dem okkulten BewuBtsein heraus sagen: Der Schrei- 
ber des Matthaus-Evangeliums wollte uberhaupt keine «Wunder» 



schildern, sondern etwas ganz Natiirliches, etwas Selbstverstandliches. 
Er wollte nur schildern, daft es auf eine neue Art sich vollzog. So 
nehmen sich die Dinge aus, wenn man sie mit wirklich wissenschaft- 
licher Gewissenhaftigkeit darstellt. So daB also das tiefste MiBver- 
standnis gerade gegeniiber den Evangelien Platz gegrifTen hat. 

Wie muB denn nun die Erzahlung, wenn sie sachgemaB ist, weiter- 
gehen? Wir haben gesehen: Was sich in dem Leben des Christus Jesus 
durch die sogenannte Versuchung vollzog, war ein Hinabsteigen in 
alle diejenigen Vorgange, die der Mensch erlebt beim Hinuntersteigen 
in den physischen Leib und Atherleib. Wir haben gesehen, daB die 
Kraft, die von dem physischen und Atherleib ausstromt, fahig wurde, 
so zu wirken, wie es in der Bergpredigt und wie es auch in den nach- 
folgenden Heilungen zum Ausdruck gekommen ist. Das Nachste war, 
daB die Kraft dieses Christus Jesus auch noch so wirkte, wie sonst die 
Kraft eines Eingeweihten in den Mysterien gewirkt hat, so gewirkt 
hat, daB er Schiiler heranzog. Und wieder muBte der Christus Jesus 
naturlich auf seine besondere Art die Schiiler heranziehen. 

Wenn man nun das Matthaus-Evangelium von dies em Punkt aus 
verstehen will, wo sich das Spatere an die Bergpredigt und an die Hei- 
lungen anschlieBt, so gehort dazu als Vorbereitung einiges von dem, 
was wir uns im Laufe der Jahre an Wissen von okkulten Tatsachen er- 
worben haben. Das gehort dazu, daB der Mensch, wenn er nun wirk- 
lich durch die Einweihung hinaufgefuhrt werden soil den Weg in die 
hoheren Welten, zu einer Art von imaginativem Anschauen kommt, 
zu einem Anschauen, das in Imaginationen lebt. Diejenigen, die um 
den Christus Jesus waren, muBten sich nun nicht nur die Fahigkeit er- 
werben, anzuhoren, was in einem solchen majestatischen Kundgeben, 
was in einer solchen Manifestation gegeben ist, wie es die Bergpredigt 
ist, sie muBten nicht nur teilnehmen an dem, was durch den Christus 
Jesus selber bewirkt worden war an Heilungen, sondern es muBte die 
machtige Kraft, die in dem Christus Jesus wirkte, iibergehen auf die 
nachsten Freunde und Jiinger nach und nach. Auch das wird darge- 
stellt. Zunachst wird dargestellt, wie der Christus Jesus nach der Ver- 
suchung imstande ist, die alten Lehren mit einer neuen Nuance zu zei- 
gen und die alten Heilungen durch einen neuen Impuls zu bewirken. 



Dann aber wird gezeigt, wie er in einer neuen Weise auf seine Jiinger 
wirkt, wie die Kraft, die er im hochsten MaBe in sich verkorpert hat, 
auf seine Jiinger-Umgebung wirkt. Wie wird das gezeigt? So, daB das, 
was er darstellt, fur den unempfanglichen Menschen so erscheinen 
muB, daB es auch in Worten ausgedriickt wird. Auf die Empfang- 
lichen aber, die er sich selbst auserwahlt und gefuhrt hatte, wirkte es 
anders. Da wirkte es so, daB es ihnen die Imaginationen gab, daB es die 
nachsthohere Stufe der Erkenntnis erregte. Was von Christus Jesus 
ausging, konnte also in zweierlei Weise wirken : auf die AuBenstehen- 
den so, daB sie seine Worte horten und eine Art Theorie mit seinen 
Worten empfingen; auf die anderen, die seine Kraft miterlebt hatten 
und die er sich auserwahlt hatte, weil er auf sie, wegen ihres besonde- 
ren Karmas, seine Kraft iibertragen konnte, auf sie wirkte seine Kraft 
so, daB sie aus ihrer Seele Imaginationen herausloste, Erkenntnisse, 
die in einer gewissen Weise eine Stufe hoher in die hoheren Welten hin- 
aufweisen. Das ist in dem Ausdruck gegeben «die AuBeren horen nur 
Gleichnisse» - das heiBt, bildliche Ausdriicke fur das Geschehen in der 
geistigen Welt -, «ihr aber vernehmt das, was die Gleichnisse bedeu- 
ten, ihr vernehmt die Sprache, die euch in die hoheren Welten hinauf- 
leitet» (Matth. 13,11). Auch das darf man nicht trivial auffassen, son- 
dern man muB es verstehen im Sinne eines Hinauf leitens der Jiinger in 
die hoheren Welten. 

Und nun wollen wir uns einmal recht hinemvertiefen, wie das Hin- 
auf leiten der Jiinger in die hoheren Welten geschehen sein kann. Aller- 
dings, um das zu verstehen, was ich jetzt sage, dazu gehort nicht nur 
Anhoren, sondern ein wenig guter Wille, der durchsetzt ist mit dem, 
was durch die von Ihnen schon errungenen geisteswissenschaftlichen 
Erkenntnisse gebracht werden kann. Ich mochte Sie moglichst deut- 
lich namlich zu dem fuhren, was das Matthaus-Evangelium eigentlich 
mit den nachsten Schilderungen meint. 

Da erinnern wir uns noch einmal, daB die Einweihung ihre zwei 
Seiten hat. Die eine ist die, wo der Mensch hinuntersteigt in physischen 
Leib und Atherleib, wo er also sein eigenes Inneres kennenlernt, wo er 
hineingefiihrt wird in die Krafte, die im Menschen selber schopferisch 
sind. Und die andere Seite der Initiation ist die, wo der Mensch hin- 



ausgefuhrt wird in die geistige Welt, wo er sich ergieBt in den Makro- 
kosmos. Nun wissen Sie, daB dies in bezug auf die Realitat - nicht in 
be2ug auf das BewuBtsein - ein Vorgang ist, der sich jedesmal beim 
Einschlafen vollzieht : Der Mensch zieht seinen astralischen Leib und 
das Ich aus dem physischen Leib und Atherleib heraus und gieBt sie 
aus in die Sternenwelt, so daB er dann Krafte aus der ganzen Sternen- 
welt saugt; daher der Name «astralischer Leib». "Was der Mensch 
durch jene Art der Einweihung erreichen kann, wenn er mit astrali- 
schem Leib und Ich heraus ist aus physischem Leib und Atherleib, das 
ist nicht nur ein wissentliches Uberschauen dessen, was auf unserer 
Erde ist, sondern das ist ein AusflieBen in den Kosmos, ein Kennen- 
lernen der Sternenwelt und ein Aufnehmen der Krafte, die uns aus der 
Sternenwelt zuflieBen. Dieses aber, was so fur uns als etwas zu gelten 
hat, was sich der Mensch nach und nach durch ein HinausflieBen in 
den Kosmos erwirbt, das war nach der besonderen BeschafTenheit der 
Christus- Wesenheit nach der Johannes-Taufe da. Und nicht nur in je- 
nem Zustande war es da, der einem Schlafzustand glich, sondern es 
war da, wenn er auch nicht schlief, wenn er in seinem physischen Leib 
und Atherleib war; da war er imstande, seine Wesenheit zu verbinden 
mit den Kraften der Sternenwelt und in diese physische Welt die Krafte 
der Sternenwelt hineinzutragen. 

Was der Chris tus Jesus wirkte, kann daher auch so beschrieben wer- 
den, daB man sagt: Er zog herein durch die Attraktion des fur ihn 
besonders zubereiteten physischen Leibes und Atherleibes, durch seine 
ganze Wesenheit, die Kraft der Sonne, des Mondes, der Sternenwelt, 
des Kosmos iiberhaupt, der zu unserer Erde gehort. Und wenn er 
wirkte, so wirkte jetzt durch seine Vermittlung das, was sonst aus dem 
Kosmos an gesundendem, durchkraftendem Leben den Menschen 
durchstromt, wenn er im Schlafzustande auBerhalb des physischen 
Leibes und Atherleibes ist. Die Krafte, durch die der Christus Jesus 
wirkte, waren Krafte, die aus dem Kosmos durch die Anziehung 
seines Leibes herniederstromten und durch seinen Leib ausstromten 
und sich ergossen auf seine Jiinger. Das ring jetzt fur die Jiinger an, 
daB sie durch ihre Empfanglichkeit fiihlen konnten, richtig fiihlen 
konnten : Ja, dieser Christus Jesus vor uns ist eine Wesenheit, durch die 



uns wie eine geistige Nahrung zukommen die Krafte des Kosmos ; da 
ergieBen sie sich iiber uns. 

Die Jiinger selber waren aber in einem zweifachen BewuBtseinszu- 
stande, weil sie noch nicht zum Hochsten entwickelte Menschen wa- 
ren, sondern sich eben erst an dem Christus hinaufrankten zu einer ho- 
heren Entwickelung ; sie selbst waren immer in einem zweifachen Be- 
wuBtseinszustande, der sich vergleichen laBt mit dem Wachen und 
Schlafen des Menschen. Daher kann man von den Jiingern sagen: In- 
dem sie abwechselnd zwischen Schlafen und Wachen in die Moglich- 
keit versetzt waren, in dem einen und dem anderen Zustande die magi- 
sche Kraft des Christus auf sich wirken zu lassen, konnten sie dieselbe 
auf sich wirken lassen bei Tag, wenn er ihnen entgegentrat, aber seine 
Kraft wirkte auch im Schlafe, wenn sie aus dem physischen Leibe und 
Atherleibe heraus waren. Wahrend sonst der Mensch unbewuBt er- 
gossen ist in die Sternenwelt und nichts davon weiG, war dann bei 
ihnen die Christus-Kraft; da wurden sie ihrer ansichtig. Sie war es, von 
der sie wuBten: Sie gibt uns die Nahrung aus den Sternenwelten. 

Aber noch einen anderen Bezug hatte dieser zweifache BewuBtseins- 
zustand der Jiinger. Wir miissen ja sozusagen in einem jeden Men- 
schen, also auch in einem Jiinger Jesu, dasjenige beachten, was der 
Mensch zunachst ist, und das, was er wie eine Anlage fur seine wei- 
tere Zukunft in den folgenden Inkarnationen in sich tragt. In Ihnen 
alien ist ja jetzt schon dasjenige drinnen, was zum Beispiel in einer 
kiinftigen Kulturepoche in einer ganz anderen Weise die Umwelt an- 
sehen wird, wenn es in einer neuen Inkarnation auftreten wird. Und 
wiirde dieses jetzt schon in Ihnen Befindliche hellsichtig werden, so 
wiirde es zunachst, als eine Art ersten hellseherischen Eindrucks, die 
allernachste Zukunft sehen. Was in der nachsten Zukunft geschieht, 
wiirde zu den ersten hellseherischen Erlebnissen gehoren, wenn diese 
rein, echt und wahrhaft sind. - So war es vorziiglich fiir die Jiinger. Im 
normalen WachbewuBtsein noB die Kraft des Christus in sie herein; da 
konnten sie sagen : Wenn wir wachen, flieBt die Kraft des Christus so in 
uns herein, wie sie hereinflieBen muB dadurch, daB wir jetzt in unse- 
rem normalen WachbewuBtsein sind. - Wie war es nun fiir sie im 
Schlafzustande ? Dadurch, daB sie die Jiinger Jesu waren und die Chri- 



stus-Ktaft auf sie gewirkt hatte, wurden sie im Schlafzustande immer 
zu gewissen Zeiten hellseherisch. Da sahen sie aber nicht, was jetzt ge- 
schah, sondern sie sahen, wessen in der Zukunft die Menschen teil- 
haftig werden sollen. Da tauchten sie gleichsam in das Meer des astra- 
lischen Sehens ein und sahen voraus, was in der Zukunft geschehen 
soil. 

So gab es fur die Jiinger zwei Zustande. Einen, da konnten sie sich 
sagen: Es ist unser Tageszustand. In diesem unserem Tageszustande 
bringt uns der Christus aus den kosmischen Weiten die Krafte der kos- 
mischen Weiten und teilt sie uns mit als geistige Nahrung. Er holt uns 
herunter, weil er die Sonnenkraft ist, alles dasjenige, was wir darge- 
stellt haben im Sinne des im Christentum aufgenommenen Zarathu- 
strismus. Er vermittelt das, was die Sonne an Kraften schicken kann 
aus den sieben Sternbildern des Tages. Da herunter kommt die Nah- 
rung fur den Tag. - Fur den Nachtzustand war es so, daB die Junger 
sich sagen konnten: Da nehmen wir wahr, wie durch die Christus- 
Kraft sozusagen die Nachtsonne, die Sonne, die unsichtbar ist wahrend 
der Nacht, die durch die anderen funf Sternbilder geht, in unsere Seele 
hineinsendet die Himmelsspeise. 

So konnten also die Junger in ihrer imaginativen Hellsichtigkeit 
empfinden : Wir sind mit der Christus-Kraft, mit der Sonnenkraft, ver- 
bunden. Sie schickt uns dasjenige zu, was fur die Menschen der Jetzt- 
zeit - das heiBt fur die Menschen der vierten Kulturperiode - «das 
Richtige» ist. Und in dem anderen BewuBtseinszustande schickt uns 
die Christus-Kraft dasjenige zu, was sie uns als Nachtsonne zusenden 
kann, als Kraft von den funf nachtlichen Sternbildern. Dieses aber gilt 
nun fur die auf die damalige Zeit folgende, das heiBt also fur die fiinfte 
Kulturperiode. - Das ist das, was die Junger erfuhren. Wie konnte 
man es ausdriicken? Wir werden in der nachsten Stunde mit einigen 
Worten noch auf Bezeichnungsweisen eingehen; jetzt wollen wir das 
Folgende nur erwahnen. 

Eine Fulle von Menschen wurde nach den alten Bezeichnungswei- 
sen als ein «Tausend» bezeichnet, und man fugte, wenn man speziali- 
sieren wollte, eine Zahl hinzu, die von dem wichtigsten Charakteristi- 
kon hergenommen wurde. Zum Beispiel die Menschen der vierten 



Kulturperiode bezeichnete man als das «vierte Tausend », und die, 
welche schon im Stile der fiinften Kulturperiode lebten, als das «fiinfte 
Tausend». Das sind einfach Termini technici Deshalb konnten die 
Jiinger sagen : Wahrend des Tagzustandes nehmen wir wahr, was die 
Christus-Kraft uns aus den Kraften der Sonne zusendet von den sieben 
Tagessternbildern her, so daB wir dann die Nahrung empfangen, die 
fur die Menschen der vierten Kulturperiode bestimmt ist, fiir das vierte 
Tausend. Und in unserem nachtlichen imaginativen Hellseherzustande 
nehmen wir wahr durch die fiinf Sternbilder der Nacht, was fur die 
nachste Zukunft, was fiir das funfte Tausend gilt. - Es werden also 
die Menschen der vierten Epoche - die Viertausend - genahrt vom 
Himmel herunter durch die sieben Himmelsbrote, durch die sieben 
Sternbilder des Tages; und es werden die Menschen der fiinften 
Epoche - die Fiinftausend - genahrt durch die fiinf Himmelsbrote, 
durch die fiinf Sternbilder der Nacht. Dabei wird immer auf die Schei- 
dung hingedeutet, wo sich die Tagessternbilder mit den Nachtstern- 
bildern beriihren : auf die Fische. 

Es wird darin ein Geheimnis beriihrt. Es wird damit hingedeutet auf 
einen wichtigen Mysterienvorgang : auf den magischen Verkehr des 
Christus mit den Jiingern. Das macht ihnen der Christus klar, daB er 
nicht von dem alten Sauerteig der Pharisaer spricht, sondern ihnen aus 
den Sonnenkraften des Kosmos eine Himmelsspeise vermittelt, die er 
herunterholt, trotzdem nichts zur Verfugung stent, als das eine Mai 
die sieben Tagesbrote, die sieben Sternbilder des Tages, und das andere 
Mai die fiinf Nachtbrote, die fiinf Sternbilder der Nacht. Dazwischen 
immer die Fische, die die Scheidung bilden; ja von zwei Fischen wird 
sogar einmal gesprochen, damit es besonders deutlich ist (Matth. 14, 
13-21, und 15,32-38). 

Wer konnte, wenn er so hineinblickt in diese Tiefen des Matthaus- 
Evangeliums, noch zweifeln, daB es sich wirklich um die Verkiindi- 
gung handelt, die auf Zarathustra zuriickgeht und auf den sie zuriick- 
gehen muBte, weil er derjenige war, der zuerst auf den Geist der Sonne 
hingewiesen hat, und der auch einer der ersten Missionare war, um die 
auf die Erde heruntersteigende magische Sonnenkraft begreiflich zu 
machen denen, die dafiir empfanglich waren! 



Was tun aber wieder leichtfuBige Erklarer der Bibel? Sie finden im 
Matthaus-Evangelium einmal eine Speisung von Viertausend mit sie- 
ben Broten und das andere Mai eine Speisung von Fiinftausend mit 
funf Broten, und sie halten das Zweite ftir eine bloBe Wiederholung 
und sagen: Der nachlassige Schreiber der Urkunde hat, wie es eben 
beim Abschreiben vorkommt, nachlassig kopiert. Er beschreibt daher 
nun das eine Mai eine Speisung von Viertausend mit sieben Broten, 
das andere Mai eine Speisung von Fiinftausend mit funf Broten; das 
kann vorkommen, wenn man nachlassig abschreibt! - Ich zweifle 
nicht, wenn Biicher in der neueren Zeit gemacht werden, daB so etwas 
vorkommen kann. Aber die Evangelien sind in keiner Weise so zu- 
stande gekommen. Wenn darin eine Erzahlung zweimal steht, so hat 
das einen tiefen Grand, den ich jetzt angedeutet habe. Aber gerade 
weil das Matthaus-Evangelium aus diesen Tiefen heraus nach den An- 
gaben schildert, die der groBe Essaerlehrer Jeshu ben Pandira ein Jahr- 
hundert vor dem Erscheinen der Christus-Sonne vorbereitet hat, da- 
mit nachher diese Christus-Sonne verstanden werden kann, deshalb 
mussen wir im Matthaus-Evangelium, wenn wir es wirklich verstehen 
wollen, diese Tiefen auch heraussuchen. - Aber weiter. 

Es hatte der Christus zunachst ausstrahlen lassen von sich auf die 
Jiinger die Kraft des imaginativen, des astralischen Schauens, was er 
hereintragen konnte aus dem astralischen Schauen. Das wird auch 
noch ganz klar angedeutet. Man mochte sagen: Wer Augen hat zu 
lesen, der lese ! - wie man fruher in der Zeit, wo man noch nicht alles 
aufgeschrieben hat, sagte : Wer Ohren hat zu horen, der hore ! - Wer 
Augen hat zu lesen, der lese die Evangelien! 1st es irgendwo angedeu- 
tet, daB diese Kraft der Christus-Sonne in einer anderen Weise den 
Jiingern erschien bei Tag, in einer anderen bei Nacht? Ja, es ist uns 
deutlich angedeutet. Lesen Sie im Matthaus-Evangelium, wie an einer 
wichtigen Stelle erzahlt wird : 

In einer vierten Nachtwache - das heiBt also zwischen drei und sechs 
Uhr morgens - erblickten die Jiinger, die schliefen, wandelnd auf dem 
See das, was sie zuerst fur ein Gespenst hielten, das heiBt die nacht- 
liche Sonnenkraft, die durch Christus zuruckstrahlt (Matth. 14,25-26). 
Da wird sogar der Zeitpunkt angedeutet, weil sie nur zu einer be- 



stimmten Zeit darauf hingewiesen werden konnen, daB diese Kraft 
aus dem Kosmos dutch die Vermittlung eines solchen Wesens, wie 
es der Christus ist, ihnen zustromen kann. DaB also der Christus Jesus 
wandelt in Palastina, und daB in diesem Wandeln dieser einen Per- 
sonlichkeit und Individualitat ein Mittel da war, durch das Sonnen- 
kraft in unsere Erde hineinwirkt, das ist dadurch angegeben, daB 
uberall hingewiesen wird, wie es mit der Sonne stand, wie sie im 
Verhaltnis stand zu den Sternbildern, zu den Himmelsbroten. Diese 
kosmische Natur, dieses Hereinwirken kosmischer Krafte durch den 
Christus, das ist es, was uberall dargelegt wird. Und weiter. 

Der Christus Jesus sollte seine Jiinger - das heiBt die, welche dazu 
besonders geeignet waren - auch noch ganz besonders einweihen, so 
daB sie nicht nur imaginativ, gleichsam wie in astralischen Bildern 
die geistige Welt sehen konnten, sondern daB sie selber sehen, ja, auch 
wohl horen konnten - was wir ofter besprochen haben als das Auf- 
steigen in das Devachan -, was in den geistigen Welten vorgeht. So 
daB sie diese Personlichkeit, welche sie als den Christus Jesus auf 
dem physischen Plan sahen, nun durch ihr geistiges Hinaufragen oben 
aufsuchen konnten in den geistigen Welten. Sie sollten hellsichtig wer- 
den auch noch in hoheren Gebieten als auf dem astralischen Plan. Das 
konnten nicht alle. Das konnten nur die, welche am empfanglichsten 
waren fur die Kraft, welche aus dem Christus ausstrahlen konnte, 
und das waren die drei Jiinger Petrus, Jakobus und Johannes im Sinne 
des Matthaus-Evangeliums. Daher erzahlt es uns (Matth. 17,11-13), 
wie der Christus diese drei am meisten von ihm beeinfluBbaren Jiinger 
hinausnimmt da, wo er sie iiber den astralischen Plan hinauffuhren 
kann ins devachanische Gebiet, wo sie schauen konnten die geistigen 
Urbilder, einmal ihres Christus Jesus selbst und - damit sie die Ver- 
haltnisse sehen konnten, in denen er darinnen stand - auch derer, 
die zunachst im Verhaltnisse standen zum Christus Jesus: des alten 
Verkundigers Elias, der ja auch reinkarniert der Vorlaufer des Chri- 
stus Jesus als Johannes der Taufer war; daB sie also den Elias sehen 
konnten - die Szene spielte sich ab nach der Enthauptung des Jo- 
hannes, als der Johannes schon in die geistigen Welten entriickt war -, 
daB sie aber auch noch schauen konnten den geistigen Vorlaufer, 



Moses. Das konnte erst geschehen dann, als die drei auserlesensten 
Jiinger hinaufgefuhrt wurden zum geistigen, nicht nur zum astrali- 
schen Schauen. Und daB sie tatsachlich in das Devachan hinaufstiegen, 
wird im Matthaus-Evangelium durch folgendes bekundet: Sie schau- 
ten nicht nur den Christus mit seiner Sonnenkraft - es heiBt extra: 
«Und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne » sondern es wirdauch 
davon gesprochen, daB sie aufmerksam werden, wie die drei sich unter- 
halten. Also um einen Aufstieg ins Devachan handelt es sich; sie hor- 
ten, wie sich die drei unterredeten. Alles ist also ganz sachgemaB 
wiedergegeben, so, wie uns die Charakteristik der geistigen Welt durch 
die geisteswissenschaftliche Forschung gegeben ist. Nirgends ein Wi- 
derspruch zwischen dem, was wir gelernt haben, und dem, was sich 
ergeben muB, wenn es sachgemaB in bezug auf den Christus geschil- 
dert wird: das Hinauffuhren der Junger durch ihn selber, zuerst in 
das astralische, dann in das devachanische Gebiet, in das Gebiet des 
Geistes. 

So also wird der Christus Jesus im Matthaus-Evangelium klarlich 
dargestellt als der Behalter, als der Trager fur jene Kraft, von der 
Zarathustra einst verkiindigt hat als von dem Trager der Sonnenkraft. 
Und es ist im Matthaus-Evangelium treulich dargestellt, daB diese 
Kraft der Sonne, der Geist der Sonne - Ahura Mazdao oder Ormuzd -, 
von dem ja Zarathustra nur sagen konnte, daB er in der Sonne lebe, 
durch die Vermittelung des Jesus von Nazareth auf der Erde gelebt hat 
und sich mit dieser Erde so verbunden hat, daB er durch das einmalige 
Leben in einem physischen Leibe, Atherleibe und Astralleibe ein Im- 
puls der Erdenentwickelung geworden ist und sich nach und nach ein- 
leben wird in diese Erdenentwickelung. Das heiBt mit anderen Wor- 
ten : In einer Personlichkeit war die Ichheit einmal so auf der Erde, 
daB die Menschen nach und nach durch ihre folgenden Inkarnationen 
sich die Krafte dieser Ichheit nachfolgend aneignen werden durch Teil- 
nahme an dem Christus oder durch Aufnehmen der Christus- Wesen- 
heit im Sinne des Paulus. Und indem die Menschen von Inkarnation 
zu Inkarnation den Rest der Erdenzeit durchmachen, werden diejeni- 
gen, welche ihre Seele durchdringen wollen mit der Kraft der Person- 
lichkeit, die damals dagestanden hat, zu immer hoheren Hohen steigen. 



Damals konnten die, welche dazu ausersehen waren, mit ihren physi- 
schen Augen im Leibe des Jesus von Nazareth den Christus sehen. 
Einmal muBte es fur die ganze Menschheit im Laufe der Erdenent- 
wickelung geschehen, daB der Christus, der fruher nur als der Geist der 
Sonne zu schauen war, herniedersteigen und sich so verbinden konnte 
mit den Kraften der Erde. 

Und der Mensch ist das Wesen, in dem die Fiille der flutenden Son- 
nenkraft leben sollte, die einmal heruntersteigen und in einem physi- 
schen Leibe wohnen sollte. Damit aber ist die Zeit eingeleitet, wo sich 
die Sonnenkraft ausgieBen wird. Nach und nach wird sie immer mehr 
und mehr einflieBen in die Menschen, die von Inkarnation zu Inkarna- 
tion leben und nach und nach, soweit es der irdische Leib zulaBt, sich 
durchdringen mit der Christus-Kraft. Selbstverstandlich nicht jeder 
physische Leib, wie es auch nur jener besondere Leib war, der in der 
geschilderten Art in bezug auf seine Gliederung auf komplizierte 
Weise durch die beiden Jesusgestalten zubereitet und dann durch Za- 
rathustra auf eine gewisse hochste Stufe gebracht worden ist, damit 
sich in der Tat einmal in seiner Fiille ausleben konnte der Christus. 
Einmal ! 

Sich durchdringen mit der Christus-Kraft zuerst innerlich, dann aber 
auch immer mehr und mehr auBerlich, werden die Menschen, die sich 
dazu herbeilassen. So wird die Zukunft die Wesenheit des Christus 
nicht nur begreifen, sondern sich damit durchdringen. Und fur eine 
groBe Anzahl von Ihnen habe ich auch schon dargestellt, wie der Fort- 
gang dieser Teilnahme an dem Christus fur die Menschheits-Erden- 
entwickelung sein wird. Ich habe sogar darstellen diirfen in dem «Ro- 
senkreuzermysterium» durch die Seherwesenheit der Theodora, die als 
eine Personlichkeit gedacht ist, welche die Kraft in sich entwickelt hat, 
in die nachste Zukunft hineinzuschauen, wie wir einer Periode ent- 
gegenleben, wo in der Tat in einer gar nicht so fernen Zukunft, zuerst 
wenige Menschen, und dann immer mehr und mehr, nicht bloB durch 
geistige Schulung, sondern durch jenen Grad von irdischer Entwicke- 
lung, den die Menschheit erreicht, schauen konnen - aber jetzt in der 
atherischen, nicht in der physischen Welt - die Gestalt des Christus, 
und dann in noch fernerer Zukunft in wieder anderer Gestalt. Einmal 



war er in physischer Gestalt zu schauen, weil es die Menschen, die auf 
dem physischen Plan waren, einmal erleben muBten. Aber es wiirde 
der Christus-Impuls nicht seine Wirkung getan haben, wenn er nicht so 
fortwirken wiirde, daB er sich weiter entwickeln kann. 

Wir leben einer Zeit entgegen - das muB als eine Mitteilung hinge- 
nommen werden wo die hoheren Krafte der Menschen den Christus 
werden schauen konnen. Und das geschieht noch vor Ablauf des 20. 
Jahrhunderts, daB eine geringe Anzahl von Menschen wirklich «Theo- 
doren» sein werden, das heiBt, wo das tatsachlich geofFnete geistige 
Auge das gleiche Erlebnis haben wird, das Paulus hatte vor Damas- 
kus und das er haben konnte, weil er eine «unzeitige Geburt», eine 
Friihgeburt war (l.Kor. 15,8). Es werden eine Anzahl von Menschen 
noch vor Ablauf des 20. Jahrhunderts das Christus-Erlebnis, wie es 
Paulus vor Damaskus hatte (Apg. 9, 1-22), wiedererleben und werden 
keine Evangelien und Urkunden brauchen, wie auch Paulus nichts 
brauchte, um von dem Christus zu wissen. Sie werden durch das 
innerliche Erleben wissen, wie es um den Christus stent, der da er- 
scheinen wird aus den atherischen Wolken heraus. 

Das ist eine Art Wiederkunft des Christus im atherischen Gewande, 
wodurch er sich so zeigt, wie er sich dem Paulus vorherverkiindigend 
gezeigt hat. Wir haben die Aufgabe, ganz besonders zu betonen, daB 
es in der Natur des Christus-Ereignisses liegt, daB derjenige, der im 
Beginne unserer Zeitrechnung als Christus Jesus einmal in einem phy- 
sischen Leibe gelebt hat, in einem atherischen Gewande - wie vor 
Damaskus dem Paulus - erscheinen wird noch vor Ablauf unseres Zeit- 
alters. Und wenn sich die Menschen zu immer hoheren Fahigkeiten er- 
heben werden, werden sie die ganze Fiille der Natur des Christus ken- 
nenlernen. Aber es gabe keinen Fortschritt, wenn der Christus noch 
ein zweites Mai in einem physischen Leibe erscheinen muBte; denn 
dann ware er das erste Mai vergeblich erschienen. Dann hatte sein 
erstes Erscheinen nicht bewirkt, daB sich hohere Krafte im Menschen 
entwickeln. Das ist das Ergebnis des Christus-Ereignisses, daB sich 
hohere Krafte im Menschen entwickeln, und daB er geschaut werden 
kann mit diesen neuen Kraften da, wo er herauswirkt aus der geistigen 
Welt. Und wir haben die Aufgabe, wenn wir den historischen Kampf 



der Gegenwart verstehen, auf dieses Ereignis hinzuweisen, in unserer 
Zeit so hinzuweisen, wie vorher hingewiesen hat vorherverkiindi- 
gend der Essaerlehrer Jeshu ben Pandira auf den Christus, der als der 
Lowe aus dem Stamme David hervorgehen sollte, dabei wiederum hin- 
weisend auf die Sonnenkraft, auf das Sternbild des Lowen. Und wenn 
die Menschheit - ich will das nur andeutend sagen - heute das Gluck 
haben konnte, daB jener Jeshu ben Pandira, der damals inspiriert 
wurde von dem groBen Bodhisattva, der einst der Maitreya Buddha 
sein wird, sich in unserer Zeit wieder inkarnieren wiirde, so wiirde er 
es als die wichtigste Aufgabe betrachten, hinzuweisen auf den atheri- 
schen Christus, der in den atherischen Wolken erscheint, und er wiirde 
betonen, daB einmal das Christus-Ereignis im physischen Leibe sich 
abgespielt hat. 

Nehmen wir an, jene Jesusgestalt, die als der Sohn des Pandira un- 
gefahr hundertfiinf Jahre vor dem Christus-Ereignis in Palastina ge- 
steinigt worden ist, wiirde in einer Wiederverkorperung in unserer 
Zeit hinweisen auf die Christus-Erscheinung, dann wiirde sie hinwei- 
sen auf den Christus, der nicht im Physischen erscheinen kann, son- 
dern der da erscheinen muB in einem atherischen Gewande, geradeso 
wie er dem Paulus vor Damaskus erschienen ist. Und daran gerade 
wiirde man den etwa wiederinkarnierten Jeshu ben Pandira erkennen 
konnen. Dann aber ist es auf der anderen Seite das Wesentliche, daB 
sozusagen das neue Essaertum eingesehen wiirde, daB wir zu lernen 
haben von dem, der einst Maitreya Buddha sein wird, wie der Chri- 
stus fiir unser Zeitalter erscheinen wird, und daB wir uns eminent zu 
hiiten haben, ein falsches Urteil zu bekommen von jenem etwa wie- 
derzuerstehenden Essaertum in unserem Zeitalter. 

Eines kann als ein sicheres Kennzeichen angegeben werden, welches 
sozusagen diesen etwa wiedererstandenen Jeshu ben Pandira in un- 
serem Zeitalter auszeichnen konnte; das muB als ein sicheres Kenn- 
zeichen angegeben werden, daB er sich nicht fiir den Christus ausgeben 
wird. Alle, die etwa in unserem Zeitalter auftreten wiirden und ir- 
gendwie davon sprechen konnten, daB in ihnen dieselbe Kraft lebe, die 
im Jesus von Nazareth gelebt hat, wiirden an dieser Behauptung zu 
erkennen sein als falsche Individualitaten jenes hundert Jahre vor dem 



Christus lebenden Vorlaufers, Diese Behauptung wiirde ein sicherstes 
Kennzeichen sein, daB er es nicht ist, und daB ein falscher Vorherver- 
kiindiger in ihm auftreten wiirde, wenn er sich in irgendein Verhaltnis 
zum Christus selbst setzen wiirde. Aber die Gefahr ist ungeheuer groB, 
die auf diesem Gebiete sich geltend machen karm. Denn in unserer 
Zeit schwankt die Menschheit zwischen zwei Extremen'. Man betont 
auf der einen Seite so stark, wie in unserer Zeit die Menschheit nicht 
geneigt ist anzuerkennen, was an geistigen Kraften unter den Men- 
schen wirkt. Es ist schon eine auf der StraBe liegende Wahrheit ge- 
worden, auf die sogar die Zeitungen immer wieder hinweisen, daB 
unser Geschlecht nicht die Gabe und die Kraft habe anzuerkennen, 
wenn irgendwie eine originale geistige Kraft sich zeige. Das ist die 
eine Unart unseres Zeitalters. Es ist wahr, daB sich die groBte Wieder- 
verkorperung in unserer Zeit abspielen konnte und unser Zeitalter 
stumpf dafiir sein konnte, sie voriibergehen lassen konnte, ohne sich 
darum zu kummern! Und die andere Unart ist nicht minder vorhan- 
den, allerdings eine Unart, die unser Zeitalter mit vielen anderen ge- 
meinsam hat : Geradeso wie unterschatzt werden die geistigen Indivi- 
dualitaten, so daB sie nicht anerkannt werden, so ist auf der anderen 
Seite wieder unter den Menschen das lebhafteste Bedurfnis vorhan- 
den, zu vergottern, heraufzuheben irgendwie in eine besondere Wol- 
kenhohe. Sehen Sie sich iiberall heute die Gemeinden an, die ihre 
besonderen Messiasse haben, wie dort iiberall das Bedurfnis vorhan- 
den ist, zu vergottern. Das ist es allerdings auch, was sich immer 
wieder und wieder in den Jahrhunderten gezeigt hat. 

So erzahlt Maimonldes von einem solchen falschen Christus, der in 
Frankreich aufgetreten ist ungefahr um 1087, der damals zahlreiche 
Anhanger gehabt hat, aber dann nachher auch von der weltlichen 
Obrigkeit zum Tode verurteilt worden ist. Derselbe Maimonides 
erzahlt [1172] weiter, daB fiinfundfunfzig Jahre friiher [1117] zu 
Cordoba in Spanien jemand aufgetreten ist, der sich fur den Christus 
ausgegeben hat. Weiter erzahlt er, wie ungefahr fiinfundvierzig Jahre 
friiher, also um 1127, zu Fez in Marokko ein falscher Messias auf- 
getreten ist, der auf einen noch groBeren hingewiesenhat. Endlichwird 
berichtet aus dem Jahre 1174, wie in Persien einer aufgetreten ist, der 



sich selbst allerdings nicht als Christus bezeichnet hat, aber auf den 
Christus hingewiesen hat. Und die krasseste Erscheinung ist die, wel- 
che ich auch schon erwahnt habe : das Auftreten des Sabbatai Zewi 
im Jahre 1666 in Smyrna. 

An dieser Gestalt, die von sich behauptete, eine Wiederverkorpe- 
rung des Christus zu sein, kann man geradezu die Natur eines fal- 
schen Messias und ihre Wirkung auf die Umgebung auf das genaueste 
studieren. So ist damals von Smyrna aus die Kunde ergangen, daB ein 
neuer Christus aufgetreten ist in der Person des Sabbatai Zewi. Und 
Sie durfen nicht glauben, daB die Bewegung damals eine geringe war. 
Aus alien Teilen Europas, aus Frankreich, aus Spanien und Italien, aus 
Polen, Ungarn, SudruBland, aus Nordafrika und aus dem Inneren 
Asiens, wanderten die Leute nach Smyrna, um den neuen Christus ken- 
nenzulernen, Sabbatai Zewi. Es war eine ganz groBe Weltbewegung. 
Und hatte man den Menschen, die damals in Sabbatai Zewi einen 
neuen Christus sahen, bis er sich selbst verriet, bis man hinter seine 
Schliche kam, hatte jemand den Menschen gesagt, daB er nicht der 
wirkliche Christus ware, der ware schlecht angekommen, der hatte 
verstoBen gegen das Dogma einer ungeheuer groBen Anzahl von 
Menschen. - Das ist die andere Unart, eine Unart, die sich vielleicht 
nicht gerade in chrisdichen Gegenden, aber in anderen Gegenden 
taglich zeigt. Es ist das Bedurfnis vorhanden, Messiasse in irdischer 
Verkorperung auftreten zu lassen. In christlichen Landern spielen die 
Dinge sich gewohnlich im kleineren Kreise ab; aber da finden sich 
auch schon Christus se. 

Es handelt sich nun darum, daB der Mensch durch seine geistes- 
wissenschaftliche Erkenntnis, durch seine geisteswissenschaftliche 
Auf klarung, durch genaue Einsicht in das Tatsachenmaterial, die der 
Okkultismus gibt, weder in den einen noch in den anderen Fehler ver- 
fallt. Und wenn man die Lehren, die in diesem Sinne gegeben sind, ver- 
steht, wird man sich von dem einen und von dem anderen Fehler fern- 
halten. Und dann wird man ein wenig eindringen in die tiefste histori- 
sche Tatsache der Gegenwart: daB uns zuteil werden kann, wenn wir 
tiefer in das spirituelle Leben eindringen, eine Art Wiedererneuerung 
des Essaertums, das damals auf dem Umwege durch den Mund des 



Jeshu ben Pandira zunachst vorherverkiindete das Christus-Ereignis 
als ein physisches. Und wenn die Essaerlehre in unserer Zeit wieder er- 
neuert werden soli, wenn wir leben wollen nicht im Geiste einer Tra- 
dition von einem alten Bodhisattva, sondern im Sinne des lebendigen 
Geistes eines neuen Bodhisattva, so mussen wir uns ebenso inspirieren 
lassen von dem Bodhisattva, der einst der Maitreya Buddha werden 
wird. Und dieser Bodhisattva inspiriert uns so, daB er darauf aufmerk- 
sam macht: Die Zeit riickt heran, wo der Christus in neuer Form, in 
einem atherischen Leibe, eine Gnade sein wird fur diejenigen Menschen, 
welche durch eine neue Essaerweisheit die neuen Krafte entwickeln in 
der Zeit, wo die Wiederkunft des Christus im atherischen Gewande 
an die Menschen belebend herantreten wird. Ganz im Sinne des inspi- 
rierenden Bodhisattva, der der Maitreya Buddha werden soil, wollen 
wir reden. Wir wissen dann, daB wir nicht im Sinne irgendeines Reli- 
gionsbekenntnisses von dem Christus reden, wie er wiederum wahr- 
nehmbar werden soli fur den physischen Plan, und wir scheuen uns 
nicht zu sagen : Uns ware gleichgxiltig, wenn wir etwas anderes sagen 
muBten, weil wir es als Wahrheit erkennen. Wir haben auch keine Vor- 
liebe fur irgendeine orientalische Religionslehre, sondern wir leben 
nur fur die Wahrheit. Wir sprechen es mit den Formeln aus, die wir 
kennenlernen aus der Inspiration des Bodhisattva selber, wie die kiinf- 
tige Erscheinung des Christus sein wird. 



ELFTER VORTRAG 
Bern, 11. September 1910 



Auf die Versuchungsgeschichte, die wir darstellen konnten als Impuls 
fur eine besondere Art der Einweihung, folgte das, was der Christus 
Jesus zunachst seinen Jiingern als Verbreiter der alten Lehren in einer 
vollstandig neuen Form werden konnte, sodann, was er werden konnte 
nicht nur als Verbreiter von Lehren, sondern, wenn der Ausdruck 
gebraucht werden darf, als Kraft, als gesundende Kraft der Menschen. 
Das ist dargestellt in den Heilungen. Dann haben wir gestern jenen 
tJbergang gemacht, der, wie ich sagte, einigen guten Willen zum Ver- 
standnis voraussetzt, guten Willen, der sich ergibt aus einer Verarbei- 
tung der geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse, wie man sie im Laufe 
von Jahren in sich aufgenommen haben kann. Wir haben den tJber- 
gang gemacht zu jener eigentiimlichen Art von lebendiger Belehrung 
durch Ubergabe von Kraften, die ausgingen von dem Christus Jesus 
und sozusagen in die Seelen seiner Jiinger einstrahlten. Und wir haben 
versucht, so gut es ging, ein gewaltiges Mysterium mit Menschenwor- 
ten auszudriicken. Wir haben versucht, darauf aufmerksam zu machen, 
wie diese Lehre war, die der Christus Jesus seinen Jiingern zu geben 
hatte. Er war eine Art Sammelpunkt, ein Sammelwesen fiir Krafte, die 
aus dem Makrokosmos in die Verhaltnisse der Erde einflossen und zu 
den Seelen der Jiinger hinstromen sollten, und die nur durch jene 
Krafte gesammelt werden konnten, die in der Wesenheit des Christus 
Jesus vereinigt waren. Die Krafte, welche sonst den Menschen nur 
unbewuBt wahrend des Schlafzustandes zustromen, sie stromten aus 
Weltenweiten durch die Wesenheit des Christus Jesus den Jiingern zu 
als die belehrenden und belebenden Krafte des Kosmos selber. In den 
Einzelheiten kann man naturlich diese Krafte, welche aufklarende 
Krafte iiber das Weltendasein sind, nur charakterisieren, wenn man 
sich einlaBt auf die verschiedenen Konstellationen im Kosmos. Und 
auf dieses Mysterium werden wir heute noch, insofern es das Mat- 
thaus-Evangelium darstellt, hinzuweisen haben. Vorerst aber haben 
wir uns klarzumachen, wie die Jiinger zunehmen muBten an Weisheit 



gegeniiber den Verhaltnissen der Erde dadurch, daB die Krafte des 
Christus Jesus auf sie hiniiberstrahlten. Sie muBten sozusagen in sich 
selber, in ihrem Leben, in ihrer lebendigen Weisheit wachsen, wach- 
sen in der verschiedensten Weise. 

Nun wird uns gerade eine eigentumliche Art in dem Wachstum eines 
der Jiinger oder Apostel dargestellt. Aber wir werden dieses einzelne, 
besonders Bedeutsame in dem Leben eines Apostels nur verstehen, 
wenn wir es aus einem groBen Zusammenhange herausholen. Da rniis- 
sen wir uns klarmachen, daB der Mensch ja in der Menschheitsevolu- 
tion fortschreitet. Wir machen nicht umsonst Inkarnation nach Inkar- 
nation durch. So haben wir in der nachatlantischen Zeit nicht umsonst 
Inkarnationen durchgemacht innerhalb der ersten nachatlantischen 
Kulturperiode, der indischen, dann in der persischen Kulturperiode, in 
der agyptisch-chaldaischen, in der griechisch-lateinischen und so wei- 
ter, sondern diese Inkarnationen machen wir durch als die groBe Le- 
bensschule, damit wir in jeder dieser Inkarnationen aus den Verhalt- 
nissen, die in diesen Kulturperioden vorhanden sind, etwas aus der 
Umgebung aufnehmen. Dadurch wachsen wir allmahlich. Und worin 
besteht dieses Wachstum des Menschen durch die einzelnen Epochen 
der Menschheitsevolution hindurch? 

Der Mensch hat ja, wie wir aus den elementarischen Anschauungen 
der Anthroposophie wissen, verschiedene Glieder seiner Wesenheit. 
Wenn wir sie in unserem Sinne aufzahlen wollen, haben wir physischen 
Leib, Atherleib, Astralleib, mit dem Astralleib verkniipft die Emp- 
findungsseele, dann die Verstandes- oder Gemiitsseele, die BewuBt- 
seinsseele. Dann haben wir an hoheren Gliedern der menschlichen Na- 
tur, zu denen wir uns hinaufentwickeln : Geistselbst, Lebensgeist und 
den Geistesmenschen. Nun wurde uns in der Tat in jeder der nach- 
atlantischen Kulturepochen etwas gegeben fur diese einzelnen Glieder 
unserer Menschennatur. So wurde in der ersten Epoche, in der altindi- 
schen Kultur, dem Menschen etwas an Kraften eingefugt, wodurch er 
in seinem Atherleibe mehr wurde, als er friiher war. Was ihm in dieser 
Beziehung eingepragt werden sollte in seinen physischen Leib, das 
wurde ihm schon in den letzten Zeiten der atlantischen Periode ein- 
gefugt. Mit dem Atherleibe dagegen beginnen jene Gaben, die dem 



Menschen wahrend der nachatlantischen Zeit zukommen sollten. So 
wurden ihm in der altindischen Zeit die Krafte gegeben, die seinem 
Atherleibe eingepflanzt werden sollten; dann in der urpersischen Zeit 
die Krafte, die seinem astralischen Leibe, dem Empfindungsleibe, ein- 
gepflanzt werden sollten; wahrend der agyptisch-chaldaischen Zeit die 
Krafte fur die Empfindungsseele. Wahrend der vierten Kulturperiode, 
der griechisch-lateinischen Zeit, wurden ihm eingepragt die Krafte der 
Verstandes- oder Gemiitsseele; und jetzt leben wir in dem Zeitalter, 
wo die entsprechenden Krafte, die in diese Linie gehoren, nach und 
nach der BewuBtseinsseele eingepragt werden sollen. In diesem Ein- 
pragen ist die Menschheit noch nicht sehr weit vorgeschritten. Dann 
wird ein sechster nachatlantischer Zeitraum kommen, wo in die Men- 
schennatur eingepragt werden die Krafte des Geistselbst und im sie- 
benten Kulturzustande die Krafte des Lebensgeistes. Und dann blik- 
ken wir auf feme Zukiinfte hin, wo uns der Geistesmensch oder 
Atma in dem normalen Menschentum eingepragt werden soli. 

Nun betrachten wir diese menschliche Entwickelung in bezug auf 
den einzelnen Menschen. Wie wir jetzt den Menschen betrachten miis- 
sen, so betrachten ihn stets die, welche von den wahren Verhaltnissen 
dieser Dinge aus den heiligen Mysterien heraus etwas wuBten. So 
muBten ihn auch nach und nach betrachten lernen die Jiinger durch 
die belebende, belehrende Kraft, die ausstromte von dem Christus 
Jesus und auf sie uberging. Wir konnen daher sagen: Wenn wir den 
Menschen betrachten - jetzt oder auch zur Zeit des Christus Jesus -, 
so liegen in ihm Anlagen, wie zum Beispiel in einer Pflanze Anlagen 
liegen, die auch schon dann vorhanden sind, wenn die Pflanze nur die 
griinen Blatter und noch nicht Bliite und Frucht hat. Eine solche 
Pflanze, die nur griine Blatter hat, schauen wir an und wis sen: So wahr 
die Pflanze da ist, hat sie schon in sich die Anlage zur Bliite und zur 
Frucht, die sie entwickeln wird, wenn alles regelmaBig geht. So wahr 
aus der Pflanze, auch wenn sie erst die griinen Blatter hat, heraus- 
wachsen Bliite und Frucht, so gewiB ist es, daB aus dem Menschen, der, 
wie es zur Zeit des Christus Jesus der Fall war, nur Empfindungsseele 
und Verstandes- oder Gemiitsseele hat, die BewuBtseinsseele heraus- 
wachst, die sich dann ofTnet dem Geistselbst, damit die oberste Drei- 



heit als Neues wie eine gottlich-geistige Gabe dem Menschen zuflieBen 
kann. Deshalb konnen wir sagen : Der Mensch entfaltet sich aus dem, 
was seine Seeleninhalte, was seine Seeleneigenschaften sind. So, wie 
sich die Pflanze, die nur grime Blatter hat, zu Bliite und Frucht ent- 
faltet, so entfaltet sich der Mensch in der Weise, daB er aus Empfin- 
dungsseele, Verstandesseele und BewuBtseinsseele etwas wie eine 
Bliite seines Wesens dem entgegenhalt, was ihm als ein Gottliches von 
oben herunterkommt, damit er durch den Empfang des Geistselbst 
einen weiteren Weg in die Hohen der Menschheitsentwickelung durch- 
machen kann. 

In dieser Weise konnten die Menschen, die zur Zeit des Christus 
Jesus bloB das AuBere ganz normal entwickelt hatten, sagen: Ja, jetzt 
ist erst normalerweise die Verstandes- oder Gemiitsseele entwickelt, 
die noch nicht ein Geistselbst in sich aufnehmen kann, aber es wird 
sich aus demselben Menschen, der jetzt die Verstandes- oder Gemiits- 
seele als Hochstes entwickelt hat, herausentwickeln als sein Kind, als 
sein Ergebnis, die BewuBtseinsseele, die sich dann orTnen kann dem 
Geistselbst. 

Und was der Mensch nach seiner ganzen Wesenheit sozusagen als 
seine Bliite entfalten muBte, was da aus ihm herauswuchs, was sich er- 
gab aus seiner Natur, wie nannte man das in den Mysterien? Wie 
muBte man es daher auch in der Umgebung des Christus Jesus nennen, 
wenn die Junger wirklich vorwartskommen wollten? Man nannte es 
- wenn wir es in unsere Sprache iibersetzen wollen - mit dem Aus- 
druck «Sohn des Menschen »; denn das griechische Wort viog rov 
glvSqcotzov hat durchaus nicht die eingeschrankte Bedeutung unseres 
«Sohn» als «Sohn eines Vaters», sondern dessen, was sich ergibt als 
Nachkomme einer Wesenheit, was herauswachst aus einer Wesenheit 
wie die Bliite aus einer bisher nur blattertragenden Pflanze. Daher 
konnte man, als die normalen Menschen noch nicht in der BewuBt- 
seinsseele jene Bliite ihrer Wesenheit entwickelt hatten, noch nichts 
von dem vloq tov dv6Q(x)7iov in sich hatten, sagen: Ja, die normalen 
Menschen haben noch nichts von dem «Sohn des Menschen » ent- 
wickelt, aber es muB ja immer Menschen geben, die ihrem Geschlechte 
voranschreiten, die schon in einer friiheren Zeit das Wissen und das 



Leben einer spateren Epoche in sich haben. Unter den Fiihrern der 
Menschheit muB es solche geben, die im vierten Zeitraum, wo nor- 
malerweise nur die Verstandes- oder Gemiitsseele entwickelt ist, trotz- 
dem sie auBerlich ausschauen wie die anderen Menschen, doch inner- 
lich schon die Moglichkeit der BewuBtsemsseele entwickelt haben, in 
die hineinleuchtet das Geistselbst. - Und solche «Menschens6hne» 
gab es. Und die Jiinger des Christus Jesus sollten daher heranwachsen 
zum Verstehen, welches die Natur und Wesenheit dieser Fiihrer der 
Menschheit ist. 

Da fragte der Christus Jesus, um sich zu iiberzeugen, wie sie dariiber 
denken, zunachst seine intimen Schiiler, seine Jiinger: Sagt rnir etwas 
davon, von welchen Wesen, von welchen Menschen man sagen kann, 
daB sie Menschensohne sind diesem Geschlecht? - So etwa rniiBte 
man die Frage stellen, wenn man sie im Sinne der aramaischen Ur- 
schrift des Matthaus-Evangeliums stellen wollte; denn ich habe schon 
darauf aufmerksam gemacht, daB in der griechischen Ubertragung, 
wenn man sie gut versteht, zwar noch alles besser ist, als es heute aus- 
gelegt wird, daB aber trotzdem notwendigerweise manches bei der 
Obertragung aus der aramaischen Urschrift undeutlich geworden ist. 
Also miissen wir uns den Christus Jesus vor seinen Jiingern stehend 
denken und sie fragend: Was herrscht als Anschauung dariiber, wer 
von jenen Menschen des vorangegangenen Geschlechts, die schon in 
den griechisch-lateinischen Zeitraum hineingehorten, Menschensohne 
waren? Da zahlten sie ihm auf: Elias, Johannes der Taufer, Jeremias 
und sonstige Propheten. Das wuBten die Jiinger durch die belehrende 
Kraft, die ihnen durch den Christus geworden war, daB jene Fiihrer 
Krafte in sich aufgenommen hatten, durch die sie hinaufgewachsen 
waren bis zum Insichtragen des Menschensohnes. Bei derselben Ge- 
legenheit gab einer der Jiinger, der Petrus gewohnlich genannt wird, 
noch eine andere Antwort (Matth. 16,13-16). 

Um diese andere Antwort zu verstehen, miissen wir uns ganz fest in 
die Seele geschrieben sein lassen, was wir gerade in den verflossenen 
Tagen als die Mission des Christus Jesus im Sinne des Matthaus-Evan- 
geliums gezeigt haben: daB durch den Christus-Impuls fur die Men- 
schen die Moglichkeit gegeben war, das voile Ich-BewuBtsein auszu- 



bilden, das, was in dem «Ich bin» Kegt, zur hochsten Bliite zu bringen. 
Mit anderen Worten : Auch in der Initiation sollten die Menschen ge- 
gen die Zukunft hin so in die hoheren Welten hineinwachsen, daB das 
Ich-BewuBtsein, das wir als normale Menschen heute nur fur die phy- 
sische Welt haben, voll erhalten bleibt bei alien Wegen in die hoheren 
Welten hinauf. DaB dies sein kann, wurde ermoglicht durch das Da- 
sein des Christus Jesus in der physischen Welt. So diirfen wir sagen: 
Es ist der Christus Jesus der Reprasentant derjenigen Kraft, welche der 
Menschheit das voile BewuBtsein des «Ich bin» gegeben hat. 

Ich habe schon besonders darauf hingewiesen, wie die Evangelien- 
interpretationen der freisinnigen oder gar evangeliengegnerischen 
Richtungen gerade das Wichtige gewohnlich nicht betonen. Sie wei- 
sen immer darauf hin, daB einzelne Wortfolgen der Evangelien und so 
weiter schon fruher irgendwo vorgekommen sind. So zum Beispiel 
konnten sie darauf hinweisen, daB selbst der Inhalt der Seligpreisun- 
gen schon fruher da war. Aber, was nicht da war - darauf miissen wir 
immer wieder hinweisen was fruher nicht unter Aufrechterhaltung 
des Ich-BewuBtseins der Menschen erreicht werden konnte, das wird 
durch den Christus-Impuls fur die menschliche Eigenheit erreicht wer- 
den konnen! Das ist auBerordentlich bedeutsam. Ich habe die einzelnen 
Glieder der Seligpreisungen auseinandergelegt und habe gezeigt, daB 
es im ersten Satze heiBen muB: «Selig sind die Bettler urn Geist», weil 
nach der Menschheitsevolution derjenige Mensch arm an Geist ist, der 
nicht mehr hineinschauen kann in die geistige Welt im Sinne des alten 
Hellsehens. Aber den Trost und die Auf klarung gibt ihnen der Chri- 
stus : Wenn sie auch nicht mehr durch die alten Hellseherorgane hin- 
einschauen konnen in die geistige Welt, so werden sie jetzt durch sich 
selbst, durch ihr Ich hineinschauen konnen, denn: « Durch sich selber 
werden sie finden die Reiche der Himmel!» (Matth. 5,3). Ebenso der 
zweite Satz: «Selig sind, die da Leid tragen» (Matth. 5,4). Sie brau- 
chen nicht mehr hineinzuwachsen durch das alte Hellsehervermogen 
in die Spharen der geistigen Welt; sie werden ihr Ich so entwickeln, 
daB sie hinaufwachsen konnen in die geistige Welt. Aber dazu muB das 
Ich immer mehr und mehr die Kraft aufnehmen, die in dem Christus 
als in einer einzigartigen Wesenheit einmal auf der Erde verankert war. 



Es sollten die gegenwartigen Menschen ein klein wenig gerade bei 
solchen Sachen wirklich iiberlegen : Nicht umsonst steht in diesen Se- 
ligkeiten der Bergpredigt iiberall in jedem einzelnen Satze ein griechi- 
sches Wort, das sehr wichtig ist : on avrcbv eonv fj ^aaiXsia rcov qvqclvcdv. 
Wenn wir also den ersten Satz nehmen: «Selig sind die Bettler urn 
Geist», so wiirde es dann weiter heiBen: «In ihnen selbst» - oder 
«durch sich selbst werden sie haben die Reiche der Himmel.» Auf die- 
ses «in ihnen selbst » wird immer hingedeutet; im zweiten Satz, im 
dritten Satz und so weiter, immer wird darauf hingewiesen. - Ver- 
zeihen Sie, wenn ich Sie jetzt auf etwas GroBes in bezug auf unsere 
Zeit in einer sehr trivialen Weise hinweise. Unsere Zeit wird sich ent- 
schlieBen miissen, das Wort avrcbv «auton» - was in unserem «Auto- 
mobil» liegt - nicht bloB auf Maschinen anzuwenden, nicht immer nur 
in der auBerlichsten Weise zu verstehen, sondern sie wird sich ent- 
schlieBen miissen, auch auf dem geistigen Gebiete die Eigenheit des 
on avrcbv, der Inbetriebsetzung zu verstehen. Das ist etwas, was unsere 
Zeit wohl als eine Mahnung aufnehmen darf : In bezug auf Maschinen 
liebt sie das Durch-Eigenheit-in-Betrieb-Setzen; aber in bezug auf das, 
was fruher auBerhalb des Ich-BewuBtseins war, und was in alien alten 
Mysterien bis zum Christus-Ereignis hin auBerhalb des Ich-BewuBt- 
seins erlebt wurde, sollte die Menschheit auch lernen das Durch-Eigen- 
heit-in-Betrieb-Setzen, so daB der Mensch nach und nach der selbst- 
schopferische Urheber von alledem werden kann. Und das wird ge- 
rade die heutige Menschheit verstehen lernen, wenn sie sich mit dem 
Chris tus-Impuls durchdringen wird. 

Wenn wir dies ins Auge fassen, werden wir sagen : Es bedeutet die 
Frage, welche der Christus Jesus nach der anderen Seite an die Jiinger 
stellte, noch etwas ganz Besonderes. Erst fragte er : Wer konnte von 
denen, welche die Fuhrer waren dieses Geschlechtes, als ein Men- 
schensohn bezeichnet werden? Und die Jiinger wiesen hin auf einzelne 
der Fiihrer. Dann fragte er noch etwas anderes. Er wollte es allmahlich 
dahin bringen, daB sie seine eigene Natur verstehen, daB sie verstehen, 
was er reprasentiert fur die Ichheit. Das liegt in der anderen Frage : 
«Und was denkt ihr, daB ich bin?» Und das «Ich bin» muB in jedem 
einzelnen Falle gerade in dem Matthaus-Evangelium besonders betont 



werden. Da gab Petrus eine Antwort, die dahin ging, daB er jetzt den 
Christus nicht bloB bezeichnete als Menschensohn, sondern daB er 
ihn bezeichnete - und wir konnen das Wort immer so iibersetzen, wie 
es gebrauchlich ist - als den «Sohn des lebendigen Gottes». Was ist 
im Gegensatz zum « Menschensohn » der «Sohn des lebendigen Got- 
tes»? Um diesen BegritT zu verstehen, miissen wir die Tatsachen 
erganzen, die wir vorhin ausgesprochen haben. 

Der Mensch, haben wir gesagt, entwickelt sich so hinauf, daB er in 
seiner Wesenheit die BewuBtseinsseele entfaltet, in der das Geistselbst 
erscheinen kann. Wenn er aber die BewuBtseinsseele entwickelt hat, 
miissen ihm Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch gleichsam 
entgegensteigen, damit seine sich offtiende Bliite diese obere Dreiheit 
aufhehmen kann. Diese Hinaufentwkkelung des Menschen konnen 
wir auch graphisch darstellen gleichsam wie eine Hinaufentwkkelung 
von einer Art Pflanze : 



In der BewuBtseinsseele offhet sich der Mensch, und es kommt ihm 
entgegen das Geistselbst oder Manas, der Lebensgeist oder die Budhi 




CJeisiesmensdj. 



und der Geistesmensch oder Atma. Das ist also etwas, was gleichsam 
dem Menschen als das Geistbefruchtende von oben entgegenkommt. 
Wahrend der Mensch mit den anderen Gliedern von unten herauf- 
wachst und sich offhet zur Bliite des Menschensohnes, muB ihm, wenn 
er weiterschreket und das vollstandige Ich-BewuBtsein aufnehmen 
will, von oben entgegenkommen, was ihm entgegenbringt Geistselbst, 
Lebensgeist und Geistesmensch. Und der Reprasentant dessen, was 
ihm von oben heruntergebracht wird, was in die fernste Menschen- 
zukunft hindeutet, wer ist das ? Die erste Gabe empfangen wir als das 
Geistselbst. Wessen Reprasentant ist der, der die Gabe bringen wird 
des herunterkommenden Geistselbst ? Das ist der Sohn des Gottes, der 
lebt, der Lebensgeist, der «Sohn des lebendigen Gottes »! 

Also es fragt der Christus Jesus in diesem Augenblick: Was muB 
durch meinen Impuls an den Menschen herankommen? Dasjenige, was 
das belebende Geistprinzip von oben ist, muB an den Menschen her- 
ankommen! So stehen sich gegemiber der «Menschensohn», der von 
unten nach oben wachst, und der Gottessohn, der «Sohn des lebendi- 
gen Gottes », der von oben nach unten wachst. Die mussen wir unter- 
scheiden. Aber wir mussen es begreif lich finden, daB diese Frage fur 
die Jiinger eine schwierigere war. Diese Frage wird Ihnen in ihrer gan- 
zen Schwierigkeit fur die Jiinger besonders dann vor die Seele treten, 
wenn Sie bedenken, daB die Jiinger ja alles das erst empfmgen, was die 
einfachsten Menschen nach der Zeit des Christus Jesus schon einge- 
pflanzt erhalten haben durch die Evangelien. Die Jiinger muBten es 
alles erst durch die lebendigen Lehrkrafte des Christus Jesus in sich 
aufnehmen. Es war in den Kraften, die sie bereits entwickelt hatten, 
keine Verstandnisfahigkeit fiir das, was Antwort geben konnte auf die 
Frage: Wessen Reprasentant bin ich selber? Da wird darauf hingewie- 
sen, daB einer der Jiinger, der Petrus hieB, die Antwort gab : «Du bist 
der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes» (Matth. 16, 16). Das war 
in diesem Augenblicke eine Antwort, die, wenn wir so sagen diirfen, 
nicht aus den normalen Geisteskraften des Petrus heraus war. Und der 
Christus Jesus - versuchen wir die Sache dadurch lebendig darzustel- 
len, daB wir etwa in gewissem Sinne an die Anschaulichkeit appel- 
Ueren -, er muBte sich sagen, indem et den Petrus ansah: Es ist viel, 



daB aus diesem Munde diese Antwort gekommen ist, die sozusagen 
auf eine fernste Zukunftszeit hindeutet. - Und wenn er dann auf das 
blickte, was in dem BewuBtsein des Petrus war, was in ihm bereits so 
war, daB er mit dem Intellekt oder mit den Kraften, zu denen er es 
durch die Einweihung gebracht hatte, eine solche Antwort geben 
konnte, dann muBte der Christus sich sagen : Aus dem, was der Petrus 
bewuBt weiB, ist es nicht heraus ; da reden jene tieferen Krafte, die im 
Menschen sind und die der Mensch erst nach und nach zu bewuBten 
Kraften macht. 

Wir tragen in uns physischen Leib, Atherleib, Astralleib und Ich. 
Wir kommen hinauf zum Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmen- 
schen durch Umwandlung der Krafte des astralischen Leibes, des 
Atherleibes und des physischen Leibes. Das ist in der elementaren 
Geisteswissenschaft oft dargestellt worden. Aber die Krafte, die wir 
einmal in unserem Astralleibe als Geistselbst entwickeln werden, sind 
in unserem Astralleibe schon darinnen; nur sind sie von gottlich-geisti- 
gen Machten darinnen und nicht von uns entwickelt. Und ebenso ist in 
unserem Atherleib schon ein gottlich-geistiger Lebensgeist darinnen. 
Daher sagt der Christus, indem er auf Petrus sieht: Was da gegenwartig 
ist in deinem BewuBtsein, das hat nicht aus dir gesprochen; sondern es 
hat etwas gesprochen, was du erst in der Zukunft entwickeln wirst, 
was zwar in dir ist, aber wovon du noch nichts weiBt. Was schon in 
deinem Fleisch und Blut ist, kann noch nicht so sprechen, daB das 
Wort zutage tritt: «Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes», 
sondern da reden die tief unter der Schwelle des BewuBtseins liegenden 
gottlich-geistigen Krafte, die tiefsten sogar, die in dem Menschen drin- 
nenstecken. - Das geheimnisvolle Hohere im Petrus, was der Christus 
den «Vater im Himmel» nennt, die Krafte, aus denen Petrus zwar ge- 
boren ist, deren er sich aber noch nicht bewuBt ist, die haben in diesem 
Augenblick aus ihm gesprochen. Daher das Wort : «Was du als Mensch 
aus Fleisch und Blut gegenwartig bist, hat dir das nicht eingegeben, 
sondern der Vater in den Himmeln» (Matth. 16,17). 

Dabei muBte aber der Christus noch etwas anderes sagen. Er muBte 
sich sagen : In dem Petrus habe ich eine Natur vor mir, einen Jiinger, 
dessen ganze menschliche Konstitution so ist, daB durch die Krafte, 



die schon das BewuBtsein entwickelt hat, daB durch die ganze Art und 
Weise, wie die Geistestatigkeit wirkt, nicht gestort wird die Vaterkraft 
in ihm ; sie ist so stark, diese unterbewuBte Menschenkraft, daB er auf sie 
bauen kann, wenn er sich dieser unterbewuBten Menschenkraft iiber- 
laBt. Das ist das Wichtige in ihm, konnte sich der Christus sagen. Was 
so in ihm ist, das ist aber auch in jedem Menschen. Nur bewuBt ist es 
noch nicht weit genug, das wird sich erst in der Zukunft entwickeln. 
Soil sich das, was ich der Menschheit zu geben habe, und wofiir ich der 
Impuls bin, weiter entwickeln und die Menschen ergreifen, so muB es 
sich auf das begriinden, was da in dem Petrus eben gesprochen hat: 
«Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes !» Auf diesen Felsen 
im Menschen, den noch nicht zerstort haben die brandenden Wogen 
des schon entwickelten BewuBtseins, was da als die Vaterkraft spricht, 
darauf will ich das bauen, was immer mehr und mehr hervorsprieBen 
soli aus meinem Impuls. - Und wenn die Menschen diese Grundlage 
entwickeln, wird sich das ergeben, was die Menschheit des Christus- 
Impulses sein wird. - Das liegt in den Worten: «Du bist der Petrus, 
und auf diesen Felsen will ich bauen, was eine Menschengemeinde 
ergeben kann, was eine Summe von Menschen ergeben kann, die sich 
zum Christus-Impuls bekennen!» (Matth. 16,18). 

So leicht, wie die Diskussionen heute flieBen - denn ein besonderer 
Streit herrscht fast in der ganzen Welt iiber diese Worte -, so leicht sind 
diese Worte, die im Matthaus-Evangelium stehen, wahrhaftig nicht 
zu nehmen. Sie sind nur zu verstehen, wenn man sie aus der Tiefe 
jener Weisheit, die zugleich die Mysterienweisheit ist, herausschopft. 

Und jetzt soli klar und deutlich noch etwas anderes gezeigt werden: 
daB namlich wirklich auf die tiefere, unterbewuBte Kraft in Petrus von 
dem Christus Jesus gebaut wird. Denn im nachsten Augenblick redet 
der Christus von den nachsten Ereignissen, die sich abspielen sollen. 
Von dem, was als das Mysterium auf Golgatha geschehen soli, be- 
ginnt er zu reden. Und jetzt ist der Augenblick schon vorbei, wo das 
tiefer in Petrus Liegende spricht; jetzt spricht das in Petrus, was 
in ihm schon bewuBt ist. Jetzt kann er nicht verstehen, was der 
Christus damit meint, kann nicht glauben, daB Leiden und Sterben ein- 
treten sollen. Und wo der bewuBte Petrus spricht, der schon die be- 



wuBten eigenen Krafte in sich entwickelt hat, da muB ihn der Christus 
zurechtweisen, indem er sagt: Jetzt redet nicht irgendein Gott, son- 
dern jetzt spricht das, was du schon als Mensch entwickelt hast; das ist 
unwert, daB es emporwachst; das ist aus einer Lehre der Tauschung; 
das ist aus Ahriman, das ist des Satans! - Das liegt in dem Wort: 
«Hebe dich, Satan, von mir! Du bist mir argerlich; denn du meinest 
nicht, was gottlich, sondern was menschlich ist» (Matth. 16,23). Der 
Christus nennt ihn gleich den Satan ; er wendet gerade das Wort Satan 
an fur Ahriman, wahrend sonst in der Bibel Diabolus steht fur alles 
Luziferische. Da gebraucht der Christus in der Tat fur die Tauschung, 
der sich Petrus noch hingeben muB, das richtige Wort. 

So verhalten sich die Dinge wirklich. Was hat nun die moderne, po- 
pulate Bibelkritik daraus gemacht? Sie hat gefunden: Es ist doch ganz 
unmoglich, daB der Christus Jesus gegeniibersteht dem Petrus und von 
ihm das eine Mai sagt: Du hast allein begriffen, daB ein Gott dir 
gegeniibersteht! - wahrend er gleich darauf ihn das andere Mai einen 
Satan nennt. Und die Bibelkritiker sagen nun : Also muB man daraus 
schlieBen, daB das Wort Satan, das Christus zu Petrus gesprochen 
haben soli, von einem anderen spater eingeschoben worden ist, daB es 
also eine Falschung ist. - Richtig ist dabei nur, daB die Meinung, die 
man in der Gegenwart iiber den tieferen Sinn dieser Worte aus der 
philologischen Forschung hat, gar nichts wert ist, wenn nicht voran- 
geht das sachliche Verstandnis der biblischen Urkunden. Erst auf 
Grundlage des sachlichen Verstandnisses der Bibel ist es moglich, daB 
der Mensch wirklich auch etwas sagen kann iiber die geschichtliche 
Entstehung der entsprechenden Urkunden. 

Aber zwischen diesen beiden Worten, die ich angefiihrt habe, liegt 
noch ein anderes. Und das werden wir nur verstehen konnen, wenn 
wir ins Auge fassen eine uralte und doch immer neue Mysterienlehre, 
die Lehre, daB der Mensch, so wie er auf der Erde ist, und nicht nur 
der Mensch selbst, sondern eine jede Menschengemeinde, eine Art 
Abbild ist fur dasjenige, was im groBen Kosmos, im Makrokosmos 
vor sich geht. Wir haben das insbesondere schildern konnen bei der 
Besprechung der Abstammung des Jesus von Nazareth. Wir haben ge- 
sehen, wie jenes Wort, das zu Abraham gesprochen ist, eigentlich be- 



deutet: «Deine Nachkommenschaft soli sein ein Abbild der Ordnung 
der Sterne am Himmel» (l.Mose 22,17). Was am Himmel ist als die 
Ordnung der zwolf Sternbilder und als der Gang der Planeten durch 
den Tierkreis, das soil sich wiederholen in den zwolf Stammen und in 
dem, was das hebraische Volk durchmacht durch drei mal vierzehn 
Generationen hindurch. Also in der Aufeinanderfolge der Generatio- 
nen mit der eigentumlichen Vererbung durch die Blutsverbande in 
den zwolf Stammen soil ein Abbild der makrokosmischen Verhalt- 
nisse gegeben werden. Das ist dem Abraham gesagt worden. 

In dem Augenblick, da der Christus Jesus den Petrus gegeniiber hat, 
der in seiner tieferen Natur begreifen kann, was eigentlich mit dem 
Christus-Impuls gegeben ist - die hinunterflieBende geistige Kraft 
durch den Sohn des lebendigen Gottes -, da weiB der Christus, daB er 
die Umstehenden darauf hinweisen kann, daB jetzt auf der Erde etwas 
Neues beginnt, ein neues Abbild gegeben werden kann. Wahrend fur 
Abraham in der Blutsverwandtschaft das Abbild der kosmischen Ver- 
haltnisse gegeben war, soil jetzt in den ethisch-moralisch-geistigen 
Verhaltnissen ein Abbild dessen geformt werden, was der Mensch 
durch sein Ich werden kann. Wenn die Menschen verstehen werden in 
demselben Sinne, wie es die bessere Natur in Petrus versteht, was der 
Christus ist, dann werden sie nicht nur solche Gemeinschaften, solche 
Ordnungen einfiihren, die auf Blutsverwandtschaft benihen, sondern 
solche, welche bewuBt von Seele zu Seele das Band der Liebe spin- 
nen. Das heiBt: Wie in dem jiidischen Blute, in den Faden, die durch 
die Generationen hindurchgingen, zusammengefiigt war, was im Men- 
schengeschlecht zusammengefiigt werden sollte nach dem Vorbild 
des Makrokosmos, und wie das, was auseinandergelost war im Men- 
schengeschlecht, eben auch auseinandergelost war nach den Ordnun- 
gen am Himmel, so sollte jetzt aus dem bewuBten Ich heraus in den 
ethisch-moralisch-geistigen Verhaltnissen dasjenige entstehen, was die 
Menschen trennt oder in Liebe zusammenhalt. Die Ordnungen der 
Menschen sollten geformt werden oder harmonisiert werden aus dem 
bewuBten Ich heraus. Das liegt in den Worten, die der Christus Jesus 
spricht als Fortsetzung der Antwort, die er dem Petrus gegeben hat: 
«Was du auf Erden binden wirst - was die tiefere Natur in dir bin- 



det -, das ist dasselbe, was im Himmel gebunden ist, und was dieselbe 
Natur hier unten lost, das ist etwas, was auch im Himmel gelost wird» 
(Matth. 16,19). 

In den alteti Zeiten lag alle Bedeutung des Menschenzusammenhan- 
ges in der Blutsverwandtschaft. Immer mehr und mehr aber soli der 
Mensch hineinwachsen in die geistigen, moralischen, spirituellen Ver- 
bande. Wenn wir das ins Auge fassen, miissen wir sagen : Es muB dem 
Menschen dasjenige, was er als Gemeinde griindet, etwas werden. 
Wenn wir anthroposophisch sprechen, konnen wir sagen : Das Einzel- 
karma des Menschen muB sich verbinden mit dem Karma von Ge- 
meinschaften. Sie konnen es schon durchaus wissen aus dem, was in den 
vernossenen Jahren ausgefuhrt worden ist. Wie es nicht der Karma- 
idee widerspricht, wenn ich einem Armen etwas schenke, ebenso- 
wenig widerspricht es der Karmaidee, wenn einem Menschen das- 
jenige, was er als sein Einzelkarma hat, von einer Gemeinde abge- 
nommen wird. Die Gemeinde kann mittragen das Los des einzelnen. 
Das Karma kann so verbunden werden, daB die Gemeinde mittragt an 
dem Karma des einzelnen. Es kann mit anderen Worten folgendes im 
moralischen Zusammenhange eintreten : Das einzelne Glied innerhalb 
dieser Gemeinde begeht etwas Unrechtes. Das wird ganz gewiB in das 
Karma der einzelnen Personlichkeit eingeschrieben sein, und es 
muB im groBen Weltzusammenhange ausgetragen werden. Aber es 
kann sich ein anderer Mensch finden, der sagt: Ich helfe dir das Karma 
austragen ! - Erfullt muB das Karma werden, aber der andere kann ihm 
helfen. So konnen ganze Gemeinden dem helfen, der ein Unrecht be- 
gangen hat. Es kann der einzelne sein Karma so mit der Gemeinde 
vernochten haben, daB er, weil die Gemeinde ihn als eines ihrer Glie- 
der betrachtet, etwas, was ihn betrifft, bewuBt abgenommen erhalt, daB 
die ganze Gemeinde mitfuhlt und mit will den einzelnen bessern; so 
daB die Gemeinde sprechen kann: Du einzelner hast unrecht getan, 
aber wir treten fur dich ein! Wir iibernehmen das, was zur Ausbesse- 
rung des Karma fuhrt. - Will man die Gemeinde «Kirche» nennen, so 
legt sich die Kirche damit die Verpflichtung auf, die Sunden des ein- 
zelnen auf sich zu nehmen, sein Karma mitzutragen. Es handelt sich 
nicht um das, was man heute Siindenvergebung nennt, sondern um 



ein reales Band, urn ein Aufsichnehmen von Siinden. Und darum han- 
delt es sich, daB die Gemeinde dies bewuBt auf sich nimmt. 

Wenn man in dieser Art und Weise das «Binden» und «L6sen» 
versteht, dann muBte man bei jeder Siindenvergebung, wenn man sie 
richtig versteht, an die Verpflichtung denken, die der Gemeinde da 
heraus erwachst. So spinnt sich dadurch, daB die Faden der einzelnen 
verwoben werden in das Karma der ganzen Gesellschaft, ein Netz. 
Und dieses Netz soli durch das, was der Christus heruntergebracht hat 
aus geistigen Hdhen, in seiner Charakteristik ein Abbild sein der Ord- 
nung am Himmel, das heiBt, nach der Ordnung der geistigen Welt soli 
das Karma des einzelnen mit dem Gesamtkarma verbunden sein, nicht 
in beliebiger Weise, sondern so, daB der Gemeindeorganismus ein Ab- 
bild der Ordnung im Himmel werde. Damit beginnt diese Szene des 
sogenannten Petrus-Bekenntnisses fur die, welche anfangen sie zu ver- 
stehen, einen unendlichen tiefen Sinn zu haben. Es ist sozusagen die 
Stiftung der auf die Ich-Natur gebauten Menschheit der Zukunft. Das 
ist es, was in diesem vertraulichen Gesprach zwischen dem Christus 
und seinen nachsten Schiilern sich abspielt, daB der Christus iibertragt 
die Kraft, die er aus dem Makrokosmos herunterbringt, auf das, was 
die Junger stiften sollen. Und von jetzt ab ist es im Matthaus-Evan- 
gelium Schritt fur Schritt ein Hinauffuhren der Junger zu dem, was in 
sie einflieBen kann von der Sonnenkraft und Kosmoskraft, welche die 
Christus- Wesenheit sammelt, um sie auf die Junger zu iibertragen. Wir 
wissen ja, daB die eine Seite der Initiation ein Hinausgehen in den Ma- 
krokosmos ist. Und weil der Christus der Impuls zu einer solchen In- 
itiation ist, deshalb fiihrt er seine Junger, indem er sie fiihrt, hinaus in 
den Kosmos. Wie der einzelne zu Initiierende, wenn er diese Initia- 
tion durchmacht, bewuBt hineinwachst in den Makrokosmos und 
Stuck fur Stuck von ihm kennenlernt, so schreitet der Christus gleich- 
sam den Makrokosmos ab, zeigt uberall die Krafte, die da spielen und 
hereinstrdmen, und iibertragt sie auf die Junger. 

Ich habe gestern schon an einer Stelle darauf hingewiesen, wie das 
geschieht. Stellen wir uns so recht die Szene vor : Ein Mensch schlaft 
ein. Dann liegen im Bette physischer Leib und Atherleib, wahrend 
von ihm astralischer Leib und Ich ausgegossen sind in den Kosmos 



und die Krafte des Kosmos in diese Glieder eindringen. Trate nun der 
Christus da zu ihm, so wiirde er die Wesenheit sein, die ihm bewuBt 
diese Krafte heranzieht und beleuchtet. So ist es aber gerade mit der 
Szene, die uns dargestellt wird : Die Jiinger fahren hin in der letzten 
Nachtwache; da sehen sie, daB das, was sie erst fur ein Gespenst ange- 
sehen haben, der Christus ist, der die Kraft des Makrokosmos in sie 
einflieBen laBt (Matth. 14,25-26). Es ist handgreiflich dargestellt, wie 
er die Jiinger hinfuhrt zu den Kraften des Makrokosmos. 

Und die nachsten Szenen des Matthaus-Evangeliums stellen nichts 
anderes dar, als wie der Christus die Jiinger hinausfiihrt Schritt fur 
Schritt die Wege, die der zu Initiierende geht. Es ist so, wie wenn der 
Christus selbst das durchmachte und Schritt fur Schritt seine Jiinger an 
den Handen fiihrte an die Statten, wohin der zu Initiierende gefiihrt 
wird. Ich will Ihnen eines sagen, an dem Sie so recht sehen konnen, 
wie Schritt fur Schritt der Christus die Jiinger hinausfiihrt in den 
Makrokosmos. 

Wenn man lebendige Anschauungen hat von der geistigen Welt, 
und wenn die hellseherischen Krafte heranwachsen, lernt man so man- 
ches kennen, was man vorher nicht kennen kann. So lernt man erken- 
nen, wie eigentlich zum Beispiel der Zusammenhang in den fort- 
schreitenden Wachstumsverhaltnissen der Pflanze ist. Der materiali- 
stische Sinn wird von der Pflanze sagen: Hier habe ich eine Bliite - 
nehmen wir an eine Bliite, die Friichte tragt da wird sich Same ent- 
wickeln. Den Samen kann man herausnehmen, kann ihn in die Erde 
versenken, das Samenkorn verfault, und es erscheint eine neue Pflanze, 
die auch wieder Samen tragt. So geht es von PflanzensproB zu Pflan- 
zensproB weiter. Der materialistische Sinn wird dabei denken, daB 
irgend etwas von dem verfaulenden Samenkorn ubergeht in die neue 
Pflanze. Der materialistische Sinn kann gar nicht anders denken als, 
wenn es auch noch so klein, noch so winzig ist, so muB doch irgend 
etwas materiell iibergehen. Aber so ist es nicht. Tatsachlich wird in 
bezug auf das Materielle die ganze alte Pflanze zerstort. Es geschieht 
ein Sprung in bezug auf das Materielle, und die neue Pflanze ist mate- 
riell etwas ganz Neues. Es geschieht tatsachlich eine Neubildung. 

Man lernt nun die wichtigsten Verhaltnisse in der Welt dadurch 



kennen, daB man dieses eigentiimliche Gesetz begreifen und anwen- 
den lernt auf den ganzen Makrokosmos, daB in der Tat in bezug auf die 
materiellen Verhaltnisse Spriinge geschehen. Das hat man in den My- 
sterien in ganz besonderer Weise ausgedriickt. Man hat gesagt: Es 
muB der zu Initiierende beim Hinausschreiten in den Kosmos auf einer 
Stufe die Krafte kennenlernen, die diese Spriinge bewirken. Nun lemt 
man etwas kennen im Kosmos, wenn man in irgendeiner Richtung 
geht, die dadurch ausgedriickt wird, daB man die Sternbilder zu Hilfe 
nimmt. Die sind dann wie Buchstaben. Wenn wir so in einer bestimm- 
ten Richtung hinauswachsen, erleben wir das Uberspringen von dem 
Vorfahren zu dem Nachkommen, sei es auf dem Gebiet des Pflanz- 
lichen, des Tierischen, des Menschlichen, oder sei es auf dem Gebiete 
des planetarischen Daseins; denn auch zum Beispiel beim tjbergang 
vom Saturn zur Sonne ging alles Materielle verloren. Das Geistige 
blieb, alles Materielle zerstob. Das Geistige war es, das den Sprung be- 
wirkte. Ebenso war es beim tjbergang von Sonne zu Mond, vom 
Mond zur Erde. Im kleinsten und im groBten ist das so. - Es gibt nun 
zwei Zeichen, ein altes, wodurch man bildlicher, mehr in imaginativer 
Schrift darstellte, und dann ein neueres Zeichen als Darstellung fur 
das Sprunghafte. Das neue konnen Sie in den Kalendern finden. Wenn 
die Evolution weitergeht, ringelt das alte sich ein, etwa wie eine Spi- 
rale, und die neue Evolution geht dann wie eine zweite Spirale aus der 
alten hervor, indem sie von innen nach auBen weitergeht. Aber es geht 
die neue Evolution nicht so weiter, daB sie sich unmittelbar an die 
alte anschlieBt, sondern zwischen dem Ende der alten und dem Be- 
ginn der neuen ist ein kleiner Sprung, dann erst geht es weiter. 



So erhalten wir diese Figur : Zwei sich ineinanderschlingende Spira- 
len, in der Mitte ein kleiner Sprung: das Zeichen des Krebses, das 




uns symbolisieren soli das Hinauswachsen in den Makrokosmos und 
darstellen soil das Entstehen irgendeines neuen Sprosses innerhalb 
irgendeiner Evolution. 

Nun gab es noch ein anderes Zeichen in der Darstellung dieser Ver- 
haltnisse. So sonderbar es ihnen scheinen mag, es war so gebildet, daB 
man einen Esel und sein Fiillen abbildete, den Vorfahren und den 
Nachkommen. Das sollte darstellen das eigentliche Ubergangs vernal t- 
nis von einem Zustand in den anderen. Und in der Tat wird sogar das 
Sternbild des Krebses in alten Abbildungen sehr haufig so dargestellt, 
daB man einen Esel und sein Fiillen abbildete. Das zu wissen ist nicht 
unwichtig. Es ist eine wichtige Lehre fur den Menschen zum Ver- 
standnis dessen, daB auch beim Aufstieg in den Makrokosmos ein 
solcher wichtiger Ubergang ist, indem der Mensch hinaufwachst in die 
geistige Welt, aber dann an ganz neue Erleuchtungen ankniipfen muB. 
Das wird ganz richtig dargestellt, indem man es in der Sternensprache 
so darstellt, wie wenn die physische Sonne durchgeht durch das Stern- 
bild des Krebses und, nachdem sie den hochsten Punkt erreicht hat, 
wieder einen Abstieg durchmacht. So ist es auch, wenn der zu Initiie- 
rende erst durchmacht den Aufstieg in die geistige Welt, urn die 
Krafte kennenzulernen, und dann die Krafte, wenn er sie erkannt hat, 
wieder heruntertragt, um sie der Menschheit dienstbar zu machen. 

DaB der Christus Jesus dies den Jiingern vorfiihrt, wird im Mat- 
thaus-Evangelium (Matth. 21,1-11) wie auch in den anderen Evange- 
lien erzahlt. Und es wird so erzahlt, daB er nicht durch das bloBe Wort 
wirkt, sondern daB er seinen Jiingern vorfiihrt die Imagination, das 
lebendige Bild dessen, was er selbst vollzieht, wo er entgegengeht 
jener Hohe, zu der in der Zeit die Menschheit durch ihre Entwicke- 
lung hinansteigen soli. Da gebraucht er das Bild des Esels und seines 
Fiillens; das heiBt, er fiihrt die Junger an das Verstehen dessen hin, 
was im geistigen Leben entspricht dem Sternbild des Krebses. Das ist 
also ein Ausdruck fur etwas, was sich zugetragen hat in dem geistig- 
lebendigen, spirituellen Verhaltnis zwischen dem Christus und seinen 
Jiingern. Und das ist etwas von solcher Majestat und GroBe, daB es 
nicht ausgedriickt werden kann, indem man Menschenworte aus 
irgendeiner Sprache wahlt, sondern nur dadurch, daB der Christus die 



Jiinger riineinfiihrt in die Verhaltnisse der spirituellen Welt und ihnen 
in den physischen Verhaltnissen Abbilder schafft fur die makrokos- 
mische Welt. Da fuhrt er sie hinauf bis zu der Stelle, wo die Krafte 
des Initiierten wieder nutzbar werden fiir die Menschheit. Da steht er 
auf der Hohe, die nur angedeutet werden kann, indem er sagt: Er steht 
in der Sonnenhohe in dem Zeichen des Krebses ! Kein Wunder daher, 
wenn das Matthaus-Evangelium an dieser Stelle darauf aufmerksam 
macht, daB das Christus-Leben fiir seine Erdenzeit auf seiner Hohe 
angekommen ist, und machtig darauf hinweist mit den Worten: «Ho- 
sianna in der H6he!» Da ist jeder Ton so gewahlt, daB durch das, 
was da geschieht, die Jiinger heranwachsen, damit wiederum durch 
das, was in ihnen vorgeht, in der Menschheit heranwachsen kann, was 
durch den Christus Jesus in die Entwickelung der Menschheit hat hin- 
eingebracht werden konnen. 

Und die nachfolgende Passahgeschichte ist dann nichts anderes als 
das jetzt real-lebendige EinflieBen dessen, was zuerst einflieBen sollte 
in die Jiinger als eine Lehre und dann magisch einflieBen soil in die 
Menschheit durch die Krafte, die vom Mysterium von Golgatha aus- 
gegangen sind. So miissen wir den weiteren Fortgang des Matthaus- 
Evangeliums begreifen. Wir werden dann auch begreifen, wie der 
Schreiber des Matthaus-Evangeliums sich immer bewuBt geblieben ist, 
daB er sozusagen aufmerksam zu machen hat auf den Kontrast zwi- 
schen der lebendigen Lehre, die aus den kosmischen Hohen gehort 
worden ist, und die fiir die Jiinger gilt, und demjenigen, was den AuBen- 
stehenden entgegentreten kann, die nicht empfanglich sind fiir die 
Krafte des Christus Jesus selber. Deshalb treten uns jene Ausfiihrun- 
gen entgegen in den Gesprachen mit den Schriftgelehrten und Phari- 
saern, die wir morgen betrachten wollen. Heute aber wollen wir noch 
darauf aufmerksam machen, daB der Christus Jesus, nachdem er seine 
Jiinger so weit gefiihrt hat, als es ging, und sie hat teilnehmen lassen 
an den Statten, wohin der zu Initiierende gefiihrt wird, er ihnen auch 
noch in Aussicht gestellt hat, daB, wenn sie diesen Weg gehen, sie sel- 
ber erleben werden das Hineinwachsen in die geistige Welt des Makro- 
kosmos. Er sagt ihnen, daB sie selber die Veranlagung zur Initiation 
haben, daB sie ihnen bevorsteht, und daB sie sich hinausleben werden 



in die makrokosmische Welt, wo sie die wahre Natur des Christus im- 
mer mehr und mehr werden erkennen konnen als desjenigen Wesens, 
das alle geistigen Raume erfullt, und das sein Abbild gehabt hat in dem 
Jesus von Nazareth. DaB sie zu dieser Initiation heranreifen, daB sie 
Menschheitsinitiierte werden, das muBte der Christus seinen Schiilern 
sagen. Er konnte sie noch darauf aufmerksam machen, daB man zur 
selbstandigen Initiation nur heranwachsen kann, indem man in Ge- 
duld und Ausdauer das Innere reifen laBt. 

Was muB denn heranwachsen im Inneren des Menschen, wenn das 
Innere immer machtiger wird, und wenn der Mensch die hellseheri- 
sche, hohere Kraft entwickelt? Seine Anlagen mussen so heranwach- 
sen, daB er aufnehmen kann die Krafte des Geistselbst, des Lebens- 
geistes und des Geistesmenschen. Wann es aber eintreten wird, daB 
jene Kraft von oben in ihn hereinleuchten wird, welche den Menschen 
zum Initiierten, zum Teilnehmer macht an den Reichen der Himmel, das 
hangt ab von dem Augenblicke, in dem der Mensch reif werden kann; 
es hangt ab von dem Karma des einzelnen. Wer weiB das? Nur die 
hochsten Initiierten wissen das. Das wissen die, welche auf niederen 
Stufen der Initiation stehen, noch nicht. 1st irgendeine Individualitat 
reif, hineinzuwachsen in die geistige Welt, so kommt auch fur sie die 
Stunde des Hineinwachsens. GewiB, sie kommt, aber sie kommt so, 
daB es sich der Mensch nicht versieht, sie kommt « wie der Dieb in der 
Nacht» (Matth. 24,43). Aber wie wachst der Mensch hinein in die 
geistige Welt? 

Die alten und in gewisser Beziehung auch die neueren Mysterien 
hatten drei Stufen fur die makrokosmische Einweihung. Die erste 
Stufe war die, wo der Mensch so hinein wuchs, daB er alles wahrnahm, 
was man durch das Geistselbst wahrnehmen kann. Da ist er nicht nur 
ein Mensch im neuen Sinne, sondern da ist er zu dem hinaufgewach- 
sen, was man im Sinne der Hierarchien die Engelnatur nennt ; das ist 
die nachste iiber dem Menschen stehende Hierarchic So nannte man 
in den persischen Mysterien auch den, der hineinwuchs in den Makro- 
kosmos, so daB das Geistselbst in ihm tatig war, entweder einen 
«Perser», weil ein solcher nicht mehr ein einzelner war, sondern dem 
Engel des persischen Volkes angehorte. Oder man nannte solche Men- 



schen direkt Engel oder Gottesnaturen. Die nachste Stufe ist dann die, 
wo der Lebensgeist entsprechend erwacht. Einen Menschen auf dieser 
Stufe nannte man entweder einen « Sonnenhelden» im Sinne der persi- 
schen Mysterien, weil er dann aufnahm die Kraft der Sonne, sich von 
unten heraufentwkkelte zu den Kraften der Sonne, wo die geistige 
Kraft der Sonne der Erde entgegenkam, man nannte ihn aber audi 
einen «Sohn des Vaters». Und denjenigen, in den das Atma oder der 
Geistesmensch hineinragte, nannte man in den alten Mysterien den 
«Vater». Das waren die drei Stufen des zu Initiierenden : Engel, Sohn 
oder Sonnenheld und Vater, 

Nur die hochsten Initiierten haben ein Urteil dariiber, warm im 
Menschen die Initiation erwachen kann. Daher sagte der Christus : Die 
Initiation wird kommen, wenn ihr auf den Wegen weiterschreitet, die 
ich euch jetzt gefuhrt habe. Ihr werdet aufsteigen in die Reiche der 
Himmel, aber die Stunde ist weder bekannt den Engeln, die mit dem 
Geistselbst initiiert sind, noch dem Sohn, dem mit dem Lebensgeist 
Initiierten, sondern nur den hochsten Eingeweihten, die mit dem «Va- 
ter» initiiert sind. - Daher spricht hier wieder ein Wort des Matthaus- 
Evangeliums zu uns, das absolut konform ist mit der Mysterientradi- 
tion. Und wir werden sehen, daB die Verkiindigung des Rekhes der 
Himmel nichts anderes ist als die Voraussage an die Junger, daB sie die 
Initiation erleben werden. DaB er das meint, dariiber spricht sich der 
Christus Jesus des Matthaus-Evangeliums noch besonders aus (Matth. 
24). Wenn man die Stelle richtig liest, um die es sich da handelt, kann 
man es mit Handen greifen, daB der Christus auf gewisse Lehren hin- 
weisen will, die damals im Umlauf waren iiber das Hinaufwachsen in 
die Reiche der Himmel. Man hatte dieses Hinaufwachsen in die Reiche 
der Himmel materiell genommen, indem man glaubte, daB die ganze 
Erde hinaufwachsen wiirde, wahrend man hatte wissen miissen, daB 
nur einzelne zu Initiierende durch ihre Initiation hinaufwachsen; das 
heiBt, es entstand die Anschauung bei einzelnen, daB demnachst in 
materieller Weise eine Transformation der Erde in den Himmel statt- 
finden werde. Und der Christus macht noch besonders darauf aufmerk- 
sam, indem er sagt, daB welche kommen werden, die das behaupten. 
Er nennt sie Lugenpropheten und falsche Messiasse (Matth. 24,24). 



Deshalb ist es ganz sonderbar, daB heute noch einige der Evangelien- 
erklarer davon fabeln, daB die Anschauung von einem materiell her- 
annahenden Gottesreich eine Lehre des Christus Jesus selber gewesen 
sei. Wer das Matthaus-Evangelium wirklich lesen kann, der weiB, daB 
das, was der Christus Jesus meint, ein spiritueller Vorgang ist, zu dem 
der 2u Initiierende hinaufwachst, 2u dem aber auch im Laufe der 
Erdenentwickelung die ganze Menschheit, welche sich an den Christus 
halt, hinaufwachsen wird, aber hinaufwachsen wird, indem sich die 
Erde selber vergeistigt. 

Auch von dieser Seite miissen wir tiefer hineinblicken in das ganze 
Gefuge des Matthaus-Evangeliums, und wir bekommen dann auch vor 
diesem Evangelium jene groBe Ehrfurcht insbesondere auch dadurch, 
daB wir sozusagen in keinem anderen Evangelium so leicht dahin ge- 
fuhrt werden konnen, formlich zu belauschen, wie der Christus Jesus 
zuerst vom Ich-Standpunkte aus seine Schuler belehrt. Wir sehen seine 
Scbiiler um ihn stehen und sehen, wie durch den Menschenleib das 
hindurchwirkt, was die Krafte des Kosmos sind. Wir sehen, wie er 
seine Jiinger an der Hand fuhrt, damit sie kennenlernen konnen, was 
der zu Initiierende lernen kann. Wir belauschen menschliche Verhalt- 
nisse, wie sie sich bilden konnen um den Christus Jesus. Das macht 
uns das Matthaus-Evangelium zu einem so menschlich nahen Produkt. 
Wir lernen so recht durch das Matthaus-Evangelium den Menschen 
Jesus von Nazareth, den Trager des Christus, kennen. Wir lernen 
alles kennen, was er wirkt, indem er sich herablaBt in die mensch- 
liche Natur. Ja, auch die Himmelsvorgange sind in den Tatsachen 
des Matthaus-Evangeliums in so recht menschliche Verhaltnisse ge- 
kleidet. 

Wie dies auch fur die anderen, nicht nur fur die Verhaltnisse der 
Initiation der Fall ist, davon in dem nachsten, letzten Vortrag. 



ZWOLFTER vortrag 

Bern, 12. September 1910 



Wenn wir die Entwickelung der Menschheit ins Auge fassen, wie sie 
im Sinne unserer Geisteswissenschaft fortschreitet von Stufe zu Stufe, 
so muB uns als das Bedeutsamste innerhalb der menschlichen Evolu- 
tion erscheinen, daB der Mensch, durch die einzelnen Epochen hin- 
durch sich immer wieder verkorpernd, aufsteigt, gewisse hohere Voll- 
kommenheitsgrade erreicht, um endlich nach und nach jene Ziele zu 
Wirkenskraften in seinem Innersten zu machen, die fur die einzelnen 
planetarischen Entwickelungsstufen eben die angemessenen sind. So 
sehen wir auf der einen Seite den hinaufsteigenden Menschen, der im 
Auge hat bei dieser Hinaufentwickelung sein Gottesziel. Aber der 
Mensch wiirde sich zu solchen Hohen, zu denen er sich entwickeln soil, 
niemals entwickeln konnen, wenn ihm nicht gewissermaBen zu Hilfe 
kamen Wesenheiten, welche im Weltganzen andere Wege der Ent- 
wickelung durchgemacht haben als der Mensch. Von Zeit zu Zeit, 
so konnen wir es etwa ausdriicken, kommen Wesen aus anderen Spha- 
ren in unsere Erdenevolution herein und verbinden sich mit der 
menschlichen Entwickelung, um den Menschen zu ihren eigenen Ho- 
hen hinaufzuheben. Das konnen wir, sogar fur die fruheren planeta- 
rischen Zustande unseres Erdendaseins, im groBen ganzen dadurch 
ausdriicken, daB wir sagen : Schon auf der alten Saturnstufe haben er- 
habene Wesenheiten, die Throne, ihre Willenssubstanz hingeopfert, 
damit daraus geformt werden konnte die erste Anlage des physischen 
Menschenleibes. Das ist nur ein Beispiel im groBen. Aber es steigen 
immerzu - des Ausdruckes darf man sich dabei wohl bedienen - 
Wesenheiten, welche in ihrer Entwickelung dem Menschen voran- 
geeiit sind, herab zu dem Menschen, verbinden sich mit der mensch- 
lichen Evolution dadurch, daB sie zeitweilig innerhalb einer Men- 
schenseele wohnen, innerhalb einer menschlichen Wesenheit, wie man 
wohl audi sagt, Menschengestalt annehmen, oder wenn man es trivia- 
ler ausdriicken will, wie eine Kraft in der menschlichen Seele auftre- 
ten, welche diese Menschenseele, sie inspirierend, durchdringt; so daB 



ein solches Menschenwesen, das von einem Gott durchseelt ist, inner- 
halb der menschlichen Evolution mehr wirken kann als sonst ein 
Mensch. 

Solche Dinge hort unsere alles nivellierende, alles mit materialisti- 
schen Vorstellungen durchdringende Zeit nicht gern. Ich mdchte sa- 
gen, nur ein letztes Rudiment hat unsere Zeit von dieser Anschauung, 
die jetzt eben ausgesprochen worden ist. DaB etwa irgendein Mensch 
gewissermaBen durchdrungen ware von einer aus hoheren Regionen 
herabgestiegenen Wesenheit, die zu ihm, dem Menschen, spricht, das 
wiirde der moderne Mensch als einen furchtbaren Aberglauben anse- 
hen, wenn man ihm jemals zumuten wiirde, so etwas zu glauben. Aber 
ein Rudiment davon hat sich der Mensch wenigstens erhalten auch in 
unsere materialistische Zeit hinein, obwohl er dieses Rudiment in 
einen ihm unbewuBten Wunderglauben hiillt, namlich, er hat sich be- 
wahrt, an das Auftreten von genialen Personlichkeiten, von Genies 
hie und da zu glauben. Aus der groBen Masse der Menschen ragen 
auch fur das gewohnliche moderne BewuBtsein Genies hervor, von 
denen man sagt: In ihrer Seele keimen andere Fahigkeiten als sonst in 
der menschlichen Natur hervor. An solche Genies glaubt man wenig- 
stens noch in unserer Zeit. Aber es gibt auch schon Kreise, wo man 
an Genies nicht mehr glaubt und sie hinwegdekretieren will, weil man 
ionerhalb der materialistischen Denkweise keinen Tatsachensinn mehr 
hat fur das geistige Leben. Aber in weiten Kreisen ist der Glaube an 
Genies noch vorhanden. Und wenn man nicht bei einem leeren Glau- 
ben stehenbleiben will, muB man sagen, daB durch ein Genie, welches 
die Menschheitsevolution weiterbringen will, eine andere Kraft aus der 
Menschennatur heraus spricht, als es die gewohnlichen Menschen- 
krafte sind. Wiirde man allerdings auf diejenigen Lehren sehen, die 
den wahren Tatbestand solcher Genies kennen, so wiirde man in einem 
solchen Falle, wo ein derartiger Mensch auftritt, der plotzlich wie be- 
sessen ist von etwas auBerordentlich Gutem, GroBem und Gewalti- 
gem, sich klar dariiber sein, daB eine geistige Kraft herabgestiegen ist 
und gleichsam Besitz ergrifFen hat von dem Ort, wo nun einmal solche 
Wesenheiten wirken miissen, namlich vom Inneren des Menschen 
selber. 



Dem anthroposophisch Denkenden sollte es von vornherein ein- 
leuchtend sein, daB diese zwei Dinge moglich sind: das Hinaufent- 
wickeln des Menschen der Gotteshohe entgegen und das Herunter- 
steigen gottlich-geistiger Wesenheiten in menschliche Leiber oder 
menschliche Seelen. In dem <<Rosenkreuzermysterium» ist an einer S telle 
darauf aufmerksam gemacht worden, daB, wenn irgend etwas Bedeu- 
tungsvolles in der Menschheitsevolution geschehen soli, sich sozu- 
sagen ein Gotteswesen mit einer Menschenseele verbinden muB und sie 
durchdringen muB. Das ist ein Erf ordernis der Menschheitsevolution. 

Um dies in bezug auf unsere irdische Geistesentwickelung zu ver- 
stehen, wollen wir uns erinnern, wie die Erde in den Zeiten ihres An- 
fanges noch mit der Sonne verbunden war, die heute von ihr abge- 
trennt ist. Sparer haben sich dann in einem Zeitpunkt urfernster Ver- 
gangenheit Sonne und Erde einmal getrennt. Naturlich weiB der An- 
throposoph, daB es sich dabei nicht um eine bloB materielle Trennung 
der Erdenmaterie und Sonnenmaterie handelt, sondern um das Aus- 
einandertreten der mit der Sonne oder mit den anderen materiellen 
Planeten verbundenen gottlich-geistigen Wesenheiten. Nach der Tren- 
nung der Erde von der Sonne blieben mit der Erde gewisse geistige 
Wesenheiten verbunden, wahrend mit der Sonne andere geistige We- 
senheiten verbunden blieben, die, weil sie iiber die Erdenverhaltnisse 
hinausgewachsen waren, ihre weitere kosmische Entwickelung nicht 
auf der Erde vollenden konnten. So haben wir die Tatsache, daB eine 
Art von geistigen Wesenheiten mit der Erde enger verbunden blieb, 
wahrend andere Wesenheiten von der Sonne herein ihre Wirkungen in 
das Erdendasein sandten. Wir haben also sozusagen nach der Sonnen- 
trennung zwei Schauplatze: den Erdenschauplatz mit seinen Wesen- 
heiten und den Sonnenschauplatz mit seinen Wesenheiten. Diejenigen 
geistigen Wesenheiten nun, die dem Menschen aus einer hoheren 
Sphare her dienen konnen, das sind eben die, welche mit der Sonne 
auBerhalb der Erde ihren Schauplatz verlegt haben. Und aus dem Be- 
reich der Wesenheiten, die zum Sonnenschauplatz gehoren, kommen 
diejenigen Wesen, die sich von Zeit zu Zeit verbinden mit dem Men- 
schentum der Erde, um die Erdenevolution und Menschheitsentwicke- 
lung weiterzufiihren. 



In den Mythen der Volker finden wir immer wieder und wieder sol- 
che «Sonnenhelden», solche aus der geistigen Sphare in die Evolution 
der Menschheit hereinwirkende Wesenheiten. Und ein Mensch, der 
durchsetzt, durchdrungen ist von einer solchen Sonnenwesenheit, ist 
in bezug auf das, als was er uns zunachst auBerlich entgegentritt, eine 
Wesenheit, die eigentlich viel mehr ist, als sie uns zeigt. Das AuBere 
ist eine Tauschung, eine Maja, und hinter der Maja ist das eigentliche 
Wesen, das nur der ahnen kann, der hineinschauen kann in die tiefsten 
Tiefen einer solchen Natur. 

In den Mysterien wuBte und weiB man immer von dieser zweifachen 
Tatsache in bezug auf den Entwickelungsgang der Menschheit. Man 
unterschied und unterscheidet sozusagen aus der geistigen Sphare her- 
untersteigende gottliche Geister und von der Erde hinaufsteigende, 
zur Einweihung in die geistigen Geheimnisse strebende Menschen. - 
Mit was fur einer Wesenheit haben wir es nun bei dem Christus zu tun? 

Wir haben gestern gesehen, daB er in der Bezeichnung « Christus, 
der Sohn des lebendigen Gottes», eine herabsteigende Wesenheit ist. 
Wollte man ihn mit einem Wort der orientalischen Philosophic be- 
nennen, so wiirde man ihn eine «avatarische» Wesenheit nennen, einen 
herabsteigenden Gott. Aber wir haben es nur von einem bestimmten 
Zeitpunkt an mit einer solchen herabsteigenden Wesenheit zu tun. 
Was uns als eine solche erscheinen muB, schildern uns die vier Evange- 
listen, Matthaus, Markus, Lukas und Johannes, alle vier. In dem Mo- 
ment der Johannes-Taufe steigt diese Wesenheit sozusagen aus dem 
Bereich des Sonnendaseins herab auf unsere Erde und vereinigt sich 
mit einer menschlichen Wesenheit. Nun mussen wir uns klar sein, daB 
im Sinne der vier Evangelisten diese Sonnenwesenheit eine groBere ist 
als alle anderen avatarischen Wesenheiten, als alle anderen Sonnen- 
wesen, die jemals herabgestiegen sind. Daher verlangt sie, daB ihr so- 
zusagen von dem Menschen aus eine besonders zubereitete Menschen- 
wesenheit entgegenwachst. 

Also von dem Sonnenwesen, von dem « Sohn des lebendigen Got- 
tes », der dem Menschen entgegenkommt zu seiner Entwickelung, be- 
richten uns alle vier Evangelisten. Von jenem Menschen aber, der ent- 
gegenwachst, um aufnehmen zu konnen dieses Sonnenwesen, berich- 



ten uns nur die Schreiber des Matthaus- und des Lukas-Evangeliums. 
Sie berichten, wie der Mensch dreiBig Jahre entgegenstrebt dem gro- 
Ben Augenblick, da er das Sonnenwesen in sich selber aufnehmen 
kann. Und weil die Wesenheit, die wir als die Christus- Wesenheit be- 
zeichnen, eine so universelle, eine so umfassende ist, so geniigt es nicht, 
daB in einfacher Weise die korperlichen und leiblichen Hiillen zuberei- 
tet werden, welche dieses Sonnenwesen aufnehmen konnen. Dazu ist 
notwendig, daB dem heruntersteigenden Sonnenwesen entgegen- 
wachst eine ganz besonders zubereitete physische und atherische Hiille. 
Woher sie genommen worden sind, haben wir gesehen, als wir das 
Matthaus-Evangelium betrachteten. Aber aus derselben Wesenheit 
heraus, aus welcher im Sinne des Matthaus-Evangeliums die physische 
und atherische Hiille fur jenes Sonnenwesen zubereitet worden sind, 
die aus den zweiundvierzig Generationen des hebraischen Volkes her- 
aus vorbereitet worden sind, aus denselben Hiillen konnte nicht zu- 
gleich vorbereitet werden die astralische Hiille und nicht der Trager 
des eigentlichen Ich. Dafiir war eine besondere Veranstaltung notig, 
die durch eine andere menschliche Wesenheit erzielt wurde, von der 
uns das Lukas-Evangelium erzahlt, indem es uns die Jugendgeschichte 
des sogenannten nathanischen Jesus berichtet. Dann haben wir gese- 
hen, daB die beiden eins werden, der Matthaus- und der Lukas-Jesus, 
indem die Wesenheit, die als Ich- Wesenheit zuerst Besitz ergriff von 
den leiblichen Hiillen, welche das Matthaus-Evangelium schildert, 
namlich die Zarathustra-Individualitat, den zwolf jahrigen Matthaus- 
Jesus verlaBt und hiniiberdringt in den nathanischen Jesus des Lukas- 
Evangeliums, um dort weiterzuleben und auszubilden den astralischen 
Leib und Ich-Trager mit den Errungenschaften, welche sie sich an- 
geeignet hatte in dem besonders zubereiteten physischen Leibe und 
Atherleibe des Matthaus- Jesus, damit dann die oberen Glieder heran- 
reifen konnen und die heruntersteigende Wesenheit aus den oberen 
Regionen im dreiBigsten Jahre aufnehmen konnen. 

Wollten wir den ganzen Hergang im Sinne des Matthaus-Evan- 
geliums schildern, so miiBten wir sagen, der Schreiber des Matthaus- 
Evangeliums richtete zunachst seinen Blick darauf : Welcher physische 
Leib und welcher Atherleib konnen dazu dienen, einmal die Christus- 



Wesenheit auf der Erde wandeln zu lassen? Und aus dem, was er er- 
fahren hatte, beantwortete er die Frage in folgender Weise. Damit die- 
ser physische Leib und dieser Atherleib damals zubereitet werden 
konnten, dazu war es notwendig, daB durch die zweiundvierzig Ge- 
nerationen des hebraischen Volkes hindurch alle die Anlagen, die 
einst in Abraham gelegt worden waren, sich voll entwickelten, damit 
durch die Vererbung zustande kamen jener physische Leib und Ather- 
leib, wie sie eben notwendig waren. Dann beantwortete er die Frage 
weiter, indem er sich sagte : Ein solcher physischer Leib und Ather- 
leib konnten nur dann die Instrumente, die Werkzeuge hergeben, 
wenn die groBte Individualist, welche die Menschheit zum Empfange 
und zum Verstandnis fur den Christus vorbereitet hat, die Zarathustra- 
Individualkat, zunachst diese Werkzeuge benutzt. Sie kann sie benut- 
zen, soweit diese Werkzeuge die Mdglichkeit einer Entwickelung her- 
geben, bis zum zwolften Jahre; dann muB sie verlassen den Leib des 
Matthaus-Jesus und gleichsam hiniibertreten in den Leib des Lukas- 
Jesus. Da lenkt nun der Schreiber des Matthaus-Evangeliums seinen 
Blick von dem, worauf er zuerst gerichtet war, hinweg zu dem Lukas- 
Jesus und verfolgt nun das Leben des Zarathustra weiter bis zum 
dreiBigsten Jahre. Das ist der Moment, wo Zarathustra auch den 
astralischen Leib und den Ich-Trager so weit gebracht hat, daB er 
jetzt alles hinopfern konnte, damit von oben herunter der Sonnen- 
geist, das Wesen der geistigen Spharen, davon Besitz ergreifen kann. 
Das wird in der Johannes-Taufe angedeutet. 

Wenn wir uns nun noch einmal zuriickerinnern an jene Trennung 
der Erde von der Sonne und uns gegenwartig halten, daB ja diejeni- 
gen Wesenheiten sich dazumal mit von der Erde getrennt haben, de- 
ren oberster Anfuhrer der Christus ist, so werden wir sagen: Es gibt 
Wesenheiten, die erst nach und nach ihre Wirkung auf die Erde aus- 
dehnen, wie auch der Christus erst im Laufe der Zeit seinen Ein- 
fluB auf die Erde hat geltend machen konnen. Aber mit der Sonnen- 
trennung war noch etwas anderes verbunden. Da miissen wir uns an 
etwas erinnern, was auch schon wiederholt ausgefuhrt worden ist: 
daB das alte Saturndasein ein verhaltnismaBig einfaches war in bezug 
auf Substantialitat. Es war ein Dasein in Feuer oder Warme. Auf dem 



alten Saturn gab es noch nicht Luft und Wasser, aber auch noch 
nicht den Lichtather. Das trat erst wahrend des Sonnendaseins au£ 
Dann kam wahrend des Mondendaseins als weiterer Verdichtungs- 
zustand das Wasserige und als weiterer Verfeinerungszustand der Ton- 
oder Klangather hinzu. Und wahrend des Erdendaseins kam das 
Feste, der erdige Zustand als Verdichtungszustand hinzu und als Ver- 
diinnungszustand das, was wir den Lebensather nennen. So haben wir 
also auf der Erde Warme, Luft oder Gasfdrmiges, Wasseriges oder 
Fliissiges und den festen oder erdigen Zustand und als Verdunnungs- 
zustande, Lichtather, Ton- oder Klangather und Lebensather, den 
feinsten Atherzustand, den wir kennen. 

Nun hat sich mit der Sonnentrennung nicht nur das Materielle der 
Sonne herausbewegt aus der Erde, sondern damit war zu gleicher 
Zeit das Geistige fortgegangen. Es kam nach und nach erst wieder 
zuriick auf die Erde, aber es kam nicht vollstandig zuriick. Das habe 
ich schon in Miinchen bei der Betrachtung des « Sechstagewerkes » 
auseinandergesetzt, daher will ich es hier nur kurz erwahnen. Von 
den hdheren, gleichsam atherischen Zustanden nimmt der Mensch auf 
der Erde die Warme wahr, den Warmeather, und allenfalls noch das 
Licht. Was er als Ton wahrnimmt, ist nur ein Abglanz des eigent- 
lichen Tones, der im Ather ist; das ist eine Vermaterialisierung. 
Wenn man von Klangather spricht, meint man den Trager dessen, was 
bekannt ist als Spharenharmonie, was nur hellhorerisch zu horen ist. 
Die Sonne sendet zwar, wie sie jetzt physisch ist, der Erde ihr Licht zu, 
aber in der Sonne lebt auch dieser hohere Zustand. 

Schon ofter wurde gesagt: Es ist nicht ein leeres Wort, wenn Leute, 
die das wissen, dann etwa sprechen wie Goethe : 

«Die Sonne tont nach alter Wetse 
In Bruderspharen Wettgesang, 
Und ihre vorgeschriebne Reise 
Vollendet sie mit Donnergang.» 

Da ist hingewiesen auf die Spharenharmonie, auf das, was im Klang- 
ather lebt. Das kann aber der Mensch nur erleben, wenn er sich durch 
die Initiation hinaufarbeitet, oder wenn ein Sonnenwesen herunter- 



steigt, um es irgendeinem Menschen, der ausersehen wird zu einem 
Instrument der Entwickelung fur die anderen Menschen, mitzuteilen. 
Fur einen solchen Menschen beginnt die Sonne zu tonen, beginnen die 
Spharenharmonien horbar zu werden. - Und iiber dem Klangather 
liegt noch der Lebensather. Und wie dem bloBen Ton als hoherer In- 
halt, als Inneres, Seelenhafteres noch zugrunde liegt das Wort, der 
Klang oder Sinn, so ist auch mit dem Lebensather verbunden Sinn, 
Wort, dasselbe, was man im spateren Persischen «Honover» genannt 
hat, und was der Johannes-Evangelist den « Logos » nennt, als sinn- 
vollen Ton, der dem Sonnenwesen eigen ist. 

Zu jenen Begnadeten, die im Laufe der Zeit dieser tonenden Sonne, 
dieser sprechenden Sonne mit ihren Wesenheiten nicht bloB sozusagen 
taub gegeniiberstanden, gehorte in friihen Zeiten unserer nachatlanti- 
schen Entwickelung eben Zarathustra. Und es ist nicht ein bloBer 
Mythos, sondern eine buchstabliche Wahrheit, daB auch Zarathustra 
seinen Unterricht empfangen hat durch das Sonnenwort. Er war fahig 
geworden, dieses Sonnenwort aufzunehmen. Und jene uberwaltigen- 
den, majestatischen Lehren, die der alte Zarathustra seinen Schulern 
gegeben hat, was waren sie im Grunde genommen? Sie waren das, 
was man so bezeichnen kann: Zarathustra war ein Werkzeug, und 
durch ihn tonte hindurch der Klang, der Sinn des Sonnenwortes 
selber. Daher spricht die persische Legende von dem Sonnenwort, 
das sich verkiindet durch den Mund des Zarathustra, von dem ge- 
heimnisvollen Wort, das hinter dem Sonnendasein steckt. So spricht 
sie, wenn sie vom astralischen Leib der Sonne spricht, von Ahura 
Mazdao; aber sie spricht auch von dem Sonnenwort, das man dann in 
der griechischen Ubersetzung den Logos genannt hat. 

Wenn wir auf den alten Zarathustra blkken, sehen wir an ihm, daB 
selbst eine so hohe Personlichkeit noch nicht in jenen alten Zeiten so 
initiiert war, um bewuBt aufzunehmen, was da zum Menschen spre- 
chen sollte, daB eine solche Personlichkeit gleichsam durchseelt war 
von einem Hoheren, zu dem sie sich noch nicht hinaufentwickelt 
hatte. Zarathustra konnte lehren von Ahura Mazdao, weil sich ihm die 
Sonnenaura enthiillte, weil die geistige Wesenheit Ahura Mazdao in 
ihm tonte, weil durch ihn sprach das Sonnenwort, die GroBe Aura, 



das Weltenlicht. Es war gleichsam das auBere Korperliche des Son- 
nengottes, der zu dem Menschen seine Wirkungen voraussandte, 
schon vorhanden, als sie ihn noch nicht auf der Erde selber hatten. 
Und das Sonnenwort war dann mehr das Innerliche. - So konnte man 
etwa im Sinne des Zarathustra sagen, er lehrte die, welche seine Junger 
waren: Ihr miiBt euch klar sein, daft hinter dem physischen Sonnen- 
lichte ein geistiges Licht ist. Wie hinter dem physischen Menschen 
sein Astralisches, die Aura ist, so ist hinter der Sonne die GroBe Aura. 
Diese physische Sonne ist aber gleichsam als der Lichtieib eines We- 
sens anzusehen, das einst auf die Erde herabkommen wird; es ist ge- 
wissermaBen das auBere Leibliche, das man durch hellseherische An- 
schauung kennenlernt, und in diesem Leiblichen ist noch ein Inneres, 
Seelisches darinnen. So wie durch den Ton ein Seelisches sich aus- 
driickt, so dringt durch das Mittel der Sonnenaura das Sonnenwort, 
der Sonnenlogos. Und das konnte Zarathustra der Menschheit ver- 
sprechen : daB kommen werde einst aus den gottlich-geistigen Spha- 
ren die GroBe Aura, das Lichtwesen, und daB die Seele des Licht- 
wesens das Sonnenwort sein werde. Das ist etwas, was wir - als in 
der Quelle - zuerst bei dem alten Zarathustra zu suchen haben. Wie 
eine Prophetenweisheit vom Kommen der Sonnenaura und des Son- 
nenwortes haben wir es bei Zarathustra zu suchen. 

Und nun hat es fortgelebt von Epoche zu Epoche in den Mysterien, 
daB der Menschheit prophezeit ist das Kommen des Sonnenlogos, des 
Sonnenwortes. Und immerdar war das der groBe Trost und die HofT- 
nung derjenigen, die innerhalb der Menschheitsentwickelung sich 
sehnten nach Hdherem. Und immer genauere Lehren konnten die 
kleineren Sonnengeister geben, die sich mit der Erde vereinigten, und 
die im Grunde genommen Abgesandte waren vom Sonnenwort, vom 
Geiste des Sonnenlichtes, von der Sonnenaura. 

Das war die eine Seite der Mysterientradition, wie sie durch die 
Epochen ging. Das andere war, daB die Menschen lernen und auch in 
der Praxis iiben sollten, daB man entgegenwachsen kann dem, was da 
heruntersteigt auf die Erde. Aber es war in der vorchristlichen Zeit 
noch nicht so, daB man den Glauben haben konnte, der Mensch konne 
ohne weiteres als ein schwacher einzelner Mensch entgegenwachsen 



dem groBten Sonnenwesen, dem Fuhrer der Sonnengeister, dem Chri- 
stus. Das war nicht moglich, daB ein einzelner Mensch durch irgend- 
eine Initiation das erreichen konnte. Daher schildert das Matthaus- 
Evangelium, wie gleichsam alle Safte des hebraischen Volkes aufge- 
rufen worden sind, um einen solchen Menschen zustande zu bringen. 
Und au£ der anderen Seite wird im Lukas-Evangelium durch die sie- 
benundsiebzig Stufenfolgen dargestellt, wie das Beste, was iiberhaupt 
der Erdenmensch sein konnte, gleichsam filtriert wurde, um dem 
groBten Wesen, das auf die Erde heruntersteigen sollte, den entspre- 
chenden Leib entgegenwachsen zu lassen. 

Nun war es in den Mysterien so, daB man es naturlich bei denen, 
welche man zu lehren hatte, auf die man wirken sollte, sozusagen 
mit schwachen Menschen zu tun hatte, daB man es keineswegs etwa 
iiberall mit solchen Menschen zu tun hatte, die den ganzen Umfang 
dessen sich aneignen konnten, was der Menschheit bevorsteht, oder 
was ein einzelner Mensch durch seine Evolution erreichen kann. Da- 
her gliederten sich in den alten Mysterien die, welche in die Myste- 
riengeheimnisse eingeweiht werden sollten, in gewisse Klassen, die in 
der verschiedensten Weise herantreten sollten an die Geheimnisse. Es 
gab solche, die sozusagen in besonderer Weise darauf hingewiesen 
wurden, wie mehr der auBere Mensch leben musse, was der auBere 
Mensch vollbringen musse, damit er ein geeignetes Instrument, ein 
Tempel der herabsteigenden Sonnenwesenheit sein kann. Aber auch 
solche Schuler der Mysterien gab es, die man mehr darauf aufmerk- 
sam machen muBte, was die Seele ganz still in sich entwkkeln musse, 
wenn sie zum Verstandnis, zum Fiihlen und Erleben eines Sonnen- 
geistes kommen wollte. Konnen Sie sich vorstellen, daB es naturlich 
war, daB es in den Mysterien Schuler gab, welche sozusagen die Auf- 
gabe hatten, ihr auBerliches Leben in der Weise einzurichten, und auf 
die dementsprechend achtgegeben wurde von friiher Kindheit an, daB 
ihr Leib eine solche Entwickelung nahm, daB sie Trager, Tempel 
werden konnten fur einen herabsteigenden Sonnengeist? Das war in 
den alten Zeiten der Fall, und es ist im Grunde genommen auch in 
den neueren Zeiten so, nur merkt man es nicht innerhalb der auBeren 
materialistischen Weltanschauungen. 



Nehmen wir an, es kommt die Zeit., wo heruntersteigen soli ein 
hoheres Wesen aus geistigen Spharen, um der Menschheit wieder 
einen Ruck vorwarts zu geben. Diejenigen, die in den Mysterien die- 
nen, haben abzuwarten, wann ein solcher Zeitpunkt eintritt; sie haben 
ja die Aufgabe, die Zeichen der Zeit zu deuten. In aller Ruhe und Ent- 
sagung und ohne viel Auf hebens zu machen, haben sie abzuwarten den 
Zeitpunkt, wo ein Gott aus Himmelshohen heruntersteigt, um der 
Menschheit einen Ruck vorwarts zu geben. Es ist aber auch ihre Auf- 
gabe, achtzugeben auf die auBere Menschheit, damit sich irgendeine 
Personlichkeit finde, die gelenkt und geleitet werden kann, damit sie 
geeignet ist, eine solche Wesenheit aufzunehmen. Wenn nun das We- 
sen, das heruntersteigen soil, ein ganz besonders hohes ist, so muB 
im Grunde genommen von der friihesten Kindheit an ein solcher 
Mensch geleitet werden, der der Tempel sein soil fur ein solches 
Wesen. Das geschieht auch, nur merkt man es nicht. Nur hinterher, 
wenn man das Leben solcher Menschen beschreibt, nndet man darin 
gewisse RegelmaBigkeiten. Wenn sich auch in bezug auf die AuBen- 
seite ihre Lebensverhaltnisse in verschiedener Weise darstellen, so ha- 
ben sie doch eine gewisse Gleichheit. Daher kann man angeben : Wenn 
wir den Blick zuriickwenden in den Lauf der Menschheitsentwicke- 
lung, finden wir da und dort Wesenheiten, die einen gewissen gleich- 
formigen Gang selbst in bezug auf die aufiere Biographie haben. Das 
ist gar nicht zu leugncn. Das ist auch den Forschern der neueren Zeit 
aufgefallen. Und Sie konnen in gebrauchlichen, aber nicht sehr tief- 
gnindigen gelehrten Werken Tabellen flnden iiber Ahnlichkeiten der 
Biographien solcher Personlichkeiten. So konnen Sie zum Beispiel bei 
Professor Jensen, Marburg, zusammengestellt nnden Ahnlichkeiten in 
bezug auf die Biographien des altbabylonischen Gilgamesch, des Mo- 
ses, des Jesus, des Paulus. Da stellt er ganz hubsche Tabellen auf. Er 
nimmt gewisse Ziige aus dem Leben jeder dieser Personlichkeiten 
heraus - diese einzelnen Ziige kann man ganz gut gegenuberstellen 
und es ergeben sich dabei ganz wunderbar merkwiirdige Ahnlichkei- 
ten, Ahnlichkeiten, vor denen wirklich unser materialistischer Sinn 
ganz verblufft ist. Die SchluBfolgerung, die daraus gezogen ist, ist 
naturlich die, daB eine Mythe von der anderen abgeschrieben ist, daB 



der Schreiber des Jesuslebens abgeschrieben hat aus der Bio- 
graphie des altbabylonischen Gilgamesch, daB die Moses-Biographie 
nur der Abklatsch eines alten Epos ist. Und die letzte SchluBfolge- 
rung ist dann die, daB keiner von alien, weder Moses noch Jesus 
noch Paulus, als physische Personlichkeit existiert habe ! Gewohnlich 
ahnen die Menschen gar nicht, wie weit heute die sogenannte For- 
schung ist in be2ug auf diese materialistische Ausdeutung der Sache. 

Diese Gleichheit in den Biographien riihrt aus keinem anderen Um- 
stande her als aus dem, daB tatsachlich solche Personlichkeiten, die ein 
Gotteswesen aufnehmen sollen, gleich in der Kindheit schon gefiihrt, 
gelenkt werden miissen. Und wir brauchen uns dariiber gar nicht zu 
wundern, wenn wir den tieferen Gang der Menschheits- und Weltent- 
wickelung einsehen. Daher ist also nicht nur die vergleichende My- 
thologie, sondern auch alles Schwelgen in bezug auf ein Herauspres- 
sen von Ahnlichkeiten aus den Mythen im Grunde genommen doch 
nur eine hohere Spielerei. Es kommt dabei nichts heraus. Denn, was 
niitzt es, festzustellen, daB das deutsche Siegfried-Leben und irgend- 
ein griechisches oder sonstiges Heldenleben gleiche Ziige aufweisen? 
Es ist selbstverstandlich, daB sie gleiche Ziige aufweisen. Es kommt 
gar nicht darauf an, wie die Gewander ausschauen, sondern wer darin- 
nen steckt! Nicht darauf kommt es an, daB das Siegfried-Leben so und 
so verlauft, sondern welche Individualist da drinnen ist, Diese Dinge 
aber konnen nur durch okkulte Forschung festgestellt werden. 

Was wir also hierbei betrachten miissen, das ist, daB solche Men- 
schen, die zum Tempel gemacht werden sollen fur ein die Menschheit 
hoher bringendes Wesen, in ihrem Leben in bestimmter Weise ge- 
fiihrt werden, und daB sie daher einen in gewisser Beziehung ahn- 
lichen, parallelgehenden Gang in bezug auf die Grundziige ihres Le- 
bens aufweisen miissen. Seit uralten Zeiten gab es deshalb in den My- 
sterientempeln immer Vorschriften, was mit solchen Menschen zu ge- 
schehen hat. Und unter diesen Vorschriften waren auch in den Essaer- 
gemeinden solche vorhanden mit Bezug auf den Christus Jesus : wie 
die Menschenwesen sein miiBten, die dann als der salomonische und 
der nathanische Jesus dem hohen Sonnenwesen, dem Christus, ent- 
gegenwuchsen. 



Aber es waren nicht alle in alles eingeweiht. Es gab verschiedene 
Klassen, Arten von Eingeweihten. So gab es solche, welchen insbe- 
sondere klar war, was ein Menschenwesen, das dem Gotte entgegen- 
wachsen sollte, durchzumachen hatte, damit es wiirdig sein konnte, um 
den Gott aufzunehmen. Und andere gab es, denen bekannt war, wie 
sich der Gott verhalt, wenn er sich in einem Menschen zeigt, trivial 
gesprochen, wenn er sich sozusagen als Genie zeigt. Denn das sehen 
heute auch die Menschen nicht ein, daB die Genien auch etwas ganz 
Ahnliches zeigen, wenn sie vom Menschen Besitz ergreifen. Aber 
heute schreibt man ja auch nicht Biographien vom Geiste aus. Denn 
wenn man etwa den Genius von Goethe vom Geistigen aus beschrei- 
ben wollte, wiirde man eine merkwiirdige Ahnlichkeit flnden zum 
Beispiel mit dem Genius Dantes, Homers, Aschylos'. Heute schreibt 
man aber nicht Biographien vom Geistigen aus, sondern man legt 
Zettelkasten an, die die Kleinigkeiten in bezug auf das auBere Leben 
solcher Menschen bezeichnen. Das interessiert die Menschen viel 
mehr. Und so haben wir heute eine ausgiebige Zettelsammlung in 
bezug auf das Leben Goethes und noch keine wirkliche Darstellung 
dessen, was Goethe eigentlich war. Ja, die Menschheit erklart sich 
heute in gewisser Beziehung, und tatsachlich mit einem riesigen Hoch- 
mute, unfahig dazu, die Evolution des Genies in der menschlichen 
Personlichkeit zu verfolgen, und es gibt heute das Bestreben, sagen 
wir, die allerersten Jugendgestalten einer Dichtung bei unseren gro- 
Ben Dichtern so recht ins Licht zu zerren und besonders groB damit 
zu tun, daB in diesen Jugendgestalten die Frische und Urspriinglich- 
keit als etwas Elementares lebt, wahrend in spateren Jahren die Men- 
schen es verloren hatten und alt geworden waren. Aber die wirkliche 
Tatsache, die dahintersteckt, ist die, daB die Menschen in ihrem Uber- 
mut nur die jugendlichen Dichter verstehen wollen und nicht mit- 
gehen wollen mit dem, was die Dichter durchgemacht haben. Die 
Menschen tun sich ungeheuer viel darauf zugute, daB sie bei der Jugend 
stehenbleiben; den Alten verachten sie und ahnen gar nicht, daB nicht 
der Alte «alt» geworden ist, sondern daB sie selbst nur Kinder geblie- 
ben sind! Das ist ein weitverbreitetes Ubel. Aber da es so tief ein- 
gewurzelt ist, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn so wenig 



Verstandnis dafiir vorhanden ist, daB ein Gotteswesen Besitz ergrei- 
fen kann von einer menschlkhen Personlichkeit, und daB das Sich- 
Ausleben soldier Gotteswesen in den verschiedenen Menschenwesen 
in den verschiedenen Zeiten im Grunde genommen doch ein gleiches 
ist. 

Weil viel dazu gehort, diese tiefen Zusammenhange zu kennen, ver- 
teilte man eben diese Gebiete auf Klassen. Daher diirfen wir uns nicht 
wundern, daB in gewissen Abteilungen der Mysterien gelehrt worden 
ist, wie der Mensch sich vorbereitet, um hinaufzuwachsen zum Got- 
teswesen, wahrend in anderen Klassen gelehrt wurde, wie herunter- 
wachst das in der Aura des Sonnenwesens enthaltene Innere des Licht- 
wesens, der Logos, das Sonnenwort. 

In dem Christus haben wir also das Herunterwachsen auf die aller- 
komplizierteste Art. Und wir diirften uns gar nicht wundern, wenn 
noch mehr als vier dazu notjg gewesen waren, um diese groBe, ge- 
waltige Tatsache zu verstehen. Aber vier bemuhten sich darum. 
Zwei, die Schreiber des Matthaus- und des Lukas-Evangeliums, be- 
mtihten sich darzustellen, wie die Personlichkeit war, die dem herab- 
kommenden Sonnenwesen entgegenwuchs, Matthaus in bezug auf den 
physischen Leib und Atherleib, Lukas in bezug auf den astralischen 
Leib und Ich-Trager. Markus dagegen kummert sich nicht um das, 
was dem Sonnenwesen entgegenwuchs. Er schildert die Sonnenaura, 
die GroBe Aura, den Lichtleib, das geistige Licht, das durch die Wel- 
tenraume wirkt, und das hereinwirkt in die Gestalt des Christus Jesus. 
Er beginnt daher gleich mit der Johannes-Taufe, wo heruntersteigt 
das Weltenlicht. Und im Johannes-Evangelium wird uns die Seele die- 
ses Sonnengeistes geschildert, der Logos, das Sonnenwort, das Innere. 
Daher ist das Johannes-Evangelium auch das innerlichste der Evan- 
gelien. 

So haben Sie die Tatsachen verteilt und die komplizierte Wesenheit 
des Christus Jesus von vier Seiten her geschildert. Daher schildern 
uns den Christus in dem Jesus von Nazareth alle vier Evangelisten. 
Aber ein jeder dieser vier Schreiber der Evangelien ist gewissermaBen 
gezwungen, sich an seinen Ausgangspunkt zu halten; denn davon hat 
er seinen hellseherischen Blick erlangt, um diese komplizierte Wesen- 



heit iiberhaupt beschreiben zu konnen. - Halten wir uns das noch 
einmal vor Augen, damit es uns wirklich in die Seele dringe. 

Matthaus ist gezwungen, den Blick hinzurichten auf die Geburt des 
salomonischen Jesus und zu verfolgen, wie die Krafte des physischen 
Leibes und Atherleibes zubereitet werden, wie dann diese Hiillen von 
Zarathustra abgeworfen werden und wie von ihm hiniibergetragen 
wird in den Jesus des Lukas-Evangeliums, was er sich errungen hat 
im physischen Leibe und Atherleibe des salomonischen Jesus. Da muB 
dann der Schreiber des Matthaus-Evangeliums verfolgen, was er an- 
fangs nicht dargestellt hat. Aber er verfolgt hauptsachlich das, wo- 
von er den Anfang genommen hat : die Schicksale dessen, was hinuber- 
gegangen ist vom salomonischen Jesus an Errungenschaften und 
Konsequenzen in den nathanischen Jesus. Er richtet weniger den Blick 
auf das Elementarische im astralischen Leib und Ich-Trager des Lukas- 
Jesus, als vielmehr auf das, was aus seinem Jesus hiniibergegangen 
war. Und als er das Sonnenwesen schildert, das heruntergekommen 
ist, da ist er wieder vorzugsweise auf das bedacht, was der Jesus an 
Fahigkeiten nur dadurch haben konnte, daB er den physischen Leib 
und Atherleib hatte ausbilden konnen in dem salomonischen Jesus, Das 
war naturlich auch noch an dem Christus zu bemerken; derm diese 
Fahigkeiten waren da, und diesen Teil des Christus Jesus, den er 
zuerst in Aussicht genommen hat, verfolgt er mit besonderer Genauig- 
keit, weil das fur ihn wichtig war. 

Der Schreiber des Markus-Evangeliums richtet von Anfang an den 
Blick auf den vom Himmel herunterkommenden Sonnengeist. Er ver- 
folgt kein irdisches Wesen; sondern, was da im physischen Leibe wan- 
delte, ist ihm nur das Mittel, um darzustellen, was als der Sonnen- 
geist darin gewirkt hat. Er macht daher auf die Tatsachen aufmerksam, 
die er verfolgen kann, namlich, wie die Krafte des Sonnengeistes wir- 
ken. Daher stellt sich manches als gleich heraus bei Matthaus und 
Markus ; aber sie haben beide verschiedene Gesichtspunkte. Matthaus 
schildert mehr den Hullencharakter und macht besonders aufmerk- 
sam, wie sich in spateren Jahren die Eigenschaften zeigen, welche 
schon in den ersten Jahren aufgenommen waren; und er beschreibt 
es auch so, daB man sieht, wie diese Eigenschaften besonders wirken. 



Der Schreiber des Markus-Evangeliums dagegen beniitzt formlich den 
physisch herumwandelnden Jesus nur, urn das zu zeigen, was der 
Sonnengeist auf der Erde wirken kann. Das geht bis in die Einzelhei- 
ten. Wenn Sie die Evangelien wir klich verstehen wollen bis in alle ihre 
Einzelheiten, so miissen Sie beriicksichtigen, daB der Blick der Evan- 
gelisten stets auf das gerichtet ist, worauf sie ihn von Anfang an ge- 
richtet haben. 

Der Schreiber des Lukas-Evangeliums wird daher besonders im 
Auge behalten, was ihm wichtig ist: den astralischen Leib und den 
Ich-Trager, was also diese Wesenheit nicht erlebt als auBere physische 
Personlichkeit, sondern als Astralleib, der Trager ist von Gefuhlen und 
Empfindungen. Von schopferischen Fahigkeiten ist ja auch der Astral- 
leib der Trager. Alles Mitleid, alle Barmherzigkeit flieBen aus vom 
Astralleib, und der Christus Jesus konnte gerade jenes barmherzige 
Wesen sein, weil er den astralischen Leib des nathanischen Jesus hatte. 
Daher richtet Lukas von Anfang an den BHck auf alle Barmherzig- 
keit, auf alles, was der Christus Jesus wirken kann, weil er gerade die- 
sen astralischen Leib in sich tragt. 

Und der Schreiber des Johannes-Evangeliums richtet seinen Blick 
darauf, daB das Hochste, was auf der Erde wirksam werden kann, das 
Innere des Sonnengeistes, durch das Mittel des Jesus heruntergetra- 
gen wird. Ihn geht auch wieder zunachst nicht das physische Leben 
an, sondern er hat den Blick auf das Hochste gerichtet, auf den reinen 
Sonnenlogos, und der physische Jesus ist ihm nur Mittel, um zu ver- 
folgen, wie sich der Sonnenlogos in der Menschheit verhalt. Und wor- 
auf sein Blick von Anfang an gerichtet war, darauf hat er ihn dann 
immer gerichtet. 

Wir blicken als schlafende Menschen auf unsere auBeren Hiillen, 
auf den physischen Leib und Atherleib. In diesen beiden Gliedern le- 
ben alle die Krafte, die von gottlich-geistigen Wesenheiten herkom- 
men, die durch Jahrmillionen und Jahrmillionen gearbeitet haben, um 
diesen Tempel des physischen Leibes herzustellen. In diesem Tempel 
haben wir seit der lemurischen Zeit gelebt und haben ihn immer mehr 
und mehr verschlechtert. Aber urspriinglich ist er uns zugekommen 
durch die Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit hindurch. Da lebten und 



webten gottliche Naturen darinnen. Und wenn wir auf unseren physi- 
schen Leib blicken, konnen wir sagen : Er ist ein Tempel, den uns zu- 
bereitet haben die Gotter, jene Gotter, die aus der festen Materie uns 
diesen Tempel haben bereiten wollen. - Und in unserem Atherleib 
haben wir etwas vor uns, was allerdings die feineren Substantialitaten 
der Menschenwesenheit enthalt, nur kann sie der Mensch deshalb nicht 
sehen, weil er durch die luziferischen und ahrimanischen Einfliisse 
nicht fahig ist, sie zu sehen. In diesem Atherleib lebt auch, was der 
Sonne angehort. Da tont herein, was als die Spharenharmonie tatig 
war, dasjenige, was hinter dem bloBen Physischen wahrnehmbar von 
den Gottern ist. Daher konnen wir von ihm sagen: Im Atherleibe 
leben hohe Gotter, und gerade solche, die verwandt sind den Sonnen- 
gottern. - So blicken wir auf physischen Leib und Atherleib als auf 
die vollkommensten GBeder unserer Wesenheit. Wenn wir sie im 
Schlafe verlassen haben, wenn sie von uns gefallen sind, sind sie so, 
wie sie durchwirkt und durchwebt werden von gottlichen Wesen- 
heiten. 

Auf den physischen Leib, auf den er von Anfang an sein Haupt- 
augenmerk gerichtet hatte, muBte der Schreiber des Matthaus-Evan- 
geliums beim Christus Jesus auch weiter sein Hauptaugenmerk rich- 
ten. Aber der materielle physische Leib war gar nicht mehr vorhan- 
den, denn der war mit dem zwolften Jahre aufgegeben. Doch das 
Gottliche, die Krafte waren mit hiniibergegangen in den anderen 
physischen Leib des nathanischen Jesus. Daher war dieser physische 
Leib des Jesus von Nazareth so vollkommen, weil er seinen Leib 
durchsetzt hatte mit den Kraf ten, die er aus dem Leibe des salomoni- 
schen Jesus mitgenommen hatte. Nun stellen wir uns vor, wie der 
Schreiber des Matthaus-Evangeliums hinlenkt den Blick auf den ster- 
benden Jesus am Kreuz. Immer hat er den Blick auf das gerichtet, 
was er ganz besonders zu verfolgen hat, auf das, was er von Anfang 
an als seinen Ausgangspiinkt genommen hat. Das Geistige verlaBt nun 
den physischen Leib und damit auch dasjenige, was als Gottliches mit- 
genommen worden war. Auf die Trennung des Inneren des Christus 
Jesus von diesem Gottlichen in der physischen Natur, dafauf hat 
der Schreiber des Matthaus-Evangeliums den Blick gerichtet. Und die 



alten Mysterienworte, die da lauteten immer, wenn die geistige Natur 
des Menschen heraustrat aus dem physischen Leib, um schauen zu 
konnen in der geistigen Welt: Mein Gott, mein Gott, wie hast du 
mich verherrlicht ! - er andert sie dahin, daB er sagt, hinschauend auf 
den physischen Leib: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich 
verlassen?» (Matth. 27,46) Du bist von mir weg, hast mich aufgege- 
ben in diesem Moment. - Und der Schreiber des Matthaus-Evange- 
liums hat auf diesen Moment, auf dieses «verlassen» sein Hauptaugen- 
merk gerichtet. 

Aber der Schreiber des Markus-Evangeliums schildert, wie die 
auBeren Krafte der Sonnenaura herankommen, wie die Sonnenaura, 
der Leib des Sonnenwesens sich verbindet mit dem Atherleib. Der 
Atherleib ist in derselben Lage wie bei uns der Atherleib im Schlafe. 
Wie bei uns im Schlafzustande die auBeren Krafte mit hinausgehen, 
so gingen sie bei dem physischen Jesus-Tode in gleicher Weise mit. 
Daher das gleiche Wort im Markus-Evangelium (Mark. 15,34). 

Der Schreiber des Lukas-Evangeliums richtet auch bei dem Chri- 
stus Jesus-Tode seinen Blick auf das, worauf er ihn von Anfang an ge- 
richtet hat : auf astralischen Leib und Ich-Trager. Und er sagt uns da- 
her nicht dieselben Worte. Er richtet auf die anderen Tatsachen sein 
Hauptaugenmerk, die sich auf den astralischen Leib beziehen, der in 
diesem Augenblick die hochste Entfaltung erlebt von Barmherzigkeit, 
von Liebe. Und er verzeichnet daher die Worte: «Vater, vergib ihnen; 
denn sie wissen nicht, was sie tun!» (Luk. 23,34) Das ist ein Liebes- 
wort, das allein herauskommen kann aus dem astralischen Leibe, auf 
den der Schreiber des Lukas-Evangeliums von Anfang an hingewie- 
sen hat. Und was herauskommen kann an Demut und Ergebenheit, das 
kommt im hochsten Grade heraus aus diesem astralischen Leib, auf 
den Lukas bis zuletzt seinen Blick richtet. Daher seine SchluB worte : 
«Vater, in deine Hande befehle ich meinen Geist!» (Luk. 23,46.) 

Und Johannes schildert das, was zwar von der Erde genommen ist, 
was aber von dem Menschen in der Erdenordnung verwirklicht wer- 
den soil : den Sinn der Erdenordnung, der im Sonnenwort liegt. Er hat 
daher sein Hauptaugenmerk auf das gerichtet, was sich auf Golgatha 
vom Kreuz herab vollzieht als das Ordnende. Er beschreibt uns, wie 



in diesem Moment der Christus eine hohere Bruderschaft anordnet, als 
die ist, die sich auf Blutsverwandtschaft griindet. Die friiheren Bru- 
derschaften bestanden durch das Blut. Maria ist die Mutter, die als die 
Blutsmutter das Kind hatte. Was Seele mit Seele in liebe vereinigen 
soil, das wird durch den Christus Jesus angeordnet. Dem Schuler, den 
er lieb hatte, gibt er nicht die Blutsmutter, sondern er gibt ihm im 
Geiste die eigene Mutter. So alte Bande erneuernd, was der Mensch- 
heit urspriinglich verlorengegangen war, klingt es herunter vom 
Kreuz im neuen Sinne: «Das ist dein Sohn! » und «Das ist deine Mut- 
ter !» (J oh. 19,26-27) Was so als ordnender Sinn neue Gemeinschaf- 
ten stiftete, das ist das, was als der Sinn des Lebensathers, der das 
Leben ordnet, durch die Christus-Tat in die Erde einstromt. 

So haben wir die eine Tatsache, die Christus-Tatsache, hinter alle- 
dem, was die Evangelisten schildern. Aber jeder schildert von dem 
Gesichtspunkte aus, den er von Anfang an eingenommen hat, weil 
eines jeden Evangelisten Sinn in der Weise in Anspruch genommen 
war, daB er den hellseherischen Blick auf das richten muBte, wozu er 
vorbereitet war; und da uberhorte er das andere. Daher miissen wir 
uns sagen: Dieses umfassende Ereignis erscheint uns nicht dadurch 
widerspruchsvoll, daB es von vier Seiten geschildert ist, sondern wir 
lernen es dadurch erst kennen, daB wir die vier verschiedenen Seiten 
zusammenzufassen vermogen. Und wir finden es dann auch durchaus 
natiirlich, warum das Bekenntniswort des Petrus, auf das wir gestern 
hingewiesen haben, nur im Matthaus-Evangelium stehen kann und 
warum es nicht in den anderen Evangelien steht. Markus schildert den 
Christus als Sonnenkraft, als die universelle kosmische Kraft, die da 
wirkte - nur in einer neuen Weise - in die Erde herein. Also die 
majestatische Kraft der Sonnenaura in ihren elementarischen Wirkun- 
gen schildert Markus. Und das Lukas-Evangelium schildert, indem es 
das Innere des Christus Jesus schildert, den astralischen Leib vorzugs- 
weise, die einzelne menschliche Individualitat, wie der Mensch fur sich 
lebt. Denh im Astralleib lebt der Mensch fur sich, da hat er seine 
eigene, tiefste Eigenheit, da wachst er in sich selber. In bezug auf den 
astralischen Leib ist der Mensch zunachst nicht gemeindebildend; die 
gemeindebildende Kraft, wodurch der Mensch mit anderen Menschen 



in Beziehung tritt, ist im Atherleib. Lukas hat daher keine Gelegen- 
heit, keine Veranlassung, von irgendeiner zu gmndenden Gemem- 
schaft zu reden. Und der Schilderer der Ich-Wesenheit, der Schreiber 
des Johannes-Evangeliums erst recht nicht. 

Dagegen hat der Schreiber des Matthaus-Evangeliums, der uns den 
Christus Jesus als Menschen schildert, ganz besondere Veranlassung, 
auch diejenigen Verhaltnisse zu schildern, die sich als die mensch- 
lichen Ereignisse dessen herausstellen, daB einmal der Gott in 
Menschengestalt gewandelt ist. Was da der Gott als Mensch unter 
Menschen hat stiffen konnen, als Verhaltnisse unter Menschen, die 
man als Gemeinde, als eine zusammengehorige Ganzheit bezeichnen 
kann, das muBte der Evangelist besonders schildern, der den Christus 
Jesus in seiner menschlichsten Wesenheit schildert, weil er seinen Blick 
von Anfang an darauf gerichtet hat, wie der Christus als Mensch wirkt 
durch das, was er nimmt aus dem physischen Leib und Atherleib. So 
werden wir es, wenn wir inneres Verstandnis dafiir haben, auch natiir- 
lich finden, daB diese viel angefochtenen Worte nur im Matthaus- 
Evangelium vorkommen: «Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will 
ich bauen meine Gemeinde » (Matth. 16, 18). Und wenn wir die vielen 
Diskussionen der heutigen Theologen der verschiedensten Schattie- 
rungen in bezug auf diese Worte des Matthaus-Evangeliums iiberblik- 
ken, finden wir eigentlich immer nur ganz eigentumliche, eigenartige 
Griinde fur die Annahme oder Ablehnung dieser Worte, auf keiner 
Seite aber ein Verstandnis fur den tieferen Sinn. Die, welche sie ableh- 
nen, tun es, weil die auBere Gemeinschaft der katholischen Kirche sie 
vertritt, weil die auBere Einrichtung der katholischen Kirche darauf 
begriindet worden ist. Damit kdnnen sie vielleicht miBbraucht wer- 
den ; aber das ist kein Beweis dafiir, daB sie erst zugunsten der katho- 
lischen Kirche hineingeflochten sein sollen. Die, welche sie bekamp- 
fen, wissen im Grunde auch nichts Besonderes dagegen vorzubrin- 
gen, weil sie die Verdrehungen nicht sehen. Da sind dann die Herren 
in einer ganz merkwiirdigen Lage. So schildert einer, das Markus- 
Evangelium sei das urspriinglichste von alien vier Evangelien; dann 
seien das Matthaus- und das Lukas-Evangelium dazu gekommen, die 
von dem Markus-Evangelium in einer gewissen Weise abgeschrieben 



und erganzt worden seien ; und es ware nun erklarlich, da der Schrei- 
ber des Matthaus-Evangeliums abgeschrieben habe, daB er Verschie- 
denes dazu geschrieben habe, und ebenso der Schreiber des Lukas- 
Evangeliums. Dem Schreiber des Matthaus-Evangeliums sei es beson- 
ders eingef alien, weil er die Gemeinde stiitzen wollte, jene Worte 
hineinzufiigen : «Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich bauen 
meine Gemeinde. » 

Allerdings manchen Worten gegenuber niitzt da die Textiiber- 
lieferung nicht, weil man an gewissen alten Texten nicht nachweisen 
kann, daB diese oder jene Worte darinnenstehen. Aber bei diesen 
Worten des Matthaus-Evangeliums ist es nun so, daB sie zu dem 
gesichertsten Gut der Evangelien gehoren; denn hier haben wir nicht 
einmal eine philologische Moglichkeit, sie zu bezweifeln. Es sind man- 
che Worte durch die wirklich recht komplizierte Uberlieferung zu be- 
zweifeln; aber gegen die Worte des Petrus-Bekenntnisses : «Du bist 
Christus, der Sohn des lebendigen Gottes» und gegen die anderen 
Worte: «Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich bauen meine 
Gemeinde, und die Pforten der Holle sollen sie nicht uberwaltigen», 
dagegen laBt sich vom Standpunkt einer Philologie nichts einwenden. 
Und Einwande dagegen werden auch nicht gemacht. Es gibt nirgends 
einen Text, von dem aus dagegen Einwendungen gemacht werden 
konnten. Von den Texten, die in der neueren Zeit gefunden worden 
sind, hatte man vielleicht hofFen konnen, daB sich Einwendungen dar- 
aus ergeben; aber man kann gerade bei diesen Texten die betreffende 
Stelle nicht lesen, weil jener Teil sehr korrumpiert ist. So werugstens 
ist das philologische Ergebnis. Natiirlich miissen Sie sich dabei auf das 
verlassen, was diejenigen berichten, die diese Handschriften gesehen 
haben. 

So konnen wir von dieser Stelle nicht einmal behaupten, daB es 
eine andere Wiedergabe ware. Diese Worte gehoren auch nach der 
auBeren Philologie zu dem Gesichertsten, und wir begreifen gar wohl, 
warum sie dazu gehoren nach der ganzen Natur des Matthaus-Evan- 
geliums. Da sehen wir, wie der Christus Jesus so recht als Mensch 
geschildert wird. Und wenn wir diesen Schlussel gewonnen haben, 
werden wir iiberall, wo wir wollen, anklopfen konnen: wir werden 



das Matthaus-Evangelium verstehen. Und wir werden auch die 
Gleichnisse verstehen, welche der Christus Jesus zu seinen Jiingern 
und auch zu den mehr AuBenstehenden spricht. 

Wir haben gestern gezeigt, wie sich der Mensch entwickelt von 
unten nach oben, wie er hinaufwachst bis zur BewuBtseinsseele, die in 
der Menschenwesenheit als Bliite entfaltet wird, wie er so sich hinauf- 
entwickelt, daB ihm entgegenkommt der Chris tus-Impuls. Was durch 
die fiinf Kulturepochen gegeben ist, Atherleib, Astralleib, Empfin- 
dungsseele, Verstandes- oder Gemiitsseele, BewuBtseinsseele, diese 
fiinf Glieder der Menschennatur wachsen von unten herauf. Sie kann 
der Mensch so benutzen, daB er sie ausbildet, entwickelt, gebraucht 
so, daB sie in sich jenen Inhalt haben, der es moglich macht, daB sie, 
wenn die Zeit gekommen ist, von dem Christus-Impuls durchdrun- 
gen werden konnen. Die Menschheit kann sich so entwickeln, daB in 
der Zukunft alle Menschen des Christus teilhaftig werden konnen. 
Aber sie miissen diese fiinf Glieder von unten nach oben in entspre- 
chender Weise ausbilden. Wenn sie das nicht tun, werden sie nicht 
reif werden, den Christus zu empfangen. Wenn sie sich durch die ver- 
schiedenen Inkarnationen nicht kiimmern um diese Glieder, sie nicht 
ausbilden, um den Christus zu empfangen, dann kann der Christus 
kommen - sie konnen sich mit ihm nicht verbinden, sie haben « kein 
01 auf ihre Lampen gegossen»! Diese fiinf Glieder kann man auch 
ohne Ol lassen. Alle diejenigen, die kein Ol auf ihre Lampen gegos- 
sen haben, sind dargestellt durch ein schones, wunderbares Gleichnis 
in den « fiinf torichten Jungfrauen», die, weil sie nicht zur rechten 
Zeit ihre Lampen mit Ol versorgt haben, sich nicht mit dem Christus 
vereinigen konnen; die fiinf aber, die das Ol haben, konnen sich in der 
richtigen Stunde mit dem Christus vereinigen (Matth. 25,1-13), Alle 
diese Gleichnisse, die sich auf Zahlen begriinden, sind tief hinein- 
leuchtend in jenen Impuls, den der Christus den Menschen bringen 
konnte. 

Und weiter. Denjenigen, die von auBen seine Lehre ansahen, 
machte er klar, wie sie ja manches AuBere auch nicht bloB materiell 
betrachten, nicht bloB nach dem, was es unmittelbar ist, sondern als 
ein Zeichen fur etwas anderes. Er wollte sie hinweisen auf ihr eigenes 



Denken, auf ihre eigene Art des Denkens. Er lieB sich eine Miinze 
geben, zeigte ihnen das Bild des Kaisers darauf, um sie aufmerksam 
zu machen, daB mit der Miinze noch etwas Besonderes ausgedriickt 
wird, was nicht in dem bloBen Metall liegt, namlich die Zugehorig- 
keit zu einer besonderen Herrschaft, zu einem bestimmten Herrscher. 
«Was daran des Kaisers ist, das gebt dem Kaiser, das ist des Kaisers », 
und das liegt im Bilde, nicht im Metall. Aber lernt, wollte er sagen, 
auch so den Menschen betrachten und, was an ihm ist, als den Trager 
und Tempel des lebendigen Gottes. Betrachtet den Menschen nur so, 
wie ihr eine Miinze betrachtet; lernt in dem Menschen das Bild des 
Gottes erblicken, dann werdet ihr erkennen, wie der Mensch zu dem 
Gotte gehort (Matth. 22,15-22). 

Alle diese Gleichnisse haben noch eine tiefere Seite als die Trivial- 
seite, die man gewohnlich nimmt. Und man findet die tiefere Seite, 
wenn man weiB, daB der Christus nicht so Gleichnisse gebrauchte, wie 
sie heute in unserer zeitungspapierenen Zeit so oft gebraucht werden. 
Sondern der Christus gebraucht sie so, daB er sie herausgebiert aus 
der ganzen Menschennatur, daB der Mensch, wenn er sie ausdenkt, sie 
ausdehnt auf seine ganze Natur, gezwungen sein wiirde, das, was er ge- 
wohnt ist zu tun, uberall so zu tun, wie es sich auf dem einzelnen Ge- 
biete gehort. Gerade so miiBte man es dem Menschen zeigen, wie er 
mit seinem Denken von dem einen auf das andere Gebiet hinuber- 
gehen muB, wenn man ihm zeigen wollte, wie etwas als unsinnig sich 
darstellen kann. 

Als zum Beispiel Leute zum erstenmal aufgetreten sind und allerlei 
«Sonnenmythen» ausgedacht haben fur Buddha, fur Christus und so 
weiter, da wurde es endlich einem zu bunt. Und heute geschieht es ja 
wieder, daB man alle solche Gestalten als «Sonnenmythen» dar- 
stellt. Da sagte der BetrefFende: Mit dieser Methode, daB man in 
auBerlicher Weise Mythenbilder, Sternzeichen anwendet auf dieses 
oder jenes groBe Ereignis, kann man alles mogliche machen. Wenn 
jemand kommt und nachweist, daB in der Bedeutung des Christus- 
Lebens ein Sonnenmythos liege, um daraus zu beweisen, daB der 
Christus Jesus nicht gelebt habe, dann kann man auch mit dieser 
Methode beweisen, daB es nie einen Napoleon gegeben hat. Und das 



kann man auf die leichteste Art machen, indem man sagt : Napoleon 
hat den Namen des Sonnengottes Apollon. Nun bedeutet ein «N» 
vor dem Namen im Griechischen nicht eine Verneinung, sondern 
eine Verstarkung; daher ware Napoleon - N'Apollon - sogar eine Art 
Uber-Apollon. Dann kann man weitergehen und eine merkwiirdige 
Ahnlichkeit finden. Denken Sie daran, was der Erflnder des nicht- 
existierenden Jesus, der deutsche Philosophieprofessor Drews, heraus- 
nndet als Ahnlichkeit solcher Namen wie Jesus, Joses, Jason und so 
weiter. So kann man merkwiirdige Namenanklange herausfinden zwi- 
schen der Mutter des Napoleon, Latitia, und der Mutter des Apollon, 
Leto. Man kann weitergehen und sagen: Apollon, die Sonne, hat um 
sich zwolf Sternbilder - Napoleon hatte um sich zwolf Marschalle, 
die nichts weiter sein sollen als symbolische Ausdnicke fur die sich 
um die Sonne herumgliedernden Tierkreisbilder. Aber nicht umsonst 
hat der Held des Napoleon-Mythos gerade sechs Geschwister, so daB 
Napoleon mit seinen Geschwistern zusammen sieben ergibt, wie 
auch die Planeten sieben an der Zahl sind. Also hat Napoleon nicht 
gelebt ! 

Das ist eine sehr geistreiche Satire auf die symbolischen Ausdeu- 
tungen, die heute eine so groBe Rolle spielen. Die Menschen lernen ja 
im Grunde niemals; denn sonst miiBten sie wissen, daB nach dersel- 
ben Methode, die auch heute wieder angewendet wird, schon langst 
gezeigt worden ist, daB zum Beispiel Napoleon nie gelebt hat. 
Aber die Menschheit lernt nichts ; denn nach derselben Methode wird 
auch heute wieder bewiesen, daB Jesus nie gelebt hat. 

Diese Dinge also zeigen, daB es allerdings notwendig ist, mit Vor- 
bereitung, auch mit innerer Vorbereitung an das heranzutreten, was 
uns die Evangelien erzahlen von dem groBten Ereignis der Welt. Und 
wir miissen uns auch dariiber klar sein, daB hierin gerade Anthropo- 
sophen recht leicht siindigen konnen. Auch die anthroposophische 
Bewegung ist keineswegs frei gewesen von jenem Spielen mit allerlei 
Symbolen, die aus den Sternenwelten genommen sind. Ich wollte da- 
her gerade in diesem Vortragszyklus da, wo ich auch iiber die gro- 
Ben Ereignisse in der Menschheitsentwickelung in bezug auf ihre 
Darstellung in der Sternensprache gesprochen habe, zeigen, in welch 



wirklich richtiger Weise die Sternensprache gebraucht wurde, wo man 
die Zusammenhange wirklich verstand. 

Treten Sie mit solcher Vorbereitung heran an das, worauf sich die 
Evangelien zuspitzen. Ich habe schon hingewiesen auf die Taufe und 
auf die Lebens- und Todesgeschichte als auf die zwei Etappen der 
Einweihung. Ich habe nur noch hinzuzufugen, daB der Christus Jesus, 
nachdem er seine Jiinger dahin gefiihrt hat, wo sie schauen konnten 
das Heraustreten des innersten Menschenwesens in den Makrokosmos, 
wo sie durch den Tod hindurch schauen konnten, daB er auch da 
nicht vorfiihrt eine Auferstehung in jenem trivialen Sinne, wie es so 
vielfach verstanden wird. Sondem es ist durchaus im Sinne des Mat- 
thaus-Evangeliums - nehmen Sie nur die Worte und verstehen Sie sie 
wirklich, gerade wie es auch im Johannes-Evangelium deutlich ge- 
zeigt wird -, daB das Wort des Paulus wahr ist. Er hat den Christus 
als den Auferstandenen gesehen durch das Ereignis von Damaskus, 
und er betont es noch besonders, daB ihm dasselbe zuteil geworden 
ist, was den anderen Briidern, den Zwdlfen und den Funfhundert, 
auf einmal zuteil geworden ist (l.Kor. 15,3-8). So, wie er den Chri- 
stus gesehen hat, so haben ihn die anderen nach der Auferstehung 
gesehen. 

Das wird uns hinlanglich angedeutet, indem erzahlt wird im Evan- 
gelium, daB Maria von Magdala, die den Christus erst vor ein paar 
Tagen gesehen hat, ihn nach der Auferstehung sieht und ihn fur den 
Gartner halt, weil sie keine Ahnlichkeit mit ihm findet (Joh. 20, 11-18). 
Wurde er wirklich so ausgesehen haben, wie er vor ein paar Tagen 
ausgesehen hat, so ware das ausgeschlossen; dann ware es eine ab- 
norme Tatsache. Denn niemandem werden Sie zutrauen, daB er einen 
anderen, den er vor einigen Tagen gesehen hat, nach ein paar Tagen 
in derselben Gestalt nicht wieder erkennen wurde. Daher miissen wir 
uns daruber klar sein, daB in der Tat eine Veranderung vor sich ge- 
gangen ist. Und wenn wir die Evangelien genau verfolgen, erscheint 
uns als ein notwendiges Ergebnis, daB wir uns klar sind, daB durch 
die ganzen Vorgange in Palastina, durch das Mysterium von Gol- 
gatha die Augen der Jiinger aufgetan wurden und daB sie den Chri- 
stus so erkennen konnten, wie er war als der die Welt durchwe- 



bende und durchwirkende Geist, wie er war, nachdem er den physi- 
schen Leib der Erde iibergeben hatte, aber ebenso wirksam, wie er im 
physischen Leibe war, jetzt fur die Erde verblieb. 

Das zeigt auch das Matthaus-Evangelium hinlangHch, sogar mit den 
bedeutsamsten Worten, die wir vielleicht uberhaupt in einer Urkunde 
finden konnen. Es zeigt uns ganz klar, daB darauf hingewiesen wer- 
den sollte : Einmal war da der Christus in einem physischen Menschen- 
leib; aber dieses Ereignis ist nicht bloB ein Ereignis, es ist eine Ur- 
sache, ein Impuls. Von da aus geht eine Wirkung. Das Sonnenwort, 
die Sonnenaura, wovon Zarathustra einst sprach als von einem 
auBerhalb der Erde Vorhandenen, das ist durch das Christus Jesus- 
Leben etwas geworden, was mit der Erde vermahlt, verbunden ist und 
verbunden bleiben wird. Vorher war nicht dasselbe mit der Erde ver- 
bunden, was nachher mit ihr verbunden war. 

Diese Tatsache zu verstehen, geziemt uns Anthroposophen. Daher 
begreifen wir also, daB der auferstandene Christus der war, der sich als 
Geist verstandlich gemacht hatte den hellsehend gewordenen Augen 
der Jiinger, der hinweisen konnte, wie er jetzt als Geist durchwebt das 
Erdendasein, und sagen konnte : « Gehet hin und machet zu Jiingern 
alle Volker, und taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes 
und des Heiligen Geistes, und lehret sie alles halten, was ich euch be- 
fohlen habe! Und siehe, Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der 
Erdenzeit» (Matth. 28,19-20). Das soli uns die Geisteswissenschaft 
zum Verstandnis bringen, was damals begonnen hat, daB mit der 
Erdenaura verbunden worden ist die Sonnenaura und daB es zu sehen 
ist fur den, dessen Geistesauge gedffnet ist, und daB diese Sonnenaura 
in der Erdenaura, die fur Paulus sichtbar geworden ist, zu horen ist, 
wenn sich unser inneres Ohr so aufschlieBt, daB es hort das Sonnen- 
wort, wie es horbar wurde fur den durch den Christus Jesus selbst 
eingeweihten Lazarus. Dazu soil die Geisteswissenschaft da sein, um 
uns darauf vorzubereiten, daB dies eine Tatsache ist. Die Geisteswis- 
senschaft ist eine Interpretin dessen, was geschehen ist in bezug auf 
die geistige Entwickelung der Welt. Und indem sie das ist, wird sie 
in Wirklichkeit stiften, was auch der Christus Jesus, und zwar auch 
im Sinne des Matthaus-Evangeliums, stiften wollte. 



Ein Wort aus dem Matthaus-Evangelium wird gewohnlich ganz 
falsch ubersetzt, das schone, herrliche Wort: «Ich bin nicht auf diese 
Erde herabgestiegen, um von dieser Erde wegzuwerfen den Frieden, 
sondern um wegzuwerfen das Schwert!» (Matth. 10,34). Das schonste, 
wunderbarste Friedenswort ist leider im Laufe der Zeit in sein Gegen- 
teil verkehrt worden. Um die Erde allmahlich von dem zu erlosen, 
was Unfriede, Disharmonie in die Menschheit bringt, dazu hat sich 
dem geistigen Erdendasein eingepragt die Christus-Wesenheit. Und 
die Geisteswissenschaft wird Frieden stiften, wenn sie in diesem 
Sinne sozusagen wahrhaft christlich sein kann, daB sie die Religionen 
vereinigt. Und sie kann nicht nur das, was in unseren nachsten Ge- 
genden ist, vereinigen, sie kann iiber den ganzen Erdkreis hin wirk- 
lich Frieden stiften, wenn sie die Tat des groBten Friedenstifters ver- 
steht. Es ist gewiB nicht im Sinne des groBten Friedenstifters, daB 
fanatische Menschen von einem Teil der Erde zum anderen gehen 
und eine engbegrenzte Christus-Lehre einem ganz anderen Volk auf- 
drangen, das nichts hat von den Bedingungen fur eine Christus-Lehre 
in der Form, wie sie sich bei einem anderen Volke ausgepragt hat. 
GroBe Fehler werden gemacht, wenn die Christus-Lehre, wie sie sich 
gerade da oder dort ausgepragt hat, in unserer Zeit etwa nach dem 
Orient iibertragen werden sollte. Denn wir als Anthroposophen ha- 
ben oftmals darauf hingewiesen, daB der Christus nicht nur den « Chri- 
sten » gehort, und daB es im Grunde genommen dasselbe Wesen ist, 
auf das Zarathustra hindeutet als auf Ahura Mazdao und auf das die 
sieben indischen Rishis hingedeutet haben als auf Vishva Karman. 
Wir stehen im Westen und wissen, wie vom Christus die Rede ist, wenn 
im Osten andere Worte gebraucht werden. 

Wir wollen den Christus auch so verstehen, daB dieses Verstandnis 
vereinbar ist mit der Menschheitsevolution, mit dem weiteren Fort- 
schreiten der Menschen. Und wir sind uns klar daruber, daB uns iiber 
den Christus nicht Urkunden und Erkenntnisse AufschluB geben kon- 
nen, welche den Christus ablehnen; sondern nur diejenigen kdnnen 
uns AufschluB geben, welche den lebendigen EinfluB des Christus 
selber bewuBt in sich tragen konnen. Und wir wissen, wenn wir in der 
rechten Weise anderen Volkern, die den Christus ablehnen, in unse- 



rem christlichen Sinne von Vishva Karman, von Ahura Mazdao spre- 
chen, daB sie uns verstehen, wenn wir ihnen auch keine Namen 
aufdrangen, und daB sie von sich selber aus zum Christus-Verstandnis 
vordringen werden. Wir wollen ihnen Christus dem Namen nach 
nicht aufzwingen. Wir sind uns klar dariiber, wenn wir nicht nur 
Anthroposophen, sondern Okkultisten sind, daB Namen ganz gleich- 
giiltig sind, daB es auf die Wesenheit ankommt. Konnten wir uns nur 
in einem Augenblick davon iiberzeugen, daB wir die Wesenheit, die in 
dem Christus ist, bezeichnen durften mit einem anderen Namen, so 
wiirden wir es tun. Denn um die Wahrheit ist es uns zu tun und nicht 
um unsere Vorliebe, weil wir auf irgendeinem bestimmten Fleck der 
Erde stehen und irgendeinem Volke angehoren. Aber man soli uns 
auch nicht sagen, daB man mit Mitteln, die nicht geeignet sind - weil 
sie sich selber dem EinfluB des Christus entzogen haben den Chri- 
stus begreifen kann; das ist jedem unmoglich. Man kann den Christus 
auch bei den anderen Nationen finden, aber man muB ihn studieren 
mit den Mitteln, die von dem Christus selber flieBen. 

Niemand darf den Anthroposophen etwas vorwerfen, wenn sie das 
Christentum nicht mit solchen Formen studieren wollen, die nicht aus 
dem Christentum selbst genommen sind. Man kann nicht mit orientali- 
schen Namen den Christus begreifen ; man sieht dann den Christus gar 
nicht, man sieht daneben vorbei und glaubt ihn vielleicht zu sehen. 
Und was wiirde es denn sein, wenn man uns zumuten wiirde, daB wir 
auf theosophischem Felde von orientalischer Anschauung aus den 
Christus begreifen sollten? Wir miiBten uns auf lehnen dagegen, daB der 
Christus aus dem Orient gebracht werden wiirde! Das wollen wir 
nicht; aber man wiirde uns dadurch zwingen, den Okzidentnach dem 
Orient zu bringen und den Christus-Begriff darnach zu formen. Das 
kann und darf nicht sein, nicht aus Aversion, sondern weil die orien- 
talischen Begrifife, die einen alteren Ursprung haben, nicht ausreichen, 
den Christus zu begreifen, weil der Christus ganz und gar nur zu be- 
greifen ist aus jener Linie der Evolution heraus, in welche hineinfallt 
zunachst Abraham, dann Moses. Aber in Moses ist eingezogen die 
Wesenheit des Zarathustra. Und dann miissen wir den Zarathustra 
weiter suchen, wie er sich erstreckt in seinem EinfluB auf den Moses. 



Und weiter miissen wir den Zarathustra nicht in den alten Schriften 
des Zarathustrismus suchen, sondern wie er sich von selber wiederver- 
korpert in dem Jesus von Nazareth. Auf die Entwickelung miissen wir 
schauen ! So miissen wir auch den Buddha nicht da suchen, wo er sechs 
Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung war, sondern da, wo ihn uns 
das Lukas-Evangelium schildert und wo er herunterscheint aus der 
Hohe, nachdem er vom Bodhisattva zum Buddha geworden war und 
hereinscheint in den astralischen Leib des Lukas- Jesus. Da haben wir 
den Buddha und lernen ihn in seinem Fortschritt kennen. 

Daran sehen wir, wie tatsachlich die Religionen zusammenstimmen, 
zusammenwirken, um die Menschheit wirklich zum Fortschritt zu 
bringen. Es handelt sich nicht darum, daB wir bloB anthroposophische 
Grundsatze predigen, sondern daB wir sie in lebendiges Gefiihl um- 
setzen, daB wir nicht bloB von Toleranz sprechen und intolerant sind, 
weil wir Vorliebe haben fur irgendein besonderes Religionssystem der 
Erde. Tolerant sind wir nur, wenn wir ein jegliches mit seinem eige- 
nen MaB messen und jedes aus sich selbst heraus verstehen. - Es ist ge- 
wiB nicht unsere Schuld und keine Schuld unserer besonderen Vor- 
liebe, daB die verschiedenen Religionssysteme sichtlich zusammen- 
gewirkt haben, um das Christentum zustande zu bringen. Wahrhaftig, 
in den geistigen Hohen, wo die groBen geistigen Wesenheiten gewirkt 
haben, ist es anders zugegangen als da, wo ihre Bekenner auf der Erde 
gewirkt haben. Diese Bekenner auf der Erde haben zum Beispiel ein 
Konzil in Tibet berufen, um eine orthodoxe Lehre an den Namen des 
Buddha anzukniipfen in der Zeit, als der wirkliche Buddha herabge- 
stiegen ist, um den astralischen Leib des Lukas-Jesus zu inspirieren. 
So ist es immer : Die Bekenner auf Erden schworen auf das, was nach- 
wirkt auf der Erde; die Gotterwesen aber wirken mittlerweile weiter, 
damit die Menschheit vorwartskommen kann. Aber am besten kommt 
die Menschheit vorwarts, wenn die Menschen versuchen, ihre Gotter 
zu verstehen, wenn sie versuchen, einen ahnlichen Fortschritt zu gehen 
wie die Gotter, indem diese auf die Menschen herunterblicken. Das 
soil uns eine lebendige Empfindung, ein lebendiges Verstandnis geben 
fur das, was wir in den verschiedenen Evangelien erblickt haben. 

Sie haben gesehen, daB wir in Ankniipfung an jedes der drei 



Evangelien etwas anderes in jedem sehen konnten. Einstmals, wenn 
wir das Markus-Evangelium studieren werden, wird sich uns eine be- 
sonders intime Kosmologie ergeben, weil Ahura Mazdao, der durch 
alle Raume wirkt, in der Tat geschildert werden kann in richtiger An- 
knupfung an das Markus-Evangelium, wie uns die Geheimnisse des 
menschlichen Blutes, die Vererbungszusammenhange des Indivi- 
duums mit dem Volkstum, aus dem es herauswachst, in den Schil- 
derungen des Matthaus-Evangeliums vor die Seele getreten sind. 

Nehmen Sie das, was ich in diesen Tagen schildem durfte, als eine 
Seite des groBen Christus-Ereignisses, und seien Sie sich klar, daB 
durchaus noch nicht alles damit gesagt ist. Es ist vielleicht heute 
noch nicht an der Zeit, alles zu sagen, was iiber diese groBen Myste- 
rien, vielleicht auch nur im kleinsten Kreise, zu sagen moglich ist. Das 
Beste aber, was uns aus dieser Tatsachendarstellung flieBen kann, ist, 
daB wir sie aufnehmen nicht nur in unseren Verstand und Intellekt, 
sondern daB wir sie verbinden mit den innersten Fasern unseres See- 
lenlebens, mit unserem ganzen Gemiit und unserem ganzen Herzen 
und darin weiterleben lassen. Die Evangelienworte sind Worte, die, 
wenn wir sie in unser Herz einpragen, darinnen zu Kraften werden, 
die uns durchdringen und eine merkwiirdige Lebenskraft entwickeln, 
wenn wir sie wirklich verstehen. Und wir werden sehen, daB wir diese 
Lebenskraft hinaus mit ins Leben tragen. Und heute, wo ich in bezug 
auf diesen Zyklus das letzte Wort iiber das Matriiaus-Evangelium zu 
sprechen genotigt bin, mochte ich ganz besonders sagen, was ich 
ofter am Ende unserer Sommerzyklen gesagt habe, mochte aber dabei 
ankniipfen an dieses menschlich schonste Dokument der christlichen 
Urkunden, an das Matthaus-Evangelium. 

Was tritt uns besonders beim Matthaus-Evangelium entgegen, da 
uns ja das Menschliche des Christus Jesus bei demselben von Anfang 
an ins Auge gefaBt erscheint? Wenn wir auch noch so groB den Ab- 
stand annehmen zwischen irgendeinem Menschen auf der Erde und 
jenem Menschen, der den Christus aufnehmen konnte, so tritt uns 
beim Matthaus-Evangelium entgegen - wenn wir es in Demut sehen -, 
was ein Mensch wert ist und wessen ein Mensch wiirdig ist. Denn 
wenn auch unsere eigene Natur noch weit, weit entfernt sein mag von 



der Natur des Jesus von Nazareth, so diirfen wir doch sagen: Wit tra- 
gen die Menschennatur in uns, und diese Menschennatur zeigt skh so, 
daB sie den Gottessohn, den Sohn des lebendigen Gottes in sich auf- 
nehmen kann; so daB aus dieser Aufnahme die VerheiBung entsprin- 
gen kann, daB der Gottessohn nunmehr mit dem geistigen Erden- 
dasein verbunden bleiben kann, und daB, wenn die Erde an ihrem Ziel 
angelangt sein wird, alle Menschen durchdrungen sein werden von der 
Christus-Substanz und Christus-Wesenheit, soweit sie es selbst in 
ihrem Innersten sein wollen. Wir brauchen Demut, um uberhaupt die- 
ses Ideal hegen zu diirfen. Denn hegen wir es nicht in Demut, dann 
macht es uns hochmutig, ubermiitig, und wir denken dann nur an das, 
was wir als Menschen sein konnten, und erinnern uns zu wenig daran, 
wie wenig wir noch bisher zu leisten imstande sind. In Demut miissen 
wir es erleben. Wenn wir es so verstehen, dann erscheint es uns so 
groB und gewaltig, so majestatisch und eindringlich in seinem Glanze, 
daB es uns gewichtig zur Demut mahnt. Aber es kann uns diese Demut 
nicht niederdriicken, weil wir die Wahrhek dieses Ideals durchschauen. 
Und wenn wir die Wahrheit durchschauen, dann mag die Kraft in uns 
noch so klein sein: sie wird uns immer hoher und hoher unserem 
Gottesziel entgegentragen. 

In dem «Rosenkreuzermysterium» flnden wir alle Tone angeschla- 
gen, die wir dafiir brauchen : das eine Mai in der zweiten Szene, wo 
Johannes Thomasius unter dem Eindruck des Wortes « O Mensch, er- 
kenne dich!» zerschmettert steht, und das andere Mai, wo er unter 
dem Eindruck des Wortes «0 Mensch, erlebe dich!» jauchzend hin- 
aufgehoben wird in Weltenweiten. Wenn wir uns das vor Augen hal- 
ten, wird uns in Anlehnung daran auch die Majestat und GrdBe, die 
uns in dem Jesus des Matthaus-Evangeliums entgegentritt, verstand- 
lich werden, die uns zur Demut auffordert und unsere Kleinheit uns 
anschaulich macht, die uns aber auch auf die innere Wahrheit und in- 
nere Wirklichkeit weist, die uns entreiBt alledem, was uns als ein Ab- 
grund unserer Kleinheit erscheint gegeniiber dem, was wir sein sollen, 
was wir werden konnen. Und wenn wir erkennend uns manchmal zer- 
schmettert fiihlen wollen gegeniiber dem, was Menschen-GdttergroBe 
im Menschen sein kann, so miissen wir doch, wenn wir den guten 



Willen haben, etwas von dem gottlichen Impuls, von dem « Sohn des 
lebendigen Gottes» zu erleben, uns des Christus Jesus ermnern, der 
da, wo wir als Menschen dieses Ich erleben konnen, von dem er der 
hochste Reprasentant ist, selber uns ermahnt hat, indem er uns in 
lapidaren Formen das Wort « O Mensch, erlebe dich ! » zugerufen hat 
fur alle kommenden Zeiten. 

Wenn wir so verstehen das Menschliche im Matthaus-Evangelium - 
und daher ist es auch das uns am nachsten liegende der Evangelien -, 
so wird uns entgegenstromen aus diesem Evangelium Mut zum Le- 
ben, Kraft und HofTnung zum Aufrechtstehen auch in unserer Lebens- 
arbeit. Dann werden wir am besten verstehen, was diese Worte haben 
sein sollen. 

Nehmen Sie diese Worte mit und versuchen Sie dariiber nachzu- 
denken. Es kann immer nur wenig angedeutet werden. An Ihren Her- 
zen und Seelen ist es aber, das weitere aus diesen Worten herauszu- 
holen. Und davon konnen Sie iiberzeugt sein: insofern das Richtige 
getroffen ist iiber das Christus-Ereignis, sind es doppelt lebendige 
Worte. Und Sie werden mehr flnden in diesen Worten, wenn Sie die 
Nachwirkung in Ihren Herzen nachklingen las sen, als wenn Sie es nur 
dem auBeren Gedachtnis anpassen. Was gesprochen worden ist, soli 
eine Anregung sein. Aber suchen Sie die Ergebnisse, die Wirkungen 
dieser Anregung in Ihrem eigenen Herzen. Dann kann es sein, daB Sie 
in ihnen noch etwas ganz anderes ftnden, als was hier gesprochen 
worden ist und was Sie hier in dieser kurzen Zeit gefunden haben. 



HINWEISE 



Textgrundlage: Die Vortrage wurden von Walter Vegelahn, Berlin, mitgeschrieben. Seine 
Ubertragung in Klartext liegt dem vorliegenden Druck zugrunde. Das Originalsteno- 
gramm ist nicht vorhanden. 

Der 5.Auflage liegt eine erneute Durchsicht der Vortrage anhand der urspriinglichen 
Nachschriften zugrunde, die erst nach der 4.Auflage zuganglich wurden. Dadurch konn- 
ten einige Verbesserungen des Textes vorgenommen werden. 

Zu den Evangelien-Zitaten: Die herangezogenen Evangelien-Stellen wurden von Ru- 
dolf Steiner nach der Lutherschen Bibeliibersetzung wiedergegeben. Daneben wurde 
auch die Weizsackersche Ubersetzung beigezogen (siehe Hinweis zu Seite 123). 

Zum Vorwort der Ausgabe von 1930: Das der ersten buchformigen Ausgabe vorange- 
stellte Vorwort von Marie Steiner ist jetzt enthalten in Band I ihrer Gesammelten Schrif- 
ten: «Die Anthroposophie Rudolf Steiners. Gesammelte Vorworte zu Erstveroffentlichun- 
gen von Werken Rudolf Steiners*, Domach 1967. 

Werke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den Hinweisen mit 
der Bibliographie-Nummer angegeben. Siehe auch die Ubersicht am Schlufi des Bandes. 

Zu Seite: 

33 erkenntnistheoretische Tatsache: Vgl. «Die Geheimwissenschaft im Umrifi*, GA Bibl- 
Nr.13, 1977, S. 170/171. 

42 «Die Gebeimnisse der biblischen Scbdpfungsgescbicbte», GA Bibl.-Nr. 122, 

«Die Pforte der Eintveihung»: Das erste Mysteriendrama wurde von Rudolf Steiner 
im Jahre 1910 verfafit und im gleichen Jahre in Miinchen uraufgefuhrt. In «Vier 
Mysteriendramen» (1910-13), GA Bibl.-Nr. 14. 

55 der Wdrtneleib des Saturn: Vgl. dazu das Kapitel «Die Weltentwickelung und der 
Mensch* in «Die Geheimwissenschaft im Umrifc, GA Bibl.-Nr. 13. 

59 die bekannten Chladnischen Klangfiguren: Nach dem deutschen Physiker Ernst 
F.F. Chladni, 1756-1827, einem der Hauptbegrunder der wissenschaftlichen Aku- 
stik, benannt. 

63 Die Sonne font...: «Faust», Prolog im Himmel/Raphael. 

67 In dieser Legende: «Der Stern Abrahams*, wiedergegeben in <Die Sagen der Juden, 
gesammelt von Micha bin Gorion*, neu herausg. von Emanuel bin Gorion, Frank- 
furt a.M. 1962; I.Abt., 4.Buch, S.182ff. 

84 dafi bereits im Jahre 71 ... eine aramaische Urschrift des Mattbdus-Evangeliums vor- 
handen war: Bei dieser aus dem Talmud, Schabbath 116 a, stammenden Schilde- 
rung bezieht sich Rudolf Steiner auf die Schrift von Daniel Chwolson, «tjber die 



Frage, ob Jesus gelebt hat», Leipzig 1910, die wir hier auszugsweise (S. 13/14) wie- 
dergeben: 

«Die Rabbinen kannten auch schon gegen 71 n.Chr. ein Evangelium, das wahr- 
scheinlich das urspriingliche Evangelium des Matthaus war; im Talmud wird 
namlich berichtet: R. Gamaliel II. fuhrte mit seiner Schwester einen Erbschafts- 
prozeft wegen des Besitzes ihres Vaters R. Simeon ben Gamaliel, der gegen 
70 nebst anderen Rabbinen, die sich beim Aufstand beteiligt hatten, hingerich- 
tet worden war. Sie erschienen vor dem offenbar von den Romern eingesetzten 
Richter, der unzweifelhaft ein Judenchrist paulinischer Richtung war, obgleich 
er nicht ausdriicklich als solcher bezeichnet wird* Er sagte den beiden Geschwi- 
stern, sie sollten die Erbschaft teilen. Darauf bemerkte R. Gamaliel, dafi nach 
dem mosaischen Gesetze die Tochter keinen Anteil an der Erbschaft haben 
konne. Der Richter erwiderte ihm: <Seit ihr euer Land verloren habt,** ist die 
Thorah Mosis abrogiert und das Evangelium gegeben worden.> Darauf hat 
Gamaliel dem Richter ein Geschenk gemacht, und als er am nachsten Tage zu 
ihm kam, fuhrte der Richter den Vers aus Matthaus 5, 17 in aramaischer Sprache 
an, worin es heifit, dafi Christus das mosaische Gesetz nicht aufheben, sondern 
nur Zusatze zu demselben machen wolle, und sprach ihm die Erbschaft ganz zu. 

Man sieht aus dieser ivichtigen Nachricht, daft um 71 n. Chr. ein Evangelium Mat- 
thai nicht blojS schon existiert hat, sondern den damaligen Christen auch genau be- 
kannt war.» 

* Im Text heilk er Philosoph, ein Ersatzname fur Christ («Nozerim»), den die Ju- 
den haufig in ihren Schriften aus Furcht vor der Zensur zu vermeiden suchen. 

** Wortlich: «exiliert seid». Hier ware aber diese Ubersetzung unpassend, da die Ju- 
den damals als solche nach der Zerstorung des zweiten Tempels nicht exiliert 
wurden. 

87 Philo (von Alexandrien): Philo oder Philon, auch Philon Judaus, 20 v. Chr. bis 50 
n.Chr., judisch-griechischer Philosoph und Schriftsteller aus Alexandria; die von 
ihm verfafite Schrift «Vom beschaulichen Leben* ist die wichtigste Quellenschrift 
iiber die Therapeuten (vollstandige Ubersetzung in E. Bock, Casaren und Apostel, 
1937 u. neuere Auflagen), iiber die Essaer vgl. man auch den 12. Abschnitt von Phi- 
los Schrift «Jeder Tugendhafte ist frei». 

88 was wir im vorigen Jahre hei den Vortrdgen uher das Lukas-Evangelium besprochen 
haben: «Das Lukas-Evangelium », GA Bibl.-Nr. 1 14, 2. u. 3.Vortrag. 

Das erzdhlt auch die alte indische Legende: Wiedergegeben in Lalitavistara; vgl. 
hierzu auch Hermann Beckh, «Buddhismus», Bd.I (Sammlg. Goschen 174), S. 32, 
der den Inhalt der Legende wie folgt schildert: «Dann [nachdem der Bodhisattva 
noch einmal zur Versammlung der Gotter gesprochen hat] nimmt er Abschied von 
den himmlischen Geistern, bestimmt den Bodhisattva Maitreya, den Buddha der 
ktinftigen Weltperiode, zu seinem Nachfolger als Lehrer der Gotter, indem er ihm 
sein Diadem aufsetzt und beschlieik, ... in den Mutterleib einzugehen. . . .» 

95 Miinchener Auffiihrung des «Rosenkreuzermysteriums»: «Die Pforte der Einwei- 
hung», uraufgefiihrt im Miinchner Schauspielhaus am 15. August 1910, in «Vier 
Mysteriendramen», GA Bibl.-Nr. 14. 



112 Fritz Mauthner, 1849-1923, «Beitrage zu einer Kritik der Sprache* I — III, Stuttgart 
1901/02, 3. Aufl. Leipzig 1923. 

123 Ubersetzung von Weizsdcker: Rudolf Steiner verwendete «Das Neue Testament, 
iibersetzt von Carl Weizsacker*, 3. u. 4. revid. Stereotypdruck der 9- Aufl., Tubingen 
1904. 

124 Agypter-Evangelium: Nur in Bruchstiicken vorhandenes apokryphes Evangelium, 
das mit dem neu gefundenen «Agypter-Evangelium» von Nag Hammadi nicht 
identisch ist. Die hier angezogene Stelle wird bei Hennecke, «Neutestamentliche 
Apokryphen», 2. Aufl., Tubingen 1924, wie folgt wiedergegeben : «Auf die Erkundi- 
gung der Salome, wann der Gegenstand ihrer Frage bekannt werden, <sein Reich 
kommen> wiirde, sagte der Herr: Wenn ihr den Anzug der Scham mit FiifSen tretet, 
und wenn die zwei eins werden <und das Auswendige wie das Inwendige> . . .» Siehe 
hierzu auch den sog. II. Clemensbrief (eine altchristliche Predigt aus der Mitte des 
2.Jahrhunderts), wo es heifit: «Denn der Herr selbst, als er von jemanden gefragt 
wurde, wann sein Reich kame, sprach: Wenn die zwei eins sein werden, und das 
Aufiere wie das Innere...> (II. Clem. 12,2). 

126 die Vortrdge iiber das Lukas-Evangelium: Siehe Hinweis zu S.88. 

132 des vorjdhrigen Miinchener Zyklus «Die Kinder des Luzifer und die Bruder Christi»: 
Gedruckt unter dem Haupttitel «Der Orient im Lichte des Okzidents», GA Bibl- 
Nr.113. 

139 In anderen Evangelien: In alteren Evangelienhandschriften. Siehe auch Hebr. 1,5 
und die Ausfiihrungen in dem Vortrag vom 21. September 1909 («Das Lukas-Evan- 
gelium*, GA Bibl.-Nr. 1 14, 7. Vortrag). 

153 bei den Vortragen in Miinchen iiber das «Sechstagewerk»: Siehe Hinweis zu S. 42. 

172 John M.Robertson, geb. 1856, «Die Evangelien-Mythen*, Jena 1910, Kap.: Das 
«Vaterunser», S. 19 Iff. 

182 neun Seligkeiten des «Slawischen Henoch»: Siehe das vorstehend angefiihrte Werk 
von Robertson, S. 200/201. 

189 die Abbildungen eines Askulap, der vor zwei Blinden steht: Siehe Robertson, a.a.O., 
Kap.: Die Heilung der beiden Blinden, S.80f. 

202 Maimonides: Moses ben Maimon, 1135-1204, der bedeutendste jiidische Philo- 
soph des Mittelalters, richtete 1172 an seinen Korrespondenten Jakob ibn Alfajumi 
in Jemen ein Sendschreiben, das unter dem Namen Iggeret Teman bekannt ist und 
in dem er von dem Auftreten falscher Messiasse schreibt. J. Miinz gibt in seinem 
Buch «Moses ben Maimon. Sein Leben und seine Werke», Frankfurt a.M. 1912, den 
Inhalt der Stelle iiber die falschen Messiasse (S.76) wie folgt wieder: 

«So sei zu Beginn der islamitischen Zeitperiode jenseits des Euphrat (Persien) 
ein messianischer Schwarmer (Obadja Abu Isa) aufgetreten, der durch seine 
plotzliche Heilung vom Aussatze seine hohe Sendung bekundet haben will. Er 
fand einen grofien Anhang, an zehntausend Mann scharten sich um ihn; aber 
sein Plan gelang nicht, und die Juden jener Gegend gerieten durch ihn in Not 



(755).* Ferner sei ein messianischer Verkiinder vor fiinfundvierzig Jahren (urn 
1127) in Fez, und etwa ein Jahrzehnt vorher (1117) ein anderer in Cordova er- 
schienen; beide aber hatten in ihren Ortschaften viel Unheil iiber Israel ge- 
bracht. Ungefahr dreifiig Jahre vor diesen Ereignissen (um 1087) sei ein Schein- 
messias in Frankreich aufgetreten, und er und viele seines Anhanges seien den 
Franken als Opfer anheimgefallen.* 

* Die Anhanger dieses Messias oder Sektenstifters erhielten sich noch bis ins 
lO.Jahrhundert und wurden nach der Stadt Isfahan die Isawiten genannt. Vgl. 
dariiber Gratz, Geschichte der Juden, Bd. V, S. 167 und Note 15. 

Die ersten vier Kapitel dieser Schrift - die zitierte Stelle gehort zum 3.Kapitel - 
sind bereits im Jahre 1902 als I.Teil erschienen; es ist also durchaus moglich, dafi 
Rudolf Steiner sich auf diese Darstellung bezieht. 

Auf die abweichenden Jahreszahlen des Auftretens der falschen Messiasse bei 
A. Fr. Gfrorer, «Geschichte des Urchristentums, III. Hauptteil : Das Heiligtum und 
die Wahrheit», Stuttgart 1838, S.9, sei hier nur hingewiesen. 

202 Endlich wird berichtet aus dem Jahre 1174: Rabbi Gedaliah erzahlt in seinem Buche 
«Schalscheleth hakkabala* (fol.34, col. 1): «Ums Jahr 1174 habe sich ein Jude in Per- 
sien fur den Messias ausgegeben, was, wie die Quelle beifugt, viel Triibsal iiber Is- 
rael brachte.* 

203 Sabbatai Zewi, 1626-1675. Siehe J. Kastein, «Sabbatai Zewi. Der Messias von Is- 
mir», Berlin 1930. 

237 Professor Jensen: P.Jensen, «Moses, Jesus, Paulus. Drei Varianten des babylonischen 
Gottmenschen Gilgamesch. Eine Anklage und ein Appell», 3.Aufl., Frankfurt a.M. 
1910. 

249 Da sagte der Betreffende: Der Agener Bibliothekar J. B. Peres in seiner 1835 an- 
onym erschienenen Schrift « Grand erratum, source d'un nombre infini d'errata, a 
noter dans l'histoire du XIX e siecle*. Die vierte Auflage, die zuerst den Namen des 
Verfassers trug, betitelt sich: «Comme quoi Napoleon n'a jamais existe, ou grand er- 
ratum source d'un nombre infini d'errata, a noter dans l'histoire du dix-neuvieme 
siecle* (Paris 1838), und seither erschien diese Schrift in vielen Auflagen und Ober- 
setzungen. Eine deutsche Ubersetzung ist enthalten in Friedrich M. Kircheisen, 
«Hat Napoleon gelebt?*, Stuttgart 1910, S. 179ff- Kircheisen berichtet auch nahere 
Einzelheiten iiber die Entstehung der Schrift von J. B. Peres: 

♦Peres wurde zur Abfassung seines seltsamen Opus eigentlich durch einen Mei- 
nungsstreit veranlafit, den er eines Tages mit einem jungen Manne iiber Dupuis' 
<Origine de tous les cultes> hatte. BekanntHch identifiziert Dupuis die Gotthei- 
ten der Mythologie mit den Sternbildern und behauptet schliefilich, Jesus Chri- 
stus sei die Sonne und seine zwolf Jiinger seien die zwolf Zeichen des Tierkrei- 
ses. Der junge Mann war ein eifriger Anhanger des beruhmten Astronomen und 
liefi durchaus keine Gegengriinde gelten. Es entspann sich ein lebhaftes Wortge- 
fecht zwischen Peres und ihm, welches damit endete, dafi Peres dem jungen 
Manne versprach, ein Buch zu schreiben, worin er ihm das Gegenteil mit den- 
selben Mitteln beweisen wollte, die Dupuis benutzt habe. Der junge Schwarmer 



ging darauf ein, und einige Tage spater las Peres ihm sein "Werkchen vor, durch 
das er das zehnbandige Werk Dupuis' vollkommen zu widerlegen suchte.* 
(S. 49/50). 

250 Arthur Drews, 1865-1935, «Die Christusmythe*, 1. u. 2.Teil, Jena 1909 u. 1911; 
2.Aufl. 1924. 



NAMENREGISTER 



(unter Ausschlufi von Jesus, Jesus von Nazareth, salomonischer Jesusknabe, Jesus Christus, Christus 

sowie den Evangelisten) 

(H = Hinweis) 



Abraham 16-18, 30, 32, 51, 67-75, 
77-79, 95-98, 109, 110, 114, 254 
Adam 107, 110, 112 
Alexander Jannai 89 
Ardschasb 30 

Boni 118 

Buddha, Gautama 88, 89, 92, 126-128, 
249, 255 

Chladni, Ernst F. F. 59 H 

Darius 28 
David 46, 65, 72 
Drews, A. 250 
Dschemshid 26, 27 

Elias 197, 209 
Enoch, s. Henoch 

Gamaliel II., dessen Schwester und 

dessen Vater 85 
Goethe 63, 170, 171, 233, 239 
Guschtasb 28, 30 

Henoch 112, 182 
Hermes 36-39, 41, 44, 46, 49, 53, 
64-66, 77, 81, 87, 114, 138 

Isaak 51, 74, 110 

Jakob 51, 74, 110 

Jakobs zwolf Sohne 81 

Jakobus, Jiinger 197 

Jensen, P. 237 H 

Jeremias, Prophet 209 

Jeshu ben Pandira 89-91, 94, 98, 99, 

114, 118, 119, 156, 196, 201, 204 
Johannes, Jiinger 197 
Johannes der Taufer 184, 197, 209 
Joseph 72 



Magier, die drei 17 
Maimonides 202 H 
Maria von Magdala 251 
Mathai 118, 119, 156 
Mauthner, Fritz 112 H 
Melchisedek 76-79 

Moses 38-41, 44-46, 49, 53, 64-66, 77, 
78, 87, 114, 138, 198, 238, 254 

Nakai 118 
Napoleon 249, 250 
Nazarathos, s. Zarathas 
Nezer 118, 119 
Nimrod 67, 68 
Noah 78, 112 

Paulus 200, 238, 251 
Peres, J. B. (ohne Namensnennung) 249 
Petrus 197, 209, 212-217, 246, 247 
Philo 87 H 

Pinches, T. G. 172, 173 
Pythagoras 62 

Rishis, die heiligen 76-78, 88 
Robertson, J. M. 172 H, 189 

Sabbatai Zewi 203 H 
Sem 78 
Seth 112 

Suddhodana 88, 90, 92, 93 

Thona 118 
Thot, s. Hermes 

Weizsacker, C. 123 H 

Zarathas 47, 48, 65, 114-116, 137 
Zarathustra 27, 28, 30, 32, 35-41, 45- 
49, 53, 62-66, 70, 72, 76-79, 82, 83, 
86, 87, 114-116, 120, 121, 124, 137- 
139, 195, 198, 232, 234, 235, 254, 255 



Lazarus 252 



UBER DIE VORTRAGSNACHSCHRIFTEN 



Aus Rudolf Steiners Autobiographie 
«Mein Lebensgang» (35.Kap., 1925) 

Es liegen nun aus meinem anthroposophischen Wirken zwei Ergebnisse 
vor; erstens meine vor aller Welt veroffentlichten Biicher, zweitens eine 
grofie Reihe von Kursen, die zunachst als Privatdruck gedacht und verkauf- 
lich nur an Mitglieder der Theosophischen (spater Anthroposophischen) 
Gesellschaft sein sollten. Es waren dies Nachschriften, die bei den Vortra- 
gen mehr oder weniger gut gemacht worden sind und die - wegen man- 
gelnder Zeit - nicht von mir korrigiert werden konnten. Mir ware es am 
liebsten gewesen, wenn miindlich gesprochenes Wort miindlich gesproche- 
nes Wort geblieben ware. Aber die Mitglieder wollten den Privatdruck der 
Kurse. Und so kam er zustande. Hatte ich Zeit gehabt, die Dinge zu korri- 
gieren, so hatte vom Anfange an die Einschrankung «Nur fiir Mitglieder» 
nicht zu bestehen gebraucht. Jetzt ist sie seit mehr als einem Jahre ja fallen 
gelassen. 

Hier in meinem «Lebensgang» ist notwendig, vor allem zu sagen, wie 
sich die beiden: meine veroffentlichten Biicher und diese Privatdrucke in 
das einfiigen, was ich als Anthroposophie ausarbeitete. 

Wer mein eigenes inneres Ringen und Arbeiten fiir das Hinstellen der 
Anthroposophie vor das Bewufltsein der gegenwartigen Zeit verfolgen will, 
der mufi das anhand der allgemein veroffentlichten Schriften tun. In ihnen 
setzte ich mich auch mit alle dem auseinander, was an Erkenntnisstreben 
in der Zeit vorhanden ist. Da ist gegeben, was sich mir in «geistigem 
Schauen* immer mehr gestaltete, was zum Gebaude der Anthroposophie - 
allerdings in vieler Hinsicht in unvollkommener Art - wurde. 

Neben diese Forderung, die ^Anthroposophie* aufzubauen und dabei 
nur dem zu dienen, was sich ergab, wenn man Mitteilungen aus der Geist- 
Welt der allgemeinen Bildungswelt von heute zu iibergeben hat, trat nun 
aber die andere, auch dem voll entgegenzukommen, was aus der Mitglied- 
schaft heraus als Seelenbediirfnis, als Geistessehnsucht sich offenbarte. 

Da war vor allem eine starke Neigung vorhanden, die Evangelien und 
den Schrift-Inhalt der Bibel iiberhaupt in dem Lichte dargestellt zu horen, 
das sich als das anthroposophische ergeben hatte. Man wollte in Kursen 
iiber diese der Menschheit gegebenen Offenbarungen horen. 

Indem interne Vortragskurse im Sinne dieser Forderung gehalten wur- 
den, kam dazu noch ein anderes. Bei diesen Vortragen waren nur Mitglie- 
der. Sie waren mit den Anfangs-Mitteilungen aus Anthroposophie bekannt. 
Man konnte zu ihnen eben so sprechen, wie zu Vorgeschrittenen auf dem 



Gebiete der Anthroposophie. Die Haltung dieser internen Vortrage war 
eine solche, wie sie eben in Schriften nicht sein konnte, die ganz fur die Of- 
fentlichkeit bestimmt waren. 

Ich durfte in internen Kreisen in einer Art iiber Dinge sprechen, die ich 
fur die offentliche Darstellung, wenn sie fur sie von Anfang an bestimmt 
gewesen waren, hatte anders gestalten mussen. 

So liegt in der Zweiheit, den offentlichen und den privaten Schriften, in 
der Tat etwas vor, das aus zwei verschiedenen Untergriinden stammt. Die 
ganz offentlichen Schriften sind das Ergebnis dessen, was in mir rang und 
arbeitete; in den Privatdrucken ringt und arbeitet die Gesellschaft mit. Ich 
hore auf die Schwingungen im Seelenleben der Mitgliedschaft, und in mei- 
nem lebendigen Drinnenleben in dem, was ich da hore, entsteht die Hal- 
tung der Vortrage. 

Es ist nirgends auch nur in geringstem Mafie etwas gesagt, was nicht 
reinstes Ergebnis der sich aufbauenden Anthroposophie ware. Von irgend 
einer Konzession an Vorurteile oder Vorempfindungen der Mitgliedschaft 
kann nicht die Rede sein. Wer diese Privatdrucke liest, kann sie im vollsten 
Sinne eben als das nehmen, was Anthroposophie zu sagen hat. Deshalb 
konnte ja auch ohne Bedenken, als die Anklagen nach dieser Richtung zu 
drangend wurden, von der Einrichtung abgegangen werden, diese Drucke 
nur im Kreise der Mitgliedschaft zu verbreiten. Es wird eben nur hinge- 
nommen werden mussen, daft in den von mir nicht nachgesehenen Vorla- 
gen sich Fehlerhaftes findet. 

Ein Urteil uber den Inhalt eines solchen Privatdruckes wird ja allerdings 
nur demjenigen zugestanden werden konnen, der kennt, was als Urteils- 
Voraussetzung angenommen wird. Und das ist fur die allermeisten dieser 
Drucke mindestens die anthroposophische Erkenntnis des Menschen, des 
Kosmos, insofern sein Wesen in der Anthroposophie dargestellt wird, und 
dessen, was als «anthroposophische Geschichte» in den Mitteilungen aus 
der Geist-Welt sich findet.